mini|Shmuel Erlich (2012) H. Shmuel Erlich (; geboren am 11. Juli 1937 in Frankfurt am Main) ist ein israelischer Psychoanalytiker, Organisationsberater und Psychologe der klinischen Psychologie. Seit 1990 war er Professor des Sigmund-Freud-Lehrstuhls der Hebräischen Universität in Jerusalem. 2005 wurde er emeritiert. Erlich ist einer der geistigen Väter der Nazareth-Konferenzen.
Werdegang Angesichts der wachsenden Gefährdung für die deutsch-jüdische Familie in der Zeit des Nationalsozialismus verließen die Eltern, knapp zwei Jahre nach seiner Geburt, Ende 1938 den NS-Staat und emigrierten mit ihrem Sohn nach Palästina. Dort kamen sie Anfang 1939 an. Shmuel Erlich wuchs bis 1954 in Tel Aviv auf. Von 1954 bis 1971 lebte er in den USA. In dieser Zeit absolvierte er sein Studium der Psychologie. Danach kehrte er nach Israel zurück, wo er seitdem in Jerusalem lebt. Er spricht Deutsch, Englisch und Hebräisch.
mini|The Austen Riggs Center in Stockbridge
Erlich studierte am City College of New York (CCNY) Psychologie und erwarb dort 1959 seinen Bachelor. 1965 promovierte er in klinischer Psychologie an der New York University (NYU). Von 1965 bis 1967 erhielt er vom National Institute of Mental Health (NIMH) ein postgraduales Stipendium, das ihm seine Forschungen im Fach Klinische Psychologie am Austen Riggs Center in Stockbridge (Massachusetts) ermöglichte. 1971 wurde ihm vom American Board of Professional Psychology (ABPP) ein Zertifikat verliehen, das ihn als zu den Besten seines Faches gehörend auswies. Im selben Jahr wurde er von der Israel Psychological Association als Supervisor für Psychotherapie und Psychodiagnostik zertifiziert. 1972 wurde er Lehrbeauftragter im Fach klinische Psychologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. 1983 schloss er am Israelischen Institut für Psychoanalyse seine Weiterbildung als Psychoanalytiker ab. Damit erlangte er zunächst die einfache Mitgliedschaft in der Israelischen Psychoanalytischen Gesellschaft (Israel Psychoanalytic Society (IPS)) und wurde 1985 so genanntes full member. Seit 1987 ist er dort Lehranalytiker. 1985 war er Gründungsmitglied der OFEK, der Israelischen Vereinigung für das Studium von Gruppen und Organisationsprozessen. Nachdem Eric Miller die ersten beiden Konferenzen der OFEK geleitet hatte, war Erlich Direktor der nachfolgenden vier. Von 1993 bis 1997 war er in Israel Vorsitzender des Ausbildungsausschusses im psychoanalytischen Institut und in der Fachgesellschaft. Von 1999 bis 2002 war er Präsident der IPS.
mini|Psychiatrisches Krankenhaus Eitanim in Jerusalem Im Jahr 2000 übernahm Erlich den Vorsitz einer Arbeitsgruppe in der Europäischen Psychoanalytischen Föderation (EPF), den er bis 2006 innehatte. Diese Arbeitsgruppe befasst sich mit dem Verhältnis von psychoanalytischer Erkenntnis über das innere Erleben und seiner Verbindung zur äußeren Realität. 2003 wurde er in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zum regionalen Vertreter für Europa des neu konstituierten Board of Representatives gewählt und übte dieses Amt bis 2015 aus. Von 2005 bis 2011 war er Vorsitzender des Ausbildungsausschusses in der IPV. Für das International Journal of Psycho-Analysis schrieb er 2010 den „Letter from Jerusalem“ als Teil einer Initiative der Zeitschrift, mit der sich verschiedene psychoanalytische Gesellschaften dem internationalen Fachpublikum vorstellen konnten. Als Mitbegründer der Nazareth-Konferenzen gehört er seit 1994 dem dortigen sogenannten staff an, ebenso wie in den nachfolgenden Konferenzen unter der Federführung der Partners in Confronting Collective Atrocities (PCCA). 2012 war Erlich Direktor der ersten Europäischen Konferenz der PCCA, die auf Schloss Kliczków in Polen unter dem Titel Europäische Täter und Opfer – Damals und Heute stattfand. Die zweite Europäische Konferenz fand 2014 und eine dritte 2016 statt.
Neben seiner akademischen Laufbahn war Erlich leitender Psychologe am Psychiatrischen Krankenhaus Eitanim in der Nähe von Jerusalem. Dort baute er eine Station für Jugendliche auf, die er fünfzehn Jahre lang leitete.
Erlich ist Ehrenmitglied der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV).
Wirken Der Schwerpunkt von Erlichs wissenschaftlichem Interesse und Schaffen gilt der psychoanalytischen Theorie und ihren Anwendungen, darunter die Psychotherapie und die Erforschung der Identität. Speziell befasst er sich mit den Auswirkungen von externen Traumata – besonders im Zusammenhang mit Terroranschlägen – sowie mit der Erforschung von Gruppen- und Organisationsprozessen.
Organisationsberatung Mit seiner Organisationsberatung will Erlich dazu beitragen, dass Organisationen zu einem tieferen Verständnis über sich, ihre Strukturen und Machtverhältnisse finden, der Rolle möglicher Korruption gewahr werden, regressive Prozesse erkennen und verändernden Einfluss auf all diese Phänomene gewinnen. Das gilt seiner Überzeugung nach für jedwede Organisation, also auch für psychoanalytische Ausbildungsinstitute, die ihn gelegentlich und auch in Deutschland als Supervisor rufen.
Gruppen im Konflikt Besondere Aufmerksamkeit richtet Erlich auf Konflikte, in die Angehörige verschiedener nationaler Gruppen miteinander verstrickt sind. Um sie zu erforschen, bedient er sich der Methode der sogenannten Gruppenbeziehungskonferenzen nach dem Modell der Leicesterkonferenzen, die am Tavistock-Institut in London entwickelt wurden. Ziel derartiger Konferenzen ist es, die Fähigkeit der einzelnen Teilnehmer zur Übernahme von Verantwortung in verschiedenen sozialen Rollen entfalten zu helfen. Diesem Ziel fühlt sich Erlich bis heute verpflichtet und organisiert Konferenzen für verschiedene Gruppen im Konflikt bzw. ist an deren Organisation beteiligt.
Diese Gruppenbeziehungskonferenzen sollen nach Erlichs Verständnis die Lücke schließen, die in der Regel zwischen dem Blick auf die eigene innere Welt – also Erleben, Phantasien und dergleichen – und auf die äußere Welt der Realität besteht. Um dieses Ziel zu erreichen, werden ein psychoanalytischer und ein systemischer Ansatz miteinander kombiniert und mit den Konferenzen ein Ort für bewusste Erfahrung der bisher wahrgenommenen Rolle und der möglichen Entwicklung einer neuen geschaffen. Dabei wird angestrebt, Feindschaft als etwas zu begreifen, das nicht nur dem Erleben der äußeren Realität entspringt, sondern auch durch die innere Wirklichkeit konstituiert wird. Mit seiner Methode will er dazu anregen, auch in emotional aufgeladenen Situationen denken zu lernen und ein tieferes Verständnis davon zu gewinnen, wie gesellschaftliche und politische Ereignisse Einfluss auf Geist und Seele des Menschen nehmen. Edward R. Shapiro bewertet Erlichs Bemühungen in seiner Rezension:
Psychoanalyse In seiner psychoanalytischen Arbeit hat sich Erlich zunächst der Erforschung des innerseelischen Erlebens von Jugendlichen gewidmet und sich später mit Prozessen der Erlebnisverarbeitung im Detail befasst.
Jugendliche Nachdem er die Station für Jugendliche am Psychiatrischen Krankenhaus Eitanim aufgebaut hatte, blieb Erlich dort fünfzehn Jahre lang. Das gab ihm Gelegenheit, sich mit den Erlebnisqualitäten von Jugendlichen und Heranwachsenden zu befassen. Beispielsweise hat ihn die „Rolle der Verleugnung in der Adoleszenz“ beschäftigt. Dabei schlägt er vor, die „Entwicklungskrise der Adoleszenz durch die Wirkungsweise der Verleugnung hindurch zu betrachten“.
Da Erlich in seiner psychoanalytischen Arbeit nicht nur am Einzelfall interessiert war, sondern stets auch seine Einbettung in dessen Umgebung und seine politische Wirklichkeit im Auge hatte, beschreibt er folgerichtig in einer anderen Studie die Reaktionen Jugendlicher auf die Ermordung des damaligen israelischen Premierministers Jitzchak Rabin.
Erlebnisverarbeitung Das wissenschaftliche Interesse von Erlich hat sich schon früh auf die Frage gerichtet, wie Menschen ihre Erfahrungen innerseelisch verarbeiten. Im Detail beschreibt er, was er unter Erfahrung versteht. Sie werde durch Wahrnehmungen der äußeren und inneren Realität ebenso wie durch Bewusstes und Unbewusstes konstituiert und innerseelisch organisiert. Erlich sieht die Daten der äußeren Realität, wie Menschen sie mit ihren Sinnesorganen aufnehmen, an einem Pol und die strukturierte Erfahrung ihrer inneren Welt am anderen. Dazwischen beschreibt er einen Verarbeitungsprozess. Der sei sowohl angeboren, als auch „sozial geformt“. Mit seiner Hilfe würden Sinneswahrnehmungen kontinuierlich „aufgenommen, verdaut, assimiliert und strukturiert.“ Dieser Prozess, den Erlich als „Erlebnismodalitäten“ beschreibt, entziehe sich weitgehend der bewussten Wahrnehmung und willentlicher Kontrolle. Er nehme maßgeblich Einfluss auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Beziehungen zu sich selbst, ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt gestalten. Dabei beschreibt er zwei voneinander sehr verschiedene Arten der Beziehungsgestaltung, die er in Anlehnung an Winnicott als Modi von „Being and Doing“ bezeichnet. Befinden sich Menschen sozusagen im „Handlungsmodus“, werde das Gegenüber als getrennt und selbständig wahrgenommen, und die Beziehung gestalte sich „kausal, dominiert von Zweck und Ziel, direkt und chronologisch“. In Abgrenzung zum Handlungsmodus beschreibt Erlich den Modus „of Being“, in dem die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Gegenüber miteinander verschmelzen und im Erleben eines Menschen, der sich in diesem Modus befindet, nicht mehr existieren. Daraus entstünden nicht nur zahlreiche Konflikte in der Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch erhebliche Schwierigkeiten, Verluste zu verarbeiten.
Schriften
Auszeichnungen 1965: „Founder’s Day Award“ der New York University 1966: NY Award in „Anerkennung für eine herausragende Dissertation in Psychologie des Jahres 1966“ von der New Yorker Gesellschaft für klinische Psychologen 2005: „Sigourney Award“ für herausragende Beiträge zur Psychoanalyse 2016: Award für die Auszeichnung des Lebenswerkes von der Israeli Association for Psychotherapy
Weblinks
Anmerkungen
Austen Riggs Center in der englischsprachigen Wikipedia mit einer Unterbrechung in den Jahren 2007 bis 2011 Eitanim in der englischsprachigen Wikipedia beispielsweise Deutsche und Israelis oder Israelis und Palästinenser zu Deutsch: Vollmitglied. Seinerzeit gab es in der IPS noch zwei verschiedene Arten der Mitgliedschaft für neue Mitglieder. oder auch für Seminare und Vorlesungen i. e. Supervisoren-Gruppe
Einzelnachweise
Kategorie:Klinischer Psychologe Kategorie:Psychoanalytiker Kategorie:Hochschullehrer (Hebräische Universität Jerusalem) Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Deutscher Emigrant in Palästina zur Mandatszeit Kategorie:Deutscher Kategorie:Israeli Kategorie:Geboren 1937 Kategorie:Mann