Während der Internierung in der Schweiz im Zweiten Weltkrieg nahm die Schweiz ab Juni 1940 ausländische Militärpersonen als Internierte auf und brachte sie in rund 600 Lagern in verschiedenen Landesteilen unter. Insgesamt nahm die Schweiz zwischen 1940 und 1945 rund 104'000 Militärangehörige aller Kriegsparteien auf. Dabei wurden auch Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und geflohene Kriegsgefangene als Internierte aufgenommen. Einzig Angehörige der SS und einiger anderer deutscher Militärverbände wurden abgewiesen. Teilweise wurden auch Zivilflüchtlinge interniert. Die Internierung dauerte v. a. bei den Polen bis ins Jahr 1946.PTT, P-00 Post-217 A 0068 7, Tagebücher der Feldpostdirektion (Internierung), 3.2.1946–23.6.1946 (Bd. 7/7)

Vorgeschichte Die Internierung von Militärpersonen ist seit 1907 in den Haager Abkommen geregelt. Demnach sind «nicht Krieg führende Länder» berechtigt, ausländische Militär- und Zivilpersonen in Lagern o. ä. Orten, die von der Armee verwaltet werden, mit Aufenthaltsverboten ausserhalb eines bestimmten Bereichs zu belegen und – mit Ausnahme der Offiziere – zur Arbeit zu verpflichten. Damit geht eine Entwaffnung der ausländischen Einheiten und i. d. R. die Gewährung von Asyl einher. Die Internierung dauert meist bis zum Ende des Konflikts.

Erstmals internierte die Schweiz 1870/71 während des Deutsch-Französischen Krieges die französische Ostarmee (sog. «Bourbaki-Armee»). Die Aufnahme von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg stellte hingegen keine Internierung dar.

Internierung im Zweiten Weltkrieg

Ereignisse mini|Film des Armeefilmdienstes über die Internierung bei Goumois In einer ersten Zeit des Zweiten Weltkrieges stellte sich die Frage einer möglichen Internierung von ausländischen Militärpersonen in der Schweiz für Verwaltung und Armee nicht. So waren 1939 nur gerade drei deutsche Fallschirmspringer im Berner Oberland interniert.PTT, Post-217 A 0346 1, Berichte des Feldpostdirektors über den Aktivdienst 1939–1945, Bericht 2. Halbjahr 1939, S. 29. Teile der Schweizer Armee standen der Internierung fremder Militärpersonen zudem lange äusserst skeptisch gegenüber. Noch im Juni 1940 äusserte sich General Guisan negativ über eine allfällige Internierung. Unter anderem deshalb, weil er eine Verschlechterung der Beziehungen zu Deutschland und damit der schweizerischen Position befürchtete.

Nach dem Fall von Paris drängten deutsche Panzerverbände das 45. französische Armeekorps in den Jura ab. Deren General Marius Daille ersuchte, um deutscher Kriegsgefangenschaft zu entgehen, den schweizerischen Bundesrat um Asyl, was dieser am 20. Juni 1940 gewährte. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni erfolgte der Übertritt über den Doubs von 12'000 Franzosen und 16'000 Polen (darunter 12'500 Polen der 2. Schützendivision), 7'800 Pferde und 1'600 Motorfahrzeuge samt Material und Munition bei den Grenzübergängen in der Nähe von Goumois (heute Gemeinde Saignelégier). Mit den bereits vorher internierten 12'000 wuchs die Zahl auf 40'000 und mit den Übertritten der folgenden Tage auf insgesamt 43'000 Soldaten, die von der Schweizer Armee entwaffnet und interniert wurde.Kurt Messmer: Sempach 1940 – Souvenir des internés français Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 8. Juli 2020 Die polnischen Soldaten wurden in der ganzen Schweiz besonders im Strassenbau eingesetzt. Diese Strassen wurden von der Bevölkerung Polenwege genannt.

Die Franzosen wurden nach dem Waffenstillstand Deutschlands mit Frankreich ab Februar 1941 nach Frankreich repatriiert. Die rund 15'000 Polen, die in der Schweiz verblieben, waren die einzige Interniertengruppe, die bis Kriegsende und darüber hinaus ständig in der Schweiz interniert blieb.

Erst nach dem Zusammenbruch des Faschismus in Italien wurden ab Herbst 1943 wieder in grösserer Zahl Angehörige fremder militärischer Verbände, zunächst Italiener, ab Sommer 1944 auch Verbände der deutschen Wehrmacht, interniert. Hinzu kamen vereinzelte Gruppen, wie beispielsweise notgelandete US-amerikanische Militärpiloten. Im September 1944 befand sich mit rund 44'000 Internierten die Höchstzahl der gleichzeitig anwesenden Internierten in der Schweiz. Aus der italienischen Partisanenrepublik Ossola flohen 1944 schätzungsweise 3'000 Partisanen in die Schweiz und wurden interniert.Raphael Rues: Die Partisanen des Ossola in Schweizer Internierungslagern Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 17. Oktober 2024 In den letzten Kriegsmonaten kamen infolge der allgemeinen Migrationswelle in Europa immer wieder neue Internierte in die Schweiz. Zudem gelang es im Frühling 1945 sowjetischen Kriegsgefangenen, aus Deutschland zu flüchten.Fotoreportage zu russischen Internierten, in: Schweizer Illustrierte Zeitung, 14. März 1945, S. 6–7

Insgesamt waren 1940–1946 über 100'000 fremde Militärpersonen aus 38 Ländern in der Schweiz interniert. Hinzu kamen spezielle Kategorien von Zivilflüchtlingen, die, wie die sogenannten «politischen Flüchtlinge», teilweise ebenfalls interniert wurden. Allerdings standen die Zivilinternierten nicht unter der Oberaufsicht der Armee, sondern ziviler Behörden. Ein weiterer Sonderfall war die Internierung deutscher Bodenseeschiffe in der Schweiz 1945. Im Ganzen befand sich in ungefähr jeder sechsten Ortschaft der Schweiz ein Internierungslager.

Nach Kriegsende forcierten die Schweizer Behörden die rasche Heimkehr der Internierten, teilweise gegen deren Willen. Allerdings verblieben noch bis im Sommer 1946 Internierte in der Schweiz.

System der Interniertenlager mini|Beispiel eines grossen Internierungslagers: Baracken im Interniertenstraflager Wauwilermoos Die Internierung des 45. französischen Armeekorps traf die Schweizer Armee und Bundesverwaltung unvorbereitet. Es stand keine geeignete Lagerstruktur zur Verfügung. Dementsprechend improvisiert war die Organisation zur Unterbringung der Internierten zunächst, was zur Folge hatte, dass die Armee einige Zeit brauchte, bis die Kontrolle über den Standort der Internierten hergestellt war. Schliesslich wurden die Internierten des 45. französischen Armeekorps anfangs in Sammellagern nahe der Grenze zusammengefasst und später in Lager im Mittelland gebracht.

Im Juni 1940 wurde mit dem Eidgenössischen Kommissariat für Internierung und Hospitalisierung (EKIH) eine Verwaltungsorganisation geschaffen, die sich um die Organisation der Interniertenlager kümmerte. Zunächst verfolgte das EKIH aus Kosten- und Bewachungsgründen die Strategie, möglichst grosse Interniertenlager zentral an möglichst wenigen Orten zu errichten. So entstand beispielsweise das Internierungslager Büren an der Aare. Diese Strategie offenbarte aber rasch Mängel, weshalb man ab 1941 begann, rund 600 kleinere Lager zu errichten.

Im Laufe des Krieges wurde so ein dezentrales System entwickelt, das aus Auffang-, Quarantäne, Stamm- und Arbeitslagern in verschiedenen, ständig wechselnden Regionen bestand. Zunächst kamen die Internierten an der Grenze in Auffang-, danach in Quarantänelager. Schliesslich wurden sie in die eigentlichen Interniertenlager gebracht. Stammlager wurden dabei über eine längere Zeit ständig betrieben und bildeten die Basis für Arbeitslager, wohin Internierte aus den Stammlagern geschickt wurden, um vor Ort einer bestimmten Arbeit nachzugehen. Daneben bestand die Möglichkeit, einzelne Internierte ausserhalb der Lager – beispielsweise in der Landwirtschaft – in einen Arbeitseinsatz zu schicken. Das Lagersystem zeichnete sich somit gegen Kriegsende durch einen stärkeren Dezentralisierungsgrad aus. Die verschiedenen Lager waren regionalen Abschnitten zugeordnet, die im Krieg mehrfach reorganisiert wurden. Bereits in den Abschnittskommandos wurden internierte polnische Verbindungsoffiziere eingesetzt. In der Regel war eine Mannschaft in Kompaniestärke pro Internierungsabschnitt zur Bewachung aller Internierungslager des Abschnittes eingeteilt. Dem einzelnen Lagerkommandanten standen neben den zur Bewachung abkommandierten Soldaten einige wenige weitere Ordonnanzen und polnische Offiziere, die die Verbindungen zu den internierten Soldaten verbessern sollten, zur Verfügung. Dabei kam es stets zu Personalengpässen, wobei besonders die Suche nach geeigneten Lagerkommandanten oft erfolglos blieb, was teilweise dazu führte, dass Unteroffiziere oder gar Soldaten ein Interniertenlager leiteten.

Das Leben der Internierten in der Schweiz

Alltag mini|Internierte beim Roden von Baumwurzeln während eines Arbeitseinsatzes Der Alltag der Internierten war vor allem durch die Organisation der Lager und später auch durch den Arbeitseinsatz geprägt. Die Organisation der Lager war geprägt durch Verbote und Weisungen, die durch die Bewachungsmannschaften mehr oder weniger strikt durchgesetzt wurden. Die häufigen Wechsel der Bewachungsmannschaften erschwerten oftmals eine reibungslose Organisation des Lageralltages. Teilweise kam es auch zu Konflikten zwischen Internierten und Schweizer Lagermannschaft. Als Beispiel ist der Aufstand im Interniertenlager Büren an der Aare gegen die rigorose Durchsetzung der militärischen Lagerordnung zu erwähnen. Es ist zudem zu erwähnen, dass es auch innerhalb der Internierten selber zu Spannungen kam.

Zuwiderhandlungen gegen die Anordnungen der Lagerkommandanten oder der Behörden wurden bestraft. Hauptgründe für Bestrafungen waren nicht nur verbotene Kontakte zur Zivilbevölkerung, sondern auch übermässiger Alkoholkonsum und vor allem der Tatbestand der Flucht. In der Regel wurden die betreffenden Internierten mit Arrest bestraft. Für «schwere Fälle», zum Beispiel bei der Flucht, wurden zudem eigene Interniertenstraflager, wie beispielsweise im WauwilermoosStraflager des Grauens In: Neue Zürcher Zeitung vom 2. November 2015, eingerichtet. Allein im August 1940 versuchten fast 400 internierte Polen zu fliehen. Die Fluchtversuche wurden teilweise durch die Zivilbevölkerung gedeckt.

Die ursprüngliche Lagerkonzeption des EKIH sah keine Beschäftigungsmöglichkeiten für die Internierten vor, weshalb das Lagerleben für die Internierten zu Beginn äusserst monoton war. Zudem waren eventuelle Arbeitseinsätze nicht geplant worden und waren deshalb höchstens auf freiwilliger Basis und zeitlich eingeschränkt möglich. Daneben wurden in den Lagern als Beschäftigungsmöglichkeit Bastelarbeiten gefertigt. Zwar wurden ab Juli 1940 erste Kulturabende durchgeführt, allerdings blieben auch die kulturellen Beschäftigungsmöglichkeiten für die Internierten zunächst spärlich. Von Beginn weg beauftragte des EKIH den Christlichen Verein Junger Männer (CVJM) mit der Durchführung der Freizeitbeschäftigungen. Mit der Zeit wurde das Angebot vielfältiger und es konnten Theaterabende mit Internierten als Hauptdarsteller, Liederabende, Schachkurse und vieles mehr durchgeführt werden.