mini|Porträt von Ludwig Thoma von Karl Klimsch, vermutlich 1909 rahmenlos|zentriert|class=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift Ludwig Thoma Ludwig Thoma (* 21. Januar 1867 in Oberammergau; † 26. August 1921 in Tegernsee) war ein deutscher Schriftsteller und Rechtsanwalt, der durch seine ebenso realistischen wie satirischen Schilderungen des bayerischen Alltags und der politischen Geschehnisse seiner Zeit populär wurde. Aufgrund der reaktionären und antisemitischen Veröffentlichungen seiner letzten Lebensjahre wird er seit Ende der 1980er Jahre zunehmend kritisch betrachtet.

Leben

Herkunft und Schulzeit mini|Geburtshaus von Ludwig Thoma in Oberammergau mini|Detail am Geburtshaus (rechts, hinter der Laterne) mini|Gedenktafel für Ludwig Thoma am ehemaligen Gasthaus Zur Kampenwand in Prien, dem heutigen Ludwig-Thoma-Gymnasium Ludwig Thoma wurde als viertes Kind des Försters Max Thoma und dessen Ehefrau Katharina, geb. Pfeiffer, in Oberammergau geboren. Die Vorfahren väterlicherseits waren im Forstdienst tätig; der Urgroßvater Joseph von Thoma (1767–1849) hatte die bayerische Forstverwaltung geleitet und war für seine Verdienste in den persönlichen Adelsstand erhoben worden.Thoma: Erinnerungen. S. 6. Die Familie der Mutter betrieb zunächst in Oberau, später in Oberammergau, eine Gastwirtschaft.Thoma: Erinnerungen. S. 12. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er im Forsthaus Vorderriß an der Isar nahe der Tiroler Grenze, einer damals sehr abgelegenen und einsamen Gegend. Die Erziehung lag wesentlich in den Händen des Kindermädchens Viktoria Pröbstl, zu der Ludwig Thoma ein sehr inniges Verhältnis hatte.Klaus (2016), Rösch (2012).

Nach dem Willen seiner Mutter sollte Ludwig die geistliche Laufbahn einschlagen. Daher legte sie großen Wert auf eine gute Ausbildung des Sohnes; Hauslehrer brachten ihm schon vor der Einschulung das Lesen und Schreiben bei, und er erhielt früh private Lateinstunden.Klaus (2016), S. 11 f.

Nachdem die Familie im Sommer 1873 mit dem sechsjährigen Ludwig nach Forstenried bei München übergesiedelt war,Münchener Bote für Stadt und Land, 1. August 1873, 7/12; digitale-sammlungen.de starb der Vater im September 1874. Mit seinem Tod fand sich die Familie überraschend gänzlich mittellos. Viktoria Pröbstl musste das Mobiliar des Forsthauses verkaufen, um die Bestattung finanzieren zu können.Klaus (2016), S. 15, sieht Alkoholismus und Glücksspiel als Grund für die Verarmung und nimmt an, dass Thomas Schilderung des Ruepp auf die Erfahrungen mit dem Vater zurückzuführen sei. Nun musste die Mutter die sieben Kinder allein großziehen.

Die Geschwister bekamen zunächst einen Kollegen des Vaters, Karl Decrignis, als Vormund.Rösch (2012), S. 144. Ludwig und seine Schwester Luise kamen in die Obhut ihres Onkels Albert Paulus in Landstuhl in der Pfalz. Dort besuchte er eine Klasse der Volksschule und die zweite Klasse der Lateinschule; aufgrund seiner Vorkenntnisse durfte er die erste Klasse auslassen. Der Tod des Vaters und die frühe Trennung von der Familie (die anderen Geschwister blieben bei der Mutter) blieben nicht ohne Folgen: Thoma war ein schwieriger Schüler, der in Landstuhl wenig vorteilhafte Zeugnisse erhielt:

Die Mutter pachtete 1876 die Gaststätte Zur Kampenwand in Prien am Chiemsee, die sie gemeinsam mit Viktoria Pröbstl und ihren Töchtern bewirtschaftete.Klaus (2016), S. 13. Für Ludwig Thoma begann das Pendeln zwischen den Internaten und den Ferien im idyllischen Wohnort der Familie, wie er es auch in seinen Lausbubengeschichten schildert. Auch die Vergehen des Knaben und die Konflikte mit Lehrern, die sich in den Lausbubengeschichten finden, basieren wohl auf wirklichen Erlebnissen: „Es gibt ausreichend Anhaltspunkte dafür, dass Thoma diese Vorwürfe für die literarische Verarbeitung verdichtet, aber keineswegs erfunden hat.“Klaus (2016), S. 26. 1877 wechselte er in das Internat des Studienseminars in Neuburg an der Donau. Er musste die Klasse an der Studienanstalt in Burghausen wiederholen. Zu seinen Freunden zählte dort Georg Pauliebl, der ebenfalls für eine geistliche Laufbahn vorgesehen war und diese – unter widrigen Umständen – auch einschlug; seine Lebensgeschichte hat (wenngleich wenig vorteilhaft) Thoma in der Erzählung Der heilige Hies geschildert.Lerchenberg (2017).

Von Burghausen wechselte Thoma 1879 an das Wilhelmsgymnasium München. Er wohnte während der Schulzeit zur Untermiete bei pensionierten Beamten und schilderte diese Zeit ausgiebig in seinen Erinnerungen. Auch in München musste er eine Klasse wiederholen und blieb bis 1885. Die Familie zog 1883 nach Traunstein um, wo die Mutter den Gasthof Zur Post pachtete. Auslöser für den Ortswechsel scheint eine „Schandtat“ Ludwigs gewesen zu sein, die auch dazu führte, dass die Schwester Marie bei einem Verehrer unmöglich gemacht wurde.Klaus (2016), S. 33. 1884 übernahm nach dem Tod von Karl Decrignis der Forstbeamte Ludwig von Raesfeldt die Vormundschaft über die Geschwister Thoma.

Raesfeldt gelang es auch, 1885 Ludwig den Zutritt zur Abschlussklasse des Gymnasiums in Landshut zu verschaffen, als ihm an der Münchner Schule der Rauswurf drohte. Martin A. Klaus zitiert die „sonstigen Bemerkungen“ aus Thomas Landshuter Abiturzeugnis:

In Landshut bestand Thoma 1886 die Maturitätsprüfung, die unserem heutigen Abitur entspricht. Auf Vorschlag seiner Mitschüler sollte er die Abiturrede halten: „Doch der junge Mann versagte. Stumm stand Thoma vor dem Auditorium, unfähig ein Wort herauszuwürgen, bis der Rektor ans Pult eilte, eine Rede improvisierte und die Situation rettete.“Klaus (2016), S. 40. Auch Thoma selbst schildert das Ereignis in seinen Erinnerungen, S. 129.

Studium und Tätigkeit als Jurist Thoma wollte – wie sein Vater – Förster werden und begann im Wintersemester 1886/87 das Studium der Forstwissenschaft in Aschaffenburg, brach es jedoch nach dem ersten Jahr ab.Eckart Klaus Roloff: Ludwig Thoma, Forstschüler wider die Natur. In: Merian, Heft Spessart, 29. Jahrgang, Heft 6, S. 114. In seiner Aschaffenburger Zeit gehörte er dem ältesten Forstcorps, dem Corps Hubertia an. Weil er zu einer Mensur nicht antrat, wurde er unehrenhaft („ohne Band“) entlassen.Rösch (2012), S. 21.

Zum Wintersemester 1887/1888 wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München und immatrikulierte sich dort in Rechtswissenschaft. Wie sein Vater vor ihm wurde er Mitglied im Corps Suevia München.Kösener Corpslisten 1960, 114, S. 980. In München trat er zwar zu zwei Pflichtduellen an, blieb aber jeweils passiv. So erhielt er die (zu seiner Zeit) erstrebenswerten Schmisse, wurde aber auch aus dem Corps Suevia ohne Band entlassen.Rösch (2012), S. 22. Auf Rat eines Kommilitonen wechselte er zum Sommersemester an die Universität Erlangen; hier studierte er, ohne sich in Verbindungen zu engagieren, und erhielt am 1. August 1890 das Zeugnis zum Eintritt in den juristischen Vorbereitungsdienst. Für Martin Klaus ist das Versagen und der anschließende Wechsel des Studienortes symptomatisch für Thomas Charakter:

In seinen Erinnerungen gibt Thoma zwar wortreich seine Zeiten als Gymnasiast in München und Prien wieder, das Studium handelt er dagegen äußerst knapp ab:

Ab 1890 arbeitete er als Rechtspraktikant in Traunstein. Gleichzeitig verfasste er eine Dissertation über das Thema Die Lehre von der Notwehr beim Strafrechtsprofessor Karl Lueder. Am 6. Dezember 1890 bestand er die mündliche Prüfung mit der (schlechtestmöglichen) Note „Rite“. In Thomas Nachlass fand sich ein handschriftliches Exemplar der Doktorarbeit mit letzten Korrekturauflagen; Thoma ließ sie allerdings nie drucken und bekam daher auch keine Promotionsurkunde ausgehändigt. Strenggenommen führte er daher den Doktorgrad zu Unrecht.Rösch (2012), S. 22 f.

In seinen Erinnerungen mokiert sich Thoma über den Standesdünkel der Juristen zu seiner Traunsteiner Zeit:

1892 kaufte Thomas Mutter das Anwesen Zur Post in Seebruck am Chiemsee – eine Gaststätte mit umfangreicher Landwirtschaft. Sie sollte Ludwigs Bruder Peter Thoma, der aus Australien zurückkehrte, als Existenzgrundlage dienen. Ende 1892 trat Ludwig Thoma in den Dienst des Münchner Magistrats und im Februar 1893 als Konzipient in die Rechtsanwaltskanzlei Loewenfeld & Bernstein in München ein. Die knappen Einkünfte reichten nicht, um seinen Lebensstil zu decken, mehrfach lieh er sich Geld von dem Baubeamten Jakob Frankl, einem Freund der Familie, mit dem er auch regen Briefkontakt pflegte. Auch sein Onkel Josef Thoma aus Ebersberg (in den Lausbubengeschichten als „Onkel Pepi“ porträtiert) unterstützte ihn durch regelmäßige finanzielle Zuwendungen.Rösch (2012), S. 24.

In München begann auch Thomas literarische Karriere: Am Stammtisch der Gaststätte „Herzl“ lernte er Joseph Ritter von der Augsburger Abendzeitung kennen, der ihn ermunterte, seine Stammtisch-Causerien in Schriftform zu verfassen.Erinnerungen, S. 157. Die humoristische Zeitschrift Fliegende Blätter in München veröffentlichte im Januar 1893 erstmals ein Gedicht von Thoma.Klaus (2016), S. 48.

Im Juni 1894 starb seine Mutter. Der Konflikt mit ihr bzw. mit ihrem Wunsch nach einer geistlichen Karriere prägte Thomas frühe Jahre und findet sich immer wieder in seinem Werk.Klaus (2016). Thomas Biografen bewerten sie unterschiedlich: Während Martin Klaus vor allem ihre frömmlerisch larmoyante Art beschreibt,„Katharina Thomas Selbstmitleid stand als steter Vorwurf vor den Kindern und erschwerte deren Schritte in ein eigenes, selbständiges Leben.“, Klaus (2016), S. 32. betont Gertrud Rösch, dass sie nach dem Tode ihres Mannes durch ihre Tätigkeit als Gastwirtin nicht nur Ludwig Thomas Gymnasial- und Studienzeit finanzierte, sondern auch einiges an Vermögen ersparte.Die Kinder verkauften den Gutshof in Seebruck um 85.000 Mark, Rösch (2012), S. 25.

Da ihm die Geschäftsaussichten für Rechtsanwälte in München nicht günstig schienen, wählte er mit Dachau eine Kleinstadt im Umland als Domizil, nachdem er zunächst Erding erwogen hatte.Klaus (2016), S. 54 f.

Diese Schilderung in seiner Autobiografie stimmt in dreifacher Hinsicht nicht: Die hundert Mark waren von Jakob Frankl geliehen, der „Schneidermeister“ unterhielt ein Textilkaufhaus, und in Dachau waren schon seit vielen Jahren mehrere Anwälte zugelassen.Klaus (2016), S. 55 f. Den Haushalt führte Viktoria Pröbstl, die Thoma nach dem Tod der Mutter in seine Dienste nahm, sowie die Schwestern Marie und Bertha.Rösch (2012), S. 27. Die Kanzlei lief gut, Thomas Einkünfte stiegen, und aus den Rechtsfällen seiner bäuerlichen Mandanten konnte er später Material für seine literarische Arbeit schöpfen. Neben der anwaltlichen Tätigkeit schrieb er für die Augsburger Abendzeitung und die Jugend lobende Gedichte anlässlich des 100. Geburtstags von Kaiser Wilhelm I.

Erste Erfolge als Schriftsteller mini|hochkant=1.5|Bei der Zeitschrift Simplicissimus schrieb Ludwig Thoma unter dem Pseudonym „Peter Schlemihl“. Hier ein Spottgedicht auf das bayerische Parlament aus dem Jahr 1905. Im April 1895 veröffentlichte Ritter in der literarischen Beilage Sammler die Kurzgeschichte Der Truderer, in der Thoma erstmals in Prosaform heitere Begebenheiten aus dem bäuerlichen Leben beschrieb. Auch zu politischen Themen äußerte sich Ludwig Thoma. Im Oktober verfasste er einen Artikel über den Parteitag der bayerischen SPD und deren Agrarpolitik für die Augsburger Abendzeitung. Darin wandte er sich gegen die Reformbestrebungen der Sozialdemokraten und bezeichnete Clara Zetkin als „russisches Mannweib“.Rösch (2012), S. 30 f.

Die ersten Erfolge und die wirtschaftlich solidere Lage ließ ihn eine Eheschließung in Erwägung ziehen. Er hatte schon 1892 die Nürnbergerin Johanna Sachs, Tochter eines Getreidehändlers, kennengelernt, um die er vorsichtig zu werben begann. Als ihr Vater ihm aber keine weiteren Hoffnungen machte, gab er das Vorhaben wieder auf.Klaus (2016), S. 62–64.