mini|Büste von Herodot, 2. Jahrhundert n. Chr. Herodot von Halikarnass(os), kurz Herodot (; * 490/480 v. Chr.; † um 430/420 v. Chr.), war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler. Cicero verlieh ihm in seinem philosophischen Werk De legibus den bis heute oft zitierten Beinamen „Vater der Geschichtsschreibung“ ().Cicero, De legibus 1,5. Sein überliefertes Werk sind die wohl im 2. Jahrhundert v. Chr. in neun Bücher unterteilten Historien, die in Form einer Universalgeschichte den Aufstieg des Perserreichs im späten 6. Jahrhundert v. Chr. und die Perserkriege im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. schildern.
Der von Herodot in den Historien aufgemachte geographische Horizont umfasste sogar die Randzonen der den Griechen seiner Zeit vorstellbaren Welt, in denen Raum für Fabelwesen und Phantasiebilder war. Die Zusammensetzung des persischen Heeres unter Xerxes I. beim Feldzug gegen die Griechen war Herodot aber auch Anlass, auf die vielfältigen Besonderheiten in äußerem Erscheinungsbild und Kultur der beteiligten Völkerschaften einzugehen. Zudem berief er sich auf die eigenen Eindrücke seiner ausgedehnten Reisen. So enthält das Werk in großer Zahl Hinweise auf unterschiedlichste Alltagsbräuche und religiöse Riten, aber auch Reflexionen zu machtpolitischen Konstellationen und Verfassungsfragen dieser Zeit.
Leben Herodot wurde nach eigenem Bekunden in der griechischen Polis Halikarnassos in Kleinasien, dem heutigen Bodrum, geboren. Wie andere in seiner Familie stand er politisch in Opposition zu dem örtlichen Dynasten Lygdamis von Halikarnassos und musste in den 460er Jahren v. Chr. nach Samos ins Exil gehen. Nach dem Sturz des Lygdamis kehrte er vor der Mitte der 450er Jahre v. Chr. zurück, verließ Halikarnassos aber kurze Zeit später für immer.
Herodot unternahm nach eigener Aussage ausgedehnte Reisen, deren Chronologie jedoch unsicher ist: nach Ägypten, ins Schwarzmeergebiet, nach Thrakien und Makedonien bis ins Skythenland, in den Vorderen Orient bis nach Babylon, aber wohl nicht ins eigentliche Persien. Einige Forscher (die so genannte Liar school) bezweifeln diese Angaben allerdings und betrachten Herodot als „Stubengelehrten“, der die griechische Welt in Wahrheit nie verlassen habe.
Zwischen den von ihm berichteten Reisen hielt Herodot sich bevorzugt in Athen auf, wo er wie in Olympia, Korinth und Theben Vorlesungen aus seinem Werk gab, für die er stattlich honoriert wurde. Einer athenischen Inschrift zufolge erhielt er auf Antrag eines gewissen Anytos ein Geschenk von zehn Talenten.Will, Herodot und Thukydides 2015, S. 61, weist darauf hin, dass der 60.000 Drachmen entsprechende Betrag hoch erscheint (mit einer Drachme konnte etwa der Lebensunterhalt für einen Tag bestritten werden); andererseits habe der Sophist Protagoras sich seinen Unterricht von reichen Schülern mit 10.000 Drachmen bezahlen lassen. Zu Herodots zweiter Heimatstadt wurde die im Jahre 444/443 v. Chr. neu gegründete griechische Apoikia Thurioi am Golf von Tarent, wo er nach römischer Überlieferung die Historien vollendete und wo man im Bereich der Agora später sein Grab zeigte.Will, Herodot und Thukydides 2015, S. 62. Das Sterbejahr ist wie das Geburtsjahr nur ungefähr zu bestimmen, liegt aber jedenfalls nach dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges 431 v. Chr., auf den Herodot noch Bezug nahm.Will, Herodot und Thukydides 2015, S. 63.
Herodots Historien Einleitender Überblick mini|hochkant=1.7|Karte zu Herodots „Welt“. Als ein Werk von „erstaunlicher Größe und ungeheurer Wirkung“ werden die Historien in der neueren Forschung gewürdigt. Kein anderer Autor des Altertums habe sich so wie Herodot darum bemüht, seinem Publikum eine Vorstellung von der Vielfalt der ganzen Welt, wie er sie sah, zu vermitteln: von den verschiedenen Völkern in ihren Lebensräumen, von ihren jeweiligen Sitten und kulturellen Leistungen.Vgl. Reinhold Bichler, Robert Rollinger: Herodot. Hildesheim u. a. 2000, S. 11. Wolfgang Will sah Herodots Werk nach dem Ende des bipolaren Ost-West-Konflikts in einem neuen Aktualitätsbezug: Jenseits der zu Zeiten scheinbar so monolithischen Blöcke habe sich der Blick nun geöffnet für „das Gemisch von Ethnien mit ihren widerstreitenden Ordnungen“, wie es im kleineren Maßstab der antiken Welt bereits von Herodot beschrieben worden sei.So ist Herodot für Will einer der wenigen erfreulichen „Globalisierungsgewinner“. (Will, Herodot und Thukydides 2015, S. 246.). Noch in anderer Hinsicht bieten die Historien Anknüpfungsaspekte an die Welt der Gegenwart, denn bei Herodot stehen, anders als zum Beispiel bei Thukydides, auch Frauen öfters im Blickpunkt des Geschehens.Mehr als 200 Frauen handeln laut Will in den Historien; über 300 werden erwähnt. (Will: Herodot und Thukydides 2015, S. 149.).
Ursprünglich trug Herodot dem Publikum vielleicht einzelne, inhaltlich in sich geschlossene Abschnitte (so genannte lógoi) vor. Wann die Historien publiziert wurden, ist in der Forschung umstritten und kann kaum eindeutig beantwortet werden. Es gibt sichere inhaltliche Bezüge auf Ereignisse des Jahres 430 v. Chr., wohl auch indirekte Anspielungen auf Ereignisse im Jahr 427 v. Chr. Ungeklärt ist, ob andere Aussagen auf Geschehnisse im Jahr 424 v. Chr. Bezug nehmen.Vgl. dazu Reinhold Bichler: Herodots Welt. 2. Auflage, Berlin 2001, S. 377, Anmerkung 204. Die Aufteilung des Werkes in neun Bücher stammt nicht von Herodot; sie ergibt inhaltlich kaum Sinn und könnte mit der Zuordnung zu den neun Musen zusammenhängen, vielleicht ursprünglich in Alexandria als Ehrenbezeugung für den Verfasser angelegt.Will: Herodot und Thukydides 2015, S. 211. „Im 1. Jahrhundert v. Chr. war diese Aufteilung kanonisch. Der Historiker Diodor kennt sie in seiner noch vor Augustus publizierten Weltgeschichte.“ (Ebenda)
Den Dreh- und Angelpunkt der Historien bildet die abschließende Beschreibung der Perserkriege, wie Herodot bereits eingangs darlegt:
mini|Herodots Historien in einer Handschrift mit eigenhändigen Korrekturen des Humanisten Lorenzo Valla am Rand. Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. Gr. 122, fol. 41r und 122r (frühes 15. Jahrhundert) Dieses kurze Vorwort ist „gleichsam die Gründungsurkunde der abendländischen Geschichtsschreibung.“Will 2015, S. 66. Politiktheoretisch bedeutsam ist auch aus moderner Sicht die in den Historien enthaltene Verfassungsdebatte, in der die antiken Staatsformen gegeneinander abgewogen werden.Herodot 3, 80–84, griechischer Text mit Übersetzung Sie bietet unter anderem der Demokratieforschung frühe Ansatzpunkte.
Für sein Werk sammelte Herodot über viele Jahre Berichte von Chronisten, Händlern, Soldaten und Abenteurern und rekonstruierte auf dieser Basis so komplexe strategische Vorgänge wie den Kriegszug des Xerxes I. gegen Griechenland oder die berühmte Schlacht von Salamis. Ähnlich wie Hekataios von Milet bereiste Herodot nach eigenen Angaben viele der fernen Länder, über die er berichtete, selbst. Sein Wirken setzte Maßstäbe im Übergang zur Schriftkultur in der griechischen Antike und war zugleich noch stark geprägt durch Ausdrucksformen der mündlichen Überlieferung.
Ein detailliertes Inhaltsverzeichnis bietet der
Glaubwürdigkeit und Quellenwert mini|Herodot auf einer Sammelmarke für Langenscheidts Quellenlesebuch Über die Frage der Glaubwürdigkeit des Herodot herrscht bereits seit antiken Zeiten Uneinigkeit. Plutarch schrieb rund 450 Jahre später einen Traktat, in dem er ihn als Lügner verurteilte. In der neueren Forschung sehen die einen in ihm einen methodisch für seine Zeit erstaunlich gut arbeitenden Berichterstatter, andere meinen, er habe vieles frei erfunden und täusche Augenzeugenschaft nur vor. Bis heute hat sich dazu in der Forschung keine einheitliche Meinung herausgebildet.
Der Quellenwert der Historien ist folglich anhaltend umstritten. Für viele Ereignisse stellt Herodot allerdings die einzige Quelle dar, was der seit langem geführten Diskussion über die Zuverlässigkeit seiner Angaben besonderes Gewicht verleiht.Zusammenfassung der Forschung etwa bei Antonios Rengakos: Herodot. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. München 2011, hier S. 345–349. Welche Quellen Herodot heranzog, ist nicht immer sicher zu sagen.Vgl. als Überblick die Beiträge in Boris Dunsch, Kai Ruffing (Hrsg.): Herodots Quellen – Die Quellen Herodots. Wiesbaden 2013 sowie Simon Hornblower: Herodotus and his Sources of Information. In: Egbert J. Bakker, Irene J. F. de Jong, Hans van Wees (Hrsg.): Brill’s Companion to Herodotus. Leiden 2002, S. 373–386. Nach seinen eigenen Aussagen ist davon auszugehen, dass er sich vor allem auf die eigenen Reiseerfahrungen stützte, wobei allerdings auch die Historizität dieser Reisen in der Forschung teils in Frage gestellt wird,Belege bei Antonios Rengakos: Herodot. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. München 2011, hier S. 346. sowie auf Berichte von örtlichen Gewährsmännern. Detlev Fehling betrachtete die Quellen Herodots sogar weitgehend als fiktiv und dessen angebliche Nachforschungen und Reisen vor allem als literarisches Konstrukt.Detlev Fehling: Die Quellenangaben bei Herodot. Studien zur Erzählkunst Herodots. Berlin 1971 (die englische Übersetzung von 1989 unter dem Titel Herodotus and his ‘Sources’: Citation, Invention and Narrative Art [ISBN 978-0-905205-70-0] bietet in enger Zusammenarbeit mit dem Verfasser mehrere Änderungen). Diese Position wurde vor allem von angelsächsischen Forschern wie Stephanie West aufgegriffen und weiter ausgearbeitet; diese Forschungsrichtung wird von ihren Kontrahenten als die Liar School bezeichnet, da sie Herodot letztlich für einen Lügner halte – was zum Beispiel Fehling selbst zeitlebens bestritt. Zwar konnten sich die radikalen Skeptiker nicht durchsetzen; als Ergebnis der vor allem in den 1980er und 1990er Jahren geführten Forschungsdiskussion schätzt man Herodots Quellenwert für das 6. Jahrhundert heute aber insgesamt skeptischer ein als in der älteren Forschung.
Zweifellos hat Herodot auch schriftliche Quellen herangezogen, darunter vielleicht Dionysios von Milet, sicher aber Hekataios von Milet.Antonios Rengakos: Herodot. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. München 2011, hier S. 346f. Vgl. auch Robert Fowler: Herodotos and His Contemporaries. In: The Journal of Hellenic Studies 116 (1996), S. 62–87. Herodot widmete sich unter anderem dem Ziel, die orientalischen Hochkulturen, insbesondere Ägypten, genauer zu betrachten. Bekannt sind seine Erklärungen zum Pyramidenbau und zur Mumifizierung. Seine Quellen waren wohl vor allem die ägyptischen Priester; doch sprach Herodot selbst kein Ägyptisch. In der Forschung generell umstritten ist, wie sorgfältig Herodot im Einzelfall verfuhr, zumal gerade die mündliche Überlieferung sowie ein Bezug auf Inschriften (deren Texte Herodot, wenn überhaupt, nur in Übersetzung lesen konnte) problematisch ist.Zusammenfassend zur Glaubwürdigkeit und Quellen den gestrafften Forschungsüberblick bei Reinhold Bichler, Robert Rollinger: Herodot. Hildesheim u. a. 2000, S. 130f. und 133ff. Die Historien sind jedenfalls nicht frei von Fehlern (wie falschen Strecken- oder Zahlenangaben, Ortsbestimmungen und Ortsnamen). Fehlerhafte Angaben finden sich etwa in Bezug auf die ältere vorderorientalische und persische Geschichte. Herodots Darstellung der ihm zeitlich nächstgelegenen Perserkriege wird in der Forschung zum Teil ebenfalls kritisch betrachtet, zumal Ungenauigkeiten bzw. falsche Angaben nachweisbar sind, so z. B. bezüglich der Truppenstärken oder bestimmter chronologischer Einzelheiten. Andererseits gelingen Herodot oft sehr eindringliche Schilderungen großer Zusammenhänge, aber auch kleinerer Randbegebenheiten.