mini|Alte Bebauung neben neuem Hochhaus nach der Sanierung

Die Gorbals sind ein Teil der schottischen Stadt Glasgow.

Anfänge Eine erste Siedlung auf dem Gebiet der Gorbals, „Bridgend“, wurde nach dem Bau einer Brücke über den Clyde im Jahr 1285 erwähnt. 1350 befand sich dort eine Leprakolonie. 1579 erwarb die Familie Elphinstone das Gebiet von der Kirche, scotcities.com. 1607 erhielten die Gorbals die Berechtigung zur Niederlassung von Kaufleuten und Manufakturen.Glasgow (South) Glimpses of old Glasgow, Glasgow Digital Library, University of Strathclyde. 1790 wurde das Gebiet zwischen der Stadt Glasgow und dem Hutcheson-Hospital aufgeteilt. In der Folge entstanden drei neue Stadtteile: Laurieston und Hutchesontown auf dem Gebiet des Hospitals und Tradeston auf dem Gebiet der Stadt Glasgow. Laurieston und Hutchesontown galten von da an als „die Gorbals“. Die beiden Orte hatten zu dieser Zeit etwa 3500 Einwohner. Geplant war zunächst der Bau von Häusern für Bürger und Adlige,Ian R. Mitchell: The Gorbals: A New Glasgow Suburb. In: Pat’s Guide: Glasgow Westend. die Familie Elphinstone hatte einen Wohnsitz in den Gorbals. Nach der Eröffnung der Zeche Govan Colliery und des Hüttenwerks Dixon's Blazes südlich des Gebiets wurde die Bebauung aber dichter.A Gorbals Tour, Glasgow, Glasgow Punter, FourFourTwo Magazine, 15. März 2015.

19. Jahrhundert bis heute mini|Kinder in den Gorbals, 1911

Im Zuge der Industrialisierung strömten sehr viele Migranten nach Glasgow. Ihre erste Wohnung fanden sie oft in den Gorbals. Sie kamen zunächst von den schottischen Highlands und aus Irland, später auch aus Italien, Litauen und Russland, unter den russischen Migranten waren sehr viele Juden., Website von Education Scotland/Foghlam Alba 1901 lebten 5000 Juden in den Gorbals, nach 1933 kamen aus Deutschland geflüchtete Juden hinzu, bis 1939 stieg ihre Zahl auf etwa 10.000. Sie brachten verschiedene Flugschriften und Zeitungen heraus, zunächst in Jiddisch. 1927 erschien das englischsprachige Jewish Echo. Weil Juden bis in die 1930er Jahre in Banken und öffentlichen Ämtern nicht arbeiten durften, machten sich viele selbständig, andere arbeiteten als Schneider oder in der Tabakverarbeitung. Die meisten verließen die Gorbals aber nach einigen Jahren in benachbarte Viertel.The Jewish community in Scotland, Website von Education Scotland/Foghlam Alba. Die Stadtverwaltung von Glasgow organisierte 1892 Kundgebungen gegen die Judenverfolgung in Russland und boykottierte 1933 aus Protest gegen Hitlers Antisemitismus deutsche Produkte.

mini|1939 abgerissener Häuserblock in der Eglinton Street Ein Reiseführer erwähnte noch 1870 die großzügige Bebauung der Eglinton Street in Laurieston und empfahl Besuchern einen Rundgang durch das umgebende Viertel. Bedingt durch den Zustrom im 19. Jahrhundert veränderte sich aber dessen Charakter. Früher geräumige Wohnungen wurden in kleine Einheiten aufgeteilt; zusätzlich baute der City Improvement Trust seit 1870 Häuser mit kleinräumigen Mietwohnungen. Die Art von Mietshäusern, die hier gebaut wurde, gab es in Großbritannien nur in Schottland. Das Gemäuer bestand aus großen Steinen, die Eingänge waren höhlenähnlich, die Treppenhäuser tief und dunkel und die Anlage der Straßen erfolgte ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bewohner. Es gab keine Bäume, kein Grün, keinen einzigen Garten, die Häuser waren um Höfe herum gebaut, in denen sich der Müll sammelte, sodass sie wie Schlachtfelder aussahen.Nick’s account of photographing the people of Glasgow during the 1970’s, Nick Hedges, Make life worth living, Shelter Scotland. Die Häuser hatten schon bei der Erbauung einen sehr niedrigen Standard, die Eigentümer ließen die Substanz zudem schnell verfallen. Die baulichen und sozialen Verhältnisse waren katastrophal. 1930 lebten etwa 90.000 Menschen in den Gorbals, für die 100 Läden und 130 Pubs vorhanden waren. Die Bevölkerungsdichte betrug 459 Personen pro Acre; der Durchschnittswert in einer modernen Vorstadt ist 30 Personen pro Acre. Auf je drei Wohnungen kam eine Toilette, die meisten Wohnungen hatten nur einen oder zwei Räume, die sich oft acht oder zehn Personen teilen mussten. 1951 lebten in den Gorbals immer noch 50.000 Menschen auf einem Gebiet einer durchschnittlich großen Rinderfarm. Diese dichte Besiedlung unterschied die Gorbals von anderen Armenvierteln in britischen Städten. 1948 schrieb ein Reporter der Picture Post:

In den 1930er Jahren galten die Gorbals als Hochburg der Glasgow razor gangs (Glasgower Rasiermesserbanden), Gruppen von Kriminellen, die ihren Namen von ihrer bevorzugten Waffe erhielten. Wer es sich leisten konnte, zog weg, es blieben meist schottische und irische ungelernte Arbeiter. In dem Gebiet an der Warwick Street, das lange eine vergleichsweise gutsituierte Wohngegend war, wurden seit den 1940er Jahren sehr viele Wohnungen aufgeteilt und untervermietet, meist an Migranten aus Indien, was die Überbelegung und den Verfall der Häuser verstärkte.Norfolk Court demolition – the end of an era for Laurieston-Gorbals. Valerie Wright, Housing and Wellbeing in Glasgow, University of Glasgow, 13. Mai 2016. Die Häuser waren teilweise in privatem oder städtischem Besitz, viele Häuser gehörten der 1947 verstaatlichten L.M.S. Railway.The Forgotten Gorbals, A. L. Lloyd, Text und Bert Hardy, Fotos, Picture Post, 31. Januar 1948, auf Hayes People History. Die Miete war niedrig, ein Raum kostete 10 Shilling pro Woche, oder man bezahlte vier Pfund für ein Haus mit acht Räumen. Die billigen Mieten waren ein Grund, in den Gorbals zu bleiben. Ein anderer war der Wunsch nach Nachbarn mit der gleichen Nationalität, besonders bei Iren. Diskriminierung zwischen Schotten und Iren gab es nicht. Als Freizeitangebote gab es zwei oder drei Kinos und ein renommiertes Tanzlokal.

Das wichtigste Theater im Westen Schottlands, das Citizens Theatre, kurz: Citz, hat seinen Sitz in der Gorbals Street. Das Gebäude wurde 1878 für das „Her Majesty's Theatre“ errichtet, damals war es eines von vier Theatern in der Umgebung. Das Programm war am Varieté orientiert, die Panik eines Elefanten auf der Bühne während einer Vorstellung führte zu Unruhen im Viertel. Nach einem Bankrott des Betreibers übernahm das Royal Princess’s Theatre das Gebäude, bis es 1945 an die Citizens Theatre Company vermietet wurde. Das Gebäude ist das zweitälteste noch genutzte Theater im Vereinigten Königreich und arbeitet bis heute mit der Maschinerie aus der viktorianischen Zeit. Der benachbarte Palace of Varieties wurde 1977 auf städtische Anordnung hin abgerissen, es gelang der Theatercrew, Teile von dessen viktorianischer Innenausstattung zu retten, die heute im Foyer des Theaters ausgestellt sind.History, Citizens Theatre, Website des Theaters.

Die Gorbals waren mit der erste schottische Wahlkreis, der einen Labour-Abgeordneten ins Unterhaus entsandte. Das war George Nicoll Barnes im Jahr 1906. Der Wahlkreis hatte seitdem eine stabile Labour-Mehrheit. Die Communist Party of Great Britain genoss ein hohes Ansehen und war stark vor Ort vertreten, konnte ihr Ansehen aber, wohl aufgrund religiöser Gegnerschaft, nur wenig in Wählerstimmen umsetzen. Eines ihrer prominenten Mitglieder, Harry McShane, gründete nichtsdestotrotz zusammen mit Rev. Bill Smith, einem Pfarrer der Church of Scotland, nach dem Zweiten Weltkrieg ein Komitee, das mit Unterstützung von Ärzten, Rechtsanwälten und politischem Druck die Lebensumstände verbessern wollte.

Sanierung, Abriss, Hochhausbau, neuer Abriss mini|Skizze der Gorbals, die Comprehensive Development Area Laurieston ist schwarz umrandet

Um die unhaltbaren Zustände in den Gorbals und vielen anderen Teilen Glasgows zu verbessern und die Einwohner in der Stadt zu halten, empfahl der 1946 von einem Ingenieur der Stadt Glasgow verfasste Bruce-Report eine verdichtete Hochhausbebauung. Der vom Londoner Schottland-Amt favorisierte Abercrombie-Plan befürwortete demgegenüber die Ansiedlung in „neuen Städten“ außerhalb der Stadtgrenzen. Die britische Regierung setzte den Abercrombie-Plan weitgehend durch, parallel dazu verfolgte aber die Stadt Glasgow weiterhin die Ziele des Bruce-Reports. Sie legte 29 Comprehensive Development Areas fest, die größte Zahl im Vereinigten Königreich. Die Gorbals wurden in die Sanierungsgebiete Hutchesontown-Gorbals, Polmadie-Hutchesontown und Laurieston-Gorbals aufgeteilt. Die Arbeit begann 1957 im Gebiet Hutchesontown-Gorbals. Die Daten des Wohnungsbestands in diesem Teilgebiet waren 1957:

Gesamtzahl der Wohnungen 7605 Häuser mit einem oder zwei Apartments 87 % Rückseitig aneinandergebaute Häuser 33 % Häuser mit Bad 3 % Häuser mit Innentoilette 22 % Gesundheitlich inakzeptable Häuser 97 % Durchschnittliche Personenzahl pro Raum 1,89 Durchschnittliche Personenzahl pro Acre 458,6Hutchesontown. In: Housing and Wellbeing in Glasgow, University of Glasgow.

Industrie spielte in dem Gebiet keine Rolle. Geplant war ein völliger Abriss der alten Gebäude und eine Neubebauung zunächst mit Wohnungen, einem Krankenhaus und Einkaufsläden, Schulen und ein Gemeinschaftszentrum sollten später folgen. Die 444 existierenden Geschäfte sollten durch 57 ersetzt werden, die Zahl der Pubs von 48 auf neun reduziert werden. Das Gebiet wurde in fünf Teile aufgeteilt: Hutchesontown A wurde mit niedrigen Maisonette-Mietshäusern bebaut und Ende der 1950er Jahre fertiggestellt. Hutchesontown B, C, D und E sollten mit Hochhäusern bebaut werden.

Um einen Eindruck von großflächigem Hochhausbau zu bekommen, reiste 1954 eine Delegation der Glasgower Stadtverwaltung nach Marseille, besichtigte dort eine von Le Corbusier errichtete Unité d’Habitation und erörterte eine Übertragbarkeit dieses Baukonzepts nach Glasgow. Ihr Bericht wies auf das sehr viel kältere und feuchtere Klima Glasgows hin, die in Schottland übliche Kohleheizung wurde für die Neubebauung als unpassend erachtet. Ferner müsse bei einem Zusammenleben von 400 Familien in einem Haus auf die Zusammensetzung und Auswahl der Mieterschaft großer Wert gelegt werden, sonst seien Konflikte unvermeidlich.Lynn Abrams: Glasgow goes to Marseilles In: Housing and Wellbeing in Glasgow, University of Glasgow, 2. März 2015.

In der Diskussion um die Planung betonte ein Glasgower Architekt, dass es wichtig sei, die lokale Verwurzelung und den Zusammenhalt der Bewohner bei der Sanierung zu erhalten. Er wies darauf hin, dass Bewohner, die in andere Stadtviertel gezogen waren, immer noch in die Gorbals fuhren, um ihre alten Freunde zu treffen, manche gaben sogar ihre besser ausgestatteten neuen Wohnungen wieder auf.

Die Sanierung wurde umgesetzt, die alten Gebäude vollständig abgerissen und durch Hochhausbebauung ersetzt. Am bekanntesten wurden die von Basil Spence im Stil des Brutalismus errichteten Blöcke am Queen Elizabeth Square in Hutchesontown C. Wegen ihrer vorspringenden Balkone erhielten sie den Beinamen „Die hängenden Gärten der Gorbals“. Spence meinte:

Die Häuser standen wie das Vorbild in Marseille auf Stelzen, es fehlten aber die in Marseille vorhandenen Läden, Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen. Der Beton erwies sich als dem Wetter in Glasgow nicht gewachsen, auch konnte die Glasgower Stadtverwaltung die Kosten für die Instandhaltung der Gebäude nicht aufbringen. Die Häuser verfielen schnell, die Bewohner gaben ihnen den Spitznamen „Alcatraz“. In die neu erbauten Häuser zogen in den 1970er Jahren auch etwa 10.000 Migranten aus Asien, 1984 wurde die zentrale Moschee von Glasgow in dem Gebiet errichtet. Die asiatischen Migranten zogen jedoch weg, wenn sie sich bessere Wohnungen leisten konnten.

mini|Sprengung der Häuserblocks am Queen Elizabeth Square 1993