Der Waschbär (Procyon lotor), auch als Nordamerikanischer Waschbär, einst auch als Schupp bezeichnet, ist ein in Nordamerika heimisches, mittelgroßes Säugetier. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist er als Neozoon auch auf dem europäischen Festland, im Kaukasus und in Japan vertreten, nachdem er dort aus Gehegen entkommen ist oder ausgesetzt wurde. Waschbären sind überwiegend nachtaktive Raubtiere und leben bevorzugt in gewässerreichen Laub- und Mischwäldern. Aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit leben sie zunehmend auch in Bergwäldern, Salzwiesen und urbanen Gebieten.
Taxonomie Namensgebung Neben dem Deutschen verwenden auch viele andere Sprachen zur Bezeichnung des Waschbären ein Wort, das sich aus einem Begriff für das typische „Waschen“ der Nahrung in Gefangenschaftshaltung und dem jeweiligen Wort für Bär zusammensetzt. Beispiele dafür sind wasbeer (niederländisch), vaskebjørn (dänisch), tvättbjörn (schwedisch), orsetto lavatore (italienisch), mýval (tschechisch und slowakisch), medviedik čistotný (slowakisch) und araiguma (洗熊, japanisch). Die englische Bezeichnung raccoon (gelegentlich auch racoon oder umgangssprachlich abgekürzt zu coon) geht dagegen auf ein Wort in der Sprache der Algonkin zurück, das von Häuptling Powhatan und seiner Tochter Pocahontas ahrah-koon-em – andere Schreibweisen existieren – ausgesprochen wurde und so viel wie „der mit seinen Händen reibt, schrubbt und kratzt“ bedeutet. Und das von spanischen Kolonialisten eingeführte spanische Wort mapache stammt vom aztekischen Wort mapachtli ab, was mit „der alles in seine Hände nimmt“ übersetzt werden kann.
In älteren deutschen Werken wie Brehms Tierleben findet sich neben Waschbär die veraltete Bezeichnung Schupp.Alfred Brehm: Schupp (Procyon Lotor) in: Brehms Thierleben. Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage, kolorirte Ausgabe. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883–1887. Laut dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm stammt sie von dem russischen Wort šúba für „Pelz“ ab.Grimms Wörterbuch verzeichnet zwar nicht das Wort Schupp, aber Schuppenpelz mit der Bedeutung „Pelz von Waschbärenfellen“ und gibt dort die Herkunft von Schuppen aus dem Russischen an.
In den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung des Waschbären durch die Mitglieder der Expedition von Christoph Kolumbus, der als erster Mensch eine schriftliche Aufzeichnung über die Tierart verfasste, unterstellten Taxonomen eine Verwandtschaft zu vielen anderen Tierarten, unter anderem den Hunden, Katzen, Dachsen und vor allem den Bären. Carl von Linné, der Vater der modernen Taxonomie, ordnete den Waschbären ebenfalls der Gattung Ursus zu, zuerst als Ursus cauda elongata („langschwanziger Bär“) in der zweiten Ausgabe seines Werkes Systema Naturæ und schließlich als Ursus lotor („Waschbär“) in der zehnten Ausgabe. 1780 ordnete der deutsche Naturforscher Gottlieb Conrad Christian Storr den Waschbären einer eigenen Gattung mit dem Namen Procyon zu, was übersetzt sowohl „vor dem Hund“ als auch „hundähnlich“ bedeuten kann. Storr könnte aufgrund des nachtaktiven Lebensstils des Waschbären aber auch den Stern Prokyon als Namensgeber der Gattung ausgewählt haben.Hohmann, Bartussek, Böer: Der Waschbär. 2001, S. 44.Holmgren: Raccoons in Folklore. 1990, S. 47–69.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 4–6.
Evolution Aufgrund von Fossilienfunden in Frankreich und Deutschland wird davon ausgegangen, dass die ersten Vertreter der Familie der Kleinbären vor rund 25 Millionen Jahren im späten Oligozän in Europa lebten. Sich ähnelnde Zahn- und Schädelstrukturen deuteten darauf hin, dass Kleinbären und Marder einen gemeinsamen Vorfahren besitzen, aber molekulare Analysen sprechen für eine nähere Verwandtschaft zu den Bären. Nach der Überquerung der Beringstraße mindestens sechs Millionen Jahre später lag das Zentrum des Verbreitungsgebiets der damals vorkommenden Arten vermutlich in Zentralamerika. Nasenbären (Nasua und Nasuella) und Waschbären (Procyon) gingen möglicherweise vor 5,2 bis 6,0 Millionen Jahren aus einer Art der Gattung Paranasua hervor. Dieser auf morphologischen Fossilienvergleichen basierenden Annahme steht eine 2006 durchgeführte genetische Analyse entgegen, nach der Waschbären näher mit den Katzenfretten verwandt sind. Im Gegensatz zu den anderen Kleinbären, wie dem Krabbenwaschbären (Procyon cancrivorus), verließen die Vorfahren des Waschbären tropische und subtropische Gebiete und zogen vor etwa 2,5 Millionen Jahren weiter nach Norden, was durch Fossilien, die aus dem mittleren Pliozän stammen und in den Great Plains gefunden wurden, gezeigt wurde.Hohmann, Bartussek, Böer: Der Waschbär. 2001, S. 46.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 16–20, 23–24, 26.
Unterarten Fünf ausschließlich auf kleinen zentralamerikanischen und karibischen Inseln vorkommende Waschbärarten (sogenannte Endemiten) wurden nach ihrer Entdeckung zumeist als eigenständige Arten angesehen. Dabei handelt es sich um den Bahamas-Waschbären und den Guadeloupe-Waschbären, die einander sehr ähnlich sind, den Tres-Marias-Waschbären, der überdurchschnittlich groß ist und sich durch einen auffällig quadratischen Schädel auszeichnet, den Cozumel-Waschbären, der nur drei bis vier Kilogramm wiegt und besonders kleine Zähne aufweist, und den ausgestorbenen Barbados-Waschbären. In den Jahren 1999, 2003 und 2005 durchgeführte morphologische und genetische Studien führten jedoch dazu, dass alle diese Inselwaschbären, mit Ausnahme des Cozumel-Waschbären (Procyon pygmaeus), in der dritten Ausgabe des zoologischen Standardwerks Mammal Species of the World (2005) als Unterarten des (nordamerikanischen) Waschbären aufgelistet wurden.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 42–46.
Die vier kleinsten Unterarten, darunter Procyon lotor marinus, mit einem jeweils durchschnittlichen Gewicht von 1,8 bis 2,7 Kilogramm, leben entlang der Südküste Floridas und auf den angrenzenden Inseln. Die meisten der anderen 15 Unterarten unterscheiden sich bezüglich Fellfarbe, Größe oder anderen physischen Merkmalen nur geringfügig voneinander. Die zwei am weitesten verbreiteten Unterarten sind Procyon lotor lotor und Procyon lotor hirtus. Wie der größere Procyon lotor hirtus weist auch Procyon lotor lotor ein vergleichsweise dunkles, langhaariges Fell auf. Procyon lotor lotor kommt in allen US-Bundesstaaten und kanadischen Provinzen nördlich von South Carolina und Tennessee vor. Das angrenzende Verbreitungsgebiet von Procyon lotor hirtus umfasst alle US-Bundesstaaten und kanadische Provinzen nördlich von Louisiana, Texas und New Mexico.MacClintock: A Natural History of Raccoons. 1981, S. 9.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 59, 79–89.
Merkmale mini|Porträt mini|Unterseite der Vorderpfote mini|Fährte
Typisch für den Waschbären sind das ausgeprägte haptische Wahrnehmungsvermögen der Vorderpfoten und die schwarze Gesichtsmaske, die sich scharf vom umgebenden weißen Fell absetzt, sie ähnelt der des Marderhundes. Auch die leicht abgerundeten Ohren werden von weißem Fell umrandet. Es wird angenommen, dass Waschbären den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung gegenüberstehender Artgenossen aufgrund der markanten Gesichtszeichnung in Zusammenspiel mit dem hell-dunkel gestreiften Schwanz schneller erfassen können. Die dunkle Maske könnte auch Blendeffekte reduzieren und dadurch die Nachtsicht verbessern. Am restlichen Körper ist das lange und wasserabweisende Oberfell in verschiedenen Grau- und, in geringerem Umfang, Brauntönen gefärbt. Waschbären mit sehr dunkel gefärbtem Fell sind vor allem in der deutschen Population vertreten, da sich in der Gründerpopulation einzelne Tiere mit derartiger Fellzeichnung befanden.Frank-Uwe Michler, Berit Annika Köhnemann: In: projekt-waschbaer.de, Mai 2008. Das dichte Unterfell, das fast 90 Prozent der Gesamtzahl an Haaren ausmacht, besteht aus 2,0 bis 3,0 Zentimeter langen Haaren.Bartussek: Die Waschbären kommen. 2004, S. 6.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 60–61, 63.Hohmann, Bartussek, Böer: Der Waschbär. 2001, S. 65–66.MacClintock: A Natural History of Raccoons. 1981, S. 5–6.
Hervorzuheben ist das gute Gedächtnis der Tiere, die sich in Versuchen auch noch nach drei Jahren an die Lösung einer früher gestellten Aufgabe erinnern konnten. Waschbären sind Allesfresser und ernähren sich zu ungefähr 40 Prozent von Wirbellosen, zu 33 Prozent von pflanzlicher Kost und zu 27 Prozent von Wirbeltieren. In Gefangenschaft gehaltene Waschbären tauchen ihre Nahrung oft unter Wasser, was als „Waschen“ gedeutet wurde, sehr wahrscheinlich aber eine Leerlaufhandlung zur Imitation der Nahrungssuche an Fluss- oder Seeufern ist, wo der Waschbär, unter Steinen und anderen Verstecken tastend, nach Krebsen oder anderer Nahrung sucht.
Während der Waschbär früher als Einzelgänger angesehen wurde, gibt es heute Belege dafür, dass er ein geschlechtsspezifisches Sozialverhalten zeigt. Miteinander verwandte Fähen (Weibchen) teilen sich oft ein gemeinsames Gebiet; nicht verwandte Rüden (Männchen) dagegen leben in lockeren, aus bis zu vier Tieren bestehenden Kleingruppen zusammen. Dadurch sind sie während der Paarungszeit in der Lage, sich besser gegen fremde Rüden und überhaupt gegen potenzielle Angreifer zu behaupten. Die Größe der Streifgebiete variiert zwischen 0,03 Quadratkilometer für Weibchen in Städten und 49,5 Quadratkilometer für Männchen in der Prärie. Nach einer Tragzeit von etwa 65 Tagen bringt das Weibchen im Frühling in Abhängigkeit von der örtlichen Situation zwei bis fünf Junge zur Welt. Die Welpen werden anschließend von ihrer Mutter bis zur allmählichen Trennung im Herbst alleine aufgezogen. Obwohl in Gefangenschaft gehaltene Waschbären über 20 Jahre alt werden können, liegt ihre Lebenserwartung in freier Natur nur zwischen 1,8 und 3,1 Jahren. Jagd und Verkehrsunfälle sind in vielen Gebieten die beiden häufigsten Todesursachen.
Mit einer Körperlänge zwischen 41 und 71 Zentimetern, ohne Einberechnung des zwischen 19,2 und 40,5 Zentimeter langen buschigen Schwanzes, der normalerweise aber nicht deutlich länger als 25 Zentimeter ist, und einem Gewicht zwischen 3,6 und 9,0 Kilogramm ist der Waschbär der größte Vertreter der Familie der Kleinbären. Die Schulterhöhe liegt zwischen 22,8 und 30,4 Zentimetern. Das Körpergewicht erwachsener Waschbären schwankt je nach Verbreitungsgebiet und Jahreszeit zwischen 1,8 und 13,6 Kilogramm, wobei übliche Werte zwischen 3,6 und 9,0 Kilogramm liegen. Die kleinsten Individuen sind an der Südküste Floridas anzutreffen, die größten gemäß der Bergmannschen Regel an der nördlichen Grenze des Verbreitungsgebiets. Männliche Exemplare sind in der Regel 15 bis 20 Prozent schwerer als Weibchen. Zu Winteranfang können Waschbären aufgrund des angefressenen Winterspecks mehr als doppelt so viel wiegen wie im Frühling. Der schwerste in freier Natur lebende Waschbär wog 28,4 Kilogramm, was das mit Abstand höchste je gemessene Gewicht eines Kleinbären darstellt.Hohmann, Bartussek, Böer: Der Waschbär. 2001, S. 77.Lagoni-Hansen, S. 15–16, 18.MacClintock: A Natural History of Raccoons. 1981, S. 8, 44.Zeveloff: Raccoons. 2002, S. 58–59.
mini|Schädel (Sammlung Museum Wiesbaden)