mini|Joseph Victor Widmann Joseph Victor Widmann (in seinen Veröffentlichungen meist J. V. Widmann oder Josef Viktor Widmann; * 20. Februar 1842 in NennowitzFoto: J. V. Widmanns Geburtshaus zu Nennowitz in Mähren (bei Anbringung der Gedenktafel). In: Die Schweiz. Band 17 (1913), S. 93. (Brněnské Ivanovice), heute Ortsteil von Brünn; † 6. November 1911 in Bern) war ein Schweizer Schriftsteller, Redaktor und Literaturkritiker.
Leben und Werk alt=Joseph Victor Widmann (1842–1911) Schriftsteller, Redakteur, Feuilletonist, Literaturkritiker und Journalist. Wohnhaus an der Kanonengasse 1, 4410 Liestal, Schweiz. Inschrift über der Tür: In diesem Hause verlebte seine Jugendzeit der Dichter|mini|Gedenktafel am Wohnhaus Kanonengasse 1 in Liestal Widmann verbrachte seine Kindheit und Jugend im Pfarrhaus von Liestal, wo sein Vater Joseph Otto Widmann,Joseph Otto Widmann im Personenlexikon des Kanton Basel-Landschaft. Siehe auch Bürger-Familienbuch von Liestal. Alphabetisch und nach den Verwandtschaften geordnet und herausgegeben von J. Widmann, Pfarrer. Liestal 1860. ein ehemaliger Zisterziensermönch aus dem Stift Heiligenkreuz, reformierter Stadtpfarrer war.Geschichte der Stadt Liestal bei liestal.ch. Häufiger Gast im Pfarrhaus war Widmanns drei Jahre jüngerer Freund Carl Spitteler.Carl Spitteler: Das Pfarrhaus Widmann in Liestal. In: Die Berner Woche in Wort und Bild. Heft 41, 1913, S. 323–326; doi:10.5169/seals-640756
Nach dem Schulbesuch in Liestal und Basel studierte Widmann am Basler Pädagogium, wo Wilhelm Wackernagel sein Lehrer war, sowie auf Wunsch seines Vaters von 1862 bis 1865 evangelische Theologie und Philosophie in Heidelberg und Jena. 1865 heiratete er Carl Spittelers aus Winterthur stammende verwitwete Tante Sophie Brodbeck, geb. Ernst (1836–1911), die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. 1868 wurde er Direktor der Berner Einwohner-Mädchenschule,Lexikoneintrag im Historisch-Topographischen Lexikon der Stadt Bern; Artikel Die Einwohnermädchenschule in Bern über den Jahresbericht der Lehranstalt in: Pädagogischer Beobachter. Nr. 29 vom 20. Juli 1877, S. 2 f. 1880 jedoch – trotz seiner ausserordentlichen Beliebtheit bei Schülerinnen und Kollegen – seines Postens wieder enthoben bzw. nicht wiedergewählt,Maria Waser: Josef Viktor Widmann. Huber, Frauenfeld 1927, S. 115. da seine Versepen Buddha und Moses und Zipora nach Ansicht der Behörden eine «zersetzende Weltanschauung» zum Ausdruck brachten.Charles Linsmayer: Josef Viktor Widmann 1842–1911. Ab 1880 bis zu seinem Lebensende war er Feuilleton-Redaktor bei der Berner Tageszeitung Der Bund.
Widmann erwarb in Bern das Haus auf der «Murihalde» von der Mutter der späteren Künstlerin und Schriftstellerin Bertha Züricher, die in der Berner Woche in Wort und Bild mehrmals über ihre Erinnerungen, die sie an Widmann hatte, berichtete.Bertha Züricher: Meine erste Erinnerung an J. V. Widmann. In: Die Schweiz. Nr. 4/1913, S. 91 f.
Zu Lebzeiten war Widmann einer der einflussreichsten Literaturkritiker und -förderer der Schweiz. Er ermutigte Carl Spitteler zu seinem Weg als Schriftsteller, förderte Ida Bindschedler, entdeckte Ricarda Huch und Robert Walser, dem er zu ersten Veröffentlichungen verhalf,Roman Bucheli: Robert Walser lesen, NZZ vom 27. Mai 2006. durchreiste ab 1874 mit Johannes Brahms ItalienEine Freundschaft, die fast «auf der Strecke» blieb, der Bund, 30. November 2011.Victor Ravizza: Ein Sinn ruht sich aus: Johannes Brahms in Italien, Abschnitte «Merkwürdigkeiten» und «Und die Musik». In: NZZ. 9. September 2018. und korrespondierte mit Gottfried Keller, Theodor FontaneGabriele Radecke: Vom Schreiben zum Erzählen. Eine textgenetische Studie zu Theodor Fontanes L’Adultera. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, u. a. S. 48 (Snippet-Ansicht bei Google Books). und vielen anderen.
Widmanns kritische Besprechung von Nietzsches Jenseits von Gut und Böse im Bund gehörte zur frühesten Nietzsche-Rezeption und dürfte dem damals fast völlig unbekannten Philosophen einige Leser gewonnen haben; Nietzsche selbst fühlte sich darin allerdings zumindest teilweise missverstanden.
mini|Widmann-Brunnen in Bern alt=Sekundarschule Liestal. Widmann-Brunnen, Relief «Der Heilige und die Tiere». Eingeweiht am 6. Nov. 1961. Das Relief ist heute nicht mehr am Brunnen zu sehen.|mini|Widmann-Brunnen bei der Sekundarschule Burg in Liestal Josef Viktor Widmann starb wenige Monate vor Vollendung seines 70. Lebensjahres; seine Ehefrau Sophie überlebte ihn nur um neunzehn Tage.J. Sterchi: Berner Chronik vom 1. Nov. 1911 - 31. Okt. 1912. In: Freunde vaterländischer Geschichte (Hrsg.): Neues Berner Taschenbuch für das Jahr 1913. S. 280 f. u. 283 (Digitalisat auf e-periodica.ch).Carl Spitteler: Frau Joseph Viktor Widmann †. In: Autobiographische Schriften. Artemis, Zürich 1947 (Volltext im Projekt Gutenberg-DE). Beide wurden in einem Ehrengrab der Stadt Bern auf dem Schosshaldenfriedhof unter dem Mammutbaum (Familiengräber, Sektion F1, Nr. 113) beigesetzt.Lorenz Degen: An meine Widmann-Freunde zur Information. In: Liestal aktuell. Nr. 761 (Februar 2012), S. 12; (PDF; 7,4 MB).5. Josef Viktor Widmann. Journalist, Schriftsteller und Tierliebhaber. In: Der Schosshaldenfriedhof. Ein Spaziergang mit Geschichten. Stadtgrün Bern / Stadt Bern 2017; bern.ch (PDF; 3,7 MB)
Nachwirkung Zum Gedenken an Widmann wurde 1914 in Bern am Südende des Hirschengrabens (gegenüber der damaligen Bund-Redaktion) der aus Spenden finanzierteWidmann-Denkmal. In: Die Alpen. Monatsschrift für schweizerische und allgemeine Kultur. Heft 4, Dezember 1911, S. 246; e-periodica.ch (PDF; 420 kB). Widmann-BrunnenBildmaterial siehe Category:Widmann-Brunnen. Wikimedia Commons errichtet,Widmann-Brunnen in Bern (Rubrik Konkurrenzen). In: Schweizerische Bauzeitung. Nr. 23 vom 7. Juni 1913, S. 313 (doi:10.5169/seals-30728#2198 auf e-periodica.ch).Widmann-Brunnen in der Reihe «Einst und jetzt» der Wochenzeitung Bernerbär. den seit 1923 die Bronzestatue Jüngling mit Blaudrossel von Hermann Haller ziert; 1986/87 wurde die gesamte Anlage aufwendig saniert.Bernhard Furrer: Denkmalpflege in der Stadt Bern 1985–1988. S. 84 f. (Digitalisat). In Liestal wurde 1946 ein u. a. Widmann gewidmetes Dichtermuseum eröffnet.Chronik für den Monat Juli 1946 bei baselland.ch, abgerufen am 21. Januar 2018. Zu Widmanns 50. Todestag wurde am 6. November 1961 auf dem Pausenhof der Sekundarschule Burg in Liestal der Widmann-Brunnen eingeweiht; ursprünglich war an einer Seite des Beckens ein Relief mit dem Titel Der Heilige und die Tiere angebracht.Ernst Zimmerli: Baselbieter Heimatbuch. Band 9, 1962, S. 209. Foto: Rosmarie Leu-Müller, LiestalAuf dem Pausenhof der heutigen Sekundarschule Burg (Burgstrasse 35), siehe Chronik für den Monat November 1961 bei baselland.ch, abgerufen am 21. Januar 2018. Nach J. V. Widmann benannte Strassen gibt es in Liestal und Thun. bei streetdir.ch, abgerufen am 21. Januar 2018.Blog-Eintrag vom 29. Juli 2018 (mit Foto des Strassenschildes) von René P. Moor auf «Der Schrittler», abgerufen am 11. März 2019. Die Calle Larga Widmann in Venedig, die in den Ponte Widmann (Widmann-Brücke) übergeht, auf dessen anderer Seite wiederum nach rechts in südliche Richtung der Sotoportego Widmann abzweigt, ist nicht nach Joseph Victor Widmann benannt, wie das fälschlich behauptet wurde,Maria Waser: Widmann in Venedig. In: Die Schweiz. Band 14 (1910), S. 94 ff. sondern nach dem im gleichen Stadtteil gelegenen Palazzo Widmann, der einer Adelsfamilie des Namens gehörte: Amüsiert stellte dies Widmann in seinem Brief an Carl Spitteler vom 20. Februar 1910 richtig.Carl Spitteler – Joseph Voktor Widmann. Briefwechsel. Hrsg. von Werner Stauffacher. Bern, Stuttgart, Wien: Paul Haupt 1998, S. 732. Widmanns Nachlass wird im Dichter- und Stadtmuseum Liestal und in der Burgerbibliothek Bern. aufbewahrt.
Widmanns literarische Werke, zu denen Theaterstücke, Erzählungen, Versepen und Reisebeschreibungen gehören, sind heute weitgehend vergessen, werden jedoch allmählich wiederentdeckt.
Nachkommen Josef Viktor und Sophie Widmanns gemeinsame Kinder waren der Schriftsteller Max WidmannMax Widmann im Personenlexikon des Kantons Basel-Landschaft. (1867–1946), Maria Clementine (1868–1965),Person Sheet auf der privaten Webseite zur Lousmeau-Dupont Family von David Dupont. der Maler Fritz Widmann (1869–1937) sowie die Malerin Johanna Viktoria Schäfer-Widmann (1871–1943).Johanna Viktoria Schäfer-Widmann bei SIKART – Lexikon zur Kunst in der Schweiz. Sophie Widmann brachte zudem zwei Kinder mit in die Ehe: Mary Ellen Verena Brodbeck (1858–1943) und Leonie (1859–1946), eine der Initiantinnen des Verbands Schweizerischer Arbeiterinnenvereine.Leonie Steck-Brodbeck im Historischen Lexikon der Schweiz.
Auszeichnungen 1905: Bauernfeld-Preis 1909: Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar in Höhe von 1000 Marklaut Max Widmann «der deutsche Schillerpreis» (siehe Josef Viktor Widmann. Ein Lebensbild. Zweite Lebenshälfte. Huber, Frauenfeld u. Leipzig 1924, S. 348.) «Sehr maßgebende Leute hatten vor»,Anton Bettelheim: «Biographisches» von J. V. Widmann. In: Beilage zur Neuen Freien Presse. Nr. 16934 vom 12. November 1911, S. 31–34, hier Seite 33, Spalte 3 (Rubrik «Literaturblatt»). Widmann anlässlich seines 70. Geburtstages für den Nobelpreis vorzuschlagen, was infolge seines plötzlichen Todes jedoch unterbleiben musste.
Werke Dramen und Libretti, Prosa, Versepen, Lyrik Der geraubte Schleier. Dramatisirtes Märchen nach Musäus. Gustav Lücke, Winterthur 1864 (Digitalisat bei Google Books) (anonym:) Erasmus von Rotterdam. Historisches Spiel aus der Reformationszeit.Genre lt. BLKÖ (s. Literatur): «Schwank».Widmann als Autor belegt in Meyers Konversations-Lexikon 1905 und BLKÖ. Gustav Lücke, Winterthur 1865 (Digitalisat bei Google Books) Iphigenie in Delphi. Ein Schauspiel. Gustav Lücke, Winterthur 1865 (Digitalisat bei Google Books) Arnold von Brescia. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Huber, Frauenfeld 1866 (Digitalisat bei Google Books) Orgetorix. Ein Trauerspiel. Dem schweizerischen Volke. Huber, Frauenfeld 1867 (Digitalisat im MDZ; PDF (17 MB) bei digitale-sammlungen.de) Buddha. Eine epische Dichtung in zwanzig Gesängen. Verlag der Dalp’schen Buch- und Kunsthandlung, Bern 1869 (Digitalisat im Internet Archive) (unter Pseudonym): Kalospinthechromokrene oder der Wunderbrunnen von Is. Ein «Ritt ins alte romantische Land» mit manchen Rösselsprüngen in die modernste Gegenwart. Ausgeführt als Epische Dichtung in zwölf Gesängen von Messer Lodovico Ariosto Helvetico. Versepos. Huber, Frauenfeld 1871 (Digitalisat bei Google Books) Das Festgedicht. Komödie in zwei Aufzügen. Stämpflische Buchdruckerei, Bern 1873 (Digitalisat bei Google Books) Einweihungs-Cantate für das neue Gebäude der Einwohnermädchenschule in Bern. Componirt von Gustav Weber. Genossenschafts-Buchdruckerei, Zürich 1873 Moses und Zipora. Ein himmlisch-irdisches Idyll in zwölf Gesängen. Julius Springer, Berlin 1874 (Digitalisat bei Google Books) Der Widerspänstigen Zähmung. Komische Oper in vier Akten nach Shakespeare’s gleichnamigem Lustspiel frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann. Musik von Hermann Goetz. Leipzig [ca. 1875]; UA 1874 in Mannheim (Digitalisat bei MDZ, Klavierauszug im Internet Archive) zweisprachiges Textbuch: Der Widerspänstigen Zähmung – The Taming of the Shrew. New York nach 1910 (Digitalisat im Internet Archive) Huldigung dem Genius der Töne. Cantate für Solostimmen, Männerchor und großes Orchester. Musik von Robert Emmerich, Op. 46. André, Offenbach, 1875