mini|285px|Zoophilie, Reliefdarstellung am Lakshmana-Tempel im Tempelbezirk von Khajuraho (Indien)
Zoophilie (von und -philie) bezeichnet das sexuelle oder romantische Hingezogensein zu Tieren. Zoophilie kann sexuelle Handlungen beinhalten, aber auch Vorlieben, die nur sekundär, manchmal gar unbewusst, der sexuellen Befriedigung des Menschen dienen. Der Begriff wurde erstmals 1896 von dem Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk Psychopathia sexualis benutzt. Seit der überarbeiteten Version des DSM-III (1987) wird Zoophilie unter den nicht näher bezeichneten Paraphilien (sexuelle Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm) aufgeführt. Zoophilie ist nach ICD-10 (F65.8) eine gestörte Sexualpräferenz. Neuere Studien zeichnen jedoch inzwischen ein differenzierteres Bild (siehe Abschnitt Debatte).Manuel Leidinger: Le Journal International, 1. Juni 2013.
Der vordergründig ähnliche Begriff Theriophilie ( kann gleichfalls „Tier“ bedeuten) steht für Tiere idealisierende Weltanschauungen.
Begriffe Die Begriffe im Wortfeld „Zoophilie“ waren und sind nicht allgemeingültig definiert. Ein Erklärungsversuch der Begriffe und ihrer Entwicklung findet sich bei Rosenbauer.Frank Rosenbauer: Sexueller Kontakt mit Tieren. Seminararbeit, Universität Siegen. Die gängigste und von Miletski und Beetz genutzte Definition lautet: „Zoophilie beschreibt eine emotionale Bindung zu einem Tier, die zu einer Bevorzugung des Tieres als Lebensgefährte und/oder Sexualpartner führt.“ Es existieren auch spezifischere Begriffe wie „Kynophilie“ als Bezeichnung für menschlich gesteuerte sexuelle Handlungen zwischen Hund und Mensch beziehungsweise die entsprechende Neigung. Im Sprachgebrauch und in der Diskussion werden Begriffe wie „Zoophilie“, „Bestiality“, „Zoosexualität“, „Zooerastie“ und das veraltete und besonders unscharfe „Sodomie“ auch ohne vorherige Klärung des Begriffsinhalts benutzt.
Drei Schlüsselbegriffe, die gewöhnlich für das Thema benutzt werden, sind „Zoophilie“, „Bestiality“ und „Zoosexualität“. Personen, die Zoophilie praktizieren, werden als „Zoophile“, „Zoosexuelle“ oder einfach als „Zoos“ bezeichnet.Zoophilia. In: Encyclopaedia Britannica, 2009. Zooerastie oder Sodomie sind seltener verwendete Begriffe. „Bestiosexualität“ wurde kurz diskutiert, hat sich aber nie etabliert.
Zoophilie Der Begriff „Zoophilie“ ist im Grunde genommen ein Euphemismus, da es sich bei Philia () im Gegensatz zu Eros (gr.: ἔρως) nicht um sexuelles Verlangen, sondern um freundschaftliche Liebe handelt. Er wurde in das Feld der Sexualitätsforschung in Psychopathia sexualis (1886) von Krafft-Ebing eingeführt, der eine Anzahl seiner Fälle als „Missbrauch von Tieren (Bestialität)“ bezeichnete,Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis, S. 561. und als „Zoophilia erotica“,Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia Sexualis, S. 281. welche er als sexuelle Affinität für tierisches Fell oder Haut definierte. Im üblichen heutigen Gebrauch bezieht sich der Begriff „Zoophilie“ auf sexuelle Aktivität zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren, auf das Verlangen nach solcher Aktivität oder auf die spezifische Paraphilie (Paraphilie, sprich, die atypische Erregung), welche Menschen gegenüber eine eindeutige Präferenz von nicht-menschlichen, tierischen Sexualpartnern anzeigt. Zoophile betonen die soziale Komponente dieser Bindung. Obwohl Krafft-Ebing auch den Begriff „Zooerastie“ für die exklusiv auf nicht-menschliche Wesen gerichtete Affinität geprägt hat,D. Richard Laws, William T. O’Donohue: Books.Google.co.uk Sexual Deviance. Guilford Press, 2008, ISBN 978-1-59385-605-2, S. 391. wird der Begriff gewöhnlich nicht mehr verwendet.
Zoosexualität mini|Farbholzschnitt von Katsushika Hokusai, Buchillustration, bekannt unter dem Titel Der Traum der Fischersfrau, um 1815
Der Begriff „zoosexuell“ wurde von Hani Miletski im Jahr 2002 als wertneutraler Begriff vorgeschlagen. Die Benutzung von „Zoosexueller“ als Substantiv (in Bezug auf eine Person) ist gleichbedeutend mit zoophil, während der Begriff als Adjektiv, z. B. innerhalb des Ausdrucks „zoosexueller Akt“, eine sexuelle Aktivität zwischen einem Mensch und einem nicht-menschlichen Wesen, einem Tier bezeichnen kann. Das abgeleitete Substantiv „Zoosexualität“ wird manchmal von sich selbst so bezeichnenden Zoophilen sowohl in Unterstützungsgruppen als auch in internetbasierten Diskussionsforen dazu benutzt, sich einer sexuellen Orientierung zuzuordnen, die sich durch romantische oder emotionale Involvierung oder sexuelle Affinität für Tiere auszeichnet.
Bestiality Der englische juristische Begriff „Bestiality“ hat zwei Aussprachen: [] oder [], das Letztere herrscht in den USA vor. Im Deutschen gibt es kein Wort mit gleicher Bedeutung, sodass meist das englische Wort übernommen wird. Einige Zoophile und Forscher unterscheiden zwischen „Zoophilie“ und „Bestiality“. Sie benutzen das erste, um das Verlangen nach einer sexuellen Partnerschaft mit einem Tier zu beschreiben, und das zweite, um den sexuellen Akt an sich zu beschreiben. Masters benutzte 1962 den Begriff „Bestialists“ speziell in seiner Diskussion zu Zoosadismus, welcher sich von der Befriedigung (nicht notwendigerweise sexueller Befriedigung) durch das Quälen von Tieren herleitet.
Stephanie LaFarge, eine Assistenzprofessorin der Psychiatrie an der New Jersey Medical School und Beratungsleiterin bei der ASPCA, schreibt, dass diese beiden Gruppen unterschieden werden können: „Bestialists“, welche Tiere misshandeln oder vergewaltigen, und Zoophile, welche eine emotionale und sexuelle Bindung mit einem Tier eingehen. Colin J. Williams und Martin S. Weinberg studierten sich selbst als solche bezeichnende Zoophile über das Internet und beschrieben ihr Verständnis des Begriffs „Zoophilie“ als Miteinbeziehung des tierischen Wohlergehens, der Freude und der Einvernehmlichkeit, im Gegensatz zu dem von dieser Gruppe benutzten Begriff „Bestialists“ für Personen, welche nur auf ihre eigene Befriedigung fokussiert sind. Williams and Weinberg zitierten auch eine britische Zeitung, die sagt, dass „Zoophilie“ ein Begriff ist, der von Apologeten für „Bestiality“ verwendet wird.
Zoosadismus Ernst Bornemann (1990, zitiert von Rosenbauer, 1997) prägte den speziellen Begriff „Zoosadismus“ für Personen, die Befriedigung – sexuell oder anderweitig – durch das Quälen von Tieren erlangen. Zoosadismus ist ein Element der Macdonald-Triade von Vorläufern des soziopathischen Verhaltens.
Zum Zoosadismus werden auch Paraphilien wie der sogenannte Crush fetish gezählt, bei dem sexuelle Erregung durch die Betrachtung von kleinen Tieren, die zerquetscht werden, erlangt wird. Es gibt in diesem Zusammenhang zahlreiche Animal Snuff-Videos, mit denen illegaler Handel betrieben wird. In Deutschland wurden in diesem Zusammenhang bereits Verurteilungen ausgesprochen und Geldstrafen verhängt.Tödlicher Fetisch: Frau wegen "Animal Crushing" verurteilt Die Süddeutsche, aufgerufen am 14. Juli 2022.
Auftretenshäufigkeit Der Kinsey-Report stellte fest, dass 8 % der Männer und 3,6 % der befragten Frauen schon einmal sexuelle Interaktionen mit Tieren hatten. Bei Personen, die auf Farmen wohnten, stieg der Prozentsatz auf 40–50 %, was einige spätere Autoren bezweifeln, weil die Auswahl der Befragten nicht repräsentativ gewesen sei. Es seien überproportional viele Strafgefangene (Stichprobenverzerrung) enthalten gewesen. Martin Duberman, Kinseys Nachfolger, entfernte die Gefangenen aus den Ergebnissen und fand, dass sich dadurch keine signifikante Änderung ergab.Richard Duberman: The Nation, 3. November 1997, S. 40–43. Review of Alfred C. Kinsey: A Public/Private Life. By James H. Jones.
1974 war die Anzahl der Farmbewohner im Vergleich zu 1940 um 80 % zurückgegangen, was die Möglichkeit, mit Tieren zusammenzuleben, reduzierte; Hunts Studie von 1974 legt nahe, dass diese demographische Änderung zu einer signifikanten Änderung der angegebenen Vorkommnisse von sexuellen Kontakten zwischen Menschen und Tieren geführt hat. Der Prozentsatz der Männer, die sexuelle Interaktion mit Tieren angaben, lag 1974 bei 4,9 % (1948: 8,3 %) und bei Frauen 1,9 % (1953: 3,6 %). Miletski glaubt, dass dies nicht an einem verminderten Interesse, sondern an der verminderten Gelegenheit liegt.Hunt 1974, cited and re-examined by Miletski (1999)
Nancy Fridays Buch My Secret Garden von 1973 beschreibt ungefähr 190 Fantasien von verschiedenen Frauen; von diesen beinhalten 23 zoosexuelle Handlungen.
In einer Studie wurde herausgefunden, dass Psychiatriepatienten eine statistisch höhere Prävalenz (55 Prozent) von berichteter Zoosexualität haben (45 % tatsächliche sexuelle Kontakte, 30 % sexuelle Fantasie) als die Kontrollgruppe (10 Prozent) und das psychiatrische Personal (15 %). Crépault and Couture (1980) gaben an, dass 5,3 Prozent der Männer, die sie interviewten, von sexueller Aktivität mit einem Tier während heterosexuellem Verkehr fantasiert hatten. Eine Studie von 1982 legte nahe, dass 7,5 % von 186 Universitätsstudenten sexuell mit einem Tier interagiert haben.
Sexuelle Fantasien von zoosexuellen Handlungen können auch bei Leuten auftreten, die keinen Wunsch haben, sie im wirklichen Leben zu erfahren. Nancy Friday merkt an, dass Zoophilie als Fantasie eventuell eine Flucht vor kulturellen Erwartungen, Beschränkungen und Verurteilungen in Bezug auf Sex darstellt. Ein häufiges Interesse und sexuelle Erregung beim Betrachten von Tieren bei der Paarung zitiert Massen als einen Indikator für latente Zoophilie (1994). Masters (1962) sagt, dass einige Bordellbetreiberinnen Tiere bei der Paarung ausgestellt haben, um potentielle Kunden anzuregen; und dies habe die Kunden dazu ermutigt, sexuell mit Tieren aktiv zu werden.R. E. L. Masters: Forbidden Sexual behavior and Morality. New York, NY 1962, Lancer Books, Inc. (Section „Psychical bestiality“).
Zahlreiche Studien haben herausgefunden, dass Frauen stärkere vaginale Reaktionen bei Filmen von Bonobo-Kopulationen als bei Filmen ohne sexuelle Stimuli zeigen.
Zoophile wurden beschrieben als ein Phänomen, das in vielen unterschiedlichen Gruppen auftritt: „Bei Weißen, Schwarzen, Asiaten, Mormonen, Amish, Katholiken, Atheisten, Paganen, Juden, Männern und Frauen.“ Zusätzlich wurde herausgefunden, dass Leute, die „in einer Gegend mit Tieren aufwachsen, nicht häufiger zoophil werden als Leute, die in der Stadt ohne sie aufwachsen“.
Sichtweisen auf die Zoophilie mini|260px|Kunst von Franz von Bayros
Psychologische, Psychiatrische und Forschungsaspekte Zoophilie wird innerhalb zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen behandelt: Psychologie (die Lehre vom menschlichen Verstand oder empirische Wissenschaft vom Erleben und Verhalten), Sexologie (eine relativ neue Disziplin, die sich vorrangig mit menschlicher Sexualität beschäftigt), Ethologie (die Lehre von tierischem Verhalten) und Anthrozoologie (die Lehre von Interaktionen und Bindungen zwischen Mensch und Tier).
Die Natur des tierischen Bewusstseins, tierische Denkvorgänge und Strukturen, tierische Selbstwahrnehmung, Wahrnehmung, Emotionen bei Tieren und ihr „Bild der Welt“ werden im Rahmen der tierischen Cognition und in verschiedenen Spezialgebieten der Neurowissenschaft erforscht, wie der Neuroethologie.
Zoophilie wird in der Klassifikation DSM-III and IV unter „nicht weiter spezifizierte Paraphilien“ geführt. Die Weltgesundheitsorganisation vertritt den gleichen Standpunkt und listet die sexuelle Präferenz für Tiere in ihrem ICD-10 als „sonstige Störungen der Sexualpräferenz“. Das DSM-IV (TR) (das Diagnostisch-Statistische Handbuch der American Psychiatric Association) beschreibt den Klienten mit Zoophilie als nicht behandlungsbedürftig, wie es auch bei den meisten anderen Paraphilien der Fall ist, sofern die Paraphilie kein Leid verursacht oder das normale Leben des Klienten beeinträchtigt.H. Miletski: H. Zoophilia – Implications for Therapy. JSET, 26, S. 85–86.