mini|hochkant=1.3|Detail aus der Hochzeit des Peleus und der Thetis: Auf Athene und Artemis im Streitwagen folgen der fischschwänzige Okeanos mit einem Fisch und seiner Gattin Tethys als Schlange – die Großeltern der Braut – sowie Eileithyia, Göttin der Geburt. Schwarzfiguriger Dinos des Sophilos, um 590 v. Chr. (British Museum) mini|250px|Illustration des antiken Weltbilds von Anaximander

Okeanos () ist in der griechischen Mythologie die göttliche Personifikation eines die bewohnte Welt umfließenden gewaltigen Stromes, der – gemeinsam mit der Meeresgöttin Tethys – als der Vater aller Flüsse und der Okeaniden gilt und gelegentlich sogar als Vater der Götter und Ursprung der Welt erscheint.

Etymologie Bereits Adalbert Kuhn wies in seiner Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiet des Deutschen, Griechischen und Lateinischen auf die genaue lautliche Entsprechung zwischen dem vedischen āśáyāna- („auf [dem Wasser] liegend“), einem Attribut des Steindrachen Vṛtra, und dem griechischen hin.Adalbert Kuhn: ὠκεανός. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiet des Deutschen, Griechischen und Lateinischen. Band 9, 1860, S. 240. Laut Janda geht Kuhns Etymologie auf eine Anregung Theodor Benfeys zurück; dieselbe Beobachtung hatte kurz zuvor allerdings auch der Schweizer Sprachwissenschaftler Adolphe Pictet in Les origines indo-européennes, ou les Aryas primitifs. Essai de paléontologie linguistique. Band 1, Paris 1859, S. 116, veröffentlicht. Michael Janda stimmte dieser Gleichung 2005 zu und hat für beide Wörter eine gemeinsame indogermanische Wurzel *ō-kei-ṃ[h1]no- „aufliegend“ rekonstruiert, die unter anderem mit griechisch verwandt ist.Michael Janda: Elysion. Entstehung und Entwicklung der griechischen Religion. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 2005, S. 231–249; ders.: Die Musik nach dem Chaos. Der Schöpfungsmythos der europäischen Vorzeit. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 2010, S. 57 ff. Janda verweist auf eine schwarzfigurige Vasendarstellung (Hochzeit des Peleus und der Thetis), auf denen Okeanos einen Drachenschwanz besitze und die eine mythologische Parallele zwischen dem griechischen Meeres- oder Flussgott und dem vedischen Drachen Vṛtra belege.

mini|Oceanus bzw. Oceano im Mittelpunkt des Trevi-Brunnens

Daneben hat Janda auf eine weitere etymologische Parallele zwischen dem griechischen und dem altenglischen (vgl. die Holzeinheit Faden) hingewiesen, das insbesondere im altenglischen Helena-Gedicht (Vers 765) als belegt ist und zudem (über urgermanisches *faþma) mit altnordisch Faðmir oder Fáfnir verwandt ist, dem Namen eines Drachen aus der Völsunga saga des 13. Jahrhunderts. Der phonologische Befund erlaubt es, alle drei Begriffe von indogermanisch *poth2mos „Ausbreitung“ herzuleiten und so das griechische Wort für einen „breiten Strom“ eng mit den beiden germanischen Ausdrücken zu verknüpfen, die in verschiedenen Kontexten die „Umarmung“ durch einen Drachen bezeichnen.

Demgegenüber hat Robert S. P. Beekes den Götternamen mit einer vorgriechischen Form *-kay-an- verbunden.Robert S. P. Beekes: Etymological Dictionary of Greek. Brill, Leiden 2009, S. xxxv.

Mythos Okeanos ist bei Homer sowohl Ursprung der Welt als auch der Strom, der die Welt umfließt und vom Meer unterschieden wird. Er ist der Ursprung der GötterHomer, Ilias 14,201 sowie aller Flüsse, Meere, Quellen und Brunnen,Homer, Ilias 21,195–197 von denen jedoch nur EurynomeHomer, Ilias 18,398 und PerseHomer Odyssee 10,139 namentlich genannt werden. Seine Gattin ist das Weltmeer Tethys, mit der er sich nach der Erzählung Heras im Streit befindet und die daher auch keine weiteren Nachkommen mehr hervorbringt: εἶμι γὰρ ὀψομένη πολυφόρβου πείρατα γαίης, Ὠκεανόν τε θεῶν γένεσιν καὶ μητέρα Τηθύν […] τοὺς εἶμ᾽ ὀψομένη, καί σφ᾽ ἄκριτα νείκεα λύσω· ἤδη γὰρ δηρὸν χρόνον ἀλλήλων ἀπέχονται εὐνῆς καὶ φιλότητος, ἐπεὶ χόλος ἔμπεσε θυμῷ. Denn ich geh’ an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde, Dass ich den Vater Okeanos schau’, und Tethys [sic] die Mutter […] Diese geh’ ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen. Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.Homer, Ilias 14,200–208. Übersetzung nach Johann Heinrich Voß (online).

mini|hochkant=1.3|Mosaikdarstellung des Okeanos und der Tethys (Zeugma-Mosaik-Museum, Gaziantep) Diese ansonsten in der griechischen Literatur nicht fassbare Erzählung von der Trennung des Urpaares wird teils auf den Einfluss kosmogonischer Mythen des Alten Orients zurückgeführt,Richard Janko, in: Geoffrey Stephen Kirk: The Iliad: A Commentary. Band 4, Cambridge University Press 1992, S. 180–182. insbesondere wegen der engen Parallele zum Mythos von Apsu und Tiamat im babylonischen Schöpfungsmythos Enûma elîsch.Martin Litchfield West: The east face of Helicon. West Asiatic elements in Greek poetry and myth. Clarendon Press, Oxford 1999, ISBN 0-19-815221-3, S. 148. Apsu steht für das Grundwasser und speist alle Flüsse und Quellen, er ist aber auch der kosmische Süßwasserozean, welcher der Ursprung der Götter und der Welt ist und letztere umgibt. Ebenso beschreibt Pindar Okeanos einerseits als FlussPindar Fragmente 30 (6) 6; 326 (220) und andererseits als Hohe See.Pindar, Pythien 4,415

Mächtiger als Okeanos scheint allein Zeus zu sein, da Hypnos – laut eigener Aussage – „selbst des Okeanos wallende Fluten“, nicht aber Zeus einzuschläfern vermag.Homer, Ilias 14,244–248 An der Versammlung der Götter im Olymp, zu der auch Flüsse und Bäche geladen sind, nimmt er als einziger nicht teil.Homer, Ilias 20,4–8 Er fließt um das ElysionHomer, Odyssee 4,563–569 und begrenzt die Unterwelt.Homer, Odyssee 11,13–19 Auf seiner Fahrt zur Unterwelt segelt Odysseus daher zunächst durch die Strömung des Flusses Okeanos,Homer, Odyssee 11,639 f. um dann zur Insel Aiaia am östlichen Ende der Oikumene zu gelangen, „allwo der dämmernden Frühe / Wohnung und Tänze sind, und Helios leuchtender Aufgang“.Homer, Odyssee 12,1–4 Helios steigt täglich aus dem Okeanos auf, um abends wieder in ihm unterzugehen;Homer, Ilias 7,421 f.; 8,485; 18,239 ff. auch die Gestirne baden in ihm.Homer, Ilias 5,5; 18,489 Okeanos wird dabei als „in sich zurückfließender“, also kreisförmiger Strom () bezeichnet,Homer, Ilias 18,399; Odyssee 20,65 was seiner Darstellung auf dem von Hephaistos als Abbild des Kosmos’ gestalteten Schild des Achilleus entspricht: am äußersten Rand umströmt er die Welt.Homer, Ilias 18,483 ff.; 18,607 f. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft leben mythische Randvölker wie die AithiopierHomer, Ilias 1,423 f. und PygmäenHomer, Ilias 3,5 f. im Süden, die Kimmerer im Norden und Ungeheuer wie die Harpyien im Westen.Homer, Ilias 16,150

mini|Okeanosgesicht als Wasserspeier, Bronze aus einer villa rustica bei Treuchtlingen, um 200 n. Chr. (Archäologische Staatssammlung, München) Nach Hesiod wohnen im Westen des Okeanos die Gorgonen,Hesiod, Theogonie 274 f. die HesperidenHesiod, Theogonie 292 ff. und Geryoneus.Hesiod, Theogonie 287 ff. Auch die Quellen des Okeanos werden von ihm im Westen verortet.Hesiod, Theogonie 282 Neun Teile seiner Gewässer umfließen die Welt, während seine Tochter Styx als der zehnte Teil im Inneren der Erde fließt, um aus dem Fels zu entspringen: ἔνθα δὲ ναιετάει στυγερὴ θεὸς ἀθανάτοισι, δεινὴ Στύξ, θυγάτηρ ἀψορρόου Ὠκεανοῖο πρεσβυτάτη· νόσφιν δὲ θεῶν κλυτὰ δώματα ναίει μακρῇσιν πέτρῃσι κατηρεφέ᾽· ἀμφὶ δὲ πάντῃ κίοσιν ἀργυρέοισι πρὸς οὐρανὸν ἐστήρικται. […] Ζεὺς δέ τε Ἶριν ἔπεμψε θεῶν μέγαν ὅρκον ἐνεῖκαι τηλόθεν ἐν χρυσέῃ προχόῳ πολυώνυμον ὕδωρ, ψυχρόν, ὅ τ᾽ ἐκ πέτρης καταλείβεται ἠλιβάτοιο ὑψηλῆς· πολλὸν δὲ ὑπὸ χθονὸς εὐρυοδείης ἐξ ἱεροῦ ποταμοῖο ῥέει διὰ νύκτα μέλαιναν· Ὠκεανοῖο κέρας, δεκάτη δ᾽ ἐπὶ μοῖρα δέδασται· ἐννέα μὲν περὶ γῆν τε καὶ εὐρέα νῶτα θαλάσσης δίνῃς ἀργυρέῃς εἱλιγμένος εἰς ἅλα πίπτει, ἡ δὲ μί᾽ ἐκ πέτρης προρέει, μέγα πῆμα θεοῖσιν. Dort haust ferner, ein Graus für die Ewigen, Styx, die gewaltge, Göttin, des kreisenden Herrschers Okeanos älteste Tochter. Doch sie wohnt von den Himmlischen fern im herrlichen Hause, Oben von mächtigen Felsen gedeckt; auf jeglicher Seite Ringsum strebt es empor gen Himmel mit silbernen Säulen. […] Zeus dann sendet die Iris, der Götter gewaltigen Eidschwur Fern in goldener Kanne zu holen, gefeiertes Wasser, Das von der Höh’ aus steilem Gestein kalt rieselt herunter, Unter der Erde sodann, der weitumwanderten, mächtig Aus dem geheiligten Strom als Zweig des Okeanos flutet Hin durch düstere Nacht; stets bleibt dies Zehntel gesondert. Während neun, mit silbernen Wirbeln umschlängelnd die Erde Und den gebreiteten Rücken des Meers, hinströmen zur Salzflut, Fließt allein es vom Felsen dahin zum Wehe der Götter.Hesiod, Theogonie 775 ff. Übersetzung von Heinrich Gebhardt, bearbeitet von Egon Gottwein (auf Navicula Bacchi).

Bei Hesiod werden Okeanos und Tethys in die Genealogie der Titanen eingebunden und erscheinen demnach als Nachkommen der Erde Gaia und des Himmels Uranos.Hesiod, Theogonie 132 f. Ihre Nachkommen sind 3000 Flüsse und 3000 Okeaniden, von denen 25 Flüsse und 41 Okeaniden namentlich genannt werden, darunter bedeutende Flüsse wie der Nil, der Eridanos oder der Phasis und als älteste der Okeaniden Styx.Hesiod, Theogonie 337–370 Von den übrigen Titanen hebt sich Okeanos insofern deutlich ab, als er sich am Sturz des Uranos nicht beteiligtBibliotheke des Apollodor 1,3 und bei der Titanomachie auf der Seite des Zeus gegen seine Geschwister kämpft.Hesiod, Theogonie 398

mini|hochkant=1.2|Flussgottheit, zweites Jahrhundert n. Chr. (Farnesische Sammlungen, Archäologisches Nationalmuseum Neapel)

Die orphischen Theogonien beschreiben ebenso wie die Theogonie Hesiods eine Herrschaftsabfolge, siedeln Okeanos in ihren Genealogien aber weiter oben an. Er erscheint dort als Vater der TitanenPlaton, Timaios und sogar des Uranos.Etymologicum genuinum, s. v. . Bei Alexander von Aphrodisias steht er als Nachfolger des Chaos an zweiter Stelle noch vor Nyx.Alexander von Aphrodisias, Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles. S. 821. Darin drückt sich der Gedanke aus, dass Okeanos als nährendes Wasser der Vater aller Dinge sein müsse.François Lasserre: Okeanos. In: Der Kleine Pauly. Band 4, Stuttgart 1972, Sp. 267. Diese Auffassung war schon bei Homer angeklungen, wenn Hera von Okeanos als dem „Ursprung der Götter“ () oder sogar von jenem, der „allen Geburt verlieh“ (), spricht.

Aischylos lässt Okeanos in seiner Tragödie Der gefesselte Prometheus auf einem vierbeinigen Vogel heranfliegen, um Prometheus, dem Sohn seines Bruders Iapetos und seiner Tochter Asia, zu helfen.Aischylos, Der gefesselte Prometheus 284–287 Gemeinsam hatten sie in der Titanomachie gegen die olympischen Götter gekämpft, bis Okeanos zu diesen überwechselte.Aischylos, Der gefesselte Prometheus 330 f. Es gelingt Okeanos nicht, Prometheus zu einem Kompromiss mit Zeus zu bewegen, weshalb er am Ende der Szene in Richtung des Vogelstalls entschwebt, damit dieser seine Knie ausruhen könne.Aischylos, Der gefesselte Prometheus 394–396 Da diese Darstellung des Okeanos keine Übereinstimmung mit einer Bildtradition aufweist, wird sie als eine dramaturgische Erfindung des Aischylos aufgefasst.Herbert A. Cahn: Okeanos. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae. Band VII, Zürich/München 1994, S. 31.

Stammbaum nach Hesiod

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