Himmelpfortgasse, der einzige Roman des Schweizer Schriftstellers und Graphologen Max Pulver, erschien 1927 in München. Er schildert die Amour fou zwischen einem erfolgreichen Kriminalisten, Ehemann und Familienvater und einer jungen Künstlerin, deren wache Sinnlichkeit mit den Ansprüchen ihres gutbürgerlichen Elternhauses rivalisiert. Die mit wiederholtem Kokainkonsum beflügelten erotischen Ekstasen sowie die existenziellen Krisen und seelischen Zusammenbrüche werden in einer expressiven Sprache beschrieben, die dem Text eine auch „für den heutigen Leser noch spürbare Frische und Unmittelbarkeit“Charles Linsmayer im Nachwort zur Ausgabe im Arche-Verlag von 1980, S. 203. (Max Pulver, Himmelpfortgasse. Ein Roman, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Charles Linsmayer, Arche, Zürich, 1980) verleiht. Diese Sprache, zusammen mit einer Reihe wichtiger psychologischer und kulturphilosophischer Erkenntnisse, die der schonungslose Blick in die Abgründe der menschlichen Seele zeitigt, machen aus dem lange unterschätzten Werk einen der bemerkenswertesten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts.Charles Linsmayer: Nachwort Max Pulver, Himmelpfortgasse. Ein Roman. Arche-Verlag, Zürich 1980, S. 212

Handlung Der Protagonist, aus dessen Perspektive die Handlung geschildert wird, heisst Alexander Moenboom, ist Sohn holländischer Eltern, in seinen Dreissigern stehend, lebt mit seiner Frau Ruth und einem Kind in München und kann als freier Journalist und Kriminalist die ersten beruflichen Erfolge vorweisen.

In einem Restaurant trifft er eines Tages Mariquita, eine junge Wiener Malerin, die dort zusammen mit ihrer Cousine Lisbeth, einer Bekannten Moenbooms, speist. Sofort ist er elektrisiert; besonders fasziniert ihn Mariquitas Gesicht, in dem ihm der knallrote, schräg stehende Mund auffällt, der ihn an eine Wunde denken lässt. Die erotische Spannung steigt, als die drei in Mariquitas Pension gehen: die beiden Besucher betrachten Mariquitas Bilder, während sie sich hinter einem Wandschirm umzieht. Moenbooms Aufmerksamkeit ist hin- und hergerissen zwischen einem Blatt, das ihn besonders anspricht, und den Vorgängen hinter dem Wandschirm, die er sich ausmalt.

Doch am nächsten Tag muss Mariquita nach Wien zurückreisen und Moenbooms Leben findet in seine alltäglichen Bahnen zurück. Immerhin bleibt man in brieflichem Kontakt, und Mariquita schickt das Blatt mit der Zeichnung, die auf Moenboom den stärksten Eindruck gemacht hat.

Mehr als ein halbes Jahr ist vergangen seit der ersten Begegnung. Mariquita wird von ihren Eltern gedrängt, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Um dieser Situation zu entfliehen, nimmt sie eine vor längerer Zeit ausgesprochene Einladung Moenbooms und seiner Frau an und kündigt ganz kurzfristig ihren Besuch an. Die Wiederbegegnung erneuert die erotischen Spannungen, die sich in einer ausgedehnten, mit Kokain befeuerten Liebesnacht auf dem Wohnzimmersofa entladen, während Moenbooms Frau im ehelichen Schlafzimmer ausharrt. Die Aussprache mit ihr am nächsten Tag veranlasst Mariquita, umgehend wieder abzureisen.

Moenboom muss geschäftlich nach Berlin fahren. Seine Freizeit dort verbringt er im Kreis von Bekannten, an deren Zusammenkünften regelmässig Kokain konsumiert wird. Da erreicht ihn ein Anruf aus Rotterdam: seine Mutter, zu der er ein angespanntes, nie geklärtes Verhältnis hat, liegt im Sterben. Mit Ruth fährt er nach Holland, in der Hoffnung, die Mutter noch lebend anzutreffen, um sich mit ihr aussprechen zu können. Doch sie lebt bei Moenbooms Ankunft schon nicht mehr. Zusammen mit Ruth organisiert er Beerdigung, Haushaltauflösung und Erbteilung. Auf einen drängenden Brief Mariquitas hin fährt er von Rotterdam direkt nach Wien.

Mariquitas Atelier im Dachgeschoss an der Himmelpfortgasse wird zum Schauplatz leidenschaftlicher Begegnungen. Die Liebenden können sich jeweils nur an den Nachmittagen treffen, weil die Eltern Mariquitas ihre Tochter unter Kontrolle haben möchten. Moenboom wohnt im Hotel. Gegen das Ende seines Wiener Aufenthalts eröffnet ihm Mariquita, dass sie gerne ein Kind von ihm hätte. Moenboom entgegnet nichts. Er muss nach München zurück, verspricht aber, in 10 Tagen wieder zu kommen.

Nach einer kurzen, heftigen und qualvollen Auseinandersetzung mit Ruth, die kaum mehr als einen Stillstand gebracht hat, fährt er wieder nach Wien. Er wohnt diesmal bei einer Freundin, Gaby, die er schon länger kennt.

Mariquita versucht, die Beziehung sozial zu verklammern. Moenboom lässt sich nur widerwillig auf Besuche bei ihren Eltern und bei ihrer Freundin Toni ein. Das bürgerliche Milieu im Elternhaus Mariquitas und ihr wiederholter Wunsch nach einem Kind lösen bei ihm Abwehrreflexe aus.

Mariquita widersetzt sich seiner Idee, die Pfingsttage zu zweit in Venedig zu verbringen. Stattdessen will sie ein paar Tage alleine verreisen, um zur Ruhe zu kommen. Sie schreibt, sie sei in die Berge gefahren, aber Moenboom vermutet sie bei ihrer Freundin Toni und ist wie vor den Kopf geschlagen. Er legt sich den Plan zurecht, ihr in Zukunft den Glauben zu vermitteln, sie bestimme über ihre Beziehung.

Nach den Feiertagen wird Moenboom geschäftlich für mehrere Tage zu einem Auftrag gerufen. In dieser Zeit kommt er innerlich etwas zur Ruhe.

Nach seiner Rückkehr eröffnet ihm Mariquita, sie habe inzwischen geheiratet. Moenboom erleidet einen völligen Zusammenbruch und hegt Selbstmordabsichten. Seine Freundin Gaby kümmert sich um ihn, kann das Schlimmste verhindern und verständigt sogar Ruth, die sich einer äusserlichen Versöhnung nicht verschliesst.

Sie leben vordergründig wieder zusammen. Doch die nächsten Abenteuer Moenbooms deuten sich schon an.

Form Himmelpfortgasse ist eine Ich-Erzählung, geschrieben aus der Perspektive Alexander Moenbooms. Damit wird dem Leser nicht nur Zugang zur Gefühls- und Empfindungswelt des Protagonisten gegeben, dieser erhält auch Gelegenheit, seine Reflexionen einfliessen zu lassen. Es gehört zur Logik der Ich-Erzählungen, dass der Protagonist seine Abenteuer, so gefährlich sie auch sein mögen, überleben muss, sonst könnte er den Bericht nicht verfassen, den der Leser in Händen hält. In diesem Fall wird diese Logik unterlaufen, indem das Buch die Widmung trägt: „Dem Andenken meines verstorbenen Freundes Alexander Moenboom“. Der Autor Max Pulver begibt sich damit fiktiv in die Position des Herausgebers und lässt seinen Helden nach vorerst überstandenem Abenteuer doch noch sterben. Warum und unter welchen Umständen er stirbt, bleibt offen.

Stil Der Drastik der Handlung entspricht eine expressionistische Sprache„Die expressionistische Wucht des Stils entspricht dem halluzinatorischen Gepeitschtsein und der Über-Luzidität, …“ Werner Günther, Dichter der neueren Schweiz, 3 Bände, Francke, Bern, München, 1963–1986, Bd. 2 (1968), S. 626, die den Charakter des Werks weitgehend prägt. Wichtigstes Element der expressionistischen Ausdrucksweise ist das häufige Weglassen der Verben („Telegrammstil“Gertrud Hehle kritisiert diesen Telegrammstil in ihrer Dissertation: „In seinem Roman ‚Himmelpfortgasse‘ führt er gar eine Art von Telegrammstil ein, der mit seiner Gewolltheit nicht besonders smpathisch berührt …“, Gertrud Hehle, Max Pulvers dramatisches Werk. – Wien Phil. Diss. 1938 [Masch.], S. 68, zitiert nach Jan Haltmar, Max Pulver und sein Roman "Himmelpfortgasse", Juris, Zürich, 1979, 106 S., Diss. Universität Zürich, 1978, S. 9), das dem Text einen atemlosen Duktus und gleichzeitig lyrische Weite verleiht. Ein Beispiel:

Überhaupt prägt Verkürzung diesen Stil; Vorsilben können weggelassen werden: „Qualm von Schloten schmutzt den Himmel …“Max Pulver, Himmelpfortgasse. Ein Roman, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Charles Linsmayer, Arche, Zürich, 1980, S. 18 Das Adverb wird ins Verb integriert: „Die Eisentür dumpft hinter uns ins Schloss.“Max Pulver, Himmelpfortgasse. Ein Roman, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Charles Linsmayer, Arche, Zürich, 1980, S. 75

Charles Linsmayer weist aber darauf hin, dass der Roman nicht durchgängig in diesem expressiven Ton gehalten ist. Vielmehr passt sich der Stil laufend der Seelenlage des Protagonisten an und kennt auch nüchtern-sachliche und ironische Töne.Charles Linsmayer im Nachwort zur Ausgabe im Arche-Verlag von 1980, S. 211. Mit dieser Feststellung gelingt es Linsmayer auch, die Argumente von Werner Günther, der Roman flaue gegen das Ende hin ab (Werner Günther, Dichter der neueren Schweiz, 3 Bände, Francke, Bern, München, 1963–1986, Bd. 2 (1968), S. 625), sowie von Jan Haltmar, Pulver habe „etliche Schwierigkeiten gehabt, das Romangeschehen zu einem Ende zu führen“ (Jan Haltmar: Max Pulver und sein Roman «Himmelpfortgasse». Juris Druck + Verlag, Zürich 1979, (Diss. Universität Zürich, 1978), S. 27), zu entkräften.

Kritik Max Pulver scheint die meisten Kritiker und Rezensenten mit seinem Roman in Verlegenheit gebracht zu haben, so dass sie sein Werk mit Schweigen übergingen.Charles Linsmayer: Nachwort Max Pulver, Himmelpfortgasse. Ein Roman. Arche-Verlag, Zürich 1980, S. 190 Immerhin brachte die Neue Zürcher Zeitung nicht nur einen Auszug als VorabdruckNeue Zürcher Zeitung, 13. März 1927, Literarische Beilage, sondern auch eine ausführliche Rezension, in der Eduard Korrodi ein durchzogenes Fazit zieht:

Mögen viele, gerade in der ländlich geprägten Schweiz, Pulvers Grenzüberschreitungen als Peinlichkeit empfunden haben, so gibt man sich umgekehrt in der Metropole Berlin ostentativ gelangweilt:

Das vorliegende Kritikmuster, also Lob der sprachlichen Virtuosität bei gleichzeitiger Abwertung der Handlung und des Gehalts, hält sich jahrzehntelang. So spricht Werner Günther noch 1968 von „künstlerisch durchwirkten Unerquicklichkeiten“.Werner Günther, Dichter der neueren Schweiz, 3 Bände, Francke, Bern, München, 1963–1986, Bd. 2 (1968), Seite 628. Erst Jan Haltmar in seiner Dissertation von 1979Jan Haltmar: Max Pulver und sein Roman «Himmelpfortgasse». Juris Druck + Verlag, Zürich 1979, (Diss. Universität Zürich, 1978) und Charles Linsmayer im Nachwort zur Neuausgabe von 1980Himmelpfortgasse. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Charles Linsmayer. Verlag die Arche, Zürich 1980, 216 Seiten fanden zu einer ausgewogeneren und differenzierteren Beurteilung.

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