mini|Gesamtansicht mit Kreuzgang, Bibliothek und der Kuppel der Fürstenkapelle (2022) mini|Außenansicht von der Piazza San Lorenzo Die Basilica di San Lorenzo ist eine dem heiligen Laurentius von Rom geweihte Pfarrkirche in Florenz. Sie ist eine der wichtigsten und mit dem Weihejahr 393 auch eine der ältesten Kirchen von Florenz. San Lorenzo war dreihundert Jahre die Bischofskirche von Florenz, bis Santa Reparata, heute Santa Maria del Fiore, zur Kathedrale bestimmt wurde. Sie trägt den Titel einer Basilica minor.
Der heutige Bau aus dem 15. Jahrhundert wurde in wesentlichen Teilen von Cosimo de’ Medici gestiftet und von Filippo Brunelleschi entworfen. Es gilt als Hauptwerk der Architektur der Frührenaissance. Die Kirche bildet den Kern eines Komplexes, der einige der bedeutendsten Baudenkmäler der Renaissance beherbergt: die 1421 begonnene Alte Sakristei von Brunelleschi sowie die Neue Sakristei und die Biblioteca Laurenziana von Michelangelo.
In der Kirche und den Sakristeien befinden sich die Gräber von Mitgliedern der Medici-Familie; im Westen schließt die Fürstenkapelle, die im frühen 17. Jahrhundert errichtete Grabkapelle der Medici-Herzöge, an den Chorbereich der Kirche an.
Übersicht mini|Schematischer Plan der Kirche: 1. Alte Sakristei, 2. Neue Sakristei, 3. Fürstenkapelle, 4. Erster Kreuzgang, 5. Zweiter Kreuzgang, 6. Biblioteca LaurenzianaDie Verhältnisse der Bauelemente zueinander sind ungenau. So sind die Kapellen im Querschiff alle gleich groß mit quadratischer Grundfläche, wobei die zwei größeren Kapellen doppelt so groß sind. Siehe Cohen 2008.
San Lorenzo liegt leicht nördlich des rasterartig angelegten Altstadtkerns. Schräg gegenüber des Ostportals der Kirche befindet sich der Palazzo Medici Riccardi und 200 Meter südöstlich der Basilika der Dom.
Während der Komplex aus Basilika, Kreuzgängen und weiteren Gebäuden im Süden direkt an die umliegende Wohnbebauung angrenzt, existiert im Norden und Osten ein L-förmiger Platz um die Basilika, die Piazza San Lorenzo. Westlich der Basilika verläuft die Via del Canto de’ Nelli, die im Südwesten auf die kleine Piazza Madonna degli Aldobrandini stößt.
Die Basilika mit ihren zugehörigen Gebäuden bildet einen umfassenden Komplex aus mehreren Epochen, überwiegend aus dem 15.–17. Jahrhundert. Die wichtigsten architektonischen Strukturen des Komplexes sind:
die eigentliche Basilika, entworfen von Filippo Brunelleschi (posthum vollendet), erbaut 1421 bis nach 1482 Alte Sakristei, entworfen von Filippo Brunelleschi, erbaut 1422–28 Erster Kreuzgang, entworfen von Antonio Manetti Ciaccheri, 1457–61 Neue Sakristei, entworfen von Michelangelo, erbaut 1520–34 Biblioteca Laurenziana, entworfen von Michelangelo, erbaut 1559–68 Fürstenkapelle, entworfen von Matteo Nigetti, Bernardo Buontalenti, erbaut 1605.
Baugeschichte mini|San Lorenzo um 1450 mit alter Fassade und Campanile, daneben die Kuppel der Sakristei Brunelleschis
Der Vorgängerbau der heutigen Kirche, Alt-San Lorenzo, war ein um 1060 errichtetes Gebäude der Proto-Renaissance.
Planungen zum Ausbau der alten Kirche gab es bereits seit 1384, sie wurden ab 1416 jedoch erst konkreter. Im Dezember 1418 wurde durch die Signoria ein Gesuch des Kapitels genehmigt, Gebäude westlich der Alten Kirche zu enteignen und die Gebäude abzureißen, um einen größeren Kirchenbau zu ermöglichen. Möglicherweise ist der Signoria schon der Plan Brunelleschis vorgelegt worden. Bereits 1419 soll nach den Erinnerungen des Priors Benedetto Schiattesi mit dem Bau auf dem freigewordenen Gelände westlich der alten Kirche begonnen worden sein, wahrscheinlicher ist jedoch erst ein Baubeginn 1421, da eine feierliche Fundamentaushebung am Laurentiustag, dem 10. August 1421 urkundlich belegt ist und Abrissarbeiten noch 1422/23 stattfanden.
Ebenfalls nach Schiattesi soll es 1425 zu einer Unterbrechung der Bauarbeiten gekommen sein, da dem Kapitel wegen Kriegsabgaben die notwendigen Gelder zum Weiterbau fehlten. Einzig an der von Giovanni di Bicci de’ Medici gestifteten Sakristei (heute als „Alte Sakristei“ bezeichnet) und der östlich angrenzenden Cosmas- und Damian-Kapelle des gleichen Stifters wurde weitergebaut und 1428 fertiggestellt.
Im August 1442 verpflichtete sich dann schließlich Cosimo de’ Medici im Zusammenschluss mit weiteren Wohlhabenden der Pfarrei, binnen sechs Jahren die „Cappella Maggiore, die Vierung und drei Joche des Langhauses bis zum alten Hochaltar“ errichten zu lassen. Kurz vor 1457 wurde die Vierungskuppel errichtet und 1461 war schließlich das Querhaus fertiggestellt. Cosimo allein finanzierte dann zwischen 1457 und 1461 die Errichtung des neuen Kanonikerhauses südlich des Kirchengebäudes. Der neue Altar im Querschiff wurde schließlich am 9. August 1461 geweiht.
Ob Brunelleschi von Anfang an für die Neubauarbeiten als Architekt vorgesehen war oder anfangs nur für die Sakristei, ist umstritten. Manche Forscher argumentieren, dass der Prior Matteo Dolfini († 1422) bereits Pläne für den Neubau vorgelegt habe, die von Brunelleschi teilweise übernommen worden seien. Kernpunkt dieses Streits in der Forschung ist die Frage nach den Gründen des mittelalterlichen Proportionssystems, welches San Lorenzo zugrunde liegt. Dieses könnte entweder darauf zurückgehen, dass ursprünglich nur eine westliche Erweiterung von Alt San Lorenzo geplant war und man sich daher an den Altbau anpasste oder dass bereits realisierte Abschnitte des Baus nach Entwürfen Dolfinis integriert werden mussten, die dieses Proportionssystem aufwiesen.Matthew A. Cohen: How Much Brunelleschi? A Late Medieval Proportional System in the Basilica of San Lorenzo in Florence. In: Journal of the Society of Architectural Historians, Vol. 67, No. 1 (March 2008), pp. 18–57, .
Für April 1463 sind Bauarbeiten an den südlichen Langhauskapellen bezeugt, die im April 1465 im Rohbau fertiggestellt worden sind. Kurz nach 1465 wurde Alt San Lorenzo abgerissen und das eigentliche Langhaus begonnen. Wann das Langhaus fertiggestellt wurde, ist nicht bekannt, es muss aber nach 1481/82 gewesen sein, da nachweislich erst zu diesem Zeitpunkt der alte Campanile abgerissen wurde, der dem Neubau im Weg stand.
Ab 1519 wurde die Neue Sakristei nach Plänen Michelangelos errichtet. Das Bauwerk war 1525 so weit vollendet, dass die Spitze der Laterne angebracht werden konnte, die Arbeiten am Skulpturenprogramm zogen sich mit Unterbrechungen jedoch bis 1534 hin und wurden letztlich nie vollendet.
Michelangelo plante auch eine Hauptfassade, die jedoch nicht realisiert wurde, so dass bis heute die Westfassade ihr rohes Backsteinmauerwerk zeigt.
Ab 1605 wurde die Fürstenkapelle (Cappella dei Principi) durch Matteo Nigetti und den mediceischen Hausarchitekten Bernardo Buontalenti westlich des Chores errichtet.
1740 wurde der Campanile gebaut.
Architektur Beschreibung San Lorenzo ist eine gewestete dreischiffige Basilika. Das achtjochige Langhaus ist vom Eingang im Osten aus mit zwölf Seitenkapellen versehen, die allerdings kaum tiefer sind als ihre Altäre. Statt einer weiteren Kapelle schließt am Joch vor dem Querschiff beiderseits ein Vorraum zu den Seiteneingängen an. Das Querhaus ist von acht Kapellen und den beiden Sakristeien umgeben. Beiderseits des Chors befinden sich je zwei Kapellen, der äußeren gegenüber liegt eine weitere Kapelle gleicher Größe. Im Süden ist es die Familienkapelle der Martelli, deren Altar mit einer Verkündigung Fra Filippo Lippis (1445) geschmückt ist. Auf der Wand schiffseits freskierte Bronzino ganzflächig das Martyrium des Kirchenpatrons Sankt Laurenz (1565–1568). An der entsprechenden Wand im Norden fällt Desiderio da Settignanos Tabernakel (Pala del Sacramento, um 1490–1510) relativ klein aus.
Ebenso symmetrisch schließen die größten Kapellen an, die nur durch einen Mauervorsprung und eine Säule vom Querhaus getrennt sind. Die im südlichen Querhaus gehörte den Medici, was mit dem Sarkophag im Durchbruch zur Alten Sakristei betont wird, die sich nach Westen hin anschließt. Sie ist der älteste Teil des Neubaus, der von den Medici initiiert und finanziert wurde und der einzige, dem nachweislich weitgehend Brunelleschis Planungen zugrunde liegen. Die Neue Sakristei wurde von Michelangelo im Norden mit entsprechendem Grundriss gestaltet. Die Sakristeien haben (im Gegensatz zu den Kapellen) eigene Türen. Über eine hochgestufte Ebene – und Marmorbalustraden bei den Kapellen – werden die Bereiche und der Hauptaltar zusätzlich vom Schiff getrennt.
Südöstlich der Alten Sakristei und der offenen Querhauskapelle grenzt Michelangelos Treppenhaus zu der, auch von ihm entworfenen Biblioteca Laurenziana, dessen schmaler Baukörper sich südlich erstreckt. Zwei Kreuzgänge werden durch die Bibliothek und die südlichen Langhauskapellen begrenzt.
Die überkuppelte Vierung schließlich wird im Westen nicht durch die Chorapsis abgeschlossen, sondern wurde zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum massigen oktogonalen Baukörper der Fürstenkapelle hin durchbrochen, der etwa so breit wie das Querhaus ist, doch mit seiner immensen Kuppel sogar den Campanile überragt und die ganze Anlage dominiert.
mini|Innenansicht mit Blick nach Westen auf den Hochaltar mini|hochkant|Innenansicht mit Blick auf den Haupteingang im Osten
Der Innenraum – Brunelleschi und die Zentralperspektive Die Medici hatten um 1418 noch einen gotischen Bau geplant, als Brunelleschi die Bauleitung übernahm. Brunelleschi änderte an diesem Plan bis 1421 praktisch alles und begann gänzlich neu. Es war eine schlagartige Entscheidung für einen neuen Baustil.
Der Innenraum ist ein hervorragendes Beispiel für die Architektur der Frührenaissance in einem traditionellen längsgerichteten Gebäude. Hier wurde zum ersten Mal Brunelleschis neuartige Konzeption von einem an der Linearperspektive orientierten Raum verwirklicht, der durch Fluchtlinien bestimmt ist – Brunelleschi war mit dem Mathematiker Manetti und anderen der Erfinder der wissenschaftlichen Zentralperspektive.
Vor Brunelleschi hatte man sich in solchen Fällen verschiedener Kunstgriffe bedient, um in Gemälden und Zeichnungen Entfernungen zu suggerieren. Brunelleschi aber erarbeitete ein System, mit dessen Hilfe Raum auf exakt messbare Weise darzustellen war. Er beobachtete, dass parallele Linien, die auf einen Betrachter zulaufen, in der Ferne in einem gemeinsamen Punkt zu konvergieren scheinen. Ins Bild übertragen erzeugen solche Fluchtlinien (Orthogonale), die in der Tiefe des Bildes in einem Fluchtpunkt zusammenlaufen, eine überzeugende räumliche Wirkung.Hugh Honour, John Fleming: Weltgeschichte der Kunst. 5. Auflage. Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2094-7, S. 332.
Hier wird die Abkehr von der mittelalterlichen Architektur und die Opposition gegen die deutsch-französischen Einflüsse der Gotik besonders deutlich, die bestimmt war von einem ekstatischen Streben nach Höhe und dramatischer Wirkung. Man orientierte sich an dem, was in der humanistischen Literatur als das „menschliche Maß“ (misura dell'uomo) bezeichnet wurde und von antiken Schriften inspiriert war und im Vitruvianischen Menschen Leonardos zum Symbol geworden ist. (Beim Bau der Domkuppel war es Brunelleschi noch nicht möglich, solche Prinzipien zu verwirklichen, Idee und Grundmaße standen bereits fest, die Auftraggeber waren konservativer, die Umsetzung in erster Linie eine technische Herausforderung.)
Als erstes fällt auf, dass Brunelleschi strenge, klare geometrische Formen bevorzugte, um die Linearperspektive zu betonen. Ein Gestaltungsmittel dazu war das Prinzip der Reihung gleicher Elemente. Da vor allem die Säulen Träger dieses Prinzips sind, stehen sie sehr frei und offen zwischen Haupt- und Seitenschiff, sind also als Einzelelemente deutlich hervorgehoben.