Tafel ist die Bezeichnung für gemeinnützige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, welche im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, an Bedürftige verteilen oder gegen geringes Entgelt abgeben.
Die erste Tafel wurde 1993 in Berlin von Sabine Werth gegründet. Im später gegründeten Dachverband Tafel Deutschland e. V. sind heute 975 Tafeln mit 75.000 Helfern organisiert, die jährlich etwa 265.000 Tonnen Lebensmittel an rund 1,5 Millionen Menschen verteilen.
Die einzelnen Tafeln arbeiten überwiegend auf kommunaler Ebene und tragen Namen, die den Ortsnamen mit der Bezeichnung „Tafel“ kombinieren (z. B. Berliner Tafel e. V.)Tafel Deutschland e. V.: Grundsatz 5. Der Dachverband hat den Namen „Tafel“ und das Logo markenrechtlich schützen lassenMarkenregister. In zahlreichen anderen europäischen Ländern bestehen vergleichbare Initiativen (engl. food banks, frz. banques alimentaires).
Geschichte und Entwicklung der Tafeln in Deutschland
Gründung 1993 und Entwicklung Die im Tafel Deutschland e. V. organisierten Tafeln sind – gemessen an den etablierten Verbänden der freien Wohlfahrtspflege wie etwa der Arbeiterwohlfahrt und der Caritas – eher neue Akteure im Bereich der sozialen Arbeit. Die erste deutsche Tafel wurde am 21. FebruarTafeln für Bedürftige weiterhin am Limit. In SoVD Zeitung – Soziales im Blick Nr. 11/2023, S. 3. 1993 in Berlin durch Sabine Werth und ihre Initiativgruppe Berliner Frauen e. V. gegründet und organisiert, nach deren Vorbild weitere Tafeln zunächst in den großen deutschen Städten entstanden. 2024 gab es in der Bundesrepublik 975 Tafeln, die in der Regel mit ehrenamtlichen Helfern, teilweise auch fest Angestellten verwertbare Lebensmittel einsammeln, die der Handel oder Hersteller als unverkäuflich aussortierten. Dabei handelt es sich um Produkte, die nach eigenen Angaben „kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums“ (MHD) stehen. In der Praxis erfolgt allerdings auch die Ausgabe abgelaufener Lebensmittel, wobei die Tafeln in dieser Frage von den jeweiligen Vorgaben der örtlichen Veterinärämter abhängig sind. Des Weiteren enthält das Warenangebot Lebensmittel, die aus Überproduktionen stammen oder deren Verpackung beschädigt ist.Wiener Tafel Suppe für JEDERMANN. In: OTS.at, 5. November 2011. Die Menge der gelieferten Waren an die Tafeln (etwa 265.000 Tonnen im Jahr, Stand: 2024) macht hierbei im Vergleich zur Menge der laut WWF-Studie insgesamt 18 Millionen Tonnen im Müll entsorgten Lebensmittel einen relativ geringen Teil aus.Christian Gesellmann: Entsorgungsdienste Kreis Mittelsachsen (PDF; 101 kB).
Diese Waren – in geringerem Umfang auch Non-Food-Artikel des täglichen Bedarfs – gelangen über mehr als 2000 Ausgabestellen in sozialen Einrichtungen oder Tafel-Läden an Bedürftige. Ein Recht zur Nutzung der Tafel hat, wer tatsächlich bedürftig ist, also nur wenig Geld zur Verfügung hat. Dazu zählen Rentner, Arbeitslose, Großfamilien und Asylbewerber. Es erfolgt eine Prüfung der Bedürftigkeit und das Einkommen wird ermittelt. Viele Tafeln legen auch eine Einkommensobergrenze fest. Wer diese unterschreitet, bekommt einen Berechtigungsausweis, der auch befristet sein kann, zum Beispiel auf ein Jahr. Wer staatliche Leistungen wie Grundsicherung, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht, erhält in der Regel den Ausweis, auch liefern der Hartz-IV-Regelsatz (vgl. Arbeitslosengeld II und Regelbedarf) und die Grundsicherung die Berechnungsgrundlage. Die Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden, beispielsweise mit einem Leistungsbescheid, Sozialpass (vgl. etwa Sozialticket und Berlinpass) oder einer sonstigen Bescheinigung. Bei Rentnern können für die Berechnung des Einkommens Kontoauszüge und Mietverträge herangezogen werden. Befristete Dokumente müssen nach Eintritt der Ungültigkeit erneut nachgewiesen werden, ebenso ein Ausweis. Es kann zur Erhebung einer kleinen, symbolischen Eigenleistung für die Lebensmittel kommen, wobei diese so gering wie möglich ausfallen soll. Grund ist, dass den Tafeln für die Abholung der Lebensmittel bei den Betrieben Kosten entstehen, daneben für Fahrzeuge und Kraftstoff. Hinzu kommt der Aufwand, die Waren vor Ort zu verteilen, sowie der Betrieb der Läden und Tafelmobile.
Die Finanzierung der Tafel-Arbeit läuft ausschließlich über Mitglieder, Sponsoren und Spender. Als privat organisierte Initiativen erhalten die Tafeln keine Mittel von Bund oder Ländern für das Einsammeln und Verteilen der Lebensmittel, mitunter jedoch von Kommunen. Einige Projekte des Dachverbands werden vom Bund unterstützt, so fördert beispielsweise das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das Digitalisierungsprojekt „Tafel macht Zukunft – gemeinsam digital“ und das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Projekt „Tafel macht Kultur“. Indirekt profitieren die Tafeln zudem von Zahlungen der Europäischen Union an Lebensmittelbanken (siehe unten).
Die Idee der Tafeln stammt aus Amerika: 1967 hatte John van Hengel in Phoenix (Arizona) die erste Food Bank gegründet – ein großes Lagerhaus vor allem für längerfristig lagerfähige Lebensmittelspenden. 1983 nahm in New York die Organisation City Harvest ihre Arbeit auf. mini|Altes Logo des deutschen Bundesverbandes Der Großteil der deutschen Tafeln hat sich 1995 unter Vermittlung der StiftunglifeStiftunglife: Abgerufen am 9. Januar 2013. im Bundesverband Deutsche Tafel zusammengeschlossen. Entsprechend den Grundsätzen des Dachverbandes sind Tafeleinrichtungen überkonfessionell, stehen keiner Partei nahe, treten nicht in Konkurrenz miteinander (Gebietsschutz) und helfen möglichst vielen Menschen. Der Verwaltungssitz des Dachverbandes ist Berlin-Tempelhof (Germaniastraße 18).
Bis 2015 gab es einmal jährlich das Bundestafeltreffen, seitdem findet es alle zwei Jahre statt. Es wird jeweils in einer anderen deutschen Stadt als Mitgliederversammlung aller regionalen Tafel-Vereine ausgerichtet. Darüber hinaus können hier Erfahrungen ausgetauscht, prinzipielle Fragen diskutiert sowie Kontakte mit Sponsoren und Dienstleistern hergestellt werden. In: tafel.de, abgerufen am 17. Juni 2011.
Der Tafel Deutschland e. V. ist Unterzeichner der Initiative Transparente Zivilgesellschaft.
Ehrenamtsorganisation mini|Ein Kleintransporter der Dortmunder Tafel in Dortmund Die Tafeln versorgen bundesweit ca. 1,5 Mio. Personen im Schnitt einmal pro Woche mit 3,4 Kilogramm Lebensmitteln. Die Abgabe erfolgt ausschließlich an Bedürftige, die ihre Bedürftigkeit z. B. über einen Hartz-IV-Bescheid nachweisen können., Bundesverband Deutsche Tafel e. V. Die Tafeln können und wollen dabei keine Vollversorgung bieten – verteilt werden nur gespendete Waren, von denen viele nur sporadisch zur Verfügung stehen. Es werden keine Lebensmittel dazugekauft. Mit über 75.000 Helfern, von denen 94 % ehrenamtlich arbeiten, gelten die Tafeln in Deutschland als eine der größten sozialen Bewegungen der heutigen Zeit.
Als Beispiele seien hier die Zwickauer Tafel (2005 sammelten insgesamt 39 ehrenamtliche Helfer mit zwei Fahrzeugen von 74 Betrieben je Monat ca. 30 Tonnen Nahrungsmittel, die portioniert und verteilt werden) und die Berliner Tafel genannt (im Jahr 2009 wurden mit den eingesammelten Spenden 300 soziale Einrichtungen sowie 45 kirchliche Ausgabestellen beliefert). Damit konnten pro Monat durchschnittlich 125.000 Menschen versorgt werden.Kai Ritzmann: Ein Segen für die Stadt. 16 Jahre nach ihrer Gründung sind die Lebensmittelspenden der Berliner Tafel gefragter denn je. In: Berliner Woche. 23. Dezember 2009.
Neben der Verteilung von Nahrungsmitteln zur Selbstversorgung zuhause unterhalten 17 Prozent der Tafeln Suppenküchen. Im Einzelfall werden weitere Hilfen angeboten wie die Abgabe gebrauchter Bekleidung, gebrauchten Spielzeugs, Schulranzen. Auch Kochkurse werden angeboten. 30 Prozent der Bedürftigen, die zu den Tafeln kommen, sind Kinder und Jugendliche. Viele Tafeln organisieren für bedürftige Kinder inzwischen spezielle Kinder- und Jugendprojekte wie kostenlose Schulspeisung, Kindercafés, Hausaufgabenhilfe, finanzielle Unterstützung bei Klassenfahrten und Weihnachtsfeiern.
Ein relativ neuer Trend ist, dass in Universitätsstädten vermehrt Studierende das Angebot der dortigen Tafeln nutzen. Hintergrund ist, dass bereits viele Studierende aufgrund ihres geringen Einkommens als bedürftig gelten.Guido Kleinhubbert: Ansturm der Armen. In: Der Spiegel, Ausgabe 52/2013, 21. Dezember 2013, S. 38.
Statistik Die Zahl der Tafeln in Deutschland ist in den letzten Jahren stark gewachsen.
Nach Angaben von Tafel Deutschland gibt es 2025 weiterhin „über 970 Tafeln“ in Deutschland.
mini|Aktion Laib und Seele im Rahmen der Berliner Tafel, hier im Ortsteil Berlin-Fennpfuhl 2006 war ein großer Teil der abgabebereiten Supermärkte, Großmärkte, Bäckereien und Metzgereien erfasst, so dass neue Tafeln in ländlichen Gebieten, wo es nur noch wenige Einzelhandelsbetriebe gibt, kaum noch gegründet werden können.
Beim Aufbau der logistischen Struktur für die Sammlung und Verteilung der Lebensmittel leistete die Unternehmensberatung McKinsey Unterstützung im Rahmen eines Pro-bono-Projekts.Vera Schäfer: „Deutsche Tafeln“: ein pro-bono-Projekt von McKinsey und Company. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 3, 1999, S. 68–74.
Die Stiftung Deutsche Klassenlotterie unterstützt die deutschen Tafeln bei der Versorgung Bedürftiger mit jährlich rund 23 Millionen Euro (Stand Ende 2022). Der Zulauf der Hilfsbedürftigen hat sich seit der Corona-Pandemie und dem russischen Überfall auf die Ukraine fast verdoppelt.Rekordförderung der Fernsehlotterie. In: Funk Uhr vom Anfang Februar 2023, S. 4.
Mögliche Weiterentwicklung als Lebensmittelbanken Um künftig weitere Lebensmittelspenden zu erschließen, denkt der Dachverband der Tafeln über die Beteiligung an einem größeren System zum Abfluss von nicht benötigten Überschüssen und zur Einspeisung von EU-Lagerbeständen nach, das den Arbeitstitel Food Bank () trägt. Diese Lebensmittelüberschüsse gehen heute großenteils an den Tafeln und anderen Hilfsorganisationen vorbei. Im Raum Aachen wurde 2005 unabhängig von der Tafel-Bewegung als erste deutsche Lebensmittelbank die Lebensmittelbank AixEuregio Aachen gegründet,Helfen mit allen Lebensmitteln. Lebensmittelbank AixEuregio Aachen e. V. die deutschlandweit überschüssige Lebensmittel vertreibt. An diesem und einem künftig geplanten Netz von drei bis vier Lebensmittelbanken wollen sich die Tafeln möglicherweise beteiligen. Sie selbst wollen jedoch keine eigene Lebensmittelbank etablieren.
Im europäischen Ausland gibt es bereits Lebensmittelbanken, die ähnliche Aufgaben wahrnehmen wie in Deutschland die Tafeln, das heißt Lebensmittel einsammeln und an soziale Institutionen abgeben. Seit 1980 kauft die Europäische Kommission Überschüsse aus der Agrarproduktion (Fleisch, Milch, Butter usw.) teils auf und stellt diese den Lebensmittelbanken in den verschiedenen Mitgliedsstaaten zur Verfügung.
Ähnliche Projekte Es existieren weitere Hilfsprojekte, die ebenfalls das Wort Tafel im Namen führen, sich jedoch nicht mit der Versorgung von Menschen mit Lebensmitteln befassen, zum Beispiel Tiertafeln.
Tiertafel Deutschland Die Tiertafel Deutschland e. V. ist ein 2006 von Claudia Hollm gegründeter eingetragener Verein, welcher kostenlos Futter und Sachmittelspenden sowie Beratung für die Haustiere von Bedürftigen (in der Regel Leistungsempfänger nach SGB II bzw. SGB XII) organisiert. 2012 existierten Tiertafel-Ausgabestellen in den deutschen Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein sowie Thüringen, weitere waren in Planung.