mini|Senesino, etwa 1720

Senesino, eigentlich Francesco Bernardi (* 31. Oktober 1686 in Siena; † 27. November 1758)Vickers, David und Vitali, Carlo: Senesino. In: Landgraf, Annette und Vickers, David: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 581. war ein bedeutender italienischer Opernsänger und Kastrat (Alt bzw. Mezzosopran (?)), der besonders für seine Mitwirkung als primo uomo in zahlreichen Opern von Georg Friedrich Händel berühmt ist, darunter Giulio Cesare, Rodelinda und Tamerlano.

Leben Jugend und frühe Karriere

Francesco Bernardis Künstlername Senesino leitet sich von seiner Geburtsstadt Siena ab. Später wurden auch die Kastratensänger Andrea Martini und Giusto Ferdinando Tenducci als „Senesino“ bezeichnet, aber Bernardi ist der berühmteste von diesen dreien.Francesco Bernardi, dit Senesino, Kurzbiographie auf der Website Quell‘Usignolo (französisch; Abruf am 6. Juli 2020)

Als Kind sang er im Dom von Siena und erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei dem Domorganisten, Giuseppe Fabrini.Stefan Brandt: Senesino, eigtl. Francesco Bernardi. In: MGG online, 2006/2016 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement; abgerufen am 4. Juli 2020) Dort erhielt er auch 1699 seine erste Anstellung als Kirchensänger.

Verschiedene Quellen berichten, dass er ein Schüler des berühmten Kastraten Antonio Maria Bernacchi gewesen sei,Alberto Pironti: Bernardi, Francesco, detto il Senesino. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 9, 1967, online auf Treccani (italienisch; Abruf am 6. Juli 2020) dies ist jedoch ungewiss, da er anscheinend fast gleich alt war.

Senesino hatte seine ersten Auftritte auf der Bühne wahrscheinlich 1707 im damaligen Zentrum der Oper Venedig, in Werken der heute vergessenen Komponisten Giovanni Maria Ruggeri und Giuseppe Boniventi.Winton Dean: Senesino (Bernardi, Francesco). auf Grove music online (englisch; vollständiger Abruf nur mit Abonnement; abgerufen am 4. Juli 2020) Schon bald wurden bedeutendere Komponisten auf ihn aufmerksam, und in der Spielzeit 1708–1709 sang er am Teatro San Cassiano neben Santa Stella und dem berühmten Domenico Cecchi („il Cortona“) in Tomaso Albinonis Opern Astarto (UA:UA = Uraufführung 11. November 1708). und Engelberta (UA: 26. Januar 1709),. sowie in Carlo Francesco Pollarolos Il falso Tiberino (UA: 12. Januar 1709)..

In der Folge führte ihn seine Karriere an die Bühnen verschiedener italienischer Städte. 1708 war er in Vicenza, 1709 in Bologna in Antonio Caldaras Oper L’inimico generoso. mini|hochkant|links|Senesino, etwa 1730?

Von 1709 bis 1712 war er in Genua engagiert. Während dieser Zeit sang er außerdem im Jahr 1711 in Rom im Privattheater des musikliebenden Kardinals Pietro Ottoboni.

Mittlerweile gehörte er zu den führenden Sängern Italiens, denn in der Spielzeit 1713–14 trat er nun im feinsten Theater von Venedig, dem San Giovanni Grisostomo, auf, in Antonio Lottis Irene Augusta (UA: 22. November 1713). und in zwei Opern von Carlo Francesco Pollarolo, darunter Semiramide (UA: 6. Januar 1714).. Auch im Karneval 1715 war er in Venedig und sang diesmal im Teatro Santi Giovanni e Paolo in Lottis Polidoro (UA: 4. Februar 1715), neben Diamante Maria Scarabelli und Giuseppe Maria Boschi..

Bis 1717 sang er außerdem in Reggio nell’Emilia, Ferrara, Brescia, Florenz und Livorno.

Von 1715 bis 1717 hatte er ein Engagement am bedeutenden Teatro San Bartolomeo in Neapel, wo er in insgesamt sechs Opern mitwirkte, darunter Alessandro Scarlattis Carlo re d’Alemagna und La virtù trionfante. Senesino soll anfangs noch kein guter Schauspieler gewesen sein, sondern konzentrierte sich in erster Linie auf seinen Gesang. Der neapolitanische Impresario Graf Zambeccari berichtete, dass er nur „wie eine Statue“ dastehe oder immer „das Gegenteil von dem, was erwünscht war“ gemacht habe.Dan H. Marek: Alto: The Voice of Bel Canto. Rowman & Littlefield, 2016, S. 32–34; hier 33, online in Auszügen als Google-Book, (englisch; Abruf am 6. Juli 2020)

Sein Ruf als Sänger reichte mittlerweile auch ins Ausland und so wurde Senesino 1717 als primo uomo am Dresdner Hof eingestellt, ebenso wie der Komponist Antonio Lotti und dessen Frau Santa Stella, sowie die Sängerinnen Margherita Durastanti und Vittoria Tesi und der Bassist Giuseppe Maria Boschi.Gerhard Croll: „Tesi (Tramontini), Vittoria“, Januar 2001, auf (englisch; abgerufen am 21. Oktober 2019) In Dresden hatte Senesino Auftritte in Lottis Opern Giove in Argo, Ascanio und Teofane. Für seine Dienste soll er eine Gage von 7000 Talern bekommen haben. Zu dieser Zeit hörte ihn der spätere Flötenlehrer Friedrichs II. und Hofkapellmeister in Berlin Johann Joachim Quantz und berichtete später über ihn:

Als Georg Friedrich Händel 1719 auf dem Kontinent nach Sängern für die neu gegründete Opernakademie in London suchte, hörte er Senesino in Dresden und trat mit ihm und anderen Sängern in Verhandlung. Senesino wurde 1720 zusammen mit den anderen italienischen Sängern aus Dresden entlassen. Vorher gab es laut Quantz jedoch noch einen heftigen Streit von Senesino und dem Sopranisten Matteo Berselli mit dem Hofkapellmeister Johann David Heinichen bei der Probe zu dessen Oper Flavio Crispo. Die beiden Italiener hatten den deutschen Komponisten darauf hingewiesen, dass der Text einer für Berselli gedachten Arie ungeschickt vertont war. Am Ende „zerriß“ Senesino „die Rolle des Berselli und warf sie dem Capellmeister vor die Füße. ... Hiermit hatten die Opern für diesmal ein Ende“.Wolfgang Horn: Venezianische Oper am Dresdener Hof – Anmerkungen zum Gastspiel Antonio Lottis in Dresden (1717–1719) nebst einer Hypothese zum Anlaß von Heinichens Scheitern. S. 138 und S. 143–145 (und Notenbeispiel S. 147) (als PDF bei Qucosa.Journals)

Senesino in London mini|Karikatur von Senesino (links) in Händels Oper Flavio mit Francesca Cuzzoni und Gaetano Berenstadt

Im September 1720 kam Senesino in Begleitung seines Bruders nach LondonWahrscheinlich pro Spielzeit. Philip H. Highfill, Kalman A. Burnim, Edward A. Langhans: A Biographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers, Managers and Other Stage Personnel in London, 1660–1800. Band 13, SIU Press, 1971, S. 250, online als Google-Book (englisch; Abruf am 7. Juli 2020) und war von der zweiten Spielzeit der Royal Academie bis zu ihrer Auflösung 1728 eine von deren Zugnummern. Als Honorar erhielt er 3000 Guineas.

Seinen ersten Auftritt hatte er am 19. November 1720 in Giovanni Bononcinis Astarto, gemeinsam mit seinen alten Kollegen Margherita Durastanti und Boschi; der Erfolg war so enorm, dass die Oper die für die damalige Zeit große Zahl von 30 Aufführungen erlebte. In derselben Spielzeit sang er die Titelrolle in einer Neufassung von Händels Radamisto (UA: 28. Dezember 1720).Booklet-Text von Anthony Hicks zur CD: Radamisto. mit Joyce DiDonato, Patrizia Ciofi, Il Complesso Barocco, Alan Curtis u. a., EMI, 2005, S. 35. In den kommenden Jahren komponierte Händel für Senesino die männlichen Hauptrollen in all seinen neuen Opern: Muzio Scevola (zusammen mit Bononcini und Amadei), Floridante (1721), Ottone und Flavio (1723), Giulio Cesare und Tamerlano (1724), Rodelinda (1725), Scipione und Alessandro (1726). Von 1722 an war seine Partnerin als prima donna die gefeierte Sopranistin Francesca Cuzzoni. Besondere Publikumserfolge hatte Senesino mit den Heldenrollen in Giulio Cesare und Alessandro. Im gleichen Zeitraum sang er außerdem in Opern von Giovanni Bononcini, Giuseppe Maria Orlandini, Attilio Ariosti und in verschiedenen Pasticci.

mini|hochkant=1.2|Karikatur von Senesino (Mitte), der bei seiner Ankunft in England mitsamt seinen Reichtümern von seinen Bewunderern und den „Rival queens“ Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni empfangen wird. (ca. 1726–27) Im Sommer 1726 erkrankte er und reiste zur Erholung zwischenzeitlich auf Heimaturlaub nach Italien, war jedoch im Winter wieder zurück in London und konnte am 7. Januar 1727 in alter Frische an der Uraufführung von Ariostis Lucio Vero teilnehmen. Von Händel sang er bis 1728 in den Uraufführungen der Opern Admeto, Riccardo Primo, Siroe und Tolomeo, von welchen Riccardo Primo besonders erfolgreich war. Senesino stand zu dieser Zeit neben zwei Primadonnen auf der Bühne, da sich außer der Cuzzoni noch die berühmte Faustina Bordoni zu dem Ensemble gesellt hatte. 1727 ging er mit den anderen Sängern gemeinsam auf Tournée nach Paris. Die Royal Academy of Music machte jedoch im Sommer 1728 bankrott. Senesino soll außerdem einen schrecklichen Streit mit Händel gehabt haben und kehrte zurück nach Italien.

Italienisches Zwischenspiel

In Venedig trat er gemeinsam mit Faustina Bordoni im Teatro San Cassiano auf, in Geminiano Giacomellis Oper Gianguir (UA: 27. Dezember 1728). und in Giuseppe Maria Orlandinis Adelaide (UA: 8. Februar 1729).Auf Corago ist er gelistet als Francesco Bernardi. . Danach sang er wiederum mit der Bordoni in Turin in Siroe von Andrea Stefano Fiorè (UA: 26. Dezember 1729). und in Nicola Porporas Tamerlano (UA: Karneval 1730)..

Zurück in London Nachdem Händel in London eine zweite Opernakademie aufgezogen hatte, bei welcher der berühmte Altist Bernacchi (und angeblich Lehrer Senesinos) zunächst als primo uomo engagiert war, aber beim Publikum keinen Erfolg hatte, stieß Senesino im Oktober 1730 wieder zu dem Ensemble, diesmal mit einem etwas geringeren Gehalt für 1400 Guineas. Bis 1732 sang er neben der neuen Primadonna Anna Maria Strada die Hauptrollen in den Uraufführungen von Händels Opern Poro, Ezio, Sosarme und Lucio Papirio, sowie in mehreren Wiederaufnahmen älterer Opern und in Pasticci mit Musik der modernsten Komponisten. Händel setzte ihn auch in seinen ersten englischen Oratorien Esther (1732) und Deborah (1733) ein und ließ ihn in der Neufassung von Acis and Galatea singen. Im Zusammenhang mit den letztgenannten Werken musste Senesino jedoch Kritik vom englischen Publikum einstecken und ein anonymer Autor machte sich öffentlich über das nicht akzentfreie Englisch des italienischen Gesangsstars lustig:

1733 folgte die Titelpartie in Händels Orlando, worin Senesino eine ungewöhnliche Wahnsinnsszene auszuführen hatte, die ausschließlich aus einer Abfolge von Rezitativen und Ariosi (teilweise im 5/4-Takt) bestand, mit ständig wechselndem Gefühlsausdruck, aber wenig Möglichkeiten für sängerische Bravour.Ivan A. Alexandre: Orlando durch Wahnsinn geheilt. Booklet-Text zur CD: Orlando, mit Patricia Bardon, Rosemary Joshua, Hillary Summers, Les Arts Florissants, William Christie u. a., Erato, 1996, S. 28–29.

mini|hochkant=0.8|Senesino, um 1734. Stich von Alexander Van Haecken nach Hudson Ob wegen persönlicher und künstlerischer Differenzen mit Händel oder aus finanziellen Gründen oder gar aus Nationalstolz, – Senesino und fast die gesamte italienische Sängertruppe (außer Anna Maria Strada) liefen 1733 zur konkurrierenden Adelsoper (Opera of the Nobility) über, die manchmal auch als „Senesinos Oper“ bezeichnet wurde. Unter der Leitung von Nicola Porpora sang er zunächst im Lincoln’s Inn Fields Theatre und später am King’s Theatre. Ab 1734 gehörte zu diesem Ensemble auch der berühmte Farinelli. Die beiden Divos scheinen sich aber gut verstanden zu haben, und Senesino soll sogar bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt von Farinellis Gesang so bewegt gewesen sein, dass er seine eigene Rolle vergaß und den jüngeren Kollegen auf offener Bühne umarmte.Burney schreibt ausdrücklich, dass Farinelli selber diese Geschichte als wahr bestätigte. Charles Burney: Tagebuch einer Musikalischen Reise (übersetzt von C. D. Ebeling), Hamburg 1772-73. Bärenreiter, Kassel 2003. Band I: durch Frankreich und Italien, Spalte 162.