mini|Typische Freetekno-Soundsysteme mini|Boxenwand auf einer Party von Trakkas und Metro Soundsystem, 2007 Freetekno (auch FreeTek) ist eine Subkultur der Techno-Bewegung und existiert seit Beginn der 1990er Jahre als Gegenbewegung zum kommerziellen Rave und Techno. Die Szene ist informell und dezentral in Soundsystemen organisiert. Der Begriff bezeichnet einerseits die PA-Anlage und andererseits den Zusammenhang von Personen, die Free Parties/Raves mit dieser Anlage organisieren. Die Soundsysteme bauen zum großen Teil die Boxen ihrer PA selbst, bauen diese PA eigenständig auf, legen auf oder spielen Live-Musik und bauen die Anlage wieder ab.

Der Begriff Freetekno umreißt außer dieser konkreten Praxis ein bestimmtes Spektrum subkultureller Spielarten elektronischer Musik, die auch als Tekno (mit k) bezeichnet werden. Tekno hat viele Subgenres und angrenzende Genres. Ob eine Musik zu Tekno gehört oder nicht, ist weniger eine Stilfrage als eine Frage dessen, ob sie auf Free Partys gespielt wird und ob sie aus dem Kontext der Szene heraus produziert wurde.

Mit den Begriffen Freetekno und Free Party ist eine bestimmte Ethik und ein Kodex des Umgangs miteinander verbunden.

Weitere Aspekte des Freetekno sind: Deko (Dekoration der Party), Licht- u. a. Veranstaltungstechnik, Visuals/Projection Mapping, Malerei/Grafik (Backdrops, Transparente, Plattencover, Flyer, Plakate, Buttons), Fotografie, Performance (künstlerische, Feuershow, Jonglage), Theater, Mode (Siebdruck von T-Shirts und Aufnähern/Patches, Taschen, Kostümdesign u. a.), das Instandhalten, Transportieren und Lagern der Musikanlage, das Ausbauen von Fahrzeugen zu Transport- oder zu Wohnzwecken, das Organisieren oder Betreiben von Wagenplätzen, das Instandhalten von Fahrzeugen, das Produzieren von Musik, Pressen der Musik auf Vinylplatten, das Betreiben von Musiklabels, das Vertreiben von Vinylplatten u. a.

Größere, meist europaweite Zusammenkünfte der Szene heißen Teknivals, z. B. das CzechTek. Die einzelnen Tanzflächen werden von Kooperationen mehrerer Soundsysteme in kompletter Selbstorganisation veranstaltet.

mini|Soundsystem auf dem CzechTek 2004

Geschichte Wurzeln Eine Wurzel des Freetekno sind die unangemeldeten Free Festivals der Hippies in den 1970er und 1980er Jahren, z. B. Rainbow-Festival oder das letztmals 1984 abgehaltene Stonehenge Free Festival. Der Personenkreis, der diese Festivals besuchte und organisierte, waren die New Age Travellers. Diese verfolgten eine fahrende Lebensweise – entweder ganzjährig oder in Teilzeit im wärmeren Teil des Jahres. Sie fuhren oft in Konvois und legten weite Distanzen zurück, um die meist mehrtägigen, oft sogar mehrwöchigen Veranstaltungen zu besuchen.

Eine andere Wurzel ist die jamaikanische Soundsystemszene, die in Großbritannien über migrantische Communities präsent war. In dieser kollektiven und arbeitsteiligen Praxis des Aufführens von Musik unter freiem Himmel hat das eigenständige Bauen von Boxen einen großen Stellenwert.

Eine weitere Wurzel ist die Autonome Szene bzw. die Hausbesetzerszene. Die Gemeinsamkeit ist die kollektive Nutzung ungenutzter Gebäude und Grundstücke. In diesem Sinn stand das Konzept der Temporären Autonomen Zone des Philosophen Hakim Bey Pate bzw. flankierte die Freetekno-Aktivitäten.

Raves Anfang der 1990er Jahre in Großbritannien Ab dem Second Summer of Love (1989) traten die Raves in die Tradition der Free Festivals, nun aber mit der damals neuen Musik des Acid-House. Im Unterschied zu den Hippiefestivals lief ab Anfang der 1990er Jahre die Musik ohne Pause für mehrere Tage durch – das jedenfalls setzte das Soundsystem Spiral Tribe auf ihrer Tanzfläche erstmals durch und erhob diese Praxis zum grundlegenden Prinzip. Website des Cyberrise Soundsystems.

Castlemorton und Criminal Justice Act Ein entscheidendes Ereignis in der Entwicklung des Freetekno war der Rave in Castlemorton (England) im Mai 1992, der von 20.000 Menschen besucht und dann von der Polizei aufgelöst wurde. Die Polizei verhaftete 13 Aktivisten des Soundsystems Spiral Tribe, die sich anschließend in einem mehrmonatigen Prozess verteidigen mussten und dadurch weithin bekannt wurden. Die Angelegenheit errang große Publizität sowie politische Bedeutung und zog Repressionen für die beteiligten Raver nach sich.

Im Mai 1994 wurde der Criminal Justice Act erlassen, der unangemeldete Raves verbot, schärfere Strafen für „antisoziales Verhalten“ vorsah und der Polizei weitreichendere Rechte in der Verfolgung und Überwachung vorsah. Konkret wurden Hausbesetzungen, Landbesetzungen, Umweltaktivismus, Anti-Jagd-Aktivismus, Straßenproteste und wildes Camping kriminalisiert. Die Rechte fahrend lebender Leute wurden eingeschränkt, die Pflicht, ihnen Plätze zur Verfügung zu stellen, wurde aufgehoben (Part V, section 80). Jegliche Zusammenkunft ab 20 Personen wurde verboten, wo Musik gespielt wird, die sich wiederholende Beats enthält (“sounds wholly or predominantly characterised by the emission of a succession of repetitive beats”; Sektion 63–67). Dem Gesetz folgten starke Straßenproteste zwischen Mai und Oktober 1994, an denen pro Demonstration zwischen 20.000 und 100.000 Personen beteiligt waren und anlässlich derer es zu teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Soundsystemen und Polizei kam.

Spiral Tribe als Drehscheibe des Freetekno in Europa Wegen dieser Repressionen verließ der Spiral Tribe Großbritannien und migrierte vorerst nach Frankreich, später wechselnd und wiederholt ins östliche Mitteleuropa (Osten Deutschlands, Österreich und Tschechien) und die Niederlande. In den Niederlanden wurden sie vom dort weit verbreiteten Hardcore Techno beeinflusst. Mitte der 1990er Jahre waren sie schließlich in ganz Europa aktiv. Sie verfügten über LKWs, mobile Studios und eine PA-Anlage, veranstalteten unangemeldete Partys und prägten für größere Zusammenkünfte den Begriff des Teknivals. Die Kerngruppe von Spiral Tribe trennte sich gegen Ende der 1990er Jahre, blieb aber einzeln oder in neuen Konstellationen weiterhin aktiv. Spiral Tribe hatte aber bis dahin durch die fahrende Lebensweise zahlreiche Raver und Musikschaffende in ganze Europa inspiriert, selbst Soundsysteme zu gründen und Musik in ihrem Stil zu produzieren und weiterzuentwickeln.theguardian.comSpiral-Tribe-Reportage innerhalb der Sendung Tracks, Arte, 17. November 2011.

Die Freetekno-Bewegung ist überwiegend in Europa, speziell in Mittel-, West-, Süd- und Osteuropa, in Nordamerika, Mexiko und in Kolumbien anzutreffen. In Tschechien ist Freetekno die stärkste Subkultur.

Mitglieder der Crew Spiral Tribe schufen eigens ein markantes Grafikdesign für ihr Soundsystem. Es orientiert sich mit der streng schwarz-weißen Farbwahl an Op Art, an psychedelischer Kunst und an Tribal Art bzw. Primitivismus. Dieser grafische, von den Farben schwarz und weiß dominierte Duktus stand damals in starkem Gegensatz zur knallbunten Optik des Mainstream-Rave und ist bis heute stilbildend für die gesamte Freetek-Szene.. In: Website von Mark Angelo Harrison

mini|CzechTek 2006, Tschechien mini|Gezielter Einsatz von Laserlicht auf einer Free Party

Musikstile im Freetekno mini|Zwei Personen spielen mit analogen Geräten ein Live-set auf einem Rave: Mem Pamal und Asphalt Pirates

Auf Freeteks und Teknivals agieren DJs, die vorrangig Vinyl-Platten auflegen, in neuerer Zeit auch digital. Es treten außerdem Live Acts auf, die elektronische Musik mit analogen Geräten oder auch digital generieren und dabei oft über zwei bis drei Stunden improvisieren. Üblicherweise gespielte Musikgenres sind Hardtek, Tribe, Tribecore, Frenchcore, HappyTek, Happy Hardcore, Acid Techno, Acidcore, Mental Acid, Mental Tekno, Gabber und Breakcore sowie ähnliche, verwandte Stilrichtungen wie Drum and Bass, Jungle, Jungletek, Raggatek oder auch Dub, Dubstep, Goa.

Fast alle im Freetek-Bereich relevanten Musikstile weisen als gemeinsames Merkmal relativ hohe Geschwindigkeiten (im Verhältnis zu in kommerziellen Clubs gespielten Techno-Stilen) auf und bewegen sich in den meisten Fällen zwischen 150 und 190 bpm.

Tribe als Sound des Spiral Tribe Spiral Tribe oder auch SP23 ist das wohl berühmteste Soundsystem des Freetekno. Um 1990 produzierten und spielten sie House, Acid House und Rave. Seit 1992 lebten sie aufgrund der Repressionen gegen sie außerhalb von Großbritannien in fahrender Weise. Dabei führten sie permanent ein Soundstudio mit sich und produzierten unterwegs Vinylplatten. Durch ihre fahrende Lebensweise inspirierten sie Musikschaffende an allen Orten, an denen sie Halt machten und Partys veranstalteten. Sie nahmen aber auch lokale Inspirationen auf, banden diese in ihre Produktions- und Musizierweisen ein und verbreiteten sie weiter. In diesem Sinn spielte z. B. der niederländische Gabber/Hardtechno eine Rolle und trug dazu bei, dass ihr Stil härter und schneller wurde.

Das Subgenre, das der Spiral Tribe auf diese Weise kreiert bzw. maßgeblich geprägt hat und im Freetekno eine tragende Rolle spielt, heißt dementsprechend Tribe. Beispielhafte Vertreter des Tribe sind Crystal Distortion und 69db von Spiral Tribe, die in den 1990er Jahren unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche genredefinierende Tracks und Livesets produzierten, sowie FKY von Okupe. Curley, der 1998 verstarb, legte mit seiner Auslegung des Tribe in gewisser Hinsicht den Grundstein für eine weitere musikalische Entwicklung innerhalb der Szene: Mental Tekno.

Acid Tekno, Acidcore, Mental Tekno und Mental Acid Ein wichtiger Einfluss war seit Anfang der 1990er Jahre Acid House mit all seinen Nachfolgespielarten, die im Freetekno zu Acid Tekno und Acidcore ausdifferenziert und rekombiniert wurden. Seit Ende der 1990er Jahre, schwerpunktmäßig dann nochmal um 2010, bildeten sich davon die psychedelischeren Varianten Mental Tekno und Mental Acid. Bei deren Entstehung spielte Tribe eine essentielle Rolle. Wichtige Vorreiter waren Asphalt-Pirates und Mem Pamal, die mit ihrem individuellen Stil Mental Tekno geprägt haben und noch immer prägen. In den Niederlanden waren es das niederländische Soundsystem und Label Mononom (z. B. mit Robbert Mononom mit dem Track Instant Coffee) oder das Eindhovener Label Zodiak Commune Records (z. B. mit Parallax mit dem Track „Transgressor“ (2000)). Eine ganze Reihe niederländischer Soundsysteme hat dieses Subgenre verfolgt und ausgebaut.

Das Den Haager Label Obs.cur spielte bei der Entwicklung des Mental Acid eine wesentliche Rolle. Mittlerweile wurde das Label in Cult Collective umbenannt und umfasst unter anderem die international erfolgreichen Acts Shirin, LingLing, Van der Wiese, Enko und Gelbkreuz, Mitglieder des Wiener Multiplan Kollektiv. Ebenso das Kollektiv Fairytale Soundsystem (FTS) aus Wien mischt in diesen Subgenres mit. Auch das Berliner Label Violent Cases spielt für dieses Subgenre eine wichtige Rolle. Mental Tekno, den man als psychedelischere Variante des Tribe, teils mit Acid-Anmutung sehen kann, produzieren z. B. Keja und Kan10 mit ihrem Label MackiTek Records oder Misspic und Bart mit ihrem Label Rythmik Sound Family. Wichtige und stilistisch eigenständiger Vertreter des Acid Tekno und Mental Acid sind Hesed (Label Analog Tecne Model) und Asphalt-Pirates (Label Freebooter Records).

Schließlich werden auch kommerziellere Acid Techno und Trance Tracks aus den 90er Jahren häufig in DJ-Sets gemixt. Auch Acts der Londoner Acid Techno Szene wie Chris Liberator und D.A.V.E. The Drummer aus dem Umfeld der Labels Routemaster und Stay Up Forever Records sind teilweise mit DJ-Sets auf Free Partys und Teknivals vertreten.

Hardtek, Frenchcore, Tribecore und Industrial