mini|Obligation über 500 Francs von Japan vom 15. Mai 1910; Vignette mit schneebedecktem Fujisan
Als Meiji-Zeit, Meiji-Ära oder Meiji-Periode (jap. , ) wird in der japanischen Geschichte die Regierungszeit des Tennōs Mutsuhito (Meiji-tennō) definiert. Sie dauerte vom 25. Januar 1868 bis zum Tod des Kaisers am 30. Juli 1912. Mutsuhito wählte als Regierungsmotto Meiji (, Ligatur: , deutsch: „aufgeklärte Herrschaft“). Beginnend mit der Meiji-Restauration wurde aus dem Feudalstaat Japan eine moderne imperiale Großmacht. Die Entwicklung, die Japan in der Meiji-Zeit durchlief, ist daher grundlegend für die heutige Bedeutung des Landes in der Welt.
Durch USA erzwungenes Ende der Isolation Japans Nachdem die USA Kalifornien erworben hatte, verstärkte die US Navy ihre Präsenz im Pazifik und forderte ein Ende der selbstgewählten Abschließung Japans, damit die Häfen für Handelsschiffe zugänglich werden, da sowohl Segler als auch Dampfer neben Wasser und Proviant auch Kohle benötigen. In den Jahren 1853 und 1854 setzte Commodore Matthew Perry mit Hilfe der „Schwarzen Schiffe“ die Kanonenbootpolitik durch und erzwang Verträge mit dem feudalen Japan. Das noch feudal zerstückelte und gegenüber dem Westen technologisch rückständige Japan musste sich reformieren, in der Meiji-Restauration wurde der gleichnamige Kaiser gestärkt.
Politische, gesellschaftliche und militärische Modernisierung Das erste politische Großereignis, das in die Herrschaft von Mutsuhito fällt, ist die Meiji-Restauration. Die Macht des Tennō wurde durch die Rebellion der Daimyō der Han (Lehen) Satsuma, Tosa und Chōshū wiederhergestellt und der letzte Tokugawa-Shōgun im Verlauf des anschließenden Boshin-Kriegs endgültig entmachtet. Als die neue Machtfülle des Tennō-Amts sichergestellt war, begann Mutsuhito mit weitergehenden Reformen, die er in seinen fünf Artikeln angekündigt hatte und die zu einem großen Teil auf Ideen basierten, die unter anderem von dem Gelehrten Yoshida Shōin entwickelt worden waren. Zunächst wurde von dem bisher verfolgten fremdenfeindlichen Kurs unter dem Motto Sonnō jōi stillschweigend abgegangen und dieses durch den Slogan „reiches Land, starke Armee“ () ersetzt. Damit wurde der Weg Japans zu einer militärischen Großmacht bereits in der Anfangsphase der Meiji-Zeit festgelegt.
Um die neu entstandene kaiserliche Herrschaft dauerhaft zu sichern, wurden alle feudalistischen Elemente der Landesverwaltung abgeschafft (Abschaffung der Han). Die Daimyō mussten ihre Han an den Tennō zurückgeben und erhielten eine großzügige finanzielle Entschädigung dafür. Das Land wurde nun in Präfekturen aufgeteilt. Der Tennō verlegte seine Residenz von Kyōto nach Edo, das bereits im Juli 1868 in Tokio umbenannt wurde. Die traditionelle japanische Ständeordnung wurde abgeschafft und durch eine neue, sehr europäisch geprägte, ersetzt. Der Adel wurde aber nicht abgeschafft, sondern erhielt Titel, die an die europäischen angelehnt waren. Aus den Samurai der ehemaligen Lehen Satsuma und Chōshū, die die tragenden Kräfte der Meiji-Restauration waren, bildete sich die sogenannte Meiji-Oligarchie heraus, die den politischen Weg Japans während der Zeit bis 1912 entscheidend mitbestimmte.
Schulpflicht Eine weitere, sehr bedeutende Neuerung war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahre 1872, die sich trotz starker Widerstände seitens der ärmeren Landbevölkerung, die häufig nicht in der Lage war, das Schulgeld aufzubringen. Dabei ging der Staat Kompromisse ein und senkte die ursprünglich achtjährige Schulpflicht bei entsprechenden örtlichen Gegebenheiten auf bis zu drei Jahre ab. Das ursprünglich eingeführte Modell orientierte sich an den USA und hatte nur einen einzigen Schultyp für alle Schüler. Im Verlauf wurde ein selektives mehrgliederiges Schulsystem nach preußischem Vorbild eingeführt. Der Großteil der Schüler absolvierte nur eine vierjährige Grundschule. Ergänzend hierzu wurde ab 1880 ein Berufsschulwesen aufgebaut. Nur eine kleine Elite erhielt die Möglichkeit über die Mittel- und Oberschule schließlich an einer der neu geschaffenen kaiserlichen Universitäten zu studieren. Die Einführung westlicher Bildungsmodelle sorgte für erhebliche Widerstände. Lehrer und Schulgebäude wurden Ziele von Gewalt aus der Bevölkerung. Der Bildungsminister Mori Arinori wurde 1889 von einem Ultranationalisten ermordet. 1890 verabschiedete der Hof ein Kaiserliches Erziehungsedikt. Dieses gab konfuzianistischen Wertvorstellungen, der Göttlichkeit des Kaisers und seines Volkes den Vorzug vor liberalen oder individualistischen Ideen.Gerhard Krebs: Das Moderne Japan 1868-1952 - Von der Meiji-Restauration bis zum Friedensvertrag von San Francisco. München, 2009, S. 17–19 Die Schulpflicht war auch das wichtigste Mittel, die Bevölkerungsgruppen neu kolonialisierter Gebiete in Taiwan, auf den Ryūkyū-Inseln und auf Hokkaidō die Ainu-Bevölkerung zu assimilieren.
Reform des Militärwesens und beginnende Expansion Japans miniatur|Japanische Offiziere kurz vor Beginn der Meiji-Zeit um 1866
Durch die Öffnung zum internationalen Handel 1859 erlebte Japan im Vorfeld des Boshin-Kriegs eine Revolution der Waffentechnik mit dem Import von mindestens einer halben Million Feuerwaffen aus den westlichen Industrieländern. Nach dem Krieg zählte die Regierung rund 370.000 Feuerwaffen und 6.600 Geschütze im Land.Harald Fuess: The Global Weapons Trade and the Meiji Restoration - Dispersion of Means of Violence in a World of Emerging Nation-States. in Robert Hellyer, Harald Fuess: The Meiji-Restoration - Japan as a Global Nation. Cambridge, 2020, S. 90–109
Die Reform des Militärwesens, die nach dem Machtantritt von Tennō Mutsuhito in Angriff genommen wurde, war ein essentieller Schritt zur Umsetzung der Losung Fukoku kyōhei (). Die Auseinandersetzungen der Satsuma-Han mit den Europäern in den Jahren 1863 bis 1865 hatten gezeigt, dass das japanische Militär in seiner traditionellen Form deutlich unterlegen war. Auch hier wurde durch das Kopieren und Anpassen an westliche Errungenschaften ein unglaublich schneller Fortschritt erzielt. Um die japanischen Streitkräfte zu modernisieren, reiste der ehemalige Samurai und Oberkommandierende der neuen japanischen Armee Yamagata Aritomo 1869 nach Europa und studierte dort das westliche Militärwesen. Nach seiner Rückkehr begann er sofort mit der Reform des japanischen Militärs. Diese gipfelte schließlich in der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zum Beginn des Jahres 1873. Gegen diese Reform gab es erhebliche Widerstände. Auf der einen Seite waren vor allem die Samurai gegen diese Neuerung, da damit ihr gesellschaftlicher Stand funktionslos geworden war. Auf der anderen Seite waren auch die Bauern gegen die Wehrpflicht, da schlimme Gerüchte über das Schicksal der Eingezogenen die Runde machten. Die Samurai, die diese Veränderung nicht akzeptieren wollten, versammelten sich um Saigō Takamori und rebellierten. Dieser als Satsuma-Rebellion bekannte Aufstand wurde von den kaiserlichen Truppen unter der Führung von Ōkubo Toshimichi und Yamagata Aritomo niedergeschlagen. Die Niederlage der Samurai besiegelte das endgültige Verschwinden dieses Kriegerstandes aus der japanischen Gesellschaft. Parallel zum Aufbau der Armee wurde die Kaiserlich-Japanische Marine nach britischem Vorbild aufgebaut. Japan schickte Offiziere zur Ausbildung nach Großbritannien und an der 1873 gegründeten Marineakademie lehrten Angehörige der Royal Navy. Japan modernisierte seine Flotte in den ersten Jahrzehnten der Meiji-Zeit durch Kriegsschiffe aus britischen Werften. 1893 erlangte die Marine durch die Schaffung einer Admiralität die organisatorische Gleichstellung mit der Armee und direkten Zugang zum Tenno. Gerhard Krebs: Das Moderne Japan 1868-1952 - Von der Meiji-Restauration bis zum Friedensvertrag von San Francisco. München, 2009, S. 11–12
Außenpolitik mini|Japanische Soldaten bei der Besetzung des Regierungssitzes der Ryukyu-Inseln, 1879
Um Japan die Möglichkeit zu geben, den politischen und wirtschaftlichen Anschluss an die europäischen Länder schnell herzustellen, begann man gezielt diplomatische Missionen zu entsenden. Die wichtigste dieser diplomatischen Reisen ist die nach ihrem Leiter Iwakura Tomomi benannte Mission, die von 1871 bis 1873 dauerte und zur Bildung von weitreichenden wirtschaftlichen Kontakten mit den europäischen Ländern und den USA führte. So hatte das nach dem Boshin-Krieg neu geeinte Kaiserreich Japan 1873 seinen ersten Auftritt auf einer Weltausstellung in Wien. Die ersten Banknoten der neu eingeführten Währung Yen wurden in Frankfurt am Main gedruckt. Neben diesen offiziellen Missionen wurden sehr viele japanische Studenten an die europäischen Hochschulen geschickt, um sich dort fundiertes technisches Wissen anzueignen. Zu guter Letzt wurden bis 1899 über 3000 europäische Experten (o-yatoi gaikokujin) in das Land gebracht, die ihr technisches und militärisches Wissen weitergaben.
Die durch die Reformen gewonnene militärische Stärke wurde sehr schnell zur Erweiterung der japanischen Einflusssphären in Ostasien genutzt. Bereits am 25. Mai 1874 landeten japanische Truppen auf der chinesischen Insel Taiwan (Formosa). Die 5.000 Soldaten trafen auf unerwartet hohen militärischen Widerstand. Durch britische Vermittlung erkannte China aber die japanische Oberhoheit über die Insel an. 1876 annektierte Japan die strategisch wichtigen, unbewohnten Bonin-Inseln, von welchen sich die Schifffahrtswege zwischen Amerika und Ostasien kontrollieren ließen. 1879 annektierte Japan die Ryūkyū-Inseln als Präfektur Okinawa. Der dortige Monarch wurde als Adliger in das japanische Herrschaftssystem eingegliedert.Gerhard Krebs: Das Moderne Japan 1868-1952 - Von der Meiji-Restauration bis zum Friedensvertrag von San Francisco. München, 2009, S. 25
Im Februar 1876 zwang Japan Korea mit dem Japanisch-Koreanischen Freundschaftsvertrag zur Öffnung der Häfen Incheon, Wŏnsan und Busan. Der militärische Aufstieg Japans gipfelte schließlich in Siegen im Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg (1895) und im Russisch-Japanischen Krieg (1905), die dazu führten, dass Japan die Insel Taiwan, die Ryūkyū-Inseln, das südliche Sachalin und Korea seinem Staatsgebiet einverleiben konnte. Gegen Ende der Meiji-Zeit war aus Japan eine imperialistische Großmacht geworden, die mit Amerika und den europäischen Kolonialmächten um Absatzmärkte und Einflusssphären konkurrierte. Die Japan 1855 aufgezwungenen „Ungleichen Verträge“ beziehungsweise die Exterritorialität der Vertragshäfen konnten 1894/1911 aufgehoben werden.
Die Demokratiebewegung Japans Japan entwickelte sich während der 1870er und 1880er Jahre von einer absoluten Monarchie zu einer konstitutionellen Monarchie, deren Verfassung am 11. Februar 1889 verabschiedet wurde und die bis 1946 in Kraft war.
Entstehung japanischer Volksparteien Ab 1874 wurde der Konflikt um Mitbestimmung des japanischen Volks bei der Regierung des Landes zwischen der „Bewegung für Freiheit und Bürgerrechte“ () und den Anhängern eines Obrigkeitsstaats nach preußischem Muster ausgetragen, die hauptsächlich in der Meiji-Oligarchie zu finden waren. Die erste dieser politischen Strömungen wurde von dem aus Tosa stammenden Itagaki Taisuke angeführt, der 1873 wegen der Korea-Affäre von seinem Posten im Regierungsrat zurückgetreten war. Im Gegensatz zu Saigō Takamori bevorzugte er jedoch friedliche Mittel, um seine Interessen durchzusetzen. Itagaki verfasste mit anderen 1874 das Tosa-Manifest, das die uneingeschränkte Herrschaft der Meiji-Oligarchie kritisierte. Nachdem er 1875 seine Anhänger in der landesweiten Bewegung Aikokusha () organisiert hatte, gründete er 1881 die japanische Partei Jiyūtō (), die sich für eine Regierungsform nach französischem Muster einsetzte. Es folgte die Entstehung der Partei Rikken Kaishintō (), deren bedeutendster Politiker Ōkuma Shigenobu war und die eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Großbritanniens forderte.
Konservative Reaktion und Verabschiedung der Verfassung