mini|hochkant|Vajra, Hauptsymbol des Vajrayana

Vajrayana ( („diamantenes Fahrzeug“); Dorje Thegpa), auch Mantrayana („Mantrafahrzeug“), Tantrayāna („Tantra­fahrzeug“) oder tantrischer Buddhismus ist eine ab dem 4. Jahrhundert in Indien aus dem Mahayana entstandene Strömung des Buddhismus, die heute häufig als eigenständige dritte Strömung des Buddhismus gezählt wird. Tantrischer Buddhismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene nichtasketische buddhistische Praxispfade des „Großen Fahrzeugs“, die sich von den etablierten Wegen durch die Einbeziehung der Sexualität und anderer „Wurzeln des Unheilsamen“ auszeichnen. Zentrale Elemente sind die Guru-Schüler-Beziehung, komplexe Rituale und Einweihungen, mit denen Lehren, Praktiken und Befugnisse übertragen werden. Diese Schule des späten Buddhismus prägte insbesondere die buddhistischen Traditionen des Hochlands von Tibet (siehe auch Lamaismus) und ist heute die jeweils wichtigste Strömung des Buddhismus in Tibet, des Buddhismus in der Mongolei, des Buddhismus in Bhutan, des Buddhismus in Nepal, des Buddhismus in Russland sowie im nördlichen Indien. In geringerem Maße fand der Vajrayana auch Verbreitung im chinesischen und im japanischen Buddhismus.

Etymologie Der Begriff ist aus Sanskrit vajra („hart“, „mächtig“, daraus „Donnerkeil“, mythische Waffe des Gottes Indra) und yana („Fahrzeug“) zusammengesetzt.

Geschichte

Der Legende nach wurde der Buddhismus von König Srongtsan Gampo, der zwei buddhistische Frauen hatte, im 7. Jahrhundert in Tibet eingeführt. Im 8. Jahrhundert wurde die buddhistische Lehre von Padmasambhava und dem indischen Mönch Shantirakshita weiter verbreitet. Padmasambhava soll die Lehren des Tantra und des Yogacara nach Tibet gebracht haben.

Unter König Ralpacan (817–836) wurden viele Werke aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt. Nachdem dann die Bön-Priester den Buddhismus zunächst wieder verdrängten, gab es ab dem 11. Jahrhundert einen neuen Aufschwung. Atisha führte das Kalachakra-System ein und schuf die Anfänge der Kadampa-Schule. Marpa gründete die Kagyüpa-Schule und Milarepa wurde der berühmteste Asket und Dichter Tibets.

Gleichfalls im 11. Jahrhundert entstand die Schule der Sakya, deren Werk die Vollendung des Kangyur (buddhistischer Kanon) war. Im 14. Jahrhundert waren dann die beiden Sammlungen Kangyur und Tangyur abgeschlossen. Gleichfalls im 14. Jahrhundert trat Tsongkhapa auf, der als großer Reformator angesehen wird. Er gilt als Begründer der „Neuen Kadampa“, die Gelugpa genannt wird, und führte die strenge Klosterdisziplin wieder ein. Der dritte Großlama der Gelugpa ist der Dalai Lama.

Tibet gilt in der Geschichte als größter Mönchs- und Kirchenstaat, den es jemals gab.

Philosophische Grundlagen mini|hochkant|Lama im Gandan-Kloster, Ulan Bator Das Vajrayana stützt sich mit der „Lehre des Mittleren Weges“ (Madhyamaka) auf die philosophischen Grundlagen des Mahayana. Im Tibetischen Buddhismus werden die verschiedenen buddhistischen „yanas“ (wörtlich: Fahrzeuge) anhand der Ziele oder der Methoden unterschieden. Das heißt, zwischen dem allgemeinen Mahayana und dem Vajrayana liegt der Unterschied nicht im Ziel – die Buddhaschaft –, sondern in der Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Das Vajrayana wird deshalb auch „Pfad des Resultats“ genannt, während das Sutra-System des Mahayana als „Pfad der Ansammlung“ bezeichnet wird und der Theravada als „Pfad der Entsagung“.

Der Leidenskreislauf des Samsara Aus der Sicht des Vajrayana begehen „fühlende Wesen“ (vgl.: Sechs Daseinsbereiche) anders als erleuchtete Wesen einen grundlegenden Fehler bei der Wahrnehmung der Phänomene. Zwar ist die subtilste Schicht geistiger Prozesse uranfänglich erleuchtet (vgl.: Buddha-Natur), dies wird vom wahrnehmenden Geist aber nicht erkannt. Die „fühlenden Wesen“ nehmen die von Natur aus nichtdual erscheinenden Phänomene als von sich selbst und voneinander getrennt wahr. Den Phänomenen wird irrig eine wirkliche Existenz zugeschrieben, obwohl sie von ihrem eigentlichen Wesen „leer von innewohnendem Sein“ sind (s. Shunyata). Aufgrund dieser Zuschreibung entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden „Ich“. Mit dieser „Ich-Vorstellung“ treten die drei sogenannten „Wurzel-Geistesgifte“: Grundlegende Unwissenheit, Anhaftung und Abneigung auf. Leidverursachende Handlungen, die mit Körper, Rede und Geist aufgrund dieser Geistesgifte ausgeführt werden, erschaffen Karma („Ursache und Wirkung“). Karma kann als Ursache von geistigen Eindrücken beschrieben werden, die durch geistesgiftbedingte Handlungen entstanden sind, und die als Resultat leidvolle Erfahrungen in der Zukunft bewirken. Die karmischen Spuren im Geist eines unerleuchteten „fühlenden Wesens“ verursachen demnach das Aufkommen der individuellen Lebenswirklichkeit, wie die verschiedenen Bereiche der Götter, Halbgötter, Menschen, Tiere, hungrigen Geister und Höllenwesen, die an den Leidenskreislauf (Samsara) aus wiederholter Geburt, Alter, Krankheit und Tod gebunden sind.

Methoden mini|hochkant|Vajra und Stielhandglocke dril-bu Buddhistische Praxis hat insbesondere im Vajrayana zum Ziel, diesen Prozess des Aufkommens der Existenz und der Bindung der fühlenden Wesen an den Leidenskreislauf aufzuheben. Dazu gibt es im Vajrayana bezüglich der höchsten Lehren zwei verschiedene methodische Ansätze: Mahamudra (Das große Siegel/Symbol) als Pfad zur stufenweisen Erleuchtung Dzogchen (Die große Vollkommenheit) als Pfad der spontanen Erleuchtung

Tantrische Praktiken Zu den besonderen tantrischen Mitteln gehören neben der Meditation und Visualisierung auch das Rezitieren von Mantras und weitere Übungen, zu denen Rituale, Einweihungen und Guruyoga (Einswerden mit dem Geist des erleuchteten Lehrers) gehören. Besonders im tibetischen Buddhismus wird dabei großer Wert auf direkte Übertragung und Unterweisung von Lehrer zu Schüler gelegt.

Wichtig ist bei diesen Praktiken eine solide Kenntnis der buddhistischen Lehre als Ausgangsbasis. Ohne ein echtes Verständnis von Mitgefühl und der rechten Ansicht ist es nicht möglich, diese Methoden anzuwenden. Daher sind die ethischen Regeln des edlen achtfachen Pfades, wie sie von Buddha gelehrt wurden, Grundlage des gesamten buddhistischen Weges, auch des Vajrayana. Darüber hinaus ist die Motivation des Mahayana, „zum Nutzen aller fühlenden Wesen Erleuchtung zu erlangen“, beständig zu kultivieren.

In der westlichen Literatur herrschte lange Zeit die Vorstellung, beim buddhistischen Tantra gehe es nicht um echte sexuelle Praktiken. Es handele sich vorwiegend um den geistigen Aspekt des Tantra, also die Vereinigung der männlichen und weiblichen Aspekte des Geistes im Bewusstsein (z. B. Ratio und Intuition). In den tantrischen Texten werde lediglich eine Beschreibung „symbolischer Handlungen“ präsentiert, also keinesfalls der reale Vollzug von Sex. Zu dieser Auffassung des tibetischen Tantrismus hat Lama Govindas Erklärung dieser Richtung beigetragen - Ein deutscher Lama mit dem Geburtsnamen Ernst Lothar Hoffmann (1898–1985). Die heutige Unterscheidung zwischen einem rechtshändigen (reinem Sublimierungs-)Tantra und dem linkshändigen, aktiv-sexuellen Tantra findet sich in seinen Schriften nicht. In seinem Standardwerk zu den Grundlagen tibetischer Mystik, das erstmals 1956 erschien und lange für das westliche Verständnis prägend war und noch heute verlegt wird, erklärte Govinda alle sexuellen Darstellungen als völlig losgelöst von den „Nachbildungen gewöhnlicher Menschen“; rein gar nichts Sexuelles „im hergebrachten Sinne des Wortes“ gebe es hier, „selbst der Aspekt der Vereinigung […] ist für den in der religiösen Atmosphäre des Lamaismus aufgewachsenen Tibeter so unlöslich mit der höchsten geistigen Wirklichkeit verbunden, daß Assoziationen mit der Ebene physischer Geschlechtlichkeit gänzlich ausgeschlossen werden.“ (Die Erstauflage dieses weit verbreiteten Werkes erschien 1956.) Heute besteht kein Zweifel, dass diese Einschätzung falsch ist. Hinsichtlich des tibetischen Buddhismus präsentierte Govinda teilweise eine romantisierende und die Realität verkennende Deutung. So die Einschätzung von Volker Zotz und Brigitte Zotz. Tatsächlich gibt es sexuelle Kontakte zwischen Meistern und Schülern im Vajrayana-Buddhismus und das Ganze keinesfalls bloß um die „überindividuelle Polarität allen Geschehens“ kreist. Sexuelle Praktiken sind z. B. Karmamudrā (Sanskrit, „Handlungssiegel“, tibetisch las-kyi phyag-rgya), eine sexuelle Praxis mit einem visualisierten oder körperlichen sehr weit fortgeschrittenen, gegengeschlechtlichen Konsorten bzw. einer Konsortin. Doch in der Wirklichkeit geht es um konkrete Personen und konkreten Sex. „In einigen Tantra-Fraktionen gibt es auch sexuelle Beziehungen zwischen Meistern und Schülerinnen sowie Schülern.“ (so Hans-Günter Wagner in „Die Weiten des Tantra“). Auch Viktor und Viktoria Trimondi haben in ihrer umfangreichen Studie zum tibetischen Buddhismus gezeigt, dass es dort um direkte Sexualität geht, wobei die „sakralen Liebespraktiken“ oft auf obszöne Weise präsentiert werden und dabei ein breites Spektrum sexueller Aberrationen umfassen, darunter das Verschlucken diverser Körperflüssigkeiten.

Lama, Yidam und Khandro Im Vajrayana sind Lama (Sanskrit Guru), Yidam (Sanskrit Deva, Meditationsgottheit) und Khandro (Sanskrit Dakini) wichtig. Sie sind im Vajrayana auch Objekte der Zuflucht.

Lama Da dem Lama (Guru) im Vajrayana eine zentrale Bedeutung zukommt, wurde diese Form des Buddhismus auch mit dem von den Mandschu-Herrschern des späten 17. Jahrhunderts geprägten Begriff Lamaismus (chin. lamajiao) bezeichnet. Auf dem Pfad des Vajrayana ist ein richtig verstandenes und angemessenes Vertrauen in den spirituellen Lehrer (Lama) wichtig, daher muss man bei der Wahl des Lehrers sehr sorgsam vorgehen und sollte diese wichtige Verbindung nicht vorschnell eingehen. Ein guter spiritueller Lehrer handelt immer aufgrund einer altruistischen Motivation und niemals aufgrund egoistischer Motive. Im Tantra-Netz der Illusion heißt es: „Einer, der stabil, ruhig, intelligent, geduldig, ehrlich (offen), ohne List oder Falschheit ist und die Praxis der geheimen Mantras und Tantras kennt, die Aktivität des Mandalazeichnens ausübt, tüchtig in den Zehn Grundsätzen ist, allen Lebewesen Furchtlosigkeit verleiht und immer Freude am großen Fahrzeug hat: Solch einer wird als Meister bezeichnet.“

Die Selbständigkeit des Schülers steht im Vajrayana im Vordergrund, daher sollten alle Tendenzen zur Abhängigkeit des Schülers vermieden werden. Natürlich muss auch der Schüler qualifiziert sein. Ihn müssen Unparteilichkeit, Intelligenz (falsche von richtigen Lehren unterscheiden zu können) und eine stabile Geisteshaltung des Bodhicitta auszeichnen. Der Lama, dem er sich anvertraut, sollte ihn wirklich inspirieren und ihn auf der tiefsten Ebene des Herzens und nicht nur oberflächlich berühren.

Der Titel des Lama wird in der Regel vom Lehrer an den Schüler verliehen. Je nach Tradition ist im Tibetischen Buddhismus hierfür ein traditionelles 3-Jahres-Retreat die Regel, dies ist jedoch – insbesondere in der bedeutenden Laien- und Yogitradition der Nyingma-Linie – nicht zwingend. Im Unterschied zu einem Geshe muss Lama nicht zwangsläufig einen Gelehrten des Buddhismus bezeichnen.

Yidam mini|hochkant|Vajrasattva. Die Praxis von Vajrasattva als Meditationsgottheit wird als besonders wirksam zur Reinigung negativen Karmas angesehen.