Erzurum (, oder , Erzîrom/Erzirom) ist mit etwa 749.993 Einwohnern die größte Stadt Ostanatoliens und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Erzurum im Osten der Türkei. Erzurum ist eine Büyükşehir Belediyesi (Großstadtgemeinde) und seit der letzten Gebietsreform einwohner- und flächenmäßig identisch mit der Provinz.

In der modern geplanten Stadt mit breiten Durchgangsstraßen sind mehrere bedeutende Bauwerke aus der seldschukischen und osmanischen Zeit erhalten, die überwiegend zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert entstanden. Dazu zählen Medresen, Moscheen, Grabbauten (Türben) und eine Zitadelle auf dem Altstadthügel. Fünf Kilometer südlich der Stadt befindet sich am Hang des Palandöken Dağı eines der beliebtesten Skigebiete des Landes.

Geographie Erzurum liegt 1300 Kilometer östlich von Istanbul in 1950 Metern Höhe auf einem weiten Hochplateau, das in den Euphrat entwässert und den südöstlichen Rand der Aşkale-Ebene bildet. Wenige Kilometer östlich grenzt ein Deveboynu („Kamelhals“) genannter Hügelzug das Stadtgebiet von der Pasinler-Ebene ab. Die umgebenden Hügel sind dünn besiedeltes Weideland, in den Ebenen wird großflächig Getreide angebaut. Die Bergkette der Palandöken Dağları im Süden von Erzurum erreicht mit mehreren Gipfeln über 3100 Meter Höhe, der höchste Gipfel des im Norden die Ebene begrenzenden Gebirges ist der Dumlu Dağı mit 3169 Meter. Hier entspringt der Karasu, einer der beiden Quellflüsse des Euphrat.

Die E 80 führt von Erzincan, 190 Kilometer westlich, über Erzurum nach Ağrı, 175 Kilometer östlich. Nach Süden zweigt eine Straße über einen 2380 Meter hohen Pass in den Palandöken-Bergen bis Bingöl ab, eine weitere Straße nach Norden verläuft ab der Kleinstadt Tortum im Tal des Çoruh entlang Richtung Artvin. Der Flughafen Erzurum liegt elf Kilometer nordwestlich.

Im Mittelalter und im Osmanischen Reich war Erzurum ein bedeutendes Handelszentrum am Knotenpunkt mehrerer Fernwege. Über Aşkale und Bayburt war die Stadt über eine dem Verlauf der heutigen E 97 entsprechende Handelsroute mit Trabzon am Schwarzen Meer verbunden. Die Händler zogen nach Osten über Kars oder Ağrı weiter nach Persien, andere machten einen Bogen nach Südosten über den Vansee und von dort ebenfalls weiter nach Persien. Bei der Standardroute über Erzurum nach Westen überquerten sie auf der Kötür-Brücke bei Tercan den Karasu.Sinclair, S. 184

Klima Das Klima ist kontinental mit von Juni bis September heißen trockenen Sommern und langen niederschlagsreichen Wintern, in denen die Temperatur unter minus 35 °C fallen kann. Für die Normalperiode 1991–2020 beträgt die Jahresmitteltemperatur 5,4 °C, wobei im Januar mit −10,2 °C die kältesten und im Juli mit 19,5 °C die wärmsten Monatsmitteltemperaturen gemessen werden.

Geschichte Die Umgebung von Erzurum gehörte in urartäischer Zeit vermutlich zu Diaueḫe.Kemalettin Köroğlu: The Northern Border of the Urartian Kingdom. In: Altan Çilingiroğlu, G. Darbyshire (Hrsg.): Anatolian Iron Ages 5, Proceedings of the 5th Anatolian Iron Ages Colloquium Van. 6.–10. August 2001. British Institute of Archaeology at Ankara Monograph 3 (Ankara 2005) 101. Eine erste Siedlung mit dem armenischen Namen Karin an der heutigen Stelle ist seit der Zeit der Artaxiden belegt. Am Anfang des 5. Jahrhunderts bauten die Byzantiner unter Kaiser Theodosius II. die Stadt zu einer Festung aus und nannten sie Theodosiopolis. Der Deveboynu-Hügel unmittelbar östlich der Stadt bildete die Grenze zum Gebiet Persarmenien, die Pasinler-Ebene jenseits des flachen Hügels wurde von den Sassaniden kontrolliert. Mit deren Angriffen war am ehesten an diesem Talübergang zu rechnen. Tatsächlich belagerten Theodosiopolis während des persisch-römischen Krieges in den Jahren 421 bis 422 Truppen des Sassanidenkönigs Bahram V. Die Stadt ging im Jahr 502 für kurze Zeit an die Perser verloren, wurde jedoch wieder zurückerobert.

Theodosiopolis war Sitz eines Bischofs. Das Bistum wurde zum katholischen Titularbistum Theodosiopolis in Armenia und gehörte der Provinz Armenia III an, die auch als Theodosiapolitanus in Cappadocia bezeichnet wird. Seit 1964 ist es nicht mehr besetzt. Die Stadt kam im Zuge der arabischen Expansion von 655 bis 751 unter umayyadische Herrschaft, während die westlich gelegene armenische Stadt Yerznka (heute Erzincan) 680 Sitz eines Bischofs war. Mitte des 8. Jahrhunderts gelangte Theodosiopolis zeitweilig in byzantinische Hand und wurde 771/772 bei einem Aufstand armenischer Herrscherfamilien (Nacharar) beinahe erobert. Danach war die Stadt wieder ein arabischer Militärposten, den 947 nochmals die Byzantiner eroberten. Diese gründeten in der Ebene von Erzurum die unbefestigte Stadt Artsn, in die einige Einwohner von Erzurum umsiedelten. Zwischen beiden Städten bestanden Handelsbeziehungen. 979 übergaben die Byzantiner das Gebiet um Erzurum an den georgischen Herrscher David III. Mit dessen Tod im Jahr 1000 kam es wieder zu den Byzantinern zurück.Sinclair, S. 276 f., 279

In arabischen Quellen wurde Erzurum Qālīqalā oder Qālī genannt, nach dem antiken Qarin (auch armenisch Qarnoi Qalak). Die Seldschuken nannten sie Arzan al-Rûm, Arzan-i Rûm oder Arz-i Rûm. Die Stadt Artsn (Arzan) wurde durch den Einfall der Seldschuken zerstört. Rûm ist von den Rhomäern abgeleitet. mini|Erzurum, 1856 Erzurum entwickelte sich unter byzantinischer und seldschukischer Herrschaft bis zum 15. Jahrhundert zu einer wichtigen Handelsstation. Die Stadt war Zentrum der Saltukiden von 1071 bis 1202 und wurde 1230 von den Seldschuken eingenommen. Die Eroberungszüge der Mongolen Mitte des 13. Jahrhunderts, bei denen sie die Stadt 1242/43 einnahmen, führten zu einem wirtschaftlichen Niedergang; bis zur Fertigstellung der Yakutiye Medresesi 1310 gibt es keine Hinweise auf eine nennenswerte Bautätigkeit. 1402 war Erzurum Ausgangspunkt für den Angriff Timurs gegen das osmanische Heer unter Sultan Bayezid I. Im Jahr 1520 wurde die Stadt in das Osmanische Reich eingegliedert und erhielt ihren heutigen Namen.

mini|Erzurum gegen Ende des Ersten Weltkrieges Obwohl Erzurum in osmanischer Zeit ein bedeutendes Militärlager war, reichten die Wohnsiedlungen im Osten, Süden und Westen weit über das ummauerte Stadtgebiet hinaus, und die meisten muslimischen Grabbauten (türkisch kümbet, von persisch gonbad) wurden außerhalb errichtet. Vor allem Armenier lebten in den Außengebieten, da sie allmählich aus der Innenstadt verdrängt wurden. Die befestigte Stadt war das Wohngebiet der angesehenen muslimischen Familien. Erzurum war Hauptstadt eines Eyâlet, das mit der Verwaltungsreform Ende des 19. Jahrhunderts durch das Vilâyet Erzurum abgelöst wurde.

Im 19. Jahrhundert besetzten mehrfach russische Truppen Erzurum. Vermutlich haben sie die Çifte Minare Medresesi beim russisch-osmanischen Krieg von 1828/29 so schwer beschädigt, dass die seit mindestens Anfang des 17. Jahrhunderts dort bestehende Kanonengießerei um 1837 in die Yakutiye Medresesi ins Stadtzentrum verlagert werden musste. 1829 unternahm der russische Dichter Alexander Puschkin auf eigene Faust eine Reise nach Erzurum zur kämpfenden russischen Armee. Er berichtete darüber in seinem 1836 erschienenen Tagebuch Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs des Jahres 1829. 1830 zogen sich die russischen Truppen aus dem Distrikt zurück, viele Armenier aus der Stadt und den umliegenden Dörfern wurden gezwungen, mit ihnen zu gehen. Während des Krieges von 1877/78 eroberten russische Truppen im Februar 1878 erneut die Stadt, zum Schaden für die historische Bausubstanz.Sinclair, S. 187, 190 f., 291

1838 wurde als armenisch-apostolischer Bischofssitz eine Muttergotteskirche (Surb Astvatsatsin) erbaut. Das 1881 gegründete armenische Sanasarian College diente bis zu seinem Umzug nach Sivas 1912 vor allem der Lehrerausbildung. Vor dem Genozid im Jahr 1915 machten Armenier einen großen Teil der Stadtbevölkerung aus. Am 14. Juni 1915 begann die Deportation der Armenier aus Erzurum.Raymond Kévorkian: Le Génocide des Arméniens. Odile Jacob, Paris 2006, S. 358f In der Schlacht von Erzurum besiegte im Februar 1916 die russische Armee die in der Stadt verschanzten osmanischen Truppen.

Vom 27. Juli bis zum 7. August 1919 fand unter der Leitung von Atatürk in Erzurum der erste türkische Nationalkongress statt, der eine wichtige Rolle für die Republikgründung 1923 spielte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann Erzurum seine wirtschaftliche Rolle vor allem durch den Handel mit dem Iran und als große Garnisonsstadt zurück.

Bei einem Erdbeben 1964 wurde die Große Moschee beschädigt. Auch 1983 wurde Erzurum von einem Beben erschüttert.M 6.8 - eastern Turkey. USGS, abgerufen am 4. Juli 2020 (englisch).

Stadtbild Die Provinzhauptstadt ist eines der kulturellen Zentren im Osten der Türkei und Sitz der Atatürk-Universität (Atatürk Üniversitesi). Die historischen Sehenswürdigkeiten, guten Einkaufsmöglichkeiten (Teppiche sowie Schmuck aus sogenanntem schwarzen Bernstein, oltu taşı) und das Wintersportgebiet Palandöken machen Erzurum zu einem Touristenzentrum. 2010 wurden die fünf Sprungschanzen des Kiremitliktepe fertiggestellt. Vom 27. Januar bis zum 6. Februar 2011 fand dort die Winter-Universiade statt.

Im Osten, nahe der osmanischen Stadtmauer von 1535, überragt der Burghügel das kleine Altstadtviertel mit verwinkelten Gassen und einfachen Wohnhäusern, die jedoch mehr und mehr verfallen. Südlich der Burg liegen in geringer Entfernung zueinander die Çifte Minare Medresesi, die Große Moschee, und etwas weiter südlich einen Hügel hinauf außerhalb der alten Stadtmauer drei Türben, türkisch Üç Kümbetler. Hauptgeschäftsstraße ist die vom heute verschwundenen Stadttor (Tabriz kapı) von Ost nach West verlaufende Cumhuriyet Caddesi. An sie reihen sich mehrere Moscheen bis zur Yakutiye Medresesi am zentralen Platz. Von hier sind es zwei Kilometer bis zum großen Busbahnhof am westlichen Stadtrand. Der Zugbahnhof befindet sich etwa einen Kilometer nordwestlich des Zentrums.

Çifte-Minare-Medrese mini|Çifte-Minare-Medrese Die „Doppelminarett-Medrese“ (Çifte Minare Medresesi), auch Çifte Minareli oder „Medrese der Frau/Prinzessin“ (Hatuniye Medresesi) wurde um 1260Eid, S. 151 oder um 1270Jean-Paul Roux: Die seldschukischen Türken. In: Türkei. Archäologie – Kunst – Geschichte. Ernst Klett, Stuttgart 1990, S. 145 erbaut oder restauriert. J. M. Rogers datiert die Grundsteinlegung auf 1230, kurz nach Baubeginn der Divriği-Moschee in der gleichnamigen Stadt, die ähnliche Gestaltungselemente im Innern aufweist. 1242 kamen mit dem Mongoleneinfall die Baumaßnahmen in Erzurum insgesamt zum Erliegen. Um 1270 könnte das Gebäude restauriert worden sein.J. M. Rogers: The Date of the Çifte Minare Medresesi at Erzurum. In: Kunst des Orients, Vol. 8, H. 1/2, Franz Steiner Verlag, 1972, S. 77–119, hier S. 118 Die Çifte Minare Medresesi grenzte mit ihrer Ostseite an die ehemalige Stadtmauer. Ein Vergleich der Gestaltungselemente zeigt, dass die Çifte Minare Medresesi als Vorbild für die 1271 fertiggestellte Gök Medresesi in Sivas gedient haben muss.Sinclair, S. 196 Bis etwa Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Gebäude bestimmungsgemäß als religiöse Bildungsstätte genutzt, in den 1640er Jahren diente es als Kanonengießerei, im 19. Jahrhundert nur noch als Lager. Ende des 19. Jahrhunderts scheint es nicht mehr benutzt worden zu sein, heute ist das restaurierte Gebäude als Museum zu besichtigen.