mini|hochkant|Walter Kohn (2012)

Walter Kohn (* 9. März 1923 in Wien; † 19. April 2016 in Santa Barbara, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Physiker österreichischer Herkunft. 1998 wurde er für seine Entwicklung der Dichtefunktionaltheorie, deren Grundlage das Hohenberg-Kohn-Theorem ist, mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.

Leben Kohn wuchs in Wien als Sohn jüdischer Eltern auf. Er besuchte das Akademische Gymnasium in Wien und das Kaiser-Franz-Joseph-Realgymnasium. Sein Vater betrieb den von Salomon Kohn gegründeten Postkartenverlag Brüder Kohn. Während seine Eltern und viele weitere Verwandte im Holocaust umkamen, gelangte er mit einem Kindertransport nach England. Im Rahmen einer zwangsweisen Umsiedlung von „deutschen“ Zivilinternierten, die als Enemy Alien betrachtet wurden, erreichte er 1940 Kanada und wurde dort zusammen mit Josef Eisinger von dem bereits 1938 eingewanderten Bruno Mendel aufgenommen.Prof. Dr. Josef Eisinger: Flucht und Zuflucht – Erinnerungen an eine bewegte Jugend (PDF-Datei; 11,9 Megabyte). Hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien 2019, ISBN 978-3-901142-74-1, S. 118–152, 239Annette Puckhaber: Ein Privileg für wenige. Die deutschsprachige Migration nach Kanada im Schatten des Nationalsozialismus (PDF-Datei; 2,5 Megabyte). LIT-Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6219-4, S. 173 ff.How Canada lost its Nobel prize. In: Ottawa Citizen, 16. Oktober 1998 Im Zweiten Weltkrieg war er auf kanadischer Seite Soldat.

Kohn machte seinen Bachelor in Mathematik und Physik an der University of Toronto 1945 und ein Jahr später seinen Master in angewandter Mathematik. Zu seinen Lehrern gehörten H. S. M. Coxeter, John Lighton Synge, Leopold Infeld und Richard Brauer. 1948 promovierte er an der Harvard University bei Julian Schwinger in theoretischer Physik. Das Thema war das quantenmechanische Dreikörperproblem. Er lehrte von 1950 bis 1960 an der Carnegie Mellon University, dann bis 1979 an der University of California, San Diego. Ab 1953 bis Mitte der 1960er Jahre war er regelmäßig für Bell Laboratories tätig, wo er u. a. mit William B. Shockley und Joaquin M. Luttinger z. B. über die Theorie der Störstellen in Halbleitern zusammenarbeitete.

Im Jahr 1959 veröffentlichte er seine Entdeckung zur Kohn-Anomalie, einer Divergenz bezüglich der Dispersionsrelation bei Phononen. Der Beginn seiner Arbeiten zur Dichtefunktionaltheorie liegt nach Kohn in Arbeiten zur elektronischen Struktur von Legierungen (seit 1963). Zwei grundlegende Arbeiten dazu – zunächst in Paris mit Pierre Hohenberg zusammenarbeitete und dann in San Diego mit Lu J. Sham – waren 2005 die zwei meistzitierten Arbeiten in der damals über einhundertzehnjährigen Geschichte der Physical Review. Darin bewiesen Hohenberg und Kohn eine exakte, variationelle Formulierung des quantenmechanischen Vielteilchenproblem, in der alle gesuchten Eigenschaften durch die ortsabhängige Elektronendichtefunktion bestimmt sind. Kohn und Sham leiteten dann u. a. eine Darstellung ab, in der sich das Dichtefunktional iterativ und selbstkonsistent bestimmen lässt. Ein Grund für den großen Einfluss dieser Arbeiten ist die große Allgemeinheit und breite Anwendbarkeit der Resultate. Sie waren zudem sowohl praktisch wie konzeptionell wichtig. Einerseits erlauben sie mit vergleichbarem Aufwand deutlich genauere Näherungslösungen als frühere Methoden in der Festkörperphysik, Materialphysik und der Chemie. Zum anderen war der Beweis, dass es für jedes molekulare System „das richtige“ Dichtefunktional gibt, auch konzeptionell wichtig: er erlaubt es, statt der Vielteilchenwellenfunktion die direkt beobachtbare und viel leichter interpretierbare Einteilchendichte zu betrachten und führte zu einer sehr produktiven Fokussierung der Forschung auf Auffinden derselben, so der Chemiker Gregory Voth.

1979 war er Gründungsdirektor des Institute for Theoretical Physics in Santa Barbara und spielte mit personellen und inhaltlichen Entscheidungen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des zunächst für fünf Jahre finanzierten Instituts zu einer renommierten Institution. 1984 wurde er Professor an der University of California, Santa Barbara und seit 1991 war er dort professor emeritus. Seit 1957 war er US-Staatsbürger.

Er stiftete in Wien dem jüdischen Privatrealgymnasium Zwi-Perez-Chajes-Schule und dem Akademischen Gymnasium den Walter-Kohn-Preis für Arbeiten zum Zusammenhang von Menschenrechten und Naturwissenschaft.

Für seine Arbeiten zur Dichtefunktionaltheorie erhielt er 1998 den Nobelpreis für Chemie.

Kohn hatte aus erster Ehe drei Töchter, durch seine zweite Ehe war er mit dem Mikrobiologen Wolf V. Vishniac verschwägert. Er starb am 19. April 2016 in Santa Barbara (Kalifornien) im Alter von 93 Jahren.orf.at - Nobelpreisträger Walter Kohn gestorben. Science, 22. April 2016

Preise und Auszeichnungen mini|Ein Banner als Hinweis an der University of California in Santa Barbara, dass Walter Kohn 1998 den Nobelpreis für Chemie gewonnen hat. 1961: Oliver E. Buckley Preis in Festkörperphysik der American Physical Society (APS) 1977: Davisson-Germer-Preis der American Physical Society. 1988: National Medal of Science 1991: Feenberg-Medaille für seine entscheidenden Beiträge zur theoretischen Festkörperphysik und seine Entwicklung der Dichtefunktionaltheorie, die die Berechnung der elektronischen Struktur von Atomen, Molekülen, Oberflächen und Festkörpern in Physik, Chemie und Materialwissenschaft revolutionierte (Laudatio).for his seminal contributions to theoretical solid-state physics, and for his development of the density-functional theory that has revolutionized the calculation of electronic structure for atoms, molecules, surfaces, and solids in physics, chemistry, and materials science (Laudatio). Feenberg Memorial Medal 1996: Ehrendoktor der Technischen Universität Wien auf ORF vom 4. Dezember 2012, abgerufen am 5. Dezember 2012 1998: Nobelpreis für Chemie 1999: Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 2002: Prix des trois physiciens 2002: Ehrendoktor der TU Dresden 2003 Ehrendoktor der Freien Universität Berlin 2009: Großes Silbernes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik ÖsterreichAufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB) 2012: Ehrendoktor der Universität WienUni Wien ehrt drei NS-Flüchtlinge auf ORF vom 3. Dezember 2012, abgerufen am 3. Dezember 2012Uni:Blicke: Verleihung des Ehrendoktorats an die "Weltstars der Wissenschaft"

Er war seit 1960 Fellow der American Physical Society, seit 1963 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences, seit 1969 der National Academy of Sciences und seit 1994 der American Philosophical Society. 2003 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Im Jahr 2011 wurde er Ehrenmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).Walter Kohn wird Ehrenmitglied der ÖAW Seit 2006 war er auswärtiges Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Werke

Recherchehinweis Walter Kohn wird sowohl online als auch in der gedruckten Sekundärliteratur häufig mit dem 1923 im oberfränkischen Lichtenfels geborenen Politikwissenschaftler Walter Samuel Gerst-Kohn verwechselt bzw. mit dessen biographischen Daten vermischt.

Literatur (auch erschienen in den Biographical Memoirs der National Academy of Sciences (pdf))

Kohn, Walter. In: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band 2,1. Saur, München 1983, S. 643. Matthias Scheffler und Peter Weinberger (Hrsg.): Walter Kohn: Personal Stories and Anecdotes Told by Friends and Collaborators. Springer, Berlin, Heidelberg 2003, ISBN 978-3-642-55609-8, DOI:10.1007/978-3-642-55609-8

Weblinks

Website von Walter Kohn an der University of California at Santa Barbara Originaltöne: Walter Kohn im Online-Archiv der Österreichischen Mediathek (Lebensgeschichtliche Interviews, Radio-Porträt)

Einzelnachweise

Kategorie:Theoretischer Chemiker Kategorie:Physiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Absolvent der Harvard University Kategorie:Absolvent der University of Toronto Kategorie:Hochschullehrer (University of California, San Diego) Kategorie:Hochschullehrer (University of California, Santa Barbara) Kategorie:Hochschullehrer (Carnegie Mellon University) Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Österreichischer Emigrant zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Person im Zweiten Weltkrieg (Kanada) Kategorie:Österreichischer Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Nobelpreisträger für Chemie Kategorie:Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Mitglied der National Academy of Sciences Kategorie:Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der American Philosophical Society Kategorie:Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich Kategorie:Träger des österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst Kategorie:Träger der National Medal of Science Kategorie:Fellow der American Physical Society Kategorie:Ehrendoktor der Technischen Universität Wien Kategorie:Ehrendoktor der Universität Wien Kategorie:Ehrendoktor der Technischen Universität Dresden Kategorie:Österreicher Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1923 Kategorie:Gestorben 2016 Kategorie:Mann