mini|hochkant|Gustavo Gutiérrez, lateinamerikanischer Vertreter und Namensgeber der Befreiungstheologie, 2007 Die Befreiungstheologie oder Theologie der Befreiung ist eine in Lateinamerika entstandene Richtung der christlichen Theologie. Sie versteht sich als „Stimme der Armen“ und will zu ihrer Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung beitragen. Aus der Situation sozial deklassierter Bevölkerungsteile heraus interpretiert sie biblische Tradition als Impuls für umfassende Gesellschaftskritik. Die verschiedenen Ausprägungen der Befreiungstheologie in jeweiligen Ländern beziehen sich auf eine eigenständige Analyse der politökonomischen Abhängigkeit (Dependenztheorie). Mit einem Bekenntnis zum gelebten Glauben im Diesseits arbeitet die Befreiungstheologie für eine basisdemokratische und teilweise sozialistische Gesellschaftsordnung.

Daraus ergaben sich, vor allem in der katholischen Kirche, zwangsläufig erhebliche Konflikte mit der Kirchenhierarchie, die häufig in Disziplinarmaßnahmen gegen einzelne Seelsorger mündeten. Als Konsequenz ihrer Überzeugungen stellten sich die Befreiungstheologen zudem offen gegen die in Süd- und Mittelamerika weit verbreiteten oligarchischen und diktatorischen Regime, was zahlreiche Seelsorger das Leben kostete. Das bekannteste Opfer ist Óscar Romero, der 1980 ermordete Erzbischof von El Salvador.

Die Grundkonzepte der Befreiungstheologie entstanden seit etwa 1960 aus der Selbstorganisation von katholischen Basisgemeinden in Brasilien. Mit der Parteinahme für die Armen durch die zweite allgemeine lateinamerikanische Bischofskonferenz (CELAM) in Medellín wurde diese Richtung 1968 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Den Namen gab ihr das im Dezember 1971 erschienene Buch Teología de la liberación von Gustavo Gutiérrez.Artikel Theologie der Befreiung in TRE und Befreiungstheologie; in: RGG4

Die überwiegend katholische Befreiungstheologie empfing Anregungen vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) und wirkt in die Ökumene sowie in den sozialkritischen Protestantismus hinein. Ähnliche Konzepte entwickelten sich auch in Südafrika und einigen Ländern Asiens. Auch die in den USA im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung entstandene „Schwarze Theologie“ versteht sich als Befreiungstheologie.Wilhelm Dantine: Schwarze Theologie. Eine Herausforderung der Theologie der Weißen? Herder, Freiburg 1976, ISBN 3-210-24504-5.

Entstehung und Hintergründe Als Vorläufer der Befreiungstheologie kann eine Entwicklung innerhalb der von deutschen Vinzentinern geprägten katholische Kirche Costa Ricas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen werden.

1893 holte der aus Elberfeld stammende Vinzentiner Bernhard August Thiel, Bischof von San José (Costa Rica) mehrere Priester der Lazaristen aus TheuxIn Theux-Saint Roch befand sich 1880–1920 das Mutterhaus der überwiegend aus dem Raum Köln-Aachen stammenden deutschen Vinzentiner, die im Kulturkampf Deutschland verlassen mussten; Franz Josef Burghardt: Die Schule der deutschen Vinzentiner in Costa Rica. Zum Einfluss der katholischen Soziallehre auf die Reformen in Costa Rica 1940-1949. Hamburg 2026. ISBN 978-3-6951-0594-6. S. 37–53. als Lehrer an sein Katholisches Priesterseminar. Diese unterrichteten in dem dort angegliederten Kollegschule Colegio Seminario zahlreiche Schüler aus der gesellschaftlichen Elite Costa Ricas im Geist der Sozialenzyklika Rerum Novarum, unter anderem den späteren Staatspräsidenten Rafael Ángel Calderón Guardia und den späteren Erzbischof Víctor Sanabria Martínez.Burghardt, S. 40, 49. Calderon wurde 1940 zum Staatspräsidenten von Costa Rica gewählt und erklärte, dass seine Politik an den Grundsätzen der beiden Sozialenzykliken Rerum Novarum von 1891 und Quadragesimo anno von 1931 ausgerichtet werden, wie sie Kardinal Désiré-Joseph Mercier, Erzbischof von Mecheln im Code sociale de Maline Edoardo D’Alfonso Masarié: Sozialstaatsbilder im katholischen Sozialdenken: Der Code sociale de Malines (1927/1933). MPISOC. Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik Research Paper Series No. 2025-5 [München 2025], erläutert habe. Gemeinsam mit Erzbischof Sanabria und dem Führer der Kommunisten in Costa Rica Manuel Mora Valverde setzte Calderón umfangreiche Reformen zur Verbesserung der sozialen Lage der unterprivilegierten Schichten durch, vor allem 1943 das Sozialgesetz zum Schutz der Arbeiter. Diese Gesetze wurden trotz des Untergangs der von Calderón, Sanabria und Mora gebildeten „Heiligen Allianz“Eugene D. Miller: A holy alliance? The church and the left in Costa Rica, 1932–1948, Armonk 1996. Burghardt, S. 24–26. im Bürgerkrieg 1948 durch den Einsatz des neuen Arbeitsministers Benjamín Núñez Vargas nicht aufgehoben. Der Lazaristen-Priester Núñez war ebenfalls im Colegio Seminario den Vinzentiner erzogen worden.Burghardt, S. 27–28 u. 49.

Etwa seit der Zeit der kubanischen Revolution 1959 bildeten sich in den armen und meist katholisch geprägten Bevölkerungsschichten ehemaliger europäischer Kolonien vermehrt so genannte „Basisgemeinden“. Deren Mitglieder waren in der Regel landlose Bauern (campesinos), Landarbeiter, Slumbewohner und Analphabeten, die ihre Alltagsprobleme gemeinsam zu bewältigen versuchten. Hier wurde die biblische Botschaft unmittelbar auf die reale Situation ihrer Leser bezogen, um daraus eine gesellschaftliche Hoffnungsperspektive für sie zu entwickeln. Das besondere Kennzeichen dieser lebensnahen und praktischen Exegese ist, dass sie von den betroffenen Armen selbst vorgenommen wird, die sich als in den Bibeltexten Gemeinte und Angeredete entdecken.

Nach und nach kamen in fast allen Ländern Lateinamerikas, beginnend 1964 mit einem Militärputsch in Brasilien, von den USA ökonomisch und militärisch gestützte Militärdiktaturen an die Macht. Diese Entwicklung hatte ihren Höhepunkt in den 1970er- und 1980er-Jahren. Die Regime betrieben fast durchweg eine für die jeweilige Bevölkerungsmehrheit sozial und wirtschaftlich nachteilige bis katastrophale Innenpolitik, die nur den zahlenmäßig kleinen Oberschichten zugutekam. Jegliche Versuche und Forderungen, die Situation der Armen durch Reformen zu verbessern oder gar die Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen, wurden von den Regierenden mit massiver Gewalt und Unterdrückung beantwortet, was in vielen lateinamerikanischen Ländern in so genannten „Schmutzigen Kriegen“ gipfelte. Im Gegenzug kam es in vielen Ländern seit 1965 zu Rebellionen, Umstürzen und Revolutionsversuchen, so in Argentinien, Brasilien, Chile, Peru, El Salvador und Nicaragua.

Die Gesamtbilanz der staatlichen lateinamerikanischen Repressionspolitik der 1970er- und 1980er-Jahre schätzen Menschenrechtsorganisationen wie folgt ein: Etwa 50.000 Menschen wurden direkt ermordet, rund 350.000 gelten als gewaltsam und dauerhaft „verschwunden“ (die so genannten Desaparecidos), und 400.000 wurden zeitweise aus politischen Gründen gefangen gehalten.. tagesschau.de, 12. September 2008

In diesem Kontext stellte sich ein wachsender Teil von Christengemeinden und Kirchenvertretern auf die Seite der um Befreiung ringenden Bevölkerung. Die Rolle der Kirche blieb jedoch zwiespältig: Ein Teil der kirchlichen Hierarchie stand stets eng an der Seite der jeweiligen Machthaber – auch im Fall von oligarchisch geprägten, vom Militär gestützten autoritären Regimen oder Militärdiktaturen – solange diese sich christlich und antikommunistisch beziehungsweise konservativ gaben, was in Lateinamerika fast durchweg der Fall war. Ein anderer Teil der Kirche entwickelte jedoch aus den konkreten täglichen Erfahrungen mit Unterdrückung, Folter, Polizeistaat, Rechtlosigkeit und Elend heraus eine neue und umfassende Solidarität mit den armen Bevölkerungsmehrheiten, was zwangsläufig auch Kritik an den Besitz- und Herrschaftsverhältnissen bedeutete.

Im Jahre 1968 kam es in Medellín zur zweiten allgemeinen lateinamerikanischen Bischofskonferenz (CELAM). Die dort versammelten Bischöfe versuchten, sich gegenüber den neu aufkommenden sozialen Bewegungen zu positionieren. Unter der Führung des brasilianischen Erzbischofs Dom Hélder Câmara wurden die „gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika“ angeprangert.Die Kirche Lateinamerikas. Dokumente der II. und III. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates in Medellín und Puebla; Stimmen der Weltkirche 8; Bonn 1985; Dokument 15: Die Armut der Kirche, S. 115. Verurteilt wurden das liberal-kapitalistische und das marxistische Gesellschaftssystem. Stattdessen wurde ein gewaltloser und reformistischer, sogenannter Dritter Weg zur Befreiung vorgeschlagen.Reinhard Frieling: Befreiungstheologien: Studien zur Theologie in Lateinamerika; 1984; ISBN 3-525-87148-1 Anknüpfend an die Enzyklika Populorum progressio von Papst Paul VI. erhob der gesamte lateinamerikanische katholische Episkopat im Beisein und mit Billigung des Papstes die Option für die Armen zur Leitlinie der kirchlichen Position. Gustavo Gutierrez (Peru), Hugo Assman (Bolivien), Juan Luis Segundo (Uruguay) und Leonardo Boff (Brasilien) veröffentlichten, alle im selben Jahr 1971 unabhängig voneinander ihre Schriften, die als das Fundament der Theologie der Befreiung gelten.

Ähnliche Aufbrüche gab es auch in den USA, wo sich aus der Bürgerrechts- und Protestbewegung der 1960er-Jahre eine „schwarze Theologie“ gegen den alltäglichen Rassismus entwickelte. Diese wirkte wiederum auf die christlich motivierte Anti-Apartheid-Bewegung Südafrikas ein; ein Beispiel hierfür ist das Kairos-Dokument. Auch auf den Philippinen, in Sri Lanka und Indien entstand seit 1968 eine „Theologie des Kampfes“. Diese Bestrebungen werden oft als „Dritte-Welt-Theologie“ zusammengefasst, obwohl sie jeweils eigenständig waren und auch europäische sowie nordamerikanische Vertreter beeinflussten.

Programm Von Lebenserfahrung der Armen geleitete Bibelauslegung

Die Befreiungstheologie ist ursprünglich eine Theologie der Armen. Die Entwicklung der Basisgemeinden mit gemeinsamen, von keinen Amtsträgern geleiteten Gottesdienstformen war weit fortgeschritten, als die ersten Befreiungstheologen auf dem internationalen Buchmarkt zu Gehör kamen. Ihre Autoren verstehen sich nicht als „Erfinder“ einer neuen Theologie, sondern als Sprachrohr der Unterdrückten, daher auch das Verständnis als Theologie des unterdrückten Volkes.Interview Leonardo Boff, Dezember 2016 Diese selbst waren es, die in der Bibel ihr ureigenstes Thema, die Befreiung aus jeder Form der Sklaverei, wiederentdeckten und daraus politische Folgerungen für ihre Realität ableiteten.

Die Befreiungstheologie will diese Entdeckung unterstützen und praktisch wirksam werden lassen. Dies wird damit begründet, dass Befreiung das durchgehende Hauptthema der Bibel sei und die Armen und Unterdrückten die zentralen Adressaten dieser Befreiung seien. Dabei kommt der Exodustradition eine Schlüsselrolle zu: Hier erscheint der Gott Israels als der, „der das Elend seines Volkes sieht und die Schreie über ihre Bedränger hört“ . Dies wird im Neuen Testament ebenfalls gleich zu Anfang bekräftigt, wo Maria als Lobpreis für die ihr zugesagte Geburt des Messias singt:

Darum wird Erlösung als Zentralbegriff der biblischen Heilsbotschaft nicht wie in der traditionellen Theologie ausschließlich spirituell verstanden, sondern als eine sozialpolitische und ökonomische revolutionäre Veränderung. Das Heil, das die Bibel verkündet, wird nicht mehr nur auf das Jenseits bezogen, sondern auf die gesellschaftliche Realität im Diesseits. Die Befreiungstheologen betonen, dass sie diese Deutung nicht willkürlich, sondern im Anschluss an den Eigensinn der Bibel gewinnen. Sie folgern daraus eine grundsätzliche Neuorientierung der Kirche an der Zukunft der Armen: nicht nur in ihren Ländern, sondern als Herausforderung an die Gesamtkirche und die Ökumene.