Der Schweizer Bauernkrieg war ein Volksaufstand in der Alten Eidgenossenschaft im Jahr 1653. Eine Abwertung der Berner Währung führte im bernischen Emmental und im angrenzenden luzernischen Entlebuch zu weit verbreiteter Steuerverweigerung, die sich nach Solothurn, Basel und in den Aargau ausweitete. Die Landbevölkerung forderte von der städtischen Obrigkeit steuerliche Entlastung. Als die Forderungen zurückgewiesen wurden, drohten die Untertanen mit einer Blockade der Städte. Nachdem anfängliche, durch andere eidgenössische Orte ausgehandelte Kompromisse gescheitert waren, schlossen sich Vertreter der ländlichen Regionen in Huttwil zu einem Bauernbund zusammen. Die Bewegung radikalisierte sich und begann weitere Forderungen zu stellen. Der Huttwiler Bund betrachtete sich als gleichberechtigt gegenüber den Städten und übernahm die Souveränität in den von ihm kontrollierten Gebieten im westlichen Schweizer Mittelland.

Die Aufständischen belagerten Bern und Luzern, woraufhin die Städte mit Bauernführer Niklaus Leuenberger einen Friedensvertrag abschlossen, den Murifeldvertrag. Als das Bauernheer sich zurückzog, entsandte die Tagsatzung von Zürich aus eine Armee, um den Aufstand endgültig niederzuschlagen. Nach der Schlacht von Wohlenschwil am 3. Juni 1653Alle Daten in diesem Artikel gemäss dem gregorianischen Kalender, der damals in den katholischen Orten der Eidgenossenschaft in Gebrauch war; die reformierten Orte folgten noch dem julianischen Kalender. wurde der Huttwiler Bauernbund gemäss dem Frieden von Mellingen aufgelöst. Die letzten Widerstandsnester im Entlebuch hielten sich bis Ende Juni. Die siegreichen Städte gingen mit harter Hand gegen die Aufständischen vor, Bern erklärte den Murifeldvertrag für null und nichtig. Die Obrigkeit liess zahlreiche Exponenten des Aufstands gefangen nehmen, foltern und hinrichten.

Obwohl die herrschenden städtischen Eliten einen vollständigen militärischen Erfolg errangen, zeigte der Bauernkrieg auf, dass sie von ihren ländlichen Untertanen abhängig waren. Bald nach dem Krieg kam es zu einer Reihe von Reformen und Steuersenkungen, womit die Obrigkeit den ursprünglichen fiskalischen Forderungen der Aufständischen entgegenkam. Langfristig gesehen verhinderte der Schweizer Bauernkrieg eine exzessive Auslegung des Absolutismus wie beispielsweise in Frankreich.

Hintergrund Die Alte Eidgenossenschaft war im 17. Jahrhundert ein Zusammenschluss von dreizehn weitgehend unabhängigen Orten.Entspricht den heutigen Kantonen, wobei dieser Begriff sich im 17. und 18. Jahrhundert allmählich zu verbreiten begann; eine andere geläufige Bezeichnung war Stand. Der Bund umfasste sowohl Landkantone als auch Stadtstaaten, die ihr Territorium auf Kosten der bisher herrschenden Lehnsherren mit politischen und militärischen Mitteln in den ländlichen Raum ausgedehnt hatten. Die Städte übernahmen die bereits bestehenden Verwaltungsstrukturen. In diesen Stadtkantonen herrschten die Stadträte über ihre Untertanen auf dem Land; sie übten die Gerichtsbarkeit aus und setzten die Landvögte ein.

Land- und Stadtorte waren in der Eidgenossenschaft gleichberechtigt. Jeder Ort war in seinem Gebiet souverän, verfolgte seine eigene Aussenpolitik und prägte sein eigenes Geld. Das einzige zentrale Gremium, die Tagsatzung, hatte keine wirkliche Macht und diente eher als Koordinationsinstrument. Die Reformation im frühen 16. Jahrhundert führte zu einer konfessionellen Spaltung, so dass die Tagsatzung oft durch Meinungsverschiedenheiten zwischen den gleich starken Blöcken der katholischen und der protestantischen Seite gelähmt wurde, was auch ihre weitere Konsolidierung verhinderte. Die seit dem frühen 15. Jahrhundert eroberten Gebiete standen als Gemeine Herrschaften unter der gemeinsamen Kontrolle der dreizehn Orte und waren ebenfalls Untertanengebiete.

Ursachen des Konflikts Grundsätzlich ist der Schweizer Bauernkrieg von 1653 die Folge rasch wechselnder wirtschaftlicher Verhältnisse nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges. Das Gebiet der Eidgenossenschaft war von jeglichen Kampfhandlungen verschont geblieben (mit Ausnahme weniger zugewandter Orte). Die Schweizer Landbevölkerung hatte in der Regel von der Kriegswirtschaft profitiert, da sie in der Lage war, Nahrungsmittel zu höheren Preisen als zuvor zu exportieren. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 erholte sich die Wirtschaft im süddeutschen Raum rasch. Die Schweizer Exporte schwanden dahin und die Preise für landwirtschaftliche Produkte sanken. Viele Schweizer Bauern, die während der Hochkonjunktur der Kriegsjahre Kredite aufgenommen hatten, waren nun in Zeiten der Nachkriegsdeflation hoch verschuldet.Andreas Suter, Historisches Lexikon der Schweiz, 2002.Kurt Messmer/Schweizerisches Nationalmuseum: Hinrichtungen nach dem Bauernkrieg: Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»! In: Watson. 21. Mai 2018, abgerufen am 8. Juli 2024.

Gleichzeitig verursachte der Krieg seit den 1620er Jahren hohe Kosten für die Städte, die sich beispielsweise mit dem Bau neuer Verteidigungsanlagen gegen mögliche Angriffe fremder Truppen zu wappnen versuchten. Eine bedeutende Einnahmequelle der Orte versiegte: Frankreich und Spanien zahlten nicht länger Pensionen für die Bereitstellung von Söldnerregimentern, so genannten Reisläufern.Holenstein: Der Bauernkrieg von 1653. Ursachen, Verlauf und Folgen einer gescheiterten Revolution. S. 33. Die städtischen Obrigkeiten versuchten den Einnahmenausfall zu kompensieren, indem sie bestehende Steuern erhöhten und neue einführten. Ausserdem liessen sie weniger wertvolle Batzen-Münzen aus Kupfer prägen, die denselben Nennwert wie die vorher geprägten Silbermünzen hatten. Die Bevölkerung begann, die Silbermünzen zu horten, und die billigen Kupfermünzen, die im Umlauf blieben, verloren kontinuierlich an Kaufkraft.Dieser Prozess der Entwertung von Warengeld, dessen innerer Wert unter seinem Nennwert liegt («schlechtes Geld»), und der Verdrängung von «gutem Geld» aus dem Umlauf wird durch das Greshamsche Gesetz beschrieben. Bereits 1623 begannen Zürich, Basel und die Innerschweizer Orte wieder wertvollere Münzen zu prägen. Bern, Solothurn und Freiburg legten stattdessen einen gesetzlich vorgeschriebenen Umtauschkurs zwischen Kupfer- und Silbermünzen fest, doch diese Massnahme konnte den Wertverlust nicht wettmachen. Deshalb sah sich die Bevölkerung bei Kriegsende sowohl mit einer Nachkriegsdepression als auch mit hoher Inflation konfrontiert; hinzu kam die hohe Steuerlast.Suter: Der Schweizerische Bauernkrieg von 1653. S. 363.Suter: Kollektive Erinnerungen an historische Ereignisse. S. 146. Diese finanzielle Krise hatte eine Reihe von Steuerrevolten in verschiedenen Orten der Eidgenossenschaft zur Folge, beispielsweise 1629–1636 in Luzern, 1641 in Bern oder 1645/46 in Zürich. Der Aufstand von 1653 setzte diese Serie fort, liess den Konflikt aber beispiellos eskalieren.

Seit dem 16. Jahrhundert schränkten die Städte die Aufnahme von Neubürgern, d. h. Hintersassen aus dem Untertanengebiet oder dem Ausland, immer mehr ein, bis schliesslich keine Neubürger mehr aufgenommen wurden. Innerhalb der Städte selbst konzentrierte sich die Macht in den Händen weniger regimentsfähiger Patrizierfamilien, die ihre öffentlichen Ämter als erblich betrachteten und zunehmend eine aristokratisch-absolutistische Haltung einnahmen. Allmählich bildete sich eine städtische Magistraten-Oligarchie heraus. Diese Machtkonzentration auf eine kleine Elite führte zu einer sozialen Abschottung, die sowohl die Landbevölkerung als auch die niederen städtischen Gesellschaftsschichten von jeglicher Einflussnahme ausschloss. Die Untertanen mussten sich Dekreten fügen, die ohne ihre Zustimmung erlassen wurden, ihre althergebrachten Rechte ignorierten und ihre sozialen und kulturellen Freiheiten einschränkten.Suter: Der Schweizerische Bauernkrieg von 1653. S. 382, 390.Holenstein: Der Bauernkrieg von 1653. Ursachen, Verlauf und Folgen einer gescheiterten Revolution. S. 34.

Beginn des Aufstands mini|Erlass der Berner Obrigkeit zur Abwertung des Batzens Am 2. Dezember 1652 wertete Bern den Kupferbatzen um 50 % ab, um den Nennwert an den eigentlichen Wert anzugleichen und damit die Inflation zu bekämpfen. Die Obrigkeit setzte eine Frist von nur drei Tagen, um die Kupfermünzen zum alten Wechselkurs gegen stabilere Gold- oder Silbermünzen umzutauschen. Nur wenige konnten dieses Umtauschangebot wahrnehmen, weshalb viele Untertanen, insbesondere auf dem Land, auf einen Schlag die Hälfte ihres Vermögens verloren. Andere Orte der Eidgenossenschaft folgten dem Berner Beispiel und werteten ebenfalls ab. Am schlimmsten war die Situation im Luzerner Entlebuch, wo besonders viele Berner Batzen im Umlauf waren. Die finanzielle Situation wurde für zahlreiche Landbewohner untragbar. Insidergeschäfte der herrschenden Luzerner Magistraten verstärkten die Unruhe unter der Bevölkerung.Suter: Der Schweizerische Bauernkrieg von 1653. S. 147. Die Untertanen des Entlebuchs entsandten eine Delegation nach Luzern, angeführt von Hans Emmenegger aus Schüpfheim und Christian Schybi aus Escholzmatt, um Abhilfe zu verlangen. Doch der Stadtrat weigerte sich, die Delegation auch nur anzuhören. Die aufgebrachten Untertanen organisierten eine Landsgemeinde in Heiligkreuz bei Hasle, obwohl Versammlungen solcher Art verboten waren.Holenstein: Der Bauernkrieg von 1653. Ursachen, Verlauf und Folgen einer gescheiterten Revolution. S. 35. Die Landsgemeinde, die am 15. Februar 1653 im Anschluss an die Heilige Messe stattfand, beschloss die Suspendierung aller Steuerzahlungen, bis die Luzerner Regierung ihre Forderungen erfüllte. Verlangt wurden allgemeine Steuersenkungen sowie die Abschaffung der Abgaben auf den Salz-, Vieh- und Pferdehandel.Suter: Der Schweizerische Bauernkrieg von 1653. S. 122.Stüssi-Lauterburg et al.: Verachtet Herrenpossen! Verschüchet fremde Gäst! S. 21.

Die Luzerner Obrigkeit war nicht gewillt, den Forderungen der Bevölkerung nachzugeben. Es gelang ihr aber auch nicht, den Aufruhr zu unterdrücken.Holenstein: Der Bauernkrieg von 1653. Ursachen, Verlauf und Folgen einer gescheiterten Revolution. S. 37. Die überwiegende Mehrheit der ländlichen Gemeinden schlug sich auf die Seite der Entlebucher Bauern und bildete am 26. Februar 1653 in Wolhusen eine Allianz. Anfang März schlossen sich auch die Untertanen aus dem benachbarten Emmental an und richteten ähnliche Forderungen an die bernische Obrigkeit. Beide Orte riefen die unbeteiligten Mitglieder der Eidgenossenschaft dazu auf, in dem Konflikt zu vermitteln, doch zur selben Zeit begann sich die Tagsatzung auf eine militärische Lösung des Konflikts vorzubereiten. Schaffhauser und Basler Truppen wurden in Richtung des Aargaus entsandt; diese Massnahme löste umgehend bewaffneten Widerstand unter der Bevölkerung aus, so dass die Truppen sich zurückziehen mussten.Stüssi-Lauterburg et al.: Verachtet Herrenpossen! Verschüchet fremde Gäst! S. 39.