mini|Siebenschläferhöhle von Ephesos Die Legende von den Sieben Schläfern ist eine Heiligenlegende mit einer Tradition im Christentum und im Islam. In ihr wird beschrieben, wie sieben junge Männer auf der Flucht vor einer Glaubensverfolgung Schutz in einer Höhle suchten und dort, von Gott behütet, in einen mehrere Jahrhunderte andauernden Schlaf verfielen. Sagen und Legenden mit einem vergleichbaren Motiv sind weit verbreitet.Der für die Erzählforschung maßgebliche Aarne-Thompson-Index führt das Motiv vom Zauberschlaf unter der Sigle AaTh 766 („Siebenschläfer“). Es wird vermutet, dass der Ursprung des Motivs in vorchristlicher Zeit liegt.
Im Christentum mini|Siebenschläfer-Figurengruppe in der St.-Jakobus-Kapelle Keßlingen (Saarland) Die Legende der Sieben Schläfer von Ephesus wurde zuerst von Jakob von Sarug fixiert. Unter anderem gibt es auch Fixierungen von Gregor von Tours, Dionysius Telmaharensis und Jacobus de Voragine sowie Prosatexte und islamische Texte. Vermutlich existierte bereits um 500 n. Chr. eine vollständige Version.
Legende Im Jahr 251 kommt der römische Kaiser Decius nach Ephesos, um persönlich an den Opferfesten für die heidnischen Götter teilzunehmen und bei dieser Gelegenheit auch die Christenverfolgung zu überwachen. Einige Christen verstecken sich vor Decius, sie werden jedoch gefunden und müssen den Märtyrertod sterben. Die Leichen werden auf den Stadtmauern gestapelt; diese drohen unter der Menge der Toten einzustürzen. Sieben Christen, Söhne aus vornehmen Familien, die bei Decius Palastdienst versehen, werden verraten und zum Kaiser gebracht. Als sie sich weigern, den heidnischen Göttern zu opfern, gibt ihnen der Kaiser in Anbetracht ihres jungen Alters eine Bedenkzeit und begibt sich auf eine Reise in die umliegenden Ortschaften.
Jetzt beginnen die Sieben, Almosen für die Armen der Stadt zu sammeln und zu verteilen. Sie fassen den Plan, sich in einer Höhle im Berg Anchilus zu verstecken, damit sie in Ruhe zu Gott beten können. Den Jüngsten von ihnen schicken sie, als Bettler verkleidet, in die Stadt, um Nahrungsmittel zu kaufen. Justament kommt Decius zurück. Der Junge flüchtet aus der Stadt und kehrt zu den anderen in die Höhle zurück. In der Eile war es ihm nicht gelungen, ausreichend Brote zu erstehen. Die Gefährten brechen in Wehklagen aus, speisen von den nur knappen Lebensmitteln und schlafen schließlich, ihre Seelen in die Hände Gottes legend, sanft ein.
mini|Decius beauftragt das Zumauern der Höhle. Aus einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert.
Decius gibt den Befehl, nach den sieben Jünglingen zu suchen. Da sie nicht gefunden werden, droht er den Vätern der Sieben Folter an. Diese verraten daher, wo sich die Gefährten versteckt halten. Decius glaubt, die Jünglinge würden noch leben, und lässt den Höhleneingang verschließen:
Theodorus und Rufinus, zwei weitere christliche Diener des Kaisers, beschließen, das Geschehene heimlich auf bleiernen Tafeln niederzuschreiben. Sie verstecken diese in einer Schatulle unter den Steinen am Höhleneingang. Bald darauf stirbt Decius.
Im 38. Regierungsjahr des Kaisers Theodosius II. bestreiten in der Region Häretiker die Auferstehung der Toten, und selbst Kaiser Theodosius ist sich in seinem Glauben nicht sicher. In Ephesos will Adolius einen Viehstall bauen, und seine Arbeiter verwenden hierfür die Steine vom Eingang der Höhle. Als sie geöffnet ist, erweckt Gott die sieben schlafenden Jünglinge zu neuem Leben. Sie erheben sich, erkennen aber nicht, dass sie ungefähr 200 Jahre geschlafen haben. So gibt der jüngste von ihnen zu bedenken:
Daraufhin nimmt er sich etwas Geld, um in die Stadt zu schleichen und neue Lebensmittel zu kaufen. Als er zum Höhleneingang kommt, erzittert er, da er sich die Steine dort nicht erklären kann. Er ist auch sehr verwundert darüber, auf den Stadttoren von Ephesos Kreuze zu erkennen, überall die Menschen Christus anrufen zu hören und viele veränderte Gebäude zu sehen. Der Händler, bei dem er Brote kaufen will, kann sich die Herkunft der alten Münzen, die noch das Bild des Kaisers Decius zeigen, nicht erklären. Der Jüngling wird gefesselt, durch die Stadt geführt und schließlich zum Bischof und zum Statthalter gebracht. Diese verhören den Jüngling, der nun erfährt, dass Decius bereits vor langer Zeit gestorben ist. Der Junge führt das Volk zur Höhle, und der Bischof entdeckt dort die Tafeln mit der niedergeschriebenen Geschichte. Als sie die Höhle betreten, erglühen die Antlitze der Sieben und glänzen wie Licht. Das Volk dankt Gott, dass es dieses Wunder schauen durfte, und benachrichtigt Kaiser Theodosius. Beim Eintreffen des Theodosius bezeugen die Sieben ihre Auferweckung und entschlafen dann endgültig. Der Kaiser, gefestigt in seinem Glauben, lässt über der Höhle eine Kirche errichten.
Wichtige Entwicklungspunkte und Widersprüche in den christlichen Legenden Die Überlieferungen der Heiligenlegende von den Sieben Schläfern variieren sowohl in der Länge des Textes als auch in der Ausführlichkeit bei Detailfragen. Das Resultat sind teilweise stark widersprüchliche Angaben zu einzelnen Punkten der Legende. Am auffälligsten kann dies bei der Anzahl der Jünglinge, bei den Namen der Sieben Schläfer, bei der Dauer des Schlafes sowie bei der Thematik der Häresie beobachtet werden.
Anzahl der Jünglinge Jakob von Sarug berichtet – ebenso wie Dionysius Telmaharensis nach ihm – noch eindeutig von acht jungen Männern: dem Sohn des Prokonsuls und seinen sieben Gefährten. Das Buch Theodosius de situ terrae sanctae aus dem frühen 6. Jahrhundert erzählt wie die islamische Version im Koran von sieben Männern und einem Hund. Durchgesetzt hat sich in der christlichen Tradition schließlich die Variante mit sieben Jünglingen ohne Hund, wie sie beispielsweise Gregor von Tours überlieferte.
Namen der Sieben Die Frage nach den Namen der Sieben Schläfer hängt eng zusammen mit der Anzahl der Jünglinge. Jakob von Sarug gibt nur einen Namen an: Jamblichus, welcher bei ihm nach der Auferweckung mit dem Volk zur Höhle zurückkehrt. Das Buch Theodosius de situ terrae sanctae, welches zeitlich als Nächstes erschienen ist, überliefert bereits sieben Namen. Bei Gregor von Tours finden sich zum ersten Mal die Namen, welche in allen lateinisch abgefassten Überlieferungen vorzufinden sind. + Die Namen der Jünglinge in den verschiedenen Überlieferungen (Auswahl) Quelle Jahr Zahl der Schläfer überlieferte Namen Jakob von Sarug ~ 500 8 Jamblichus (+ sieben Gefährten) Theodosius de situ terrae sanctae ~ 530 7 + 1 Hund Achilledes, Diomedes, Eugenius, Stephanus, Probatius, Sabbatius, Quiriacus Gregor von Tours ~ 560–590 7 Maximilianus, Malchus, Martinianus, Constantinus, Dionysius, Johannes, Serapion Dionysius Telmaharensis ~ 750–770 8 Maximilianus, Jamblicha, Martelus, Dionysius, Johannes, Serapion, Exustadianus, Antonius Jacobus de Voragine: Legenda aurea ~ 1270 7 Maximian, Malchus, Marcianus, Dionysius, Johannes, Serapion, ConstantinTunc in illa urbe inventi sunt Christiani septem: Maximianus, Malchus, Marcianus, Dionysius, Iohannes, Serapion et Constantinus, qui hoc videntes nimis dolebant. Vgl.: Legenda aurea. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Rainer Nickel. 1988, S. 250.
Dauer des Schlafes Die meisten christlichen Überlieferungen geben basierend auf Jakob von Sarug an, dass die Zeit des Schlafes 372 Jahre betragen hat. In der Sure Al-Kahf aus dem Koran, wird eine Zeit von 309 Jahren erwähnt. Die Zeit zwischen Decius und Theodosius II. beträgt jedoch nicht einmal 200 Jahre. Einige Chronisten überliefern einen annähernd realistischen Zeitraum, so zum Beispiel Georgios Kedrenos mit 170 Jahren oder Jacobus de Voragine mit 196 JahrenQuod CCCLXXII annis dormiisse dicuntur, dubium esse potest, quia anno Domini CCCCXLVIII surrexerant, Decius autem regnavit uno tantum anno et tribus mensibus, scilicet anno Domini CCLII. Et ita non dormierunt nisi CXCVI annis., frei übersetzt etwa: Dass sie 372 Jahre geschlafen haben sollen, kann bezweifelt werden, weil sie im Jahre des Herrn 448 auferstanden sind, Decius aber lediglich ein Jahr und drei Monate regiert hat, nämlich Im Jahre des Herrn 252. Und somit haben sie 196 Jahre geschlafen. Vgl.: Legenda aurea. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Rainer Nickel. 1988, S. 262.. Da die Heiligenlegende ursprünglich von Gelehrten niedergeschrieben wurde, ist anzunehmen, dass ihnen diese Diskrepanz von über 170 Jahren zwischen der angegebenen Schlafdauer und der geschichtlichen Rahmung mit Decius und Theodosius aufgefallen sein müsste.
Im Jahre 402 wurde Theodosius II. von seinem Vater bereits zum Mitkaiser (Augustus) ernannt. Das 38. Regierungsjahr des Theodosius II. ist also das Jahr 440. Rechnet man von diesem Jahr 372 Jahre zurück, ergibt sich das Jahr 68, in dem Kaiser Nero gestorben ist. Unter seiner Herrschaft fand eine Christenverfolgung statt, von der noch Jahre später mit Grauen gesprochen wurde. Die Verwendung der Zahl 372 verstärkt somit den Eindruck der Wunderwirkung beim Leser sowohl durch die sehr lange Zeitspanne als auch durch den Hinweis auf die schlimmen Gräueltaten unter Nero, wodurch die Verfolgung der Jünglinge dramatischer wirkt.John Koch sieht hier „die Erklärung für jene eigentümliche Dauer des Schlafes.“ Vgl.: Die Siebenschläferlegende. 1883, S. 71.
Häresie Redaktionelle Arbeit und zeitgeschichtliche Ereignisse scheinen die Legende bei diesem Thema beeinflusst zu haben: Jakob von Sarug erwähnt in seiner ersten Überlieferung keine Häresie, ein früher syrischer Prosatext führt einen Streit über die Auffassungen des Origenes an, Gregor von Tours schreibt bereits von Häretikern. Während der Herrschaft von Theodosius II. wurde die Bewunderung heidnischer Philosophien durch den Bischof Synesios von Kyrene problematisch gesehen. Er bezweifelte auch die Auferstehung. Er könnte der Grund für den Einzug des Häresiearguments in die Legende gewesen sein.
Eine weitere mögliche Ursache stellt das Zweite Konzil von Konstantinopel dar, das die Ideen des Origines verurteilt hat. Dieses fand kurz vor der vermutlichen Abfassung der Legende durch Gregor von Tours statt.
Heiligenverehrung mini|Darstellung der Sieben Schläfer im Hochaltar der Kirche in Rotthof Im katholischen Heiligenkalender wird der Sieben Schläfer am 27. Juni gedacht. Ausnahmen bilden die Bistümer Regensburg (12. September) sowie Aquileia, Salzburg und Passau (13. September). Der griechisch-orthodoxe Gedenktag ist der 4. August, der ostkirchliche der 23. Oktober. Die Sieben Schläfer gelten als Schutzpatrone der Schiffer, werden aber auch bei Fieber und Schlaflosigkeit angerufen. In der christlichen Variante nach westlicher Tradition handelt es sich bei den Sieben Schläfern um die sieben Brüder Maximian, Malchus, Martinian, Dionysius, Johannes, Serapion und Constantin; in der orthodoxen Tradition heißen sie Maximilian, Jamblicus, Martinian, Johannes, Dionysius, Constantin und Antoninus.
Als Handlungsort gilt gemeinhin die Stadt Ephesos, wo auch heute die Siebenschläferhöhle mit einer Kirche und einem Grabbezirk zu sehen ist.
Es gibt mehrere den Sieben Märtyrern von Ephesos geweihte Kirchen. In Deutschland ist ihnen z. B. die Siebenschläferkirche in Rotthof (Ortsteil von Ruhstorf an der Rott/Niederbayern) geweiht, in Frankreich die Kapelle der sieben Heiligen in Le Vieux-Marché/Bretagne.
Der Islamwissenschaftler Louis Massignon initiierte eine gemeinsame Wallfahrt von Christen und Muslimen nach Sept-Saints, denn es gibt eine Reihe anderer Orte, an denen in Höhlen die Siebenschläfer verehrt werden (nach Paolo Dall’Oglio in Syrien, in der Türkei, in Ägypten, Jordanien und Tunesien) und wo Christen wie auch Muslime zu solchen Stätten pilgern.
Im Islam Im Koran wird die Legende der „Gefährten der Höhle“ () nacherzählt. Sie ist die einzige im Koran vorhandene christliche Legende, die weder in der Bibel noch in den apokryphen Schriften existiert.
Überlieferung im Koran