mini|Kurt Hiller (1903) Kurt Hiller (* 17. August 1885 in Berlin; † 1. Oktober 1972 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller, pazifistischer Publizist und Aktivist der ersten Schwulenbewegung. Er kämpfte lebenslang für einen schopenhauerschen und antihegelianisch begründeten Sozialismus, für Frieden und sexuelle Minderheiten.
Leben mini|Gedenktafel an seinem Geburtshaus in Berlin-Kreuzberg mini|Gedenktafel am Haus Hähnelstraße 9 in Berlin-Friedenau, in dem Kurt Hiller von 1921 bis 1934 wohnte mini|Gedenktafel am Kurt-Hiller-Park, in Berlin-Schöneberg Kurt Hiller wurde in Berlin als Sohn des jüdischen Krawattenfabrikanten Hartwig Hiller (1854–1897) und dessen Ehefrau Ella Hiller, geb. Singer (1862–1936) geboren; sein Großonkel mütterlicherseits war der SPD-Reichstagsabgeordnete Paul Singer. Hiller machte 1903 sein Abitur als Primus Omnium am Askanischen Gymnasium in Berlin. Danach studierte er an der Berliner Universität Rechtswissenschaft bei Franz von Liszt und Philosophie bei Georg Simmel. Im November 1907 wurde Hiller als Externer an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg vom Juristen Karl von Lilienthal mit der Dissertation Die kriminalistische Bedeutung des Selbstmordes zum Dr. jur. promoviert. Die Dissertation war der Teil einer rechtsphilosophischen Arbeit unter dem Titel Das Recht über sich selbst, für die Hiller in Berlin keine Anerkennung fand, und in der er die Forderung aufstellte, das Strafrecht müsse die Selbstbestimmung des Menschen stärker berücksichtigen.Harald Lützenkirchen: Vor 100 Jahren promovierte Hiller in Heidelberg.
Ab 1904 war Kurt Hiller mit dem ebenfalls literarisch engagierten Medizinstudenten Arthur KronfeldIngo-Wolf Kittel: Zur historischen Rolle des Psychiaters und Psychotherapeuten Arthur Kronfeld in der frühen Sexualwissenschaft. befreundet, über den er das Denken des Göttinger Philosophen Leonard Nelson kennenlernte. Über Kronfeld trat deswegen im Juli 1908 Magnus Hirschfeld an ihn heran. Es entstand ein Kontakt, der in den folgenden fünfundzwanzig Jahren ein intensives Engagement Hillers im Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) zur Folge hatte.Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft: Person Kurt Hiller Auch dem Institut für Sexualwissenschaft war Hiller aktiv verbunden.Volkmar Sigusch: Geschichte der Sexualwissenschaft. Campus, Frankfurt 2008, S. 362 f.
In Berlin wurde Kurt Hiller als freier Schriftsteller zum frühen Pionier des literarischen Expressionismus: 1909 gründete er mit Jakob van Hoddis als ein Gründungsmitglied die Vereinigung Der Neue Club, zu dem bald auch Georg Heym und Ernst Blass stießen. Gemeinsam mit ihnen und unterstützt von bekannteren Künstlern wie Tilla Durieux, Else Lasker-Schüler und Karl Schmidt-Rottluff wurden sogenannte „Neopathetische Cabarets“ veranstaltet. Nachdem Hiller sich aus dem Club zurückgezogen hatte, gründete er mit Blass das literarische Cabaret GNU. Für die Zeitschriften PAN und Der Sturm schrieb er zahlreiche Beiträge, ebenso wie für Franz Pfemferts Aktion, bei deren Gründung er 1911 auch mitwirkte.Egon Günther: . In: Jungle World. Nr. 32, 9. August 2006 – u. a. über Hiller und die Gründung der Zeitschrift Die Aktion. Nachdem Hiller – wahrscheinlich über die Vermittlung Kronfelds, der seit 1908 in Heidelberg lebte – 1911 in der Beilage Literatur und Wissenschaft der regionalen Heidelberger Zeitung schon Die Jüngst Berliner vorgestellt hatte, publizierte er 1912 im Heidelberger Verlag von Richard Weissbach die erste expressionistische Lyrikanthologie Der Kondor.
In der Novemberrevolution versuchte er als Vorsitzender des von ihm mitgegründeten Politischen Rates geistiger Arbeiter, Einfluss auf die Politik zu nehmen.Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920. Bebra Verlag, Berlin 2015, S. 319–328. Diesem Engagement lag sein als Korrekturmodell zur Demokratie konzipiertes Ideal einer „Logokratie“ zu Grunde, das – anknüpfend an Platons Idee der „Philosophenkönige“ – die politische Herrschaft zwischen dem gewählten Parlament und einem Ausschuss der geistigen Elite und damit den Intellektuellen teilen sollte („elliptische Verfassung“).
1917 heiratete der homosexuelle Kurt Hiller seine Freundin Ella Lisa Gottheil, mit der er sich auf den Verzicht ehelichen Geschlechtsverkehrs geeinigt haben soll. Zeitlebens verschwieg Hiller seine sexuellen Erfahrungen mit Männern und bekannte sich erst als über 80-jähriger im zweiten Band seiner Autobiographie dazu. Allerdings hatte er verfügt, dass diese Aufzeichnungen erst nach seinem Tod veröffentlicht werden durften.
1919 gründete Kurt Hiller zusammen mit Armin T. Wegner den Bund der Kriegsdienstgegner (BdK), dem 1926 auch die renommierte Pazifistin Helene Stöcker beitrat. 1920 trat er der Deutschen Friedensgesellschaft bei, zu deren linkem Flügel er gehörte. Hier trat er dafür ein, dass sich der deutsche Pazifismus an der Sowjetunion orientieren müsse, obwohl er deren Leninismus sehr kritisch gegenüberstand. Da die Mehrheit aber auf das bürgerlich-demokratische Frankreich ausgerichtet blieb, kam es zu heftigen Konflikten in der DFG, die eskalierten, als Hiller in kommunistischen Blättern den bürgerlichen Pazifisten Friedrich Wilhelm Foerster und Fritz Küster vorwarf, sie würden sich von den Franzosen bezahlen lassen – eine Unterstellung, die den zahlreichen rechten Gegnern der deutschen Friedensbewegung reichlich Munition für ihre Polemik gab. Carl von Ossietzky kommentierte im Oktober 1924 in der Zeitschrift Das Tage-Buch:
Hiller gründete 1926 die Gruppe Revolutionärer Pazifisten, mit der er innerhalb der DFG vergeblich versuchte, seinen Einfluss zu vergrößern. Er trat für eine neue, gewaltfreie und sozial gerechte Gesellschaft ein, zu deren Erreichung der Kapitalismus überwunden werden müsse, ein Zweck, zu dem der radikale Pazifist auch „progressive“ Gewalt nicht ausschloss.
Nicht nur an solchen Widersprüchen stießen sich auch Hiller Nahestehende: Bereits Ende 1918 kam es zum Bruch mit Siegfried Jacobsohn, dem Herausgeber der Weltbühne, in der Hiller von 1915 regelmäßig mit Beiträgen vertreten war, sodass die publizistische Zusammenarbeit für die nächsten sechs Jahre unterbrochen wurde. Auslöser für das Zerwürfnis war Jacobsohns in der Rubrik „Antworten“ am 12. Dezember 1918 veröffentlichter Beitrag Kurt Hiller, in dem er seinen Austritt aus dem „Rat geistiger Arbeiter“ begründete. 1924 nahm Hiller die Mitarbeit an der Weltbühne wieder auf; sie war aber auch künftig nicht immer frei von Spannungen. Jacobsohn klagte zum Beispiel 1926 in einem Brief an Kurt Tucholsky:
Am Anfang desselben Jahres veröffentlichte Hiller in der Weltbühne einen Aufsatz, den er zunächst für eine ausländische Tageszeitung verfasst hatte und in dem er Bewunderung für den „Kraftkerl Mussolini“ (Mussolini und unsereins, 12. Januar 1926) äußerte. Am „Duce“ faszinierte ihn die kühne Ästhetik seiner öffentlichen Auftritte und vor allem die schlagkräftige politische Durchsetzungskraft, die so gar nichts von der oft zähen Kompromisspolitik der mittleren Weimarer Republik hatte:
Im Jahr darauf spottete er: „Der Fascismus hat immerhin Wein im Blut, der deutsche Republikanismus Bier“ (Das Ziel entscheidet, 12. Juli 1927). Bei aller, allerdings nie unkritischer, Faszination von MussoliniDieter Saalmann: Kurt Hiller und Mussolini. In: Orbis Litterarum. Band 38, Nr. 2, 1. Juni 2007, S. 150–167. warb Hiller kurz darauf dafür, bei den Reichstagswahlen die KPD zu wählen. Enttäuscht von der SPD, für die er vorher noch eingetreten war, schrieb er im Mai 1928 in der Weltbühne, nunmehr müsse man trotz aller Vorbehalte „in den kommunistischen Apfel … beißen: Er ist sauer, aber saftig“.
In der Weltbühne überraschte er immer wieder durch seine Analysen und Urteile – auch über den „Neuen Nationalismus“: „Der Neue Nationalismus“, zitierte er etwa in einem am 20. September 1927 erschienenen Beitrag Franz Schauwecker, „kann nicht den Willen haben, eine fremde Nation zu vergewaltigen.“ Hillers Kommentar dazu:
1932 fragte er in seinem Beitrag Linke Leute von rechts über Nationalrevolutionäre wie Karl Otto Paetel und Otto Strasser:
Bemerkenswert ist auch Hillers zweiteilige Analyse der Ursachen des nationalsozialistischen Erfolgs in der Weltbühne vom 23. und 30. August 1932:
Nachdem Hirschfeld, nach vereinsinternen Auseinandersetzungen über die weitere Taktik, am 24. November 1929 vom Vorsitz des WhK zurücktrat, wurde Hiller zum zweiten Vorsitzenden gewählt, was er bis zur Auflösung des WhKs blieb.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Hiller, der als Pazifist, Sozialist, Jude und Homosexueller den Nazis verhasst war, wiederholt inhaftiert. Zunächst saß er im April und Mai 1933 in der Festung Spandau ein, dann von Juli bis Oktober 1933 im Columbia-Haus, einem Terrorlager der Gestapo in Berlin, von Oktober 1933 bis Februar 1934 im alten Zuchthaus in Brandenburg, schließlich war er bis April 1934 im KZ Oranienburg inhaftiert und wurde jeweils schwer misshandelt. Dank der Fürsprache von Rudolf Heß wurde er aus dem KZ entlassen.Es war Rudolf Hess! Kurzinfos aus dem Nachrichtenbrief Nr. 12 der Hiller-Gesellschaft.
Hiller floh nach Prag. Dort traf er Walter D. Schultz (Walter Detlef Schultz, 1910–1964), den er bereits aus der Haft in Deutschland kannte und mit dem er lebenslang befreundet blieb. Hiller schrieb zahlreiche Liebesgedichte, die er Walter widmete und die im Jahr 1965 unter dem Titel Das Buch Archangelos. Ein Grabmal. als Privatdruck erschienen. In der Zeitschrift Die neue Weltbühne, welche von William S. Schlamm und Hermann Budzislawski geleitet wurde, veröffentlichte Hiller zwischen 1934 und 1936 zahlreiche Artikel. Außerdem gab er während seiner Zeit in Prag zusammen mit dem Nationalrevolutionär Otto Strasser die „Prager Erklärung“ heraus, ein Manifest gegen das faschistische Deutschland der Nazis. Am 11. Juni 1935 verfügten die Nazi-Behörden die Ausbürgerung Hillers.
1938 emigrierte Kurt Hiller aus Angst vor dem drohenden Einmarsch der Nazis nach London. Im Exil in London gründete er den Freiheitsbund Deutscher Sozialisten und die Gruppe Unabhängiger Deutscher Autoren. Von Juni 1940 bis Februar 1941 wurde Hiller als „Enemy Alien“ („feindliche Ausländer“) im Onchan Internment Camp bei Douglas interniert.Alexander Gallus: Heimat „Weltbühne“. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Wallstein-Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1117-6, S. 128. Hiller ließ sich dazu bewegen, für den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 über die Tätigkeit des Freien Deutschen Kulturbund zu berichten,Charmian Brinson, Richard Dove, Anna Müller-Härlin: Politics by other means. The Free German League of Culture in London 1939–1946. Vallentine Mitchell, London 2010, ISBN 978-0-85303-862-7, S. 158. außerdem über zahlreiche Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Über John Heartfield (Helmut Herzfeld) urteilte er abschätzig, vergleichsweise positiv über Jürgen Kuczynski. Ein vernichtendes Urteil fällte er über Sebastian Haffner.Alexander Gallus: Heimat „Weltbühne“. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Wallstein-Verlag, Göttingen 2012, S. 129–130.
mini|Ruhestätte Kurt Hillers auf der Grabstelle Walter Schultz auf dem Friedhof Ohlsdorf