mini|Ein Mahnbild des Holocaust: Foto vom Torhaus des KZ Auschwitz-Birkenau, Blick von innen nach der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Aufnahme Stanisław Mucha

Als Holocaustleugnung bezeichnet man das Abstreiten oder weitgehende Verharmlosen des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Juden. Holocaustleugner prägten dafür den Ausdruck „Auschwitzlüge“, der zum Synonym für ihre Leugnung wurde. Dabei steht der Name des größten Vernichtungslagers Auschwitz für den gesamten Holocaust.

Entgegen den gesicherten historischen Fakten behaupten die Leugner, die vom NS-Regime geplante und systematisch durchgeführte, auf Ausrottung zielende Ermordung von etwa sechs Millionen Juden habe nicht stattgefunden. Höchstens einige hunderttausend Juden seien im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgegner getötet worden oder an zufälligen Kriegsumständen, etwa Seuchen, gestorben. Zugleich bestreiten oder verschweigen die Leugner auch den Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.

Holocaustleugnung ist seit 1945 fester Bestandteil rechtsextremer Ideologien und eng mit dem Antisemitismus und einem auf die NS-Zeit bezogenen Geschichtsrevisionismus verbunden. Einige französische Vertreter des Negationismus waren ursprünglich linksgerichtet. Sie vertreten wie die Islamisten einen radikalen, antisemitischen Antizionismus. Die Leugner nennen sich „Revisionisten“ und geben ihre Texte als Forschungsbeiträge aus, präsentieren aber pseudowissenschaftliche Geschichtsfälschung im Dienst von Hasspropaganda gegen Holocaustopfer und deren Nachfahren.Robert Wistrich (Hrsg.): Holocaust Denial, Boston 2012, S. 2 Sie haben sich seit den 1970er Jahren zunehmend vernetzt und betreiben auch internationale Propagandakampagnen.

Die Neue Rechte betreibt eine Relativierung des Holocaust, die sich mancher Methoden und Argumente der Leugner bedient. Beide stützen sich mitunter gegenseitig, um eine Deutungshoheit über die NS-Vergangenheit zu gewinnen. Neurechte Autoren verschaffen rechtsextremer Scheinrationalität Respekt, indem sie die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verwischen.

Die Holocaustforschung lehnt ergebnisoffene Debatten mit Leugnern über deren evident falsche Behauptungen ab, um diese nicht zu Forschungsbeiträgen aufzuwerten. Sie tritt ihnen mit Aufklärung über die Tatsachen entgegen.Deborah Lipstadt: Denying the Holocaust, New York 1993, S. 1; Wayne Klein: Postmodernism and the Holocaust. Rodopi, Amsterdam 1998, ISBN 90-420-0581-5, S. 54

In Israel und den meisten Staaten Europas, darunter allen deutschsprachigen, ist Holocaustleugnung ein strafbarer Tatbestand. Die jeweilige staatliche Rechtslage beschreibt der Artikel Gesetze gegen Holocaustleugnung, holocaustleugnende Personen findet man in der Liste von Holocaustleugnern.

Motive und Ziele mini|Befehl Hitlers zur Geheimhaltung des Holocaust, 11. Juli 1943 Schon während des Holocaust selbst begannen die Täter das Verbrechen zu verbergen, um es später abstreiten zu können. Ab 1942 ließ das NS-Regime gezielt die Beweise dafür vernichten, um die Täter zu decken und mit den Opfern auch die Erinnerung an sie auszulöschen. Zudem befahl und benutzte es eine Tarnsprache, etwa „Evakuierung“ für Deportation, „Sonderbehandlung“ für Ermordung und „Endlösung“ für die Vernichtung aller erreichbaren europäischen Juden.Avraham Milgram, Robert Rozett: Der Holocaust: FAQs – Häufig gestellte Fragen. Gedenkstätte Yad Vashem (Hrsg.), Wallstein, Göttingen 2012, S. 27f. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1943 in die Defensive geraten war, befürchtete das NS-Regime, dass vorrückende sowjetische Truppen bald Beweise für die nationalsozialistischen Massenmorde finden würden. Daher ließ das Regime ab Juni 1943 bei der großangelegten „Sonderaktion 1005“ Massengräber in der Sowjetunion ausheben, die Leichen verbrennen und ihre Asche abtransportieren. Massenmordbefehle wurden oft nur mündlich erteilt, Schriftdokumente dazu auf Befehl des NS-Regimes zielgerichtet zerstört. Ab November 1944 wurden die Krematorien und Gaskammern im KZ Auschwitz-Birkenau zerstört. Diese Maßnahmen erschwerten die Rekonstruktion der NS-Verbrechen und die Bestrafung der Täter nach dem Krieg.Andrej Angrick: „Aktion 1005“ – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942–1945. Wallstein, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-4295-8, S. 9–12

Laut dem Holocaustüberlebenden Primo Levi verhöhnte ein Sprecher der Waffen-SS die Häftlinge eines Vernichtungslagers wie folgt:

Die meisten Leugner haben die Zeit des Nationalsozialismus nicht erlebt, vertreten aber ähnliche oder gleiche Ideologien. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Antisemitismus. Laut Historikern und Erziehungswissenschaftlern in den USA sind ihre Hauptziele: die öffentliche Sympathie für Juden zu verringern, ihren eigenen extremen Ideen Zustimmung und Legitimität zu verschaffen, Rassentheorien der „arischen Rasse“ zu rehabilitieren, den Staat Israel zu zerstören.Michael Gray: Teaching the Holocaust: Practical Approaches for Ages 11–18. Routledge, New York 2015, ISBN 1-138-79100-8, S. 99–102 Neonazis bekennen sich offen dazu, dass sie den Holocaust leugnen, um den Nationalsozialismus politisch wieder zustimmungsfähig zu machen.Ted Gottfried, Stephen Alcorn: Deniers of the Holocaust, Brookfield (Connecticut) 2001, S. 81

Holocaustleugnung ist nicht zwangsläufig rechtsextrem, kann aber nur mit klassischen antisemitischen Stereotypen und Verschwörungstheorien argumentieren.Christian Mentel: Holocaustleugnung. In: HdA 3, S. 126 Sie beruht auf der Fiktion eines „Weltjudentums“, das einen weltweiten Geschichtsschwindel inszeniert habe und ihn aufrechterhalte, um seine finstere Agenda umzusetzen. Einige Leugner behaupten, Juden hätten den Holocaust selbst geplant und gelenkt, um Reparationen zu erwirken und westliche Unterstützung für Israel zu verstärken. Antisemitische Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaft, Geschichtsrevisionismus und Extremismus gehören zu jeder Variante der Leugnung.BDMIR (OSZE) / UNESCO (Hrsg.): Mit Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, Paris / Warschau 2019, ISBN 978-92-3-000070-7 (Volltext online, PDF S. 23) Viele Leugner beziehen sich auf die antisemitische Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“ von 1918.Simon Epstein: Roger Garaudy, Abbé Pierre and the French Negationists. In: Robert Wistrich (Hrsg.): Holocaust Denial, Boston 2012, S. 91; Mark Weitzman: Globalisation, Conspiracy Theory, and the Shoah. In: Robert Wistrich (Hrsg.): Holocaust Denial, Boston 2012, S. 197; Klaus Faber, Julius Hans Schoeps, Sacha Stawski: Neu-alter Judenhass: Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2006, ISBN 3-86650-163-3, S. 108; Barbara Steiner: Die Inszenierung des Jüdischen: Konversion von Deutschen zum Judentum nach 1945. Wallstein, Göttingen 2015, S. 207

In Herkunftsländern der Täter, etwa Deutschland und Österreich, geht es den Holocaustleugnern um Schuldabwehr und Schuldumkehr. Dazu behaupten sie, Juden hätten ihre eigene Vernichtung herbeigeführt oder erfunden, um die Welt moralisch zu erpressen und finanziell auszubeuten. Sie benutzten den Holocaust für politische Vorteile, tabuisierten Kritik daran und verursachten so den Antisemitismus selbst. Diese Stereotype passen altbekannte Bilder, wie dass „der Jude“ ein „raffgieriger Parasit“ und „gerissener Lügner“ sei, an die aktuelle Lage an.Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-027772-2, S. 96, S. 159 und Fn. 57 Besonders deutsche Rechtsextremisten vertreten einen rückwärtsgewandten, aggressiven Nationalismus. Sie betrachten die NS-Verbrechen als Hindernis für „deutsche Identität“ und Nationalstolz, entschuldigen ihre Täter, Wegbereiter und Helfer. Sie bestreiten Ausmaß und Besonderheiten des Holocaust, um Reparationen zu beenden und ehemalige Ostgebiete des Deutschen Reiches zu beanspruchen.Fabian Fischer: Die konstruierte Gefahr: Feindbilder im politischen Extremismus. Nomos, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-8487-5149-5, S. 121

Die Holocaustrelativierung setzt den Holocaust mit anderen Massenverbrechen oder Massensterben gleich, um eine moralische Gleichwertigkeit zu behaupten. Die Alliierten hätten die Singularität des Holocaust konstruiert, um von eigenen Verbrechen abzulenken und Kritik daran zu tabuisieren. Wie die nationalsozialistische Propaganda erfinden oder übertreiben rechtsextreme Holocaustrelativierer alliierte Kriegsverbrechen und Massenmorde. Zur Aufrechnung und Schuldumkehr bezeichnen sie die Luftangriffe auf Dresden als „Bombenholocaust“ an den Deutschen und halten dazu an historisch widerlegten, weit überhöhten Opferzahlen fest.Martin Clemens Winter: Luftkrieg. In: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-00131-5, S. 204–212 Sie sprechen von einer „Siegerjustiz“ nach 1945, bestreiten die Rechtmäßigkeit aller NS-Prozesse und der eigenen Strafverfolgung.Michael Fischer: Horst Mahler. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2015, ISBN 3-7315-0388-3, S. 346 Sie unterstellen, dass ihre Gegner eine immerwährende Kollektivschuld der Deutschen vertreten, die nur durch das Bestreiten des Holocaust abzuschütteln sei.Elisabeth Klamper: Die Macht der Bilder: Antisemitische Vorurteile und Mythen. Picus, Wien 1995, ISBN 3-85452-275-4, S. 372 Sie behaupten, bei der Erinnerungskultur zu den NS-Verbrechen handle es sich um einen „Schuldkult“, den die Alliierten den Deutschen aufgezwungen hätten, um ihr Selbstbewusstsein dauerhaft zu schwächen, andere Staaten vor ihnen zu ängstigen und sie besser beherrschen zu können. Wer dann an den Holocaust erinnert, erscheint als „Nestbeschmutzer“ mit einem gestörten Verhältnis zum eigenen Volk.Bernd Struß: „Ewiggestrige“ und „Nestbeschmutzer“: Die Debatte über die Wehrmachtsausstellungen – eine linguistische Analyse. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, ISBN 3-631-58736-8, S. 252 Dahinter steht das von den Nationalsozialisten propagierte „gesunde Volksempfinden“, das nicht mit den Opfern fühlt, auch nicht den deutschen Juden darunter, und keine kritische Distanz zu den Tätern aufbringt.Monika Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Francke / UTB, Basel / Tübingen 2013, ISBN 978-3-8252-4039-4, S. 328 und 347

Verdrängung der NS-Zeit, „Schlussstrich“-Mentalität und Erinnerungsabwehr begünstigen dies. Umfang und Durchführung des Holocaust waren so außerordentlich, dass für viele unvorstellbar bleibt, dass Menschen dazu fähig waren. Dieses psychologische Motiv schließt an Schutzbehauptungen vieler Deutscher nach 1945 an, wie etwa die Phrase „Davon haben wir nichts gewusst“, und bestimmt auch spätere Generationen mit geringer Kenntnis der NS-Zeit.Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. 3. Auflage, Siedler, München 2009; Lars Rensmann, Julius H. Schoeps: Feindbild Judentum: Antisemitismus in Europa. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2008, ISBN 3-86650-642-2, S. 90 Nach einer globalen Studie der Anti-Defamation League (ADL) von 2013 und 2014 kannten nur 54 Prozent der Befragten den Begriff Holocaust. Davon bezweifelte knapp ein Drittel, dass er tatsächlich geschehen ist.Frank Schellenberg: Zwischen globalem Erinnerungsdiskurs und regionaler Perspektive. Nomos, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-95650-400-6, S. 23f.