Megalithkultur (von mégas „groß“ und líthos „Stein“) ist ein archäologischer und ethnographischer Begriff, der in der Forschungsgeschichte umstritten ist. Insbesondere wurde die Hypothese angezweifelt, der zufolge die verschiedenen megalithischen Kulturen einen einzigen gemeinsamen Ursprung hätten.Tobias Kühn: Woher die Idee für Stonehenge kam, 13. Februar 2019. sueddeutsche.de Süddeutsche Zeitung. (Abruf: 7. Oktober 2019).
Die Bezeichnung Megalithkultur hat mehrere Bedeutungen: Mit „Megalithkultur“ wird eine Kultur bezeichnet, die rituelle Bauwerke, unter anderem Gräber, größerer bis großer Dimension, insbesondere aus großen Steinen, errichtet, die nur relativ grob bearbeitet werden, oder die, in seltenen Fällen, Monumente aus Gesteinsmassen aushöhlt. Als Ursprungs- oder Parallel-Phänomen sieht der australische Prähistoriker Vere Gordon Childe „megaxylische“ Bauwerke (megaxylic: wörtlich: 'groß-hölzern'), die dann auch in Stein übersetzt werden können (vgl. Woodhenge, Pömmelte). Megalithische Bauwerke finden sich an vielen Stellen auf dem Globus. So spricht Childe (1946) von verschiedenen Megalithkulturen (megalithic cultures) von Europa über Asien bis in den Pazifik (Moai). Eine zugrundeliegende, einheitliche Kultur (single ‘culture’) sieht er dabei ausdrücklich nicht.V. Gordon Childe: The Distribution of Megalithic Cultures, and their Influence on ancient and modern Civilizations. In: Man. Band 46/4 (1946), S. 97, . Andere finden Megalithkulturen auch in Afrika, Meso- und SüdamerikaHelmut Christmann: Das Rätsel der Großen Steine – Die geheimnisvollen Megalithkulturen im und um das Südmeer, in: Die Karawane – Vierteljahreshefte der Gesellschaft für Länder- und Völkerkunde, Ludwigsburg, 25. Jg., Heft 4 1984. oder sogar noch im zeitgenössischen Indonesien (Nias).Dominik Bonatz: Wandel einer Megalithkultur im 20. Jahrhundert (Nias/Indonesien). In: Anthropos.96/1, 2001, S. 105–118, . Megalithkulturen in diesem Sinne finden sich (in der Regel) ab dem Epipaläolithikum (zum Beispiel Göbekli Tepe), dann vor allem in der Jungsteinzeit (Neolithikum – zum Beispiel Steingehege der Bretagne, Trichterbecherkultur, Stonehenge), in der Kupfersteinzeit (zum Beispiel Schnurkeramische Kultur), in der Bronzezeit (zum Beispiel Rösen mit megalithischer Steinkiste, Tholoi) und bis in die Eisenzeit und das Mittelalter (zum Beispiel Mazzeben, Bautasteine, Runensteine, Schiffssetzungen). Bearbeitung, Transport und Errichtung dieser Steine und gegebenenfalls der daraus zusammengesetzten Monumente setzt eine bedeutende kollektive, organisierte Anstrengung, also eine bereits relativ hoch entwickelte soziale Organisation voraus, die unter anderem in den kollektiv-rituellen Bauwerken der Megalithkulturen auch zum Ausdruck kommt. Die Vorstellung einer über große Distanzen, manchmal weltweit verbreiteten Kultur, die durch die Großsteinbauten und weitere Merkmale miteinander verbunden ist, wird der Diffusions-Theorie zugeordnet. Zeitliche Unterschiede zwischen den verschiedenen megalithischen Phänomenen werden durch die Dauer der Migration und die dabei zurückgelegten Distanzen erklärt. Diese Theorie ist vor allem mit dem Namen des englischen Kulturanthropologen William James Perry (1887–1949) verbunden. In einem engeren geographischen Rahmen verwendeten auch Oscar Montelius (1843–1921) und Sophus Müller (1846–1934) ein Migrationsmodell für die Ausbreitung der Megalithkultur, die vom Orient über Nordafrika nach Westeuropa und von dort weiter nach Norden und Osten vorgedrungen sein sollte.Oscar Montelius: Der Orient und Europa. Erster Band, Stockholm 1899;Sophus Müller: Sønderjyllands Stenalder. In: Aarbøger for nordisk oldkyndighed og historie. III. Serie, dritter Band (1913), S. 169–322. Carl Schuchhardt (1859–1943) kehrte die Ausbreitungsrichtung um und leitete die griechischen Tholoi von westeuropäischen Vorbildern ab.Carl Schuchhardt: Alteuropa. Zweite Auflage, Berlin und Leipzig 1926. Die Idee, dass der Bau mit großen Steinen mit einer besonderen Ideologie verbunden ist, auch wenn die Bautraditionen nicht unbedingt in einer genetischen Beziehung stehen, wird als Grundlage für eine eigene Kultur angesehen. So bringt der Ethnograph Adolf Ellegard Jensen (1899–1965) Großsteinbauten mit einem „ausgeprägten Totenkult und Ahnendienst“ in Verbindung.Adolf Ellegard Jensen: Simbabwe und die Megalithkultur. In: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 1/3 (1939), S. 101. Diese Idee steht mit der Frobenius’schen Kulturmorphologie in Verbindung. „Megalithkultur“ wurde als Synonym für Trichterbecherkultur oder vielmehr deren Nord-, West- und Ostgruppe verwendet. Diese Bezeichnung war aber mit der Idee eines „Megalithvolkes“ verbunden. Nach Ernst WahleErnst Wahle: Deutsche Vorzeit. Leipzig 1932, S. 68 ff., 73 ff. und Hermann Güntert entstand dieses aus einer Vermischung von einwandernden Germanen und dem „Megalithvolk“. Güntert setzt die „Streitaxtleute“ mit den Indogermanen gleich; sie hätten den „megalithischen Bauernadel“ unterworfen, der in dieser Gegend den Ackerbau eingeführt hatte.Hermann Güntert: Der Ursprung der Germanen. Carl Winter, Heidelberg 1934, S. 97 f. Güntert nahm an, dass dieses Megalithvolk eine Sprache sprach, die mit dem Baskischen, Etruskischen und „Ägäischen“ verwandt war; einige ihrer Wörter hätten jedoch überlebt, unter anderem in den neuhochdeutschen Wörtern Flint, Felsen, Halle und Burg.Hermann Güntert: Der Ursprung der Germanen. Carl Winter, Heidelberg 1934, S. 95.
Karl Josef Narr verweist darauf, dass Ethnographie und Archäologie mit verschiedenen Definitionen von „Megalithkultur“ arbeiten. Er macht darauf aufmerksam, dass „sich die prähistorische Megalithik nicht mit irgendeiner, durch archäologische Mittel herauszuarbeitenden Formengruppe deckt oder mit einiger Wahrscheinlichkeit als in einem derart aufgestellten Komplex wurzelnd erweisen läßt.“Karl J. Narr: Archäologische Hinweise zur Frage des ältesten Getreideanbaus und seiner Beziehungen zur Hochkultur und Megalithik. In: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 6/4 (1956), S. 249.
Aktuelle Forschungen zur Ausbreitung von Megalithbauten mini|Karte mit Fundregionen in gelb Die Möglichkeit, das Alter der in Westeuropa und im Mittelmeerraum verbreiteten Anlagen mit der Radiokarbonmethode zu ermitteln, bringt die Hypothesen wieder zurück in die Nähe einer zusammenhängenden Entstehung. Die prähistorische Archäologin Bettina Schulz Paulsson von der Universität Göteborg fasst in ihrer maßgeblichen Studie über die Ausbreitung von Megalithbauten die Diskussion zusammen:
Schulz Paulsson hat mit Radiokarbondatierungen und Bayesscher Modellierung „2410 Fundstellen anhand von zum Teil bereits früher untersuchten Proben im Kontext der Megalithbauten und von gleich alten Artefakten benachbarter Kulturen (bestimmt). […] Offenbar entstanden die frühesten Megalithstrukturen im Nordwesten des heutigen Frankreich im frühen 5. Jahrtausend v. Chr. in nur rund 200 bis 300 Jahren.“Jan Osterkamp: Jungsteinzeit: Eine gemeinsame Wurzel der Megalithkultur? In: Spektrum der Wissenschaft. 11. Februar 2019 (spektrum.de).
Ein Muster „von drei Ausbreitungswellen mit Ursprung in Nordwestfrankreich“ sei über Seerouten zu bestimmen: "'Sie bewegten sich über die Seewege und unternahmen lange Reisen entlang der Küsten', sagt Schulz Paulsson. Dies passt zu anderen Forschungen, die sie zur Megalithkunst in der Bretagne durchgeführt hat und die Gravuren vieler Boote zeigen, von denen einige groß genug für eine Besatzung von 12 Personen sind." „‚They were moving over the seaway, taking long distance journeys along the coasts‘, says Schulz Paulsson. This fits with other research she has carried out on megalithic art in Brittany, which shows engravings of many boats, some large enough for a crew of 12.“Alison George: Sailors spread the ancient fashion for monuments like Stonehenge. In: New Scientist. 11. Februar 2019 (newscientist.com).
Insgesamt stellte Schulz-Paulsson 35.000 Megalith-Objekte fest. Die untersuchten Monumente liegen in Skandinavien, auf den britischen Inseln, in der Bretagne, in Nordspanien, Korsika und Sardinien sowie in Süditalien und auf Malta. Sehr frühe Formen fänden sich im Pariser Becken (Typ Passy).
Der deutsche Naturwissenschaftler Helmut Tributsch (Freie Universität Berlin), der in seine Forschung auch historische Überlegungen einbezog und in den 1980er Jahren zu ähnlichen Schlüssen wie Schulz-Paulsson kam, wies auf Megalith-Bauten „an der Küstenlinie Nordafrikas zwischen Marokko (Steinkreis) und Tunesien“ hin: „Aber sie sind noch wenig untersucht.“Helmut Tributsch: „Die gläsernen Türme von Atlantis“ – Erinnerungen an Megalith-Europa. Ullstein, Frankfurt am Main und Berlin 1986, S. 145.https://journals.openedition.org/encyclopedieberbere/2200?lang=en
Deutungen Geistig-religiöse Interpretationen Für Andrew Sherratt gelten Megalithbauten als Hauptmerkmal der Bauernkulturen, zum Beispiel der Trichterbecherkultur (TBK) Nordmitteleuropas und repräsentieren ihre Wertvorstellungen und eine mythisch-theistische Glaubenswelt.Andrew Sherratt: Das Jungneolithikum und die Kupferzeit. In: Barry Cunliffe (Hrsg.): Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas. Frankfurt am Main 1996, S. 204–207, 217, 219. Megalithanlagen waren mit einer Heiligkeit ausgestattet, die von den nachfolgenden Kulturen übernommen wurden und repräsentierten eine Bedeutung, die der Platz für die Bauern hatte, waren Schauplatz regelmäßiger Rituale und Zeremonien und wurden errichtet in der Hoffnung, dass sie immerfort über die jährlichen Zyklen des Lebens hinweg bis in die Unendlichkeit Bestand hätten, quasi als Orte mit der Funktion eines kollektiven Gedächtnisses und einer sakralen Landschaftsgestaltung, die sich mitunter zu Zentralheiligtümern mit starker Bindewirkung für die Gemeinschaft entwickelten.Ian Hodder: „Generalisierende Aussagen erlauben uns, die Interpretation megalithischer Gräber in Systemen von Produktion und Reproduktion einzubetten, um so den damit assoziierten Symbolbereich mit dem des sozialen Lebens zu verbinden. Aber Archäologen haben besonders die sozialen und ideologischen Funktionen mit den Bedeutungen von Gräbern verkettet und dabei vergessen, dass diese nicht zuallererst verbergen und legitimieren, sondern Wege bezeichnen, wie man mit dem Tod umgehen kann, wobei dieses Umgehen auf lokalen Traditionen und auf sich immer wieder ändernden Lösungsversuchen beruht. Wir dürfen daher keine starren Bedeutungen der Gräber als konstant in Raum und Zeit erwarten. So erzählen zum Beispiel viele Grab-Sequenzen von sich verändernden Bedeutungsstrukturen. Megalithische Gräber wurden zu oft von einem lokalen Bedeutungssystem abgetrennt, durch das für den Tod ein Sinn gestiftet wurde“.Korn, S. 152 ff. Erst die zunächst weit mobileren Schnurbandkeramiker lösten diese Tradition ab und gingen zu kleinen, individuellen Gräbern über. Die kreisförmigen Anlagen der Britischen Inseln, die sog. Henge-Monumente, wiederum hätten astronomische Bezüge.Andrew Sherratt: Das Jungneolithikum und die Kupferzeit. In: Barry Cunliffe (Hrsg.): Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas. S. 221 ff.