Vittorio Hösle (* 25. Juni 1960 in Mailand) ist ein deutscher Philosoph. Er lehrt seit 1999 an der University of Notre Dame in Indiana (USA).
mini|Vittorio Hösle, Vatikan, 2020
Hösle ist Verfasser zahlreicher Bücher, unter anderem zum deutschen Idealismus, zur Philosophiegeschichte, zur Diskursethik und zur Praktischen Philosophie. In seiner Philosophie verbindet er einen „objektiven Idealismus“ mit einer Theorie der Intersubjektivität, ein Ansatz, der die traditionelle idealistische Philosophie von Platon und Hegel mit der von Karl-Otto Apel etablierten Transzendentalpragmatik in Einklang zu bringen versucht.
Hösle war Beiratsmitglied des „Komitees für eine demokratische UNO“, aus dem 2017 die internationale NGO Democracy Without Borders hervorgegangen ist.Siehe Das Komitee für eine demokratische UNO ist jetzt Democracy Without Borders
Leben Werdegang Vittorio Hösle ist der Sohn des Romanistikprofessors Johannes Hösle und dessen Frau Carla Hösle, geb. Gronda. Er wuchs bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Mailand auf, wo sein Vater das dortige Goethe-Institut leitete. 1966 kam er nach Deutschland, wo er 1978 – nachdem er zwei Klassen übersprungen und ein Jahr an einer deutschen Auslandsschule in Barcelona verbracht hatte – mit 17 Jahren im humanistischen Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium das Abitur ablegte. Dort lernte er, dass „die griechische und die römische Kultur die Wurzel der unseren sind, daß sie Bildungsgehalte in sich tragen, die zeitlosen Wert haben“.Hösle: Erinnerungen eines alten Schülers. In: Albertus-Magnus-Gymnasium Regensburg – Festschrift zum Schuljubiläum 1988, S. 416/417. Hösle studierte Philosophie, Allgemeine Wissenschaftsgeschichte, Klassische Philologie und Indologie in Regensburg, Tübingen, Bochum und Freiburg. 1982 promovierte er mit der Arbeit Wahrheit und Geschichte. Studien zur Struktur der Philosophiegeschichte unter paradigmatischer Analyse der Entwicklung von Parmenides bis Platon in Tübingen summa cum laude. Dort habilitierte er sich im Jahr 1986 mit Subjektivität und Intersubjektivität. Untersuchungen zu Hegels System.
Im Juni 1986 wurde Hösle Privatdozent für das Fach Philosophie an der Universität Tübingen. Im selben Jahr wurde er Visiting Assistant Professor und 1988 Associate Professor an der New School for Social Research in New York. Wegen der hohen Geschwindigkeit seiner Karriere galt der junge Professor als der „Boris Becker der Philosophie“.John Monczunski: The Amazing World of Vittorio Hösle, Notre Dame Magazine (Spring 2007), S. 58a. Von 1989 bis 1990 hatte er eine Gastprofessur an der Universität Ulm, war von 1990 bis 1991 am German Department der Ohio State University tätig und erhielt erneut eine Gastprofessur von 1992 bis 1993 der Abteilung für Umweltwissenschaften der ETH Zürich. 1993 nahm Hösle einen Ruf auf einen Lehrstuhl an der Universität-Gesamthochschule Essen an. 1997 wurde er Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover. Seit 1999 arbeitet er als Professor an der University of Notre Dame/USA.
Neben der Veröffentlichung seiner eigenen Schriften übersetzte Hösle Werke von Raimundus Lullus (Logica Nova) und Giambattista Vico (Scienza Nuova),Principj di Scienza Nuova d'intorno alla commune Natura delle Nazioni, Neapel 1744.Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker. Übers. u. hrsg. v. Vittorio Hösle u. Christoph Jermann. Meiner, Hamburg 1990, ISBN 3-7873-0791-5 (Bd. 1), ISBN 3-7873-0792-3 (Bd. 2). zu denen er jeweils auch umfangreiche Einführungen verfasste. Einem breiteren Publikum ist er durch das Buch Das Café der toten Philosophen bekannt geworden, in dem er den Briefwechsel mit Nora, einem 11- bis 13-jährigen Mädchen, zu allgemeinen philosophischen Fragen veröffentlichte. Hösle hatte eine Vielzahl von Gastdozenturen unter anderem in den USA, Russland, Norwegen, Brasilien und Südkorea.
Gesellschaftliches Engagement Neben seiner akademischen Tätigkeit ist Hösle auch auf vielfältige Weise gesellschaftlich engagiert. Seit 1986 hat er mehrere Expertisen für das Bundeskanzleramt verfasst, in denen er sich u. a. kritisch über den Zustand der zeitgenössischen Philosophie äußert. Im Herbst 1987 arbeitete er in Rom für das italienische Staatsfernsehen RAI den Rahmen eines unter der Schirmherrschaft des Europarates stehenden Projektes aus, philosophische Fragen für das Fernsehen darzustellen. Seit 1989 hält er darüber hinaus Seminare für Führungskräfte aus der Wirtschaft. 1990 war er Mitglied der Kommission von Hoechst zur ethischen Bewertung der „Abtreibungspille“ RU 486. Seit 1990 ist er Mitglied der DAAD-Kommission für Südeuropa. Von 1993 bis 1996 war er Mitglied des Gesprächskreises „Ökonomie-Ökologie“ des baden-württembergischen Umweltministeriums.
Hösle wirkte als Beiratsmitglied im „Komitee für eine Demokratische UNO“ mit und gehört zum Unterstützerkreis der „Global Marshall Plan-Initiative“. Im September 2013 wurde er von Papst Franziskus in die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen.Vatikan: Deutscher Philosoph in päpstliche Akademie berufen. Website Radio Vatikan. Abgerufen am 14. September 2013.
Philosophie Überblick Vittorio Hösle vertritt engagiert die philosophische Position eines objektiven Idealismus und betrachtet seine Position als einen Ansatz in der Nachfolge von Platon und Hegel. Die Geschichte der Philosophie sieht Hösle als eine zyklische Struktur mit sich wiederholenden Phasen vom Realismus über den Empirismus, den Skeptizismus und eine endliche Transzendentalphilosophie bis hin zum objektiven Idealismus als letzter und höchster Stufe eines solchen Zyklus. Der Philosophie der Moderne trägt Hösle Rechnung, indem er den absoluten Geist bei Hegel ersetzt mit der Kategorie der Intersubjektivität, die er in Auseinandersetzung mit der Transzendentalpragmatik Karl-Otto Apels in seine philosophische Position aufnahm.
Der Gegenwartsphilosophie steht Hösle sehr kritisch gegenüber, weil diese aus seiner Sicht durch den Verzicht auf eine Letztbegründung wesentlich zum Verlust von Werten und damit einer Orientierung in der Gesellschaft beiträgt. Die fehlende Orientierung führt nach Hösle zu einer Dominanz der rein ökonomischen Rationalität, die auch Naturwissenschaften und Technik beherrscht. Für Hösle hat hingegen die ethische Rationalität Vorrang. Das Sittengesetz ist für ihn etwas unabweisbar Gegebenes. Moralische Werte haben Realität und sind nicht nur menschliche Konstrukte. So wendet er sich entschieden gegen „therapeutisches Klonen“, das für ihn ein Tötungsdelikt ist, und fordert den Schutz des ungeborenen Lebens. In seinem grundlegenden Werk „Moral und Politik“ versucht er nach historischen und metaethischen Betrachtungen eine Orientierung zu geben, wie Politik ethische Grundsätze aufnehmen kann und auf die Problematik der Entwicklungsländer sowie auf die Bedrohung durch die ökologische Krise reagieren sollte. Hierbei fordert er mehr Einfluss der Vereinten Nationen, aber auch eine Mitwirkung der Wirtschaft, die die operative Kompetenz für die Umsetzung von Veränderungen besitzt, sowie der Religionen, deren Aufgabe er in der Vorgabe stabiler Normen sieht.
Kritik an der Gegenwartsphilosophie Hösle übt in seinen WerkenVgl. z. B. Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. S. 13–38. immer wieder harsche Kritik an der Philosophie der Gegenwart, die in seinen Augen „der Idee der Philosophie nicht mehr gerecht wird“. „Zwar dürfte kaum eine Zeit mehr für Philosophie ausgegeben haben als die unsere“, dies könne aber „nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Stellenwert der einstigen Königin der Wissenschaften im Kreis der heutigen Wissenschaften gering ist, dass das Resultat der philosophischen Reflexion insgesamt recht dürftig ist, dass zwischen Aufwand und Ergebnis eine schmerzliche Diskrepanz besteht“. Die Philosophie habe – „trotz des immer größeren Raums, den sie in einer Freizeit- und Unterhaltungskultur einnimmt“, „den Lebenszentren der Gesellschaft immer weniger zu sagen“. Hösle macht vier wesentliche Mängel an der Gegenwartsphilosophie aus:
Es fehle ihr an „an einer großen Synthese, ja selbst an Versuchen einer solchen“: Hösle konzediert, dass der eigentliche Anspruch der Philosophie, „ihre Zeit in Gedanken“G. W. F. Hegel Grundlinien der Philosophie des Rechts (Vorrede). zu fassen, „mit dem Fortschritt der Wissenschaften und der Differenzierung des Wissens“ von Einzelnen nicht mehr zu erfüllen ist. Es gebe aber auch keine Institutionen, die dies leisten könnten. An den Universitäten sei ein „Überhandnehmen der Lehre und bürokratischer Arbeit auf Kosten der Forschung“, eine „Zerstörung der Lebensgemeinschaft zwischen Studenten und Professoren“, ein „Fehlen jeder wahren Konkurrenz zwischen den Universitäten“ und ein Zwang zu „frühzeitiger Spezialisierung“ zu verzeichnen, was sie „nicht mehr als Hort des Geistes erscheinen“ lasse. Sie trage immer weniger „zur Überwindung sektoriellen Denkens“ bei: Die zunehmende Spezialisierung in den Einzelwissenschaften, von denen auch die Philosophie nicht ausgenommen sei, hat in der Sicht Hösles zu einem „sektoriellen Denken“ geführt, das den eigenen „nur beschränkt gültigen Standpunkt verabsolutiert und zu Unrecht auf alles ausweitet“. Diesem Reduktionismus trete die Philosophie der Gegenwart nicht entgegen, vielmehr begünstige sie ihn sogar, da immer weniger Philosophen in der Lage oder willens seien, „über Schulgrenzen hinweg zu kommunizieren“. Sie schweige „immer mehr auch zu den drängendsten Einzelfragen der Zeit“: Aufgrund der mangelnden Kenntnis des Ganzen unserer Kultur begreife die aktuelle Philosophie die „rapiden Wandlungen, die mit der modernen Welt vor sich gehen […] immer weniger“. Hösle ist der Ansicht, dass dies wesentlich mit einer Spaltung in eine „systematische Philosophie ohne Kenntnisse der Geschichte der Philosophie (besonders im analytischen Lager) und in eine Philosophiehistorie, für die sich Wahrheit auf historische Richtigkeit reduziert“ zusammenhänge. Denn einerseits könne „Philosophie ohne Kenntnis ihrer Geschichte nicht fruchtbar betrieben werden“, andererseits lähme die Beschränkung der Philosophie auf ihre Geschichte jegliche „produktive Weiterentwicklung“. Die Philosophie in der heutigen Form habe daher „ihre Existenzberechtigung gegenüber den Einzelwissenschaften verspielt“. Sie sei für die Zerstörung von „Vernunft und Glauben an moralische Werte und Pflichten“ verantwortlich: Dieser vierte Mangel der Gegenwartsphilosophie ist aus Hösles Sicht der „ernsteste Vorwurf“, der ihr zu machen ist. Hösle sieht seit dem Ende des Deutschen Idealismus einen „Prozeß der Selbstzersetzung der wertrationalen Vernunft“ im Gange. Die moderne Philosophie habe den Glauben an die „sittliche Bestimmung“ der menschlichen Existenz zersetzt, was „wie eine Infektionskrankheit“ „in die Seelen der meisten Menschen eingedrungen“ und „inzwischen sogar zu einem Prinzip der öffentlichen Meinung nahezu aller Länder der Ersten Welt“ geworden sei. Hösle konstatiert einen allgemeinen Relativismus, der sich von dem früherer Zeiten in seiner „moralischen Banalität“ unterscheide. Die modernen Vertreter der Philosophie vermögen nach Ansicht Hösles nicht, „sich von den Privilegien, die mit einer Philosophieprofessur verbunden sind“ zu trennen und hätten „jene geistige und emotionale Anspannung verloren […], die ihre Vorfahren kennzeichnete“. Dieser Relativismus führe dazu, dass „alle Wegweiser ‚dekonstruiert‘“ würden, die Wege aus den Gefahren der Moderne aufweisen könnten. Dies zerstöre auf die Dauer das „geistige und seelische Immunsystem“ und „jede Fähigkeit, auf die Herausforderungen der Zeit angemessen zu reagieren“.
Auseinandersetzung mit der Transzendentalpragmatik Karl-Otto Apels Die Antwort der Transzendentalpragmatik auf die Krise der Vernunft