mini|San-Frau in Botswana (2007) mini|hochkant|San-Mann mit „Buschmannperlen“ (2006)
San ist eine Sammelbezeichnung für einige indigene Ethnien im südlichen Afrika, die ursprünglich als reine Jäger und Sammler lebten. Das Wort „San“ geht auf eine Bezeichnung der Nama der Region zurück und bedeutet so viel wie „jene, die etwas vom Boden auflesen“. Die San und die sprachverwandten Khoikhoi werden oft als Khoisan zusammengefasst.
Eine weitere, teilweise kritisierte Bezeichnung, die häufig im Siedlungsgebiet und auch von offizieller Seite verwendet wird, ist Buschmänner (von afrikaans boesman, ).Early Evidence of Human Habitation. Government of Namibia. Abgerufen am 9. Februar 2022.History Population, Language and Culture. Ministry of Environment, Forestry and Tourism. Abgerufen am 9. Februar 2022. Der Duden stuft das Wort als „veraltet, heute diskriminierend“ ein.Buschmann. Duden (abgerufen am 17. Juli 2023) In Botswana werden die San auch Basarwa genannt.
Begriffsgeschichte Viehhaltende Khoisan-Gruppen benutzten den Terminus San, um sich von den als Jäger und Sammler lebenden Khoisan-Gruppen zu unterscheiden – sich selbst nannten sie Khoikhoi (wahre Menschen). Der Ursprung des Wortes San ist nicht bekannt; in der Nama-Sprache der Khoisan bedeutet San jedoch so viel wie „Fremder“, „Nichtsnutz“ oder „Bandit“.R. Elphick: Khoikhoi and the Founding of White South Africa. Yale University Press, 1975, S. 24, 27. Die Fremdbezeichnungen wechselten je nach Epoche von San zu Bosjesman/Bushman/Buschmänner, Basarwa oder Khwe. Die Bezeichnung „Buschmann“ schließt beide Geschlechter und Kinder ein. Auch die Bezeichnung „Buschleute“ wird verwendet; unter anderem im Sinne einer Eigenbezeichnung der Indigenen, um Fremden gegenüber die Beziehung zu ihrem Land auszudrücken.Alice Mogwe: Who was (T)here First. Botswana Christian Council, 1992, S. 4. Andererseits wird auch die Meinung vertreten, der Begriff enthalte eine negative Konnotation.Bartholomew Dean, Jerome M. Levi (Hrsg.): At the Risk of Being Heard Identity, Indigenous Rights, and Postcolonial States. University of Michigan Press, 2003, S. 85 Repräsentanten der San gaben 2003 an, die Bezeichnung ihrer individuellen Gruppe der Sammelbezeichnung San vorzuziehen.Statement by delegates of the Working Group of Indigenous Minorities in Southern Africa (WIMSA) and the South African San Institute attending the 2003 Africa Human Genome Initiative conference held in Stellenbosch. Bisweilen finden sich auch die Benennungen „Noakwe“ beziehungsweise „“ (Rote Menschen) oder „Kwe“ (Menschen) als Eigenbezeichnung.
Gruppen Die San werden ethnolinguistisch nach den drei Khoisan-Sprachfamilien „Khoe“, „Tuu“ und „Ju-ǂHõã“ unterteilt, die jeweils wieder in verschiedene Einzelsprachen und einige Dutzend Dialektgruppen (zumeist Eigenbezeichnungen) aufgeteilt werden, die den voneinander getrennten Einzel-Ethnien entsprechen.
Einige bekanntere Gruppen: Sprachfamilie Khoe: Gǀwi, Gǁana, Haiǁom, Shua, Tsoa, Xoe, Naro, Gǀui-Gǁana, Deti, Xun, Kua Sprachfamilie Tuu: !Xoo, Nǁng, ǀXam, ǃXóõ, Nǀamani Sprachfamilie Ju-ǂHõã: , ǂHõã
Biologische Merkmale Während die augenfälligen Merkmale (vor allem Haut-, Haar- und Augenfarbe) und noch deutlicher die Genome fast aller anderen menschlichen Populationen der Erde fließend ineinander übergehen, lassen sich die San (insbesondere die südafrikanische Population der )Y. S. Chen, A. Olckers, T. G. Schurr, A. M. Kogelnik, K. Huoponen, D. C. Wallace: mtDNA variation in the South African Kung and Khwe-and their genetic relationships to other African populations. In: American Journal of Human Genetics. Band 66, Nummer 4, April 2000, S. 1362–1383, doi:10.1086/302848, PMID 10739760, . klar von in der Subsahara-Afrika lebenden dunkelhäutigen Bantu unterscheiden.Sarah A. Tishkoff et al.: africandna.com, 2007 Die San weisen eine relativ geringe Körpergröße auf, eine gelblich-braune Hautfarbe, vorstehende Backenknochen und das sogenannte Filfil oder „Pfefferkornhaar“.Martin Pabst: Südafrika. 2. völlig überarbeitete und ergänzte Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2008. Humangenetisch ist es vor allem die sogenannte Haplogruppe L0, die den Populationen der Khoisan eigen ist.The Genographic Project „MATERNAL AND PATERNAL HAPLOGROUPS: L0, E, A“. Abgerufen am 7. November 2013. Die speziellen Merkmale gehen auf die evolutionäre Anpassung an das Wüstenklima zurück, und die Vermischung mit ihren Nachbarn war von jeher relativ gering.Die Khoi-San – Das älteste Volk der Welt. Die Welt online vom 20. September 2012. Eine breit angelegte Studie afrikanischer genetischer Diversität aus dem Jahr 2009 ergab, dass die San von 121 untersuchten Populationen unter den fünf mit der höchsten gemessenen genetischen Diversität waren.
Genetiker um Joseph Pickrell von der Harvard Medical School und Nick Patterson vom Broad Institut haben im Fachmagazin PNAS berichtet, sie hätten in der DNA der heutigen San Abschnitte gefunden, die vermutlich auf eine Bevölkerungsgruppe der Eisenzeit des Nahen Ostens zurückgeht, die nach Südafrika migriert sind. Die fraglichen Gen-Sequenzen ähneln denen heutiger Südeuropäer.Erika Check Hayden: African genes tracked back. In: Nature, 27. August 2013
Mit einer ausgewachsenen Körpergröße von 1,40 m bis 1,60 m wurden die San manchmal als Pygmäen bezeichnet, stehen jedoch mit diesen in keiner Verbindung.
Geschichte mini|1000–2000 Jahre alte Felszeichnungen der San bei Murewa (Simbabwe). mini|1000–2000 Jahre alte Felszeichnung der San in den Drakensbergen, die eine Elenantilope zeigt.
Ursprung Angaben über die erste Besiedlung des südlichen Afrikas durch die San gehen weit auseinander: sie reichen von etwa 10.000 Jahren bis 25.000 Jahre zurück. Aus paläo-anthropologischer Sicht ist die hohe genetische Variation bemerkenswert, die für die San-Population charakteristisch und weltweit einzigartig ist.Doron M. Behar et al.: The Dawn of Human Matrilineal Diversity. In: American Journal of Human Genetics, Bd. 82, 2008, S. 1130–1140. Ergebnisse der Analyse von mtDNA der San (für einige Forscher auch deren Klicksprachen) werden als Belege angeführt, dass die San Reste einer genetisch diversen frühen afrikanischen Population des modernen Menschen sind, von der sich bei der Ausbreitung des Menschen aus Afrika nur eine kleine genetisch sehr homogene Population abspaltete. Demnach waren die Vorfahren der San 100.000 Jahre lang von anderen Populationen genetisch isoliert.Gary Stix: Wie hat sich die Menschheit ausgebreitet? In: Spektrum der Wissenschaft. Spektrumverlag, Heidelberg September 2009. Diese These wurde 2013 durch eine weitere ergänzt, nach der Teile der San, die 1–5 % nichtafrikanische DNA haben, vor 3.000 Jahren aus Europa rückeinwanderten.
Verbreitung Das Verbreitungsgebiet der San reichte in der ferneren Vergangenheit bis nach Äthiopien und Somalia. Die San pflegten einen mobilen Jäger-und-Sammler-Lebensstil. Im Laufe der Zeit wurden sie von Khoikhoi-Gruppen, vor allem aber seit dem 15. Jahrhundert von bantusprechenden Gruppen immer weiter in unwirtliche Gegenden abgedrängt. Auch wurden viele San im heutigen Botswana von den im 18. Jahrhundert aus Transvaal zuwandernden Tswana versklavt, zu Hirtendiensten gezwungen und wie Vieh vererbt oder im Fall einer Niederlage ihrer Herren in den zahlreichen Stammeskriegen auch getötet.Isaac Shapera: Government and politics in tribal societies. London: Watts 1956, S. 128 f.
Holländischer Kolonialismus und gegenläufige Mission Mit Beginn des Kontakts zwischen San und holländischen Siedlern in der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die San im Verlaufe der Landnahme für Farmzwecke aus ihren regionalen Lebensräumen vertrieben und versklavt. Abgerufen am 17. Juli 2017. Erste gegenläufige Entwicklungen dazu ergaben sich durch die Gründung der Herrnhuter Missionsstation in Baviaanskloof im Jahre 1738 durch Georg Schmidt aus Kunewalde. Der Aufbau dieser Missionsarbeit in der zweiten Etappe (1792–1793) gelang mit Unterstützung des VOC-Inspektors für den Distrikt Baviaanskloof, Martin Teunessen. Die unter den San betriebene Glaubensmission ging mit damals als progressiv geltenden Unterrichtungen in Schrift und Mathematik sowie Handwerksberufen unter Kindern und Erwachsenen einher. Sie erhielten hier zugleich ein gesichertes Niederlassungsrecht. Solche Entwicklungen erregten das Ärgernis der benachbarten holländischen Siedler und der Regierungsstellen in Kapstadt.J. Taylor Hamilton, Kenneth G. Hamilton: Die erneuerte Unitas Fratrum 1722–1957. Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeine. Band 1: 1722–1857. Übersetzung von Joachim Haarmann, Herrnhuter Verlag, Herrnhut 2001, S. 360–363, ISBN 3-931956-09-1
Vor Gründung des Missionsgebietes in Baviaanskloof gab es seitens der Regierung für die San keine Anerkennung auf eigenen Grund und Boden. Die Anziehungskraft der Herrnhuter Mission in der Kapkolonie war maßgeblich davon bestimmt. Der sich daraus zuspitzende Konflikt gipfelte um 1794 mit der regierungsamtlich verfügten Vertreibung der Viehherden aus dem Gebiet der Missionsstation. Künftig mussten San von einem Buren schriftlich nachgewiesen bekommen, dass sie keinem Europäer zu Diensten verpflichtet seien, um hier leben zu dürfen. In nationalistisch gesinnten Kreisen ging eine Propagandaschrift um, die mit etwa 3.000 Unterschriften versehen war und in der die Vertreibung der Missionare gefordert wurde. Es kam zum Versuch, die Anlagen der Missionsstation durch eine Gruppe europäischer Siedler zu zerstören, der jedoch verhindert werden konnte. Als im August 1795 die britische Flotte das Kapgebiet erreichte, nahm die Spannung zu und seitens der holländischen Siedler wurde ein neuer Versuch zur Zerstörung unternommen. Britische Truppen verhinderten 1796 dieses Vorhaben im letzten Moment. Danach konnte sich der Missionsbetrieb erholen und wieder entwickeln. Die Zahl der in Landwirtschaft und Handwerken ausgebildeten San wuchs an; einige kamen sogar aus einer Entfernung von über 100 Meilen an diesen Ort. Zu den hier erfolgreich vermittelten Tätigkeiten gehörte der Weinbau, jedoch auch Ackerbau und Obstplantagen. Schließlich harmonisierte sich das Verhältnis zu den burischen Nachbarfarmen. Als die Kolonie kurzzeitig wieder unter holländische Herrschaft kam (Friede von Amiens, 1802), erfolgte auf Vorschlag des Gouverneurs Jansen die Umbenennung von Baviaanskloof in Genadendal („Tal der Gnade“). Nelson Mandela würdigte diese Leistung und erinnerte seit 1995Nelson Mandela: Address by President Nelson Mandela to the Provincial Synod of the Moravian Church in South Africa, Port Elizabeth. auf www.mandela.gov.za (englisch, afrikaans, isiXhosa) an die Verdienste der Missionare für ihren Einsatz unter der Sanbevölkerung mit der Umbenennung des dienstlichen Wohnsitzes (Genadendal Residence, zuvor Westbrook) für den südafrikanischen Präsidenten in Kapstadt, wenn dieser im Tuynhuys anwesend ist.
Deutscher Kolonialismus Im Jahre 1904, im Anschluss an den Krieg gegen die Herero, ging die deutsche Schutztruppe auf dem Gebiet der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) ähnlich gegen die San vor. Allein in Botswana fand keine systematische Verfolgung der San durch Europäer statt; hier kam es jedoch seit Ende der 1990er Jahre zu Menschenrechtsverletzungen und Vertreibung.UN-Sonderbeauftragter verurteilt Behandlung der Buschleute in Botswana
Vertreibung durch Südafrika und Portugal Bis zur Unabhängigkeit Namibias im Jahre 1990 setzte die südafrikanische Armee etwa 3000 San als Fährtensucher gegen die Unabhängigkeitsbewegung SWAPO ein. Ähnlich gingen die portugiesischen Kolonialherren in Angola vor, was nach der Unabhängigkeit Angolas in den 1970er Jahren zur weitgehenden Vertreibung der San führte.
Situation der San heute