Mäeutik ist die gängige Form des aus dem Altgriechischen stammenden metaphorischen Ausdrucks Maieutik (von „Hebammenkunst“). Das Wort bezeichnet ein auf den griechischen Philosophen Sokrates zurückgeführtes Vorgehen im Dialog. Sokrates, dessen Mutter eine maia („Hebamme“) war, soll seine Gesprächstechnik mit der Geburtshilfe verglichen haben. Gemeint ist, dass man einer Person zu einer Erkenntnis verhilft, indem man sie durch geeignete Fragen dazu veranlasst, den betreffenden Sachverhalt selbst herauszufinden. So wird die Einsicht mit Hilfe der Hebamme – des Lernhelfers – geboren, der Lernende ist in diesem Bild die Gebärende. Den Gegensatz dazu bildet Unterricht, in dem der Lehrer den Schülern den Stoff dozierend mitteilt.

Vom 18. Jahrhundert an wurde die Grundidee verschiedentlich aufgegriffen und in abgewandelter Form zum Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Konzepte der Vermittlung von Einsichten gemacht.

Die Mäeutik des Sokrates Platons Darstellung Sokrates’ Schüler Platon gibt in einer Reihe seiner literarisch gestalteten Dialoge Hinweise auf eine Kunst der Gesprächslenkung zur Förderung von Erkenntnis, die sein Lehrer praktiziert habe. Er lässt Sokrates in den Dialogen als Hauptsprecher auftreten und die mäeutische Vorgehensweise im Umgang mit einzelnen Problemen und Gesprächspartnern demonstrieren.

In neuzeitlicher Literatur zur Geschichte der Philosophie wird die auf Sokrates zurückgeführte Form des philosophischen Diskurses als „sokratische Methode“ und das Vermitteln philosophischer Einsicht auf diesem Weg als „Maieutik“ bezeichnet.

In Platons Dialog Theaitetos vergleicht Sokrates seine Vorgehensweise mit der Berufstätigkeit seiner Mutter, einer Hebamme. Er helfe den Seelen bei der Geburt ihrer Einsichten wie die Hebamme den Frauen bei der Geburt ihrer Kinder.Platon, Theaitetos 148e–151d. Vgl. Theaitetos 161e, wo die Bezeichnung maieutike techne verwendet wird. Seinem Gesprächspartner, dem Mathematiker Theaitetos, der schon lange vergeblich nach der Definition von „Wissen“ sucht, erklärt Sokrates, er – Theaitetos – sei gleichsam „schwanger“ und leide unter Geburtsschmerzen. Nun werde Hebammenkunst benötigt, damit die Erkenntnis (die Antwort auf die Frage, was Wissen ist) hervorgebracht („geboren“) werden könne. So wie eine Hebamme, die selbst nicht mehr gebären kann, anderen bei der Entbindung beisteht, so verfahre er, Sokrates: Er gebäre selbst keine Weisheit, sondern stehe nur anderen beim Hervorbringen ihrer Erkenntnisse bei. Niemals belehre er seine Schüler, aber er ermögliche denen, die sich ernsthaft bemühten, schnelle Fortschritte. Mit der Geburtshilfe befähige er sie, in sich selbst viel Schönes zu entdecken und festzuhalten.Platon, Theaitetos 148e–149c, 150b–d.

Die Geburtshilfe, die Sokrates leistet, besteht in seiner Technik des zielführenden Fragens. Mit ihr bringt er seine Gesprächspartner dazu, vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Das führt oft dazu, dass sie in eine Ratlosigkeit (Aporie) geraten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommen sie aber auf neue Gedanken. Diese werden wiederum mittels der Fragetechnik auf ihre Stimmigkeit überprüft. Schließlich gelingt es dem mäeutisch Befragten, entweder den tatsächlichen Sachverhalt selbst zu entdecken oder sich zumindest der Wahrheit anzunähern. Diese Hilfe beim Suchen und Finden von Erkenntnissen, wobei auf Belehrung konsequent verzichtet wird, erscheint in Platons Darstellung als spezifisch sokratische Alternative zur konventionellen Wissensvermittlung durch Weiterreichen und Einüben von Lehrstoff.Michael Erler: Der Sinn der Aporien in den Dialogen Platons, Berlin 1987, S. 60–70; Michael Erler: Maieutik. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Darmstadt 2007, S. 193f.

Die Hebammenkunst beschränkt sich nach Sokrates’ Darstellung im Theaitetos nicht darauf, dem Schüler zur Geburt seiner Lösungen philosophischer Probleme zu verhelfen. Manches, was von den Schülern geboren wird, ist missgestaltet, das heißt, die vermeintliche Problemlösung ist untauglich. Der erfahrene Geburtshelfer erkennt das und sorgt unnachsichtig dafür, dass das Unbrauchbare weggeworfen wird. Damit zieht sich Sokrates oft den Zorn der Schüler zu, da sie nicht verstehen, dass das nur zu ihrem Besten geschieht.Platon, Theaitetos 150b–151d.

Im Gespräch mit Theaitetos verfolgt Sokrates die Analogie zwischen seiner Mäeutik und der Hebammentätigkeit weiter. Eine Hebamme kann erkennen, ob überhaupt eine Schwangerschaft vorliegt; sie kann die Wehen beschleunigen oder hinauszögern oder auch eine Abtreibung einleiten. Außerdem eignet sie sich hervorragend als Heiratsvermittlerin. Über solche Kompetenz verfügt auf analoge Weise auch der geistige Geburtshelfer Sokrates. Er vermittelt „Heiraten“, indem er Lernbegierige zu passenden Lehrern schickt, wenn er sieht, dass sie sich nicht für seine mäeutische Kunst eignen. Solche Entscheidungen trifft er aufgrund seiner Fähigkeit, einzuschätzen, welche Seelen in der Lage sind, wertvolle Erkenntnisse hervorzubringen, und welche nicht wirklich schwanger sind oder nur Untaugliches gebären können. Nach dieser Einschätzung wählt er die aus, denen er Geburtshilfe leistet; die anderen schickt er weg.Platon, Theaitetos 150b–151b.

Sokrates weist im Theaitetos darauf hin, dass Hebammen selbst Mütter seien und daher eigene Erfahrungen mit dem Geburtsvorgang hätten, was für ihren Beruf auch notwendig sei. Er hingegen sei zeit seines Lebens unfruchtbar gewesen, ihm sei das Gebären von Erkenntnissen nicht vergönnt gewesen. Dennoch könne er als Hebamme fungieren und anderen zu ihren Geburten verhelfen.Platon, Theaitetos 149b–c, 150c–d. Dies ist das in der Forschung oft diskutierte Paradox des sokratischen Nichtwissens: Sokrates stellt seine eigene Unwissenheit fest und erhebt zugleich den Anspruch, anderen bei der Erkenntnissuche helfen zu können. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, dass Sokrates, wenn er von seiner eigenen Unfruchtbarkeit und Unwissenheit spricht, an ein unumstößliches Wissen im Sinne einer auf zwingender Beweisführung basierenden Wahrheitskenntnis denkt. Für ihn wäre nur ein solches Wissen, über das er nicht verfügt, befriedigend, doch hat er es nicht gebären können, und er kennt auch niemanden, der es besitzt. Mit den Geburten, zu denen er anderen verhilft, meint er nur Ergebnisse, die er zwar für gut begründet und richtig hält, deren Richtigkeit er aber nicht beweisen kann. Diese Ergebnisse sind zwar wertvoll, stellen aber kein Wissen im strengen Sinn finaler Vernunfterkenntnis dar.Siehe zu dieser Unterscheidung Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Sophistik, Sokrates, Sokratik, Mathematik, Medizin (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1), Basel 1998, S. 139–364, hier: 159f., 164.

Die Frage der historischen Realität Aus altertumswissenschaftlicher Sicht erscheint fast alles, was über die „sokratische Methode“ und die Mäeutik überliefert ist, als problematisch und ist umstritten. Da Sokrates keine Schriften hinterlassen hat, ist die Mäeutik nur aus Platons Angaben und einer mutmaßlichen Anspielung bei AristophanesAristophanes, Die Wolken 135–140. bekannt. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem literarisch geschilderten „platonischen“ (in Platons Dialogen auftretenden) Sokrates und Sokrates als historischer Persönlichkeit gehört zu den schwierigsten Problemen der antiken Philosophiegeschichte. Nur wenn man Platon eine einigermaßen wirklichkeitsnahe Darstellung zutraut, kann ein Begriff wie „sokratische Methode“ – bezogen auf den historischen Sokrates – sinnvoll sein. Skeptische Forscher beschränken sich auf die Feststellung, dass Platon als Schriftsteller seinem Lehrer, den er als Meister des Dialogs ins beste Licht rückt, eine bestimmte überlegene Art der Gesprächsführung zuschreibt.Eine forschungsgeschichtliche Übersicht zur Frage nach dem historischen Sokrates bietet Louis-André Dorion: The Rise and Fall of the Socratic Problem. In: Donald R. Morrison (Hrsg.): The Cambridge Companion to Socrates, Cambridge 2011, S. 1–23. Siehe auch Debra Nails: Agora, Academy, and the Conduct of Philosophy, Dordrecht 1995, S. 8–31.

Umstritten ist nicht nur die Existenz einer „Methode“ des historischen Sokrates, sondern auch die Frage, ob der historische Sokrates seine Dialogpraxis als Hebammenkunst aufgefasst und bezeichnet hat oder der Vergleich mit der Geburtshilfe ein Einfall Platons war. Einige Indizien deuten darauf, dass der historische Sokrates tatsächlich seine Hilfestellung beim philosophischen Nachforschen mit der Tätigkeit einer Hebamme verglichen und in dieser Metapher sein Verständnis von Erkenntnisvermittlung zusammengefasst hat.Bruno Vancamp: L’historicité de la maïeutique socratique: réflexions critiques. In: L’Antiquité Classique 61, 1992, S. 111–118 und Julius Tomin: Socratic Midwifery. In: The Classical Quarterly 37, 1987, S. 97–102. Allerdings gibt es auch gewichtige Gegenargumente.Richard Robinson: Plato’s Earlier Dialectic, 2. Auflage. Oxford 1953, S. 83f., Kenneth Dover: Socrates in the Clouds. In: Gregory Vlastos (Hrsg.): The Philosophy of Socrates, Garden City (N.Y.) 1971, S. 50–77, hier: 61f., Myles F. Burnyeat: Socratic Midwifery, Platonic Inspiration. In: Hugh H. Benson (Hrsg.): Essays on the Philosophy of Socrates, New York 1992, S. 53–65; Thomas Alexander Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 91–127, insbesondere S. 91–98. Für die Historizität spricht insbesondere der Umstand, dass der Komödiendichter Aristophanes, ein Zeitgenosse des Sokrates, anscheinend in seiner Komödie „Die Wolken“ auf die Geburtshilfe-Metapher anspielt. Aristophanes lässt einen Schüler des Sokrates, der beim Nachdenken unterbrochen wird, dem Störer vorwerfen, die Unterbrechung habe die Fehlgeburt einer Erkenntnis ausgelöst.Aristophanes, Die Wolken 135–137. Siehe dazu Julius Tomin: Socratic Midwifery. In: The Classical Quarterly 37, 1987, S. 97–102, hier: 99; David Sider: Did Socrates call himself a midwife? The evidence of the Clouds. In: Konstantinos J. Boudouris (Hrsg.): The Philosophy of Socrates, Athen 1991, S. 333–338. Die Verwertbarkeit dieser Quelle bestreitet jedoch Harold Tarrant: Midwifery and the Clouds. In: The Classical Quarterly 38, 1988, S. 116–122. Ein Problem besteht allerdings darin, dass der platonische Sokrates im Theaitetos feststellt, die Mäeutik sei damals – in seinem Todesjahr 399 v. Chr. – in der Öffentlichkeit noch unbekannt gewesen.Platon, Theaitetos 149a. Wenn das historisch zutrifft, ergibt eine Anspielung in der schon 423 v. Chr. aufgeführten Komödie keinen Sinn.

Neuzeitliche Rezeption Philosophie Im 16. Jahrhundert befasste sich Michel de Montaigne mit der Vorgehensweise des platonischen Sokrates, schrieb ihm aber keine eigene mäeutische Methode zu.Patrick Bühler: Negative Pädagogik. Paderborn 2012, S. 26. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Gedanke der Hebammenkunst wiederentdeckt und erlangte große Beliebtheit. Sokratisches Philosophieren („Sokratik“) wurde nun in weiten Kreisen mit Mäeutik gleichgesetzt.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855) schätzte Sokrates sehr und setzte sich intensiv mit der Mäeutik auseinander. Er betrachtete den angemessenen Umgang mit dem Thema Liebe und das richtige Verhalten in der christlichen Liebespraxis als mäeutisch. In seiner Schrift Werke der Liebe beschrieb er sein Konzept einer indirekten Vorgehensweise in der Kommunikation über das Thema Liebe und einer absoluten Selbstlosigkeit bei der Ausführung von Werken der Liebe. Er meinte, es seien Werke Gottes; der liebende Mensch solle sich bewusst sein, dass ihm nur eine mäeutische Rolle zukomme, und solle sich entsprechend verhalten.Siehe dazu Paul Müller: Kierkegaard’s „Works of Love“. Christian Ethics and the Maieutic Ideal. Kopenhagen 1993, S. 41–44, 51, 58–61.