Wanda ist ein sozialkritisches Drama und Roadmovie aus dem Jahre 1970. Es war Barbara Lodens einziger Spielfilm als Regisseurin; sie war Hauptdarstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin.

Handlung Wanda Goronski, eine ungefähr vierzig Jahre alte Mutter von zwei Kindern, ist bei ihrem Mann ausgezogen, oder vielleicht hat er sie hinausgeworfen. Er hat die Scheidung eingereicht. Von der ersten Szene an wirkt Wanda seltsam abwesend oder teilnahmslos oder einfach überfordert. Der Tag, der anbricht, als Wanda im Haus der Familie ihrer Schwester aufwacht, einer direkt neben einem Tagebau-Bergwerk gelegenen Holzbaracke, wird sie vollkommen aus der Bahn werfen.

Verspätet erscheint sie zum Gerichtstermin. Ihr Mann will die Scheidung? Soll er sie bekommen. Sie wird das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren? Sie erhebt keinen Einspruch. – In einer Textilfabrik. Wanda hat dort in der vorigen Woche an zwei Tagen gearbeitet, und man suche doch auch jetzt wieder Frauen für die schlechtbezahlte Arbeit. Nichts zu machen, sie sei zu langsam. – Mit einem Mann, der ihr in einer Bar ein Bier bezahlt, landet sie in dessen Motelzimmer. Er will sich davonmachen, sie kann ihm gerade noch in seinen Wagen folgen, aber bei der nächstbesten Gelegenheit lässt er sie stehen. – Schließlich wird ihr in einem Kino ihr letztes Geld geklaut.

Dann, wieder in einer Bar, begegnet Wanda Mr. Dennis. Was dort in diesem Moment vor sich geht, das begreift sie erst, als sie am nächsten Tag in der Zeitung von einem Gangster liest, der einen Barkeeper niedergeschlagen und die Kasse ausgeraubt habe und dann mit seiner Komplizin geflohen sei. Mr. Dennis, so heißt er für Wanda bis zum Schluss, ist Kleinganove, und das Unwahrscheinliche passiert: Sie wird tatsächlich zur Komplizin dieses Mannes, der sie ohrfeigt und herumkommandiert, der von heftigsten Schmerzattacken überwältigt wird, der Unmengen von Tabletten in sich hineinwirft und der jeden Bezug zur Realität verloren zu haben scheint. Es entsteht sogar eine gewisse Nähe zwischen den beiden.

Wohin die Fahrt der beiden im gestohlenen Auto führt, das scheint zunächst nicht klar zu sein, sondern wirkt eher ziellos. Bis sich herausstellt, dass dieser Norman Dennis einen Banküberfall plant. Da der Mann, den er als Fahrer eines Fluchtautos vorgesehen hatte, sich weigert, zwingt er Wanda mitzumachen. Es läuft alles schief. In der Bank löst das Öffnen des Tresors bei der örtlichen Polizei Alarm aus, und Norman Dennis wird – so erfährt Wanda es später aus den TV-Nachrichten – noch in der Bank erschossen. Sie selbst gerät mit ihrem Wagen in eine Kontrolle, und als sie schließlich bei der Bank ankommt, ist der Zugang bereits von der Polizei abgesperrt. Mit einer langen fixen Kameraeinstellung mit Wandas fassungslosem Gesicht im Zentrum endet diese Szene des Films.

Wieder eine Bar und wieder ein Mann, der Wanda ein Bier spendiert. Er wirkt zunächst sogar freundlicher als die Männer, mit denen Wanda es bisher zu tun hatte. Aber nachdem sie erst einmal in seinem Wagen sitzt, ist es wieder dasselbe: Er fällt geradezu über sie her. Aber dieses Mal wehrt sich Wanda. Sie schreit, sie schlägt auf ihn ein, sie kann in ein nahegelegenes Waldstück fliehen. Später, am Abend, gelangt sie in eine Art Kneipe. Eine kleine Combo spielt eine schlichte Folkmusik, laut reden die Leute dort miteinander, und zwischen ihnen sitzt Wanda, immer noch verloren wirkend. Mit dieser Einstellung, die in ein Freeze Frame übergeht, endet der Film.

Hintergrund Ausgangspunkt für die Entwicklung des Drehbuchs war ein ZeitungsartikelElia Kazan, A Life, S. 793. Da Capo Press, 1997., der bereits 1960 erschienen war und der Barbara Loden nachhaltig beeindruckt hatte. Der Artikel berichtete von einer Frau, die sich nach ihrer Verurteilung zu einer langjährigen Haftstrafe beim Richter für das Urteil bedankt hatte. Der ein paar Jahre später unternommene Versuch Barbara Loden’s, die Inhaftierte besuchen zu dürfen, scheiterte; ihre Anfrage wurde von der Gefängnisdirektion abgelehnt.Ausführlich über die vom realen Fall ausgehende Entwicklung des Drehbuchs bei Elena Gorfinkel: Wanda (s. Literatur), S. 24–29, das Kapitel From Alma to Wanda. (Alma Malone war der Name der zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Frau.)

Insbesondere die Details des geplanten Bankraubs sind eng an den damaligen realen Fall angelehnt: Die Täter, ein Mann und eine Frau, die sich nur flüchtig kennengelernt haben; eine ebenso akribische wie naive Liste der einzelnen Punkte ihres geplanten Vorgehens; die Geiselnahme des Bankdirektors in seinem Privathaus; die Erschießung des männlichen Täters im Bankgebäude. – Danach weicht die Filmhandlung vom realen Fall ab: Tatsächlich wurde die Frau gefasst und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, im Film bleibt Wandas Zukunft offen.

Mehr noch als die Einzelheiten des Kriminalfalls interessierte Barbara Loden die Wesensart der zur Komplizin eines Kleingangsters gewordenen Frau, in der sie sich wiederzuerkennen meinte: „It’s like showing myself in a way that I was.“Nathalie Léger, Supplément à la vie de Barbara Loden, S. 69 ff. Folio, 2013. (Es ist, als zeigte ich mich in der Weise, wie ich tatsächlich war.) Auf die Frage, warum sie in ihrer ersten Regiearbeit auch die Hauptrolle übernommen habe, antwortete sie lapidar: „I was the best for it.“ (Ich war die Beste dafür.)Hier zitiert aus einer auszugsweisen Veröffentlichung der englischen Übersetzung des Buches von Nathalie Léger (s. Literatur).

Die Dreharbeiten des Films fanden ausschließlich an Originalschauplätzen in den US-Bundesstaaten Connecticut und Pennsylvania statt. Ort der Begegnung von Norman Dennis mit seinem Vater war der in der Nähe von Waterbury gelegene Themenpark „Holy Land USA“, wo Wanda auch die Katakomben besucht. Der scheiternde Bankraub wurde gefilmt in der Third National Bank von Scranton.Gemäß Bérénice Reynaud: For Wanda (s. Weblinks).

Am 9. April 2026 kam der Film über den Filmverleih Grandfilm in einer restaurierten Fassung erneut in ausgewählte deutsche Kinos.Wanda bei grandfilm.de, abgerufen am 8. April 2026.

Rezeption Eine der ersten Kritiken nach dem Anlaufen des Films Anfang 1971 in den USA stammt von Pauline Kael. Obwohl ihr Artikel mit dem anerkennden Fazit endet, „Es ist ein Erstlingsfilm, der Neuland betritt, und die Stärke seiner Regisseurin verdient Respekt.“ („It’s an exploratory first film, and one respects the director’s strength.“), gleicht er davor einem kompletten Verriss. Sie schrieb damals im New Yorker u. a.:

Insbesondere von Feministinnen wurde der Film Anfang der 1970er Jahre heftig kritisiert. Mit Bezug auf Wanda schrieb Sharon Smith in der Zeitschrift Women & Film, sie erwarte, dass Frauen in Filmen „aktiv, nicht passiv“ („active, not passive“) gezeigt werden und dass sie „nicht permanent Spott und einem unglücklichen Ende“ („shouldn’t constantly face ridicule and unhappy endings“) ausgesetzt sein sollten.Sharon Smith: The Image of Women in Film: Some Suggestions for Future Research. In: Women & Film, No. 1, Santa Monica 1972. Dies war der allgemeine Tenor der Kritik von feministischer Seite: „Solche Frauen wollen wir nicht auf der Leinwand sehen.“ („We don’t want women like this shown on the screen.“) Barbara Loden antwortete auf diese Sicht am Beispiel einer Kritik der Zeitschrift Ms. magazine nach dem „New York Women’s Film Festival“ des Jahres 1972 und sagte, wie sehr sie diese Sichtweise verletzt habe: „Das sind Menschen, die nicht wollen, dass ich existiere; sie würden sagen, dass ich nichts wert bin oder dass man mir kein Gehör schenken sollte.“ („Those are the people who wouldn’t want me to exist, and they would say that I was not valid or that I should’t be heard.“)

Wanda ist ein Film, der im Laufe der Jahrzehnte seit seiner Realisierung eine stetig gestiegene Wertschätzung gewonnen hat – eine Wertschätzung, die die 1980 gestorbene Barbara Loden nicht mehr erlebte. In Frankreich kam es Anfang der 1980er Jahre zum ersten regulären Kinostart des Films, als er durch den Einsatz von Marguerite Duras einen Verleih fand.Siehe hierzu das Gespräch Duras-Kazan in den Cahiers du Cinéma vom Dezember 1980 (s. Weblinks). Weitere Kino-Vorführungen und die erste DVD-Veröffentlichung kamen – ebenfalls in Frankreich – 2003/2004 auf Initiative von Isabelle Huppert zustande, die die Rechte an dem Film erworben hatte.Sadia Quraeschi Shepard im „Creator’s Statement“ zum Videoessay Dear Barbara Loden: Reconsidering Wanda (1970): „Virtually unseen for decades, Wanda was initially released on DVD in France by Huppert in 2004, restored by the UCLA Film and Television Archive in 2007, and acquired for rerelease by The Criterion Collection in 2018.“ („Nachdem der Film jahrzehntelang praktisch nicht zu sehen war, wurde Wanda 2004 zunächst in Frankreich von Huppert auf DVD veröffentlicht, 2007 vom UCLA Film and Television Archive restauriert und 2018 von der Criterion Collection für eine Neuveröffentlichung erworben.“; s. Weblinks; abgerufen am 16. Juli 2026).

In Deutschland gab es über Jahrzehnte nur wenige vereinzelte Fernseh- und Kinovorführungen des Films. Anlässlich einer von ihm initiierten Vorführung im Januar 1994 in Berlin schrieb Heinz Emigholz:

Noch relativ reserviert fiel die erste Kurzkritik des Films im Filmdienst aus, aber immerhin erhielt er die „Pädagogische Empfehlung: Sehenswert ab 16“:

In der vom britischen Magazin Sight & Sound alle zehn Jahre erstellten Liste der „Greatest Films of All Time“ belegte Wanda in der Ausgabe aus dem Jahr 2022 erstmalig einen Platz unter den ersten hundert Plätzen; im „Critics’ Poll“ der Filmkritiker erreichte er Platz 48, im „Directors’ Poll“ der Filmregisseure Platz 93.Wanda in „The Greatest Films of All Time“ von Sight & Sound (Ausgabe 2022, englisch, abgerufen am 15. Juli 2026).

Heute bewirbt Criterion Collection den Film als „Meilenstein des feministischen Kinos“,Wanda auf der Grandfilm-Website (abgerufen am 15. Juli 2026). und Wanda gilt inzwischen als „Meisterwerk des unabhängigen Films und US-Autorenkinos“.Wanda auf der Programmkino-Website (abgerufen am 15. Juli 2026).

Auszeichnungen 1970: Beim Filmfestival von Venedig erhielt Wanda den Pasinetti-Preis für den besten ausländischen Film.https://www.imdb.com/title/tt0067961/awards 2017: Der Film wird in das National Film Registry aufgenommen.

Literatur Anna Backman Rogers: Still Life – Notes on Barbara Loden’s Wanda (1970). Punctum Books, 2021, ISBN 978-1953035684. Annette Brauerhoch: Am falschen Ort? – Nicht-Identität und Raumerfahrung in Barbara Lodens “Wanda” (USA, 1970). In: Judith Kretschmar / Markus Schubert / Sebastian Stoppe (Hg.): Medienorte, Martin Meidenbauer Verlag, München 2011, S. 87–107. Fabienne Duszynski: Les idiotes préfèrent être blondes. In: Vertigo, Nr. 40 (2011/2), S. 17–22. Jürgen Ebert: Wanda, nacherzählt. Filmkritik, Nr. 291, vom März 1981. – Dort auch deutsche Übersetzung von Auszügen eines Gesprächs von Marguerite Duras und Elia Kazan über den Film (s. Weblinks). Elena Gorfinkel: Wanda. Bloomsbury Publishing (in der Reihe: BFI Film Classics), London 2025, ISBN 9781839023040. Amelie Hastie: The Vulnerable Spectator. In: Film Quarterly, Vol. 72, Nr. 2 (2018), S. 81–84. Nathalie Léger, Supplément à la vie de Barbara Loden. Gallimard / folio, 2013. ISBN 978-2-07-045322-1., engl. Ausgabe: Suite for Barbara Loden. Dorothy Project, St. Louis 2016. Fjoralba Miraka: Gender, Genre, and Class Politics in Barbara Loden’s Wanda. In: Mai Feminism & Visual Culture, 2019. Hans Schifferle: Barbara Loden. In: Hans Helmut Prinzler, Gabriele Jatho (Hg.): New Hollywood 1967–1976: Trouble in Wonderland. Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2004, S. 152–153. David Thomson: Her Way. In: Film Comment, Vol. 53, Nr. 4 (Juli–August 2017), S. 50–53.

Weblinks

Trailer zum Re-Release des Films 2018 in digitalisierter Fassung bei mubi.com. Sadia Quraeshi Shepard: Dear Barbara Loden: Reconsidering Wanda (1970). Videoessay (2024), online verfügbar bei (in)Transition (englisch).