Kaurischnecken (Cypraeidae), auch Porzellanschnecken (Erläuterung: siehe Kapitel „Namensgebung“) genannt, sind überwiegend tropische Meeresschnecken, von denen bisher etwa 200 Arten bekannt sind. Ihre ältesten bekannten Vorfahren stammen aus dem Oberen Jura. Die Familie der Kaurischnecken gehörte laut dem veralteten und nicht mehr geführten System nach J. Thiele (1929–1931) zur Gruppe der Vorderkiemer (Prosobranchia). Nach der neueren Systematik von Bouchet, Rocroi et al. (2005) gehören sie zum Taxon der Caenogastropoda und werden der Gruppe der Hypsogastropoda untergeordnet. Die häufige Bezeichnung als „Kaurimuschel“ ist biologisch nicht korrekt, da Muscheln ein Gehäuse aus zwei ähnlich großen, kalkhaltigen Schalen aufweisen und im Gegensatz zu den Schnecken keinen Kopf besitzen. Die Schalen der Schnecken kennzeichnen sich durch eine gewundene Form. Unter dem volkstümlichen Begriff „Kauri“ wird nicht nur die Kaurischnecke selbst verstanden, sondern auch der Neuseeländische Kauri-Baum (Agathis australis).

Vorkommen und Lebensraum Die Arten der Familie der Kaurischnecken sind Meeresschnecken, die als epibenthonische Flachwasserbewohner meist auf Korallenriffen in einer Wassertiefe, die noch Lichtdurchdringung genießt, leben. Dies ist die so genannte euphotische Zone, welche sich dadurch kennzeichnet, dass sie Oberflächennähe bietet, wodurch in ihr ausreichend Lichtangebot für die Photosynthese gegeben ist. Dadurch stehen in diesem Bereich für die Kaurischnecke ausreichend Algen als Nahrung zur Verfügung. In den klarsten Meeresgebieten beträgt die Tiefe der euphotischen Zone bis zu 200 m. Außerdem bewohnen die Porzellanschnecken alle Meere mit einer Wassertemperatur über 18 °C im kältesten Monat. Das heißt, dass ihr größtes Vorkommen im tropischen und subtropischen Bereich zu verzeichnen ist. Sie kommen dort vor allem an den östlichen Kontinentalrändern vor. Da Kaurischnecken auf wärmere Wassertemperaturen angewiesen sind, sind Meere in den Tropen und Subtropen mit kalten Strömungen nicht von diesen Spezies besiedelt. Die Mehrzahl der Arten ist im Indopazifik vorzufinden. Ausnahmen bilden jedoch endemische Arten wie die Trivia monacha (Europäische Kaurischnecke), welche auf Felsen und Sandböden leben. Die Verbreitung der Europäischen Kaurischnecke erstreckt sich vom Mittelmeer über die Atlantikküste und die Bretagne bis an die Westküsten Britanniens und Irlands. Die zwei durch die Kulturgeschichte bekanntesten Arten Cypraea annulus und Cypraea moneta finden Verbreitung im Indopazifik, von der Ostküste Afrikas bis Australien, von Japan bis Tuamotu und Hawaii im Zentralpazifik.

Morphologie Im Folgenden werden die spezifischen morphologischen Merkmale der Meeresschnecke Kauri erläutert. Auf Grund ihrer Art der Sauerstoffaufnahme werden hier also die Lungen- und Kiemenschnecken beschrieben.

Körper Der Schneckenkörper besteht aus einem Kopf, einem Mantel und dem Kriechfuß, der sehr muskulös, breit und dehnbar ist. Am Kopf befinden sich seitlich zwei lang ausstreckbare Fühler, an deren Basis, nahe am Kopf, jeweils ein Auge liegt. Zwischen den Fühlern, am vorderen Ende des Kopfes befindet sich als Atemhilfsorgan der so genannte Sipho (Atemröhre), der das Atemwasser einleitet und somit die Sauerstoffaufnahme in den Kiemen gewährleistet. Der Mantel, der innerhalb der Schale die Eingeweide (Magen, Niere, Herz, Kiemen) als dünne Membran umhüllt, verdeckt das Gehäuse nach außen hin fast vollständig und ist einziehbar, wenn zum Beispiel Gefahr droht. Er sondert Kalk ab, wodurch die feste und dicke Schneckenschale entsteht. Der Kalk für den Schalenaufbau wird über die Nahrung aufgenommen, kann aber zum Teil durch den Schleim der Kriechsohle aus dem Boden gelöst werden. Außerdem schützt der Mantel das Gehäuse davor, von anderen Organismen bewachsen zu werden, und führt zu der typisch glänzenden Oberfläche der Schale der Kaurischnecken.

Gehäuse Die Unterfamilien der Kaurischnecken setzen sich je nach ihrer Umwelt aus verschiedenen Arten und ökologischen Typen zusammen. Die meist eiförmigen oder birnförmigen Gehäuse können daher ausgewachsen, je nach Art, eine Länge von 1 cm (Pupuradusta oryzaeformis, Polynesien) bis 19 cm (Macrocypraea cervus, West-Atlantik) erreichen. Die Größenunterschiede zwischen den Organismen einer Art können ebenso variieren. Dabei ist zu beachten, dass sich die Form und Größe der Gehäuse von Jung- und Alttieren wesentlich unterscheidet. Außerdem ist das Gehäuse der Männchen meist kleiner als das der Weibchen. Das Adultgehäuse ist im Vergleich zur klassischen, nach außen gewundenen Form der allgemein bekannten Schneckengehäuse, ungewöhnlich geformt, da sich die Windungen (bei den frühen Juvenilstadien als spiralförmiges Gehäuse sichtbar) auf der gesamten Länge überlappen. Die Endgröße des Gehäuses wird dadurch bestimmt, dass sich die äußere Lippe einwärts rollt und so eine schmale Schlitzöffnung bildet, aus der das Tier kommt bzw. durch welche sich das Tier im Falle einer Gefahr zurückziehen kann. Diese Schlitzöffnung befindet sich an der flachen Basis des Gehäuses und weist an ihren Innenkanten parallel verlaufende Querrippen auf, die nach außen ziehen und Zähne genannt werden (Abbildung 2, rechts). Die Punkte und Zeichnungen auf der Schale werden durch Papillen auf der Außen- und Innenseite des Mantels hervorgerufen, welche die verschiedenen Farben erzeugen und somit die Tarnung vor Fraßfeinden ermöglichen. Dabei scheint die Färbung des Mantels von der des Gehäuses unabhängig zu sein.

Lebensweise

Nahrungsaufnahme Im endständigen Mund befindet sich eine mit Chitinzähnchen besetzte Radula (Raspelzunge), die zum Abraspeln von Oberflächen und Zerkleinern der Nahrung geeignet ist. Die Nahrung der Kaurischnecken ist artenspezifisch. Obwohl viele von ihnen Schwämme fressen, gibt es sowohl herbivore als auch omnivore Arten, ebenso wie Nekrophagen. So setzt sich die Nahrung der Kaurischnecken insgesamt aus niederen Tieren, wie Polypen (Hydrozoa), Korallentieren (Madrepora), Ringelwürmern (Annelida), kleinen Krebsen (Crustacea) und Schneckeneiern zusammen. Aber auch Algen und Korallen stehen auf ihrem Speiseplan. Bei den nekrophagen Arten setzt sich die Nahrung ausschließlich aus toten Organismen zusammen. Die meisten Kaurischneckenarten sind nachtaktiv, was bedeutet, dass sie nachts fressen und sich tagsüber in Höhlen im Riff verstecken. Einige Arten verlassen auf der Nahrungssuche ihr angestammtes Versteck und kehren dann frühmorgens zurück (z. B. Lyncina vitellus). Es gibt wenige Arten, die am Tage nicht verborgen sind, was zum einen auf eventuellen Konkurrenzdruck oder auf die tageszeitliche Verfügbarkeit der Nahrung, zum anderen auf die optische Orientierung des Organismus selbst zurückzuführen sein kann.

Fressfeinde mini|Schlangenkopf-Kaurischnecke (Cypraea caputserpensis) wird von Marmorkegelschnecke (Conus marmoreus) gefressen Fressfeinde der Kaurischnecken sind einige Fischarten, wie die Familie der Kugelfische (Tetraodontidae), die kräftige Kiefer haben und die Schalen knacken können oder aber Gehäuse und Tier als Ganzes verschlingen. Außerdem gibt es Räuber, die spezielle Werkzeuge haben, um an ihre Beute zu gelangen. So bohrt z. B. der Gewöhnliche Krake (Octopus vulgaris) ein Loch in das Gehäuse, injiziert dann Gift, das das Tier lähmt. Anschließend löst der Krake mit seinem Verdauungssaft die inneren Organe der Beute auf und saugt den Proteinsaft auf.

Fortpflanzung Bei den Porzellanschnecken ist Getrenntgeschlechtigkeit und Sexualdimorphismus zu beobachten, was bedeutet, dass es bei jeder Art sowohl männliche als auch weibliche Kaurischnecken gibt. Die Keimdrüse der Schnecke produziert also entweder Eizellen oder Samenzellen. Nach der Paarung setzt das Weibchen ein Gelege an der Niedrigwasserlinie auf Korallen, Steinen, Kokosschalen oder ähnlichen Körpern bzw. Strukturen ab. Es bedeckt das Gelege mit dem Fuß, bis die kleinen Schwimmlarven ausgeschlüpft sind (ca. 5–6 Tage). Die Gelege bestehen aus etwa 150–300 zusammengeklebten Eiertaschen, die je 500–600 Eier enthalten, so dass ein Weibchen etwa hunderttausend Eier produziert. Die Schwimmlarven (Veliger-Larven) breiten sich als Bestandteil des Planktons durch die Strömungen im Freiwasserbereich (Pelagial) aus. Veliger-Larven besitzen bereits Ansätze von Organen einer ausgewachsenen Schnecke, wie Augen, Fühleransätze und den Schalendeckel (Operculum). Nach einer Metamorphose entstehen nach 2–3 Monaten aus den Schwimmlarven am Grund des Flachwasserbereiches junge Kaurischnecken. Da die Kaurischnecke im Verhältnis zu ihren potentiellen Feinden ein sehr kleiner Organismus ist, der besonders im Larven-Stadium vielen Fressfeinden ausgesetzt ist, handelt es sich hier um einen R-Strategen. Das bedeutet, dass der Organismus durch seine äußerst hohe Produktionsrate räuberische Eingriffe in Gelege und Larven kompensiert. Aus dieser Literaturauswertung geht nicht hervor, wie lange es dauert, bis die Geschlechtsorgane ausgewachsen sind und bis es der jungen Kaurischnecke gelingt, ihre anfangs weiche Schale durch Kalkanlagerung auszuhärten.

Die Bedeutung der Kaurischnecken in der Kulturgeschichte des Menschen Einige Arten, wie Cypraea moneta galten in der Vergangenheit in Afrika, in Ost- und Südasien und in der Südsee als Zahlungsmittel („Kaurigeld“).Peter Hofrichter: Kauri-Kulturgeschichte. 25 Jahre Hanseatische Münzengilde 1969–1994. Hamburg 1994, S. 127–222. In Südostasien, Südindien und Ostafrika werden Kaurischnecken als Spielsteine in verschiedenen Mancala-Varianten verwendet, darunter z. B. Bao La Kiswahili und Congkak. Im Indopazifik kommt häufig die Tigerschnecke (Cypraea tigris) vor. Einige Cypraeenarten wie Cypraea tigris und Cypraea pantherina gelangten in der römischen Kaiserzeit und im Frühmittelalter in größerer Zahl nach Europa, wo sie von Frauen als Amulett getragen wurden und nach dem Tod auch als Grabbeigabe in die Gräber gelangten. Auch im Zusammenhang mit Voodoo spielen die Gehäuse der Schnecken eine Rolle als Kultgegenstand. mini|Cypraea annulus Namensgebung Der Name Kauri stammt aus Hindi (, Aussprache ).Ganzlaff-Hälsig, Margot (Hrsg.): Handwörterbuch Hindi-Deutsch, Hamburg: Buske, 2002, S. 321. Er bezeichnet die beiden Arten Cypraea annulus (lat. Ring) und Cypraea moneta (lat. Geld). Die Bezeichnung annulus („Ring“) beschreibt den gelb-orangen Kreis auf dem Rücken der Schneckenschale jener Art. Der Begriff Porzellan allerdings leitet sich vom italienischen Namen für Kaurischnecke („porcellana“) ab. Wegen der Beschaffenheit des Schneckengehäuses wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Porzellan mit der Schale der Kaurischnecke verglichen und der Name der Schnecke auf den Wertstoff übertragen. mini|Cypraea nebrites . Im Malaiischen ist sie als sogenannte Beja namensgebend für die Bedeutung von Zoll und Steuer. Im Hindi bedeutet kauṛī auch allgemein „kleine Münze, Groschen, Pfennig“ und findet sich in Redewendungen wie „keinen Pfennig wert sein“, „jeden Pfennig umdrehen“ oder „auf Heller und Pfennig bezahlen“.Ganzlaff-Hälsig, Margot (Hrsg.): Handwörterbuch Hindi-Deutsch, Hamburg: Buske, 2002, S. 322. In Persien findet sie um 1100 n. Chr. Einzug unter dem Namen „Eselsmuschel“, auf Grund ihrer häufigen Verwendung als Tierschmuck.

Vorkommen der Kaurischnecke als Kulturgegenstand