miniatur|250px|Angelo Bronzino, Allegorie des Glücks, (1564) Die Philosophie des Glücks (Glücksphilosophie) ist die Richtung der Philosophie, die sich mit der Natur und den Wegen zum Erlangen des Glücks bzw. der Glückseligkeit () auseinandersetzt. Sowohl die klassische westliche Philosophie (Philosophie der Antike) als auch die östliche Philosophie beschäftigen sich seit ihren Anfängen mit dem Thema Glück. Weil das Glücksstreben eine uralte Sehnsucht des Menschen ist, zählt der Themenkreis zu allen Zeiten zu den Kernelementen der Philosophie und wird dementsprechend auch von modernen Philosophen bearbeitet.

Glück in der Philosophie der Antike

Aristippos von Kyrene Der wahrscheinlich erste Philosoph, der eine komplette Glücksphilosophie entworfen hat, war Aristippos von Kyrene der von 435 v. Chr. bis ca. 355 v. Chr. lebte. Aristipp war ein Schüler des Sokrates und begründete die kyrenaische Schule, er gilt als Begründer des Hedonismus. In seiner Philosophie unterscheidet Aristippos zwei Zustände der menschlichen Seele, die Lust als sanfte und den Schmerz als raue, ungestüme Bewegung der Seele. (vgl. 1, S. 116) Dabei gibt es jedoch keinen Unterschied zwischen verschiedenen Lüsten, das heißt, dass jede Lust, unabhängig von ihrer Natur, die gleiche Qualität hat. Der Weg zum Glück ist es nun nach Aristipp, die Lust zu maximieren, dem Schmerz aber auszuweichen. Er behauptet gar, das bewusste Genießen sei der eigentliche Sinn des Lebens: „Als höchstes Ziel stellte er die sanfte (glatte), zur Empfindung sich steigende Bewegung hin.“ (1, S. 115)

Platon Platon lebte von etwa 428 v. Chr. bis um 348 v. Chr. in Athen, war Schüler des Sokrates, behandelte in seinen berühmten Dialogen seine Lehre und die seines Lehrers Sokrates. Die sophistischen und vorsokratischen Meinungen zum Thema Glück werden in den Dialogen kritisch betrachtet und im sokratischen Gespräch größtenteils grundsätzlich widerlegt. Laut Platon hat die menschliche Seele drei Teile: Die Vernunft, den Willen und das Begehren. Ein Mensch ist nur dann glücklich, wenn alle drei Seelenteile im Gleichgewicht sind, und miteinander im Einklang sind, das heißt sich nicht widersprechen.

Aristoteles Noch anders verwirklicht sich für Aristoteles das menschliche Wesen: In der Polis, das heißt in der Gemeinschaft, im Staat. Wer die in ihm liegenden Tugenden und Tüchtigkeiten innerhalb der Polisgemeinschaft von Natur aus entfaltet, ist glückselig. Vollendet glücklich kann ein Mensch jedoch erst genannt werden, wenn er mit äußeren Gütern hinreichend ausgestattet ist und sein ganzes Leben tugendgemäß verbringt.(3, vgl. S. 50)

In der Nikomachischen Ethik (l 6) geht Aristoteles zur Veranschaulichung seines Glücksbegriffs von Menschen und Organen aus, die eine bestimmte Funktion haben: der Flötenspieler oder Schuster; das Auge, die Hand, der Fuß. Ein solches Seiendes vollbringt ein Werk. Es besteht beim Schuster in einem bestimmten Produkt, beim Flötenspieler und beim Auge in einer bestimmten Tätigkeit. Es ist das Gut des betreffenden Seienden. Diese Überlegung wendet Aristoteles dann auf den Menschen als solchen an. Er fragt, worin dessen Werk bestehe. Wie Pflanze und Tier vollbringt der Mensch das Werk des Lebens. Sein Werk als Mensch liegt in dem Lebensvollzug, der ihn von Pflanze und Tier unterscheidet: der Vernunft­tätigkeit. Glück ist demgemäß also primär nicht ein Wohlergehen, die vollständige Befriedigung aller Bedürfnisse und Neigungen, sondern tätiges Sein, theoretische und praktische Vernunfttätigkeit als spezifisch menschlicher Lebensvollzug.

Glück und Tugend bilden nach Aristoteles eine Einheit. Ein Flötenspieler kann gut oder schlecht spielen; spielt er gut so aufgrund seiner Tüchtigkeit (Arete). Ebenso kann der Mensch die Vernunfttätigkeit gut oder schlecht ausüben, je nachdem, ob er sich in der Verfassung der Tugend (Arete) befindet oder nicht. Sein Glück besteht in dieser gut vollzogenen Vernunfttätigkeit.

Zum Glück gehören nach Aristoteles aber auch äußere Güter; es ist auch von der Gunst der äußeren Umstände abhängig. Freilich wird der sittlich Gute, wie ein guter Handwerker aus dem ihm vorgegebenen Material, aus den jeweiligen Umständen das Beste machen und so ein höchstmögliches Maß an Unabhängigkeit erringen. Das schließt aber nicht aus, dass auch er von den äußeren Zufälligkeiten des Lebens abhängig ist.

Unter beiden Rücksichten, als sittlich gute Tätigkeit und in seiner Abhängigkeit von den äußeren Gütern, ist das Glück an die menschliche Gemeinschaft (Polis) gebunden.

Epikur Ein wichtiger Glücksphilosoph der Antike ist Epikur, der von 341 v. Chr. bis 270 v. Chr. lebte, und die epikureische Schule gründete. Er beschreibt die Lust als Prinzip gelingenden Lebens. Dabei darf seine Position nicht mit der des Aristippos verwechselt oder gleichgesetzt werden. Glück ist für Epikur viel eher ein Freisein von Unlust als eine bedingungslose Hingabe an die Lust. So ist es das Hauptziel der epikureischen Glücksphilosophie, durch Schmerzvermeidung einen Zustand physischer Schmerzfreiheit zu erlangen. Dies funktioniert dabei nicht durch übermäßigen Genuss der weltlichen Güter oder Schwelgerei, sondern durch strategische Reduktion auf die notwendigsten Bedürfnisse. Epikur ist der Ansicht, dass jemand, der sich sehr hoch hinauswagt, auch sehr tief fällt, dass also extreme Lust auch immer extreme Unlust nach sich zieht. Deshalb empfiehlt er einen Weg des kleinen Glücks. Berühmt geworden ist der Schluss eines Briefes an seinen Freund Menoikeus: „Schicke mir doch einmal ein Stück kythischen Käse, damit ich, wenn ich Lust dazu habe, einmal recht schwelgen kann.“ (1, S. 228) Epikur selbst blieb tatsächlich in seinem letzten Lebensabschnitt auch immer beim kleinen Glück, wie ebendiesem Stück Käse, was aber auch nicht so sehr verwundert, wenn man seine Geschichte etwas näher kennt: Er wurde insgesamt siebenmal aus Athen vertrieben. Dabei wurde auch seine Schule niedergebrannt. Schließlich zog er sich in einen Garten zurück. Epikurs Philosophie ist dabei aber auch nicht mit der des Diogenes von Sinope zu vergleichen, der eine asketische Haltung vertrat, um den Zustand der Glückseligkeit im Verzicht zu erlangen. Durch diese asketische Lebensführung könne man dann den Zustand innerer Seelenruhe erlangen, indem man über die Todesfurcht siegt. Vielmehr glaubt Epikur schon daran, dass es ein glückliches Leben sei, nach dem der Mensch streben soll: „Die Glückseligkeit habe einen doppelten Sinn: in höchster Bedeutung sei sie der Gottheit gleichartig, die keine Steigerung zuläßt […]“ (1, S. 279) oder noch viel deutlicher: „Ich wüßte nicht, was ich mir überhaupt noch als ein Gut vorstellen kann, wenn ich mir die Lust am Essen und Trinken wegdenke, wenn ich die Liebesgenüsse verabschiede und wenn ich nicht mehr meine Freude haben soll an dem Anhören von Musik und dem Anschauen schöner Kunstgestaltungen.“ (1, S. 225)

Die Stoa Vollkommen andere Vorstellungen von Glück finden sich in der antiken Stoa, zum Beispiel bei Zenon von Kition, oder auch in der römischen Stoa bei Marcus Tullius Cicero und Seneca. Sie lehnen den Epikureismus ab und erheben die Tugend anstatt des Glücks zum Lebensprinzip. Lust wird abgelehnt. So schreibt zum Beispiel Zenon: „Begierde ist ein unvernünftiges Verlangen;“ (1, S. 59) oder: „Lust ist das unvernünftige Frohgefühl über eine scheinbar begehrenswerte Sache.“ (1, S. 60) Anders als bei Aristoteles wird das Erreichen der Glückseligkeit aber auch vom politischen Leben abgekoppelt, glückselig ist nunmehr der, der nach der Natur lebt. Da nur die Natur durch göttliche Vernunft bestimmt wird, heißt auch nur vernünftig, wer im Einklang mit der kosmischen Ordnung lebt und Leidenschaften und Begierden zurückdrängt. Chrysippos von Soli schreibt zum Beispiel in seinem Buch über das Schöne: „Das Recht besteht von Natur und nicht durch menschliche Satzung […]“ (1, S. 67) Vernünftig ist dann, wer aufgrund des sicheren Urteils die Tugend zum Maßstab des Handelns werden lässt. Man muss frei von Affekten und gleichgültig gegenüber seinem Schicksal (apatheia) sein. Wirkliche Freiheit besteht nur in Unabhängigkeit vom äußeren Geschick wie auch von den eigenen Leidenschaften und Wünschen. So lässt sich der Zustand der ataraxía erreichen, der für die Stoiker Glückseligkeit bedeutet.

Glück in der Philosophie des Mittelalters Die in der Antike aufgestellten Glücksphilosophien beherrschten auch die nachfolgenden Epochen bis hin zur Moderne, sie haben sogar Eingang in heutige Vorstellungen von Glück gefunden. Auch im die Philosophie des Mittelalters bestimmenden Christentum sind viele Ideen der antiken Glücksvorstellungen entlehnt, so zum Beispiel die Idee der Askese, die sich bei Diogenes von Sinope findet, oder eine Erlösungs­vorstellung, dass der dauerhafte Glückszustand nicht irdisch ist, sondern erst nach dem Tod, im Jenseits, erreicht werden kann, wie sie auch Platon beschrieb. Im Neuen Testament wird die Idee des Glücks vor allem in der Offenbarung des Johannes deutlich: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; […] und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ Hier ist auch wieder der Gedanke von Epikur zu finden, dass Glück mit Schmerzfreiheit gleichgesetzt werden kann. Im Alten Testament gibt es andere Vorstellungen von Glück: Der Gerechte, das heißt der, der Gottes Gebote befolgt, wird in diesem Leben mit einem erfüllten Leben belohnt. Zweifel an der Richtigkeit dieser Idee sind bereits im Alten Testament selbst formuliert, zum Beispiel im Buch Hiob, in dem das ungerechte Leiden eines Gerechten zum Thema wird. Hier liegt eine wichtige Basis für Vorstellungen, die sich im späten Judentum und in der christlichen Kirche durchgesetzt haben: Erlösung und Paradies nach dem Jüngsten Gericht. So wird im irdischen Leben eher Askese (vgl. z. B. den Zölibat) gepredigt und auf ein Glück im Jenseits verwiesen. Glücksphilosophie im Mittelalter verweist immer auf das Christentum.

Augustinus von Hippo Augustinus von Hippo, der von 354 bis 430 lebte, schrieb ein ganzes Buch, (5), über das menschliche Glück. Laut Augustinus ist Liebe der Grundbegriff der Ethik, dabei fällt diese mit dem menschlichen Willen zusammen. Das Endziel alles menschlichen Strebens liegt in der Glückseligkeit. Glückseligkeit kann der Mensch aber nicht etwa durch Befriedigung an Gütern von dieser Welt erhalten, sondern allein durch Gott. Nur in Gott, als unvergänglicher um seiner selbst willen geliebten Schöpfer, findet der Mensch Erfüllung seines Strebens.

Pseudo-Dionysius Areopagita In der sogenannten mystischen Theologie ist es vor allem Pseudo-Dionysius Areopagita, der um 500 lebte, der sich mit der Idee des Glücks beschäftigt. Nach ihm sehnt sich die menschliche Seele nach Gott. Dieses Sehnen kann nur durch eine mystische Vereinigung mit Gott befriedigt werden. Eine solche mystische Vereinigung kann nur in der Ekstase stattfinden, in der der Mensch dann auch sein Glück findet. Dionysius schreibt:

Glück in der Philosophie der Moderne In der Moderne setzen sich die verschiedenen Glücksbegriffe der Antike fort, wobei der Utilitarismus in der angelsächsischen Welt zur beherrschenden Philosophie wird und es auch heute noch ist. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist der Utilitarismus heute quasi Staatsphilosophie. Auf dem europäischen Festland konnte sich diese Richtung nicht in vergleichbarem Maße durchsetzen.

John Stuart Mill