mini|rechts|Jacques Vaillant, Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg mit ihren Kindern Georg und Sophie Dorothea Sophie Dorothea Herzogin von Braunschweig und Lüneburg (* 15. September 1666 in Celle; † 13. November 1726 auf Schloss Ahlden) war Herzogin von Braunschweig und Lüneburg und durch Heirat Kurprinzessin von Braunschweig-Lüneburg und ab 1714 de jure Königin von Großbritannien. Sie ging als Prinzessin von Ahlden in die Geschichte ein.

Leben Herkunft mini|rechts|Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg Sophie Dorothea war das einzige Kind und Erbin des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, Georg Wilhelm Fürst zu Lüneburg (1624–1705), aus seiner legitimierten Ehe mit der Hugenottin Eleonore Desmier d’Olbreuse (1639–1722), Tochter von Alexander II. Desmier d’Olbreuse und Jacquette Poussard de Vandré. Ihre Großeltern väterlicherseits waren Herzog Georg von Braunschweig und Lüneburg, Fürst zu Calenberg und Landgräfin Anna Eleonore von Hessen-Darmstadt.

Sophie Dorothea wuchs in sorglosen Verhältnissen heran. Ihre Eltern waren – eher eine Ausnahme als die Regel bei Ehepaaren ihres Standes – einander in aufrichtiger Liebe verbunden und schenkten auch dem aufgeweckten und begabten Mädchen Wärme und Zuneigung. Ihr Vater übertrug ihr im Laufe der Zeit große Vermögenswerte, und dieser Reichtum machte Sophie Dorothea zu einer interessanten Heiratskandidatin. Zu den Bewerbern um die Hand der reichen Erbin gehörten Prinz August Friedrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, Herzog Friedrich Carl von Württemberg-Winnental, Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern und der schwedische König Karl XI.

Hätte sie jedoch einen Mann genommen, der eigene Ansprüche auf das Herzogtum Braunschweig und Lüneburg anmeldete, wäre die Jahre vor ihrer Geburt geschlossene Übereinkunft zwischen ihrem Vater und ihrem Onkel Ernst August von Hannover, der seit dem Tode Herzog Johann Friedrichs 1679 in Hannover regierte, gefährdet gewesen. Um die Einhaltung dieses Vertrages zu sichern, hielt Kurprinz Georg Ludwig, der älteste Sohn des hannoverschen Herzogspaares, ebenfalls um die Hand seiner Cousine ersten Grades an. Zum Entsetzen Sophie Dorotheas und ihrer Mutter willigte ihr Vater ein.Thea Leitner: Skandal bei Hof; Wien: Ueberreuter, 1993; ISBN 3-8000-3492-1.

Heirat und Nachkommen Gegen ihren Wunsch heiratete Prinzessin Sophie Dorothea am 18. November 1682 in der Kapelle auf Schloss Celle ihren Cousin, den späteren britischen König Georg I. (1660–1727), den ältesten Sohn des Herzogs und späteren Kurfürsten Ernst August von Braunschweig-Lüneburg und dessen Gattin Prinzessin Sophie von der Pfalz. Sophie Dorotheas Schwiegermutter – einst von ihrem Vater als Verlobte verschmäht (Entsagungsurkunde) – betrachtete sie stets als einen nicht ebenbürtigen „Bastard“, bezeichnete sie als „Mausdreck im Pfeffer“ und nahm sie kühl auf. Trotzdem schien die Ehe anfangs glücklich zu verlaufen. Aus ihr gingen zwei Kinder hervor: Georg August (1683–1760) Sophie Dorothea (1687–1757) Nach der Geburt der Kinder entfremdeten sich die Ehepartner jedoch, ab 1691 bevorzugte Kurprinz Georg Ludwig seine Mätresse Gräfin Melusine von der Schulenburg (1667–1743).

Graf von Königsmarck mini|hochkant|Philipp Christoph von Königsmarck Philipp Christoph Graf von Königsmarck (1665–1694) entstammte einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Sophie Dorothea kannte ihn seit ihrer Kindheit, da er als Page am Hof ihres Vaters aufgewachsen war. Anfang 1688 kam er nach Hannover. Er diente als Oberst der Leibgarde des Herzogs Ernst August und nahm am Feldzug gegen Frankreich teil. Als Oberst der Leibgarde gehörte er zum engsten Kreis der herzoglichen Hofhaltung. Der Kontakt zwischen dem Grafen Königsmarck und Kurprinzessin Sophie Dorothea war anfangs lose und sporadisch. Dies änderte sich vermutlich 1691, blieb aber zunächst unbemerkt. Durch die unvorsichtige Bevorzugung des Grafen erkannte der hannoversche Hof spätestens 1694, dass Sophie Dorothea ein Liebesverhältnis mit von Königsmarck eingegangen war. Die Forschung konnte anhand der Quellen nachweisen, dass die beiden (vermutlich seit März 1692) eine sexuelle Beziehung unterhielten, was Sophie Dorothea zeitlebens leugnete.Ragnhild Hatton: Georg I. Ein deutscher Kurfürst auf Englands Thron. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1985, S. 55ff.

Nach einem heftigen Streit mit ihrem Mann reiste Sophie Dorothea im Frühjahr 1694 zu ihren Eltern nach Celle. Diese billigten die Trennung des Kurprinzenpaares nicht; Sophie Dorotheas Vater hatte die Hauptlast im Krieg gegen Dänemark und Schweden getragen und war auf die Hilfe seines hannoverschen Bruders angewiesen. Daher schickten die Eltern ihre Tochter nach Hannover zurück. Im Sommer 1694 plante sie, zusammen mit von Königsmarck und ihrer Hofdame Eleonore von dem Knesebeck, die Flucht, die entweder nach Wolfenbüttel zu Herzog Anton Ulrich oder nach Kursachsen führen sollte, wo der Graf als Generalmajor der Kavallerie eine Offiziersstelle innehatte.Mijndert Bertram: Das Königreich Hannover – Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates; Hannover: Hahn, 2003; ISBN 3-7752-6121-4 Der Fluchtplan wurde aber verraten.

Königsmarck-Affäre mini|rechts|Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg Gräfin Clara Elisabeth von Platen (1648–1700), eine frühere Mätresse des Kurfürsten Ernst August, hatte im Januar 1694 vergeblich versucht, Graf Königsmarck zu einer Ehe mit ihrer unehelichen Tochter Sophia Charlotte zu bewegen. Gekränkt offenbarte sie daraufhin am Hof das Liebesverhältnis des Grafen mit Sophie Dorothea und deren geplante Flucht, und es entwickelte sich eine Staatsaffäre. In der Nacht des 11. Juli 1694 verschwand Graf Königsmarck im Leineschloss spurlos. Sophie Dorothea sollte niemals erfahren, was mit ihrem Liebhaber geschehen war. Die Vermutung liegt nahe, dass er auf Veranlassung des Kurfürsten Ernst August mit Wissen des Kurprinzen Georg ermordet worden war. Man fand keine Spur mehr von ihm, offiziell gilt er bis heute als verschollen. Der wahre Sachverhalt ist unklar geblieben und alle Dokumente, die Aufschluss hätten geben können, wurden von der hannoverschen Regierung beschlagnahmt und vernichtet.

Das Verschwinden des Grafen Königsmarck wurde zur Staatsaffäre, als nicht nur Verwandte, Diplomaten und die Bevölkerung darüber zu rätseln begannen. König Ludwig XIV. erkundigte sich bei seiner Schwägerin Liselotte von der Pfalz nach Einzelheiten, doch sie gab vor, ahnungslos zu sein. Darauf schickte der französische König Agenten nach Hannover. Sie konnten ebenso wenig Licht in das Mysterium bringen wie August der Starke, der wochenlang nach seinem verschwundenen General fahnden ließ.

Im Gegenzug wandten sich die Brüder Kurfürst Ernst August und Herzog Georg Wilhelm mit einer Beschwerde an den Kaiser. Falls Leopold I. nicht verhindere, dass der sächsische Kurfürst weiterhin „unfreundliche Akten“ gegen Hannover und Celle anlege, würden sie ihre Truppen von den alliierten Streitkräften abziehen. Obwohl nun der Kaiser wie auch Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg Druck auf den sächsischen Kurfürsten ausübten, bohrte dessen Gesandter weiter und sagte dem Grafen von Platen auf den Kopf zu, dass Königsmarck entweder gefangen oder getötet worden sei.Aus den Berichten des englischen Gesandten Lord George Stepney

Die Liebesbriefe zwischen Sophie Dorothea und Königsmarck Als seine Affäre mit der Gattin des Kurprinzen öffentlich zu werden drohte, übergab Königsmarck die Liebesbriefe seinem Schwager, dem schwedischen Grafen Carl Gustav von Löwenhaupt. Dessen Erben boten das verfängliche Material später dem Haus Hannover zum Kauf an. Sie verlangten aber einen so hohen Preis, dass der Hof auf den Erwerb verzichtete und stattdessen im Gegenzug die Echtheit des Briefwechsels in Frage stellte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Briefwechsel publiziert. Der Großteil der Briefe befindet sich heute im Besitz der schwedischen Universität Lund, einige wenige gelangten in die Hände von Sophie Dorotheas Enkel, Friedrich dem Großen. Angeblich wurden sie auf Veranlassung von Friedrichs Schwester Louise Ulrike, Königin von Schweden, gestohlen. Nach Friedrichs Tod kamen die Briefe ins Preußische Geheime Staatsarchiv. Inzwischen steht die Authentizität der Briefe zweifelsfrei fest.Friedrich der Große: Gedanken und Erinnerungen. Werke, Briefe, Gespräche, Gedichte, Erlasse, Berichte und Anekdoten; Essen: Phaidon, 1996; ISBN 3-88851-167-4.

Der hannoversche Historiker Georg Schnath hat anhand der vorhandenen Briefe, die selten datiert, oft aber nummeriert waren, errechnet, dass es ursprünglich 660 Briefe gegeben habe, 340 Briefe von seiner und 320 Briefe von ihrer Hand. Die fehlenden Briefe sind nach Bekanntwerden der Affäre beschlagnahmt und vernichtet worden. Überhaupt geben die Bestände des Landesarchivs zu Hannover über die kritischen Jahre kaum Aufschluss. Selbst der Briefwechsel zwischen Herzogin Sophie und ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz, der manches hätte erhellen können, wurde offensichtlich im Nachhinein zensiert.

Scheidung und Zeit auf Schloss Ahlden mini|Schloss Ahlden in Merian-Stich um 1654 mini|Schloss Lauenau in Merian-Stich um 1654

Graf Königsmarck war beseitigt und Kurfürst Ernst August hatte sein Ziel erreicht, es zu verhindern, womögliche Bastarde in der Ehe seines Sohnes, des Kurprinzen, geboren zu sehen, die als ehelich und erbberechtigt gegolten hätten. Im Gegensatz zu der seit dem Mittelalter allgemein üblichen Mätressen-Wirtschaft männlicher Herrscher wurden außereheliche Verhältnisse von deren Ehefrauen schon deshalb nicht geduldet und oft streng geahndet, weil die Legitimität der Dynastie in Frage stand. Neben der Königsmarck-Affäre ist der Skandal um den Tour de Nesle eines der bekanntesten historischen Beispiele.

Georg Ludwig lebte mit seiner Mätresse Melusine von der Schulenburg zusammen, mit der er zwei Töchter hatte, was für einen Barockfürsten geradezu der Normalzustand war, und hatte an einer Scheidung kein Interesse. Er war eher phlegmatischer Natur und wünschte, die Angelegenheit hinter sich zu lassen, ohne noch mehr Aufsehen zu erregen. Sophie Dorothea, die ähnlich emotional und stolz war wie ihre Mutter, beging jedoch den Fehler ihres Lebens, indem sie selbst auf eine Scheidung insistierte. Daher wurde sie 1694 zunächst auf Schloss Ahlden festgesetzt, später wurde sie auf das Schloss Lauenau gebracht, wo der Scheidungsprozess stattfand. Georg Ludwig verlangte nun, dass die Scheidung aufgrund ihres alleinigen Verschuldens ausgesprochen werde. Die Ehe wurde am 28. Dezember 1694 geschieden und Sophie Dorothea wegen böswilligen Verlassens ihres Ehemannes zum allein schuldigen Teil erklärt. Eine neue Ehe war ihr ebenso untersagt wie ihre Kinder wiederzusehen. Ihr Name wurde aus allen offiziellen Dokumenten entfernt, sie wurde in den Gebeten nicht mehr erwähnt und der Titel einer Kurprinzessin wurde ihr aberkannt. Nach dem Urteil brachte man sie in den entlegenen Amtssitz Schloss Ahlden in der Lüneburger Heide, der ihr als standesgemäßes Gefängnis diente. Obwohl im Urteil nichts von fortdauernder Gefangenschaft steht, erlangte sie ihre Freiheit nie mehr wieder.