mini|rechts|200px|Inbegriff des deutschen Kitsches: der Gartenzwerg Kitsch steht zumeist abwertend als Synonym für etwas, das unnötigerweise Gefühle oder Sehnsüchte wachruft. „Kitsch“ steht heute überwiegend für alles, was als übertrieben rührselig, anbiedernd oder niedlich empfunden wird, oder auch für Dinge, die oberflächlich „schick“ und praktisch wirken, aber letztendlich völlig überflüssig sind (vergleiche Ramsch). Unter Kitsch fallen überwiegend Kunstobjekte (wie zum Beispiel Putten und Postkartenmotive), Dekorationsobjekte (zum Beispiel Nippes und Gartenzwerge), Gebäudegestaltungen (zum Beispiel bestimmte Fassadengestaltungen) oder Gebäude selbst (Schlösser und Burgen wie beispielsweise Neuschwanstein). Aber auch Musikrichtungen wie zum Beispiel Volksmusik, Heimatmusik und Country-Musik werden oft als „kitschig“ wahrgenommen. Eine einheitliche Definition von Kitsch bleibt jedoch schwierig, weil sie rein subjektiv ist. Der Begriff „Kitsch“ hat Eingang in verschiedene Fremdsprachen gefunden, so unter anderem ins Englische (wo es bereits bestehende Begriffe wie Camp ablöst) und ins Portugiesische.Kathrin Ackermann, Christopher F. Laferl: Kitsch und Nation: Zur kulturellen Modellierung eines polemischen Begriffs. transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8394-2947-1, S. 10–13 u. 131–134.
Etymologie Die genaue Abkunft des wahrscheinlich in den 1870er Jahren im Münchner Kunsthandel entstandenen Wortes bleibt unsicher und wird verschieden gedeutet. Der älteste bisher bekannte Beleg stammt aus dem Jahr 1878. Es handelt sich um ein satirisches Epigramm von Max Bernstein auf das in München ausgestellte Gemälde Bosnische berittene Insurgenten von Franz Adam:
Bosnisch Getümmel! Bosnische Schimmel! Bosnische Männer auf „itsch“ und „ritsch“! Bosnische Berge! Bosnischer Himmel! alles echt bosnischer „Kitsch“!Zit. nach Jürgen Joachimsthaler: Max Bernstein. Frankfurt/M. 1995, S. 38.
Die jüngere Forschung zur Etymologie des Kitschbegriffs konnte bereits für das Jahr 1860 einen Beleg für die Verwendung des Begriffs in Verbindung zu einem ästhetischen Gegenstand ausfindig machen. Im Text des Schriftstellers Wolfgang Müller von Königswinter wird ein Maler gefragt, ob er „schon viel Kitschen aufgenommen“ hat, woraufhin er die Schönheit der Landschaft lobt und antwortet, dass ihm „allerlei Skizzen entstanden“ sind. Der Begriff wird hier folglich als synonym für die Skizze verwendet. Weitere Beispiele aus den Jahren 1864 und 1870 belegen die Verwendung des Kitschbegriffs als Bezeichnung für mittelmäßige Kunst, die zwar eigentlich billig, im Verhältnis zu ihrer minderen ästhetischen Qualität aber dennoch überteuert ist.
Möglicherweise stammt der Begriff vom mundartlichen kitschen (Straßenschmutz oder Schlamm zusammenkehren, klatschen und klitschen). Er hätte danach einen lautnachahmenden Ursprung, der als Pejoration in das Bildhafte übertragen wurde – im Sinne von „zusammengeschmiertem Dreck“. Häufig genannt wird ebenfalls eine mögliche Abstammung von engl. sketch für „Skizze“ oder „flüchtige Malerei“, wie sie englische oder amerikanische Touristen jener Zeit für wenig Geld als Souvenir am Kunstmarkt nachfragten. Abraham Moles leitet den Begriff vom jiddischen verkitschen ab, was so viel bedeutet wie „jemandem etwas andrehen, was der nicht braucht“.
Übersetzungen, die sich mit der Sprache der Roma beschäftigten, führten „Kitsch“ auf das Hindustani-Wort für Töpferton zurück (Geschichte der Zigeuner; ihre Herkunft, Natur und Art, Weimar und Ilmenau, 1835). Tatsächlich finden sich im gesamten Industal Artefakte, die sich im westlichen Sinn durchaus als Kitsch interpretieren lassen. Frühe touristische Mitbringsel, die man heute auch als „Airport Art“ kennzeichnet, sind möglicherweise der Ursprung dieses Lehnwortes im aktuellen europäischen Sprachgebrauch. Das Wort „Kitsch“ ist heute als Lehnwort in vielen Sprachen, zum Beispiel im Englischen, fester Bestandteil des jeweiligen Vokabulars.
Definitionsversuche Die Schwierigkeit, Kitsch zu definieren, zeigt sich nicht zuletzt in der „Unübersetzbarkeit“ des deutschen Wortes. Britische Übersetzer zählten Kitsch zu den zehn am schwierigsten zu übersetzenden Begriffen; im Englischen verwendet man das Wort kitsch ebenfalls. Auch im Französischen gibt es keine adäquate Übersetzung, das Wort kitsch wird daher zum Teil auch dort verwendet. Zahlreiche Sprachen haben das Wort übernommen, darunter die türkische Sprache (kitsch oder kiç) und selbst die griechische Sprache (κιτς), welche mit wenigen Fremdwörtern auskommt.
Folgende Kriterien lassen sich für Kitsch anführen: Im Gegensatz zum Kunstwerk, das Spielraum für Interpretation zulässt (und Interpretation sogar fordert), ist Kitsch nicht auslegbar. Stereotype und Klischees: Kitsch wiederholt, was dem Betrachter bereits geläufig ist. Vom Kunstwerk wird Originalität erwartet (Innovationszwang der Kunst). Leichte Reproduzierbarkeit (Massenware), beispielsweise Stilmöbel.
Eine ältere Definition besagt: falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben) falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine Welt, die es so nicht mehr gibt) falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle) Nach Gillo Dorfles Der Kitsch (1969) definiert sich Kitsch (hier vor allem im Bereich der Kunst) unter anderem durch folgende Kriterien:Gillo Dorfles: Der Kitsch („Il kitsch“) Prisma-Verlag, Gütersloh 1977 (Nachdr. d. Ausg. Tübingen 1969). zu häufige Reproduktion von Kunstwerken der Vergangenheit (z. B. Mona Lisa, van Goghs Sonnenblumen); neue Werke sind oft für die Vervielfältigung gedacht und deshalb kein Kitsch Personen, Ereignisse etc. nehmen einen rituellen Wert an, der ihnen nicht zukommt (unechter Mythos) Übertragung von einem Medium ins andere (z. B. Roman zu Film, Themen der klassischen Musik in die Popmusik, Gemälde zu Glasfenstern, Nachbildung von Statuen in anderem Material) Verniedlichung etwas tritt in der Form von etwas ganz anderem auf (z. B. eine Uhr in Gitarrenform) übersteigerte Dimension, aber noch verwendbar (z. B. ein übergroßes Trinkglas) das Nachahmen einer anderen Zeit (z. B. neue Figuren im Stil des 18. oder 19. Jahrhunderts) auch eine unrealistische Anhäufung von negativen Klischees wird als Kitsch aufgefasst; Holthusen prägte dafür die Bezeichnung „saurer Kitsch“
Verwandte Begriffe Eine Sonderform nicht nur in Frankreich bildet der sogenannte Nippes (franz. für „weiblicher Putz“), auch Nippsachen genannt; darunter werden kleine dekorative Kunstgegenstände von oft minderer Qualität subsumiert, die beispielsweise „als Zimmerschmuck zum Aufstellen auf sogenannten Nipptischchen“ dienen. Beispiele für Nippes sind Putten- bzw. Engelsfigürchen aus Porzellan oder kleine Vasen ohne praktische Funktion.Nippsachen in Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon von 1911 bei zeno.orgNippsachen in Meyers Konversations-Lexikon von 1905 bei zeno.org
In der Postmoderne ist der Begriff Kitsch teilweise durch das Wort Trash ersetzt worden, das einige Arten von Kitsch zum Kult erklärt und damit die negative Konnotation umkehrt.
Der im Umfeld der Popart etablierte Begriff Camp nimmt diese positive Umwertung bereits vorweg und entstammt der amerikanischen Ausformung und Erneuerung des Avantgardismus im sogenannten Underground der 1960er Jahre und der entstehenden Queer Culture. Jedoch ist nicht jeder Kitsch gleichzeitig Camp.Susan Sontag:
Philosophische Betrachtung mini|Wandbild nach Maria Innocentia Hummel
Als psychologische oder soziale Attribute solcher als kitschig bezeichneten Empfindungen nennt die Kritik: Konfliktlosigkeit, Kleinbürgerlichkeit, Massenkultur, Verlogenheit, Stereotypisierung, Zurückgebliebenheit, Wirklichkeitsflucht, falsche Geborgenheit oder etwa „dümmlich Tröstende(s)“ (Adorno). Hans-Dieter Gelfert unterscheidet in Was ist Kitsch? den niedlichen, gemütlichen, sentimentalen, religiösen, poetischen, sozialen Kitsch, Naturkitsch, Heimatkitsch, Blut-und-Boden-Kitsch, mondänen, sauren, erotischen Kitsch, Gruselkitsch, erhabenen Kitsch, Monumentalkitsch, patriotischen, ideologischen Kitsch und Einschüchterungskitsch.
Dabei geht der Vorwurf der Kritik zunächst weniger auf einen Mangel an Wahrheit, wie bei schlecht gemachter Kunst, sondern häufig auf die psychologische Berechnung des Kitsches. Als beliebte Illustration einer solch „kalkulierten Gefühlsverlogenheit“ dienen etwa die gefühlsbetonten Stereotype der Schlagermusik oder Trivialliteratur sowie handwerklich oder maschinell verfertigte Bildwerke mit Idyllen- oder Kindchenschema.
Umgekehrt konzentriert die Verteidigung von Kitsch oder Trivialität sich zumeist auf die Qualität des Zugebens einfacher Gefühle, beispielsweise des Patriotismus, aber auch auf den Erfolg, wie etwa den Erfolg von Trivialliteratur. In der Trivialliteratur verschmelzen die Gefühle von Kindern und Jugendlichen mit Bedürfnissen vieler Erwachsener jeden Alters. So ist der meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache weder Goethe noch Thomas Mann, sondern Karl May. (Siehe auch Walter Benjamin: „Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben“).
Danach wäre die Entscheidung, ob etwa Karl May Kitsch ist oder nicht, abhängig vom Alter seiner Leser – eine kaum haltbare Definition. So relativiert sich vielfach der Wert typischer Kitsch-Kritik wie: Kitsch sei die „Gestaltung erkenntnisloser Wunschbilder“. Vielmehr erscheint die Definition von Kitsch an die Definition von Kunst unauflöslich gebunden. Je undeutlicher der Begriff von Kunst, desto unfassbarer der Kitsch, denn es ist schwer bestreitbar, wie etwa Umberto EcoUmberto Eco Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Suhrkamp, Frankfurt 1986. einwirft, dass die der Kunst zugeschriebenen Wirkungen – wie Anstöße zum Denken, Erschütterung, Emotionen – ebenso von Kitsch ausgehen können.
Eine unkritische Herabsetzung anderer Menschen, anderer Empfindungs- und Ausdrucksart kann indessen im Kitsch-Begriff ein Heim für dumpfe und sogar gefährliche Empfindungen haben, wie es etwa Adolf Hitler in Mein Kampf (S. 75/76) tat.
Hermann Broch sieht dementsprechend in Adolf Hitler den Prototyp des Kitsch-Menschen:
mini|Eine kitschige Porzellanente Jemand, der Kitsch herstellt, ist nach Broch
Broch steht mit seiner Kritik des Kitsches in einer im weitesten Sinne marxistisch geprägten Tradition, mit der sich Namen wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno oder Ernst Bloch verbinden. Deren eigentliches Interesse geht dabei über eine Kritik totalitärgesellschaftlicher oder spätbürgerlicher Verhältnisse weit hinaus. Benjamin beschreibt einen Menschen, der sich positiv auf kitschige Dinge (speziell in der Kunst) bezieht, als „möblierten Menschen“ (in dem Sinne, wie ein Mensch eine fertig möblierte und ausgestattete Wohnung bezieht). Der Kitsch erscheint Adorno, der ihn als „Verkennung ästhetischer Sinnzusammenhänge“ und als verwesendes Ornament bestimmt, als der unverfälschte Ausdruck des Verfalls aller Kultur zur Massenkultur in der Moderne:
mini|Anhäufung kitschiger Elemente bei einer Schweinefigur: Treuer Blick, Federn, Flügel, Krone mini|Fotoalbum aus Hamburg mit Einband-Deckel aus Muscheln – Beispiel für Souvenir-Kitsch aus den Fünfziger Jahren Die Volkskunst, wie etwa Trachten und Trachtenschmuck, geschnitztes Holzgeschirr und so weiter, mit ihrer europäischen Blütezeit im 18. Jahrhundert, wird dem Kitsch oft wie ein Echtes einem Falschen gegenüber dargestellt. Aus dieser Sicht drückt der Kitsch weitgehend den Niedergang des Brauchtums in der Moderne aus. Es ist aber eine prinzipiell unbefriedigende Vereinfachung zu sagen: Volkskunst sei Handarbeit, Kitsch maschinell imitierte Volkskunst. Handarbeit kann maschinelle Produktion imitieren. Außerdem gehen ästhetische Qualitäten in eine solche Vereinfachung nicht ein. Brauchtum und Volkskunst können jedoch erstarren und niedergehen, während die kritische Sicht im Kitsch den Niedergang immer schon auf höchster Stufe vollendet sieht.