mini|Deutz-Fahr Agrotron 130 – Ein Standardschlepper, die am weitesten verbreitete Traktoren-Bauform mini|Case IH 1455 XL – typischer Traktor der 1980er/1990er Jahre
Ein Traktor (Mehrzahl Traktoren, , von lateinisch trahere ‚ziehen‘, bzw. ‚schleppen‘), früher Schlepper oder Ackerschlepper, je nach Region auch Trecker oder Bulldog, ist eine Zugmaschine, die ursprünglich zum Ziehen von landwirtschaftlichen Maschinen auf dem Acker entwickelt wurde. Im Laufe der Zeit wurde der Traktor straßentauglich und an verschiedenen Stellen (sogenannten Anbauräumen) mit Geräteaufnahmen ausgestattet. Somit ist er heutzutage vielseitig einsetzbar und in beinahe allen Bereichen der Landwirtschaft zu finden. Er eignet sich zum Ziehen von Anhängern sowie zum Ziehen, Schieben, Heben, Tragen und Antrieb von unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Maschinen.
Unter anderem aufgrund dieser Vielseitigkeit werden Traktoren neben der Landwirtschaft auch in der Forstwirtschaft, bei Kommunalbetrieben, im Gartenbau, im Einsatzwesen (Feuerwehr, THW), auf Flughäfen und im Bauwesen (Straßenbau, Erdbau, Garten- und Landschaftsbau) eingesetzt.
Da Traktoren insbesondere für Zugarbeiten auf unbefestigtem Grund und Ackerböden eingesetzt werden (z. B. zur Bodenbearbeitung), sind sie auf hohe Zugkraftübertragung auf den Boden, Geländegängigkeit und Robustheit hin konstruiert. Traktoren weisen daher häufig große Antriebsräder mit speziellem Reifenprofil, einen Allradantrieb und Differentialsperren auf.
In Nord- und Mitteldeutschland werden Traktoren auch mit dem Begriff Trecker bezeichnet, der aus dem plattdeutschen Wort trecken („ziehen“) abgeleitet ist. Im süddeutschen Raum wird als Synonym zu Traktor auch der Begriff Bulldog verwendet, der auf den Markennamen Lanz Bulldog zurückgeht.Trecker/Traktor/Bulldog im Atlas zur deutschen Alltagssprache, abgerufen am 6. März 2025 Die amtliche verkehrsrechtliche Bezeichnung für einen Traktor lautet in Österreich und Deutschland Zugmaschine.
In der Fachliteratur waren lange die Bezeichnungen Schlepper und Ackerschlepper üblich, der Begriff Traktor löste erst in den 1980er und 1990er Jahren allmählich den Begriff Schlepper ab. In der 1986 erfolgten achten, neubearbeiteten Neuauflage des Lehrbuches Landtechnik Bauwesen ist noch durchgängig von Schlepper die Rede. Erst in der neunten neubearbeiteten Neuauflage von 1998 wird Traktor verwendet.
Geschichte Ab den 1870er-Jahren – Dampftraktoren
mini|Dampftraktor beim Pflügen in der kanadischen Provinz Alberta, 1910 mini|CASE-Dampftraktor, Baujahr 1911
Bald nach Erfindung der Dampfmaschine gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchte man, den bislang allein vorherrschenden Zug der Ackergeräte mittels Zugtier durch die neue Kraftmaschine zu ersetzen. Ab den 1870er Jahren fand dann die Verwendung selbstfahrender Lokomobile, also Dampftraktoren, zum unmittelbaren Zug von landwirtschaftlichen Geräten zunehmend Verbreitung. Aufgrund des hohen Gewichts einer Lokomobile im Vergleich zur Antriebsleistung eigneten sich diese aber nur auf besonders tragfähigen Böden wie denjenigen der amerikanischen Prärie, nicht jedoch auf den verbreitet tiefgründigeren und weniger tragfähigen Ackerböden Europas. Abhilfe bot insoweit eine Erfindung des Engländers Heathcote, durch die Ackergeräte mittels Seilzug von am Feldrand stehenden Lokomobilen, den sogenannten Pfluglokomotiven über das Feld gezogen wurden. Namhafte Hersteller von Dampftraktoren waren beispielsweise Marshall, Mc Laren, Fowler oder Burell in Großbritannien sowie Wolf, Kemna oder Lanz in Deutschland.Armin Bauer: Schlepper: Die Entwicklungsgeschichte eines Nutzfahrzeugs. FranckKosmos, Stuttgart 2004, ISBN 3-440-09664-5, S. 6 f.
Ab 1892 – Schwere Traktoren mit Verbrennungsmotor mini|Rumely Oil Pull, Modell H – Traktor mit Verbrennungsmotor mini|Gleiskettentraktor mit Verbrennungsmotor der Firma Holt
Mit zunehmender Verbreitung des Verbrennungsmotors ab etwa der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden motorisierte Tragpflüge in der Landwirtschaft eingesetzt. Etwa zeitgleich wurden auch Traktoren mit Verbrennungsmotoren ausgerüstet. Sie unterschieden sich jedoch in Konstruktion, Aussehen und Abmessungen (Leistungsgewichte um 100–120 kg/PS) noch nicht wesentlich von den Dampftraktoren und waren daher auch nur unter ähnlichen Bedingungen einsetzbar. 1892 erfand der deutschstämmige US-Amerikaner John Froehlich einen Traktor mit Verbrennungsmotor. Typische Beispiele dieser Traktorenentwicklung sind der Marshall Colonial Tractor der Firma Marshall, Sons & Co., Gainsborough, Vereinigtes Königreich, oder der Rumely Oil Pull von Advance-Rumely, La Porte, Indiana, USA. 1909 stellte die Motorenfabrik München-Sendling den ersten Traktor her.
Ab 1917 – Leichte, kostengünstige Traktoren mit Ottomotor verbreiten sich im englischsprachigen Raum alt=|mini|Fordson Model F aus dem Jahr 1917 Ein Entwicklungssprung weg von den schweren und kapitalintensiven Dampftraktoren gelang erstmals Fordson in den USA mit dem 1917 vorgestellten Model F mit Vierzylinder-Ottomotor, bei dem erstmals die auch heute noch im Traktorenbau weit verbreitete rahmenlose Blockbauweise zur Anwendung kam.Harold P. Manly: The Ford Motor Car and Truck; Fordson Tractor: Their Construction, Care and Operation. Frederick J. Drake & Co. 1919, Chicago, IL, USA.Fordson Model F. Ford Oldtimer und Motorsport Club Cologne e. V. im ADAC (fomcc.de), abgerufen am 7. April 2019. Der rund 20 PS starke Fordson mit seinem niedrigen Leistungsgewicht von 62 kg/PS (Eigengewicht: 1230 kg)Lee Klancher, Randy Leffingwell, Andrew Morland, Robert N. Pripps: Farm Tractors: John Deere, Farmall, Ford & Fordson. Crestline Imprints, 2003, ISBN 0-7603-1776-3.Reynold M. Wik: „V – Henry Ford's Tractors and Agriculture“, Henry Ford and Grass-Roots America. University of Michigan Press, 1972, Ann Arbor, MI, USA, ISBN 0-472-06193-3.Fordson Model F. Auf: Wikibooks. erlaubte auch den Einsatz auf wenig tragfähigen Böden; rationelle Massenfertigung ermöglichte zudem erstmals einen sehr günstigen Preis von 750 US-$ (1917).Robert N. Pripps, Andrew Morland: Farmall Tractors: History of International McCormick-Deering Farmall Tractors. Farm Tractor Color History Series, MBI, 1993, Osceola, WI, USA, ISBN 978-0-87938-763-1. Der Fordson bewirkte vor allem in der Landwirtschaft in den USA und auf den britischen Inseln in kurzer Zeit einen Motorisierungsschub, sodass bis 1920 bereits rund 100.000 Fordson im Einsatz waren.Robert N. Pripps, Andrew Morland: Ford Tractors: N-Series, Fordson, Ford and Ferguson, 1914–1954. MBI, 1990, Osceola, WI, USA, ISBN 978-0-87938-471-5.Gerald Sandrieser: Fordson. Teil 1: Fordson Traktoren (1917–1964). Klaus Rabe, Willich 2011, ISBN 978-3-926071-43-9.
Ab Mitte der 1920er-Jahre – Mechanisierung der Landwirtschaft in Deutschland mini|Lanz Bulldog Typ HL (Bj. 1928): Einzylinder-Zweitakt-Glühkopfmotor, 6,2 Liter Hubraum, 12 PS
Eine vergleichbare Entwicklung in der Mechanisierung der Landwirtschaft setzte in Deutschland erst ab Mitte der 1920er Jahre insbesondere mit Produktionsbeginn 1921 des ersten Lanz-Traktorenmodells, dem Bulldog HL12 mit robustem und kostengünstigen Glühkopfmotor, der als Vielstoffmotor nur geringe Anforderungen an den Treibstoff stellte und auch mit dem in Deutschland erheblich billigeren Rohöl betrieben werden konnte.Propyläen Technikgeschichte. Propyläen, Berlin, 1990–1992, ISBN 3-549-07114-0, Band 5, S. 17 ff.Michael Bach in: Jahrbuch Traktoren 2004. Podszun-Motorbücher, Brilon 2003, ISBN 3-86133-333-3, S. 5 ff.Troitsch/Weber (Hrsg.): Die Technik – Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Westermann, Braunschweig 1982, ISBN 3-14-509012-7, S. 371 ff. Diese sehr bekannten und verbreiteten „Bulldog“-Traktoren mit Glühkopfmotoren wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch weiter gefertigt und weiterentwickelt und dienten als Vorbild für viele Nachbauten weltweit. Lanz Bulldog erzielen heute Liebhaberpreise und sind wohl bei jedem Treffen historischer Traktoren zu finden. In verschiedenen Gegenden Deutschlands entwickelte sich der Name Bulldog umgangssprachlich zum Synonym für den Begriff Traktor. Das Lanz-Werk in Mannheim wurde 1956 von John Deere übernommen und gilt heute als größte Traktorenfabrik Europas.
Ab den 1930er-Jahren – Der Dieselmotor beginnt sich durchzusetzen mini|Mercedes-Benz Dieselschlepper OE mit Stahlgreiferrädern auf der angetriebenen Hinterachse. Produktionszeitraum: 1928–1935. Einer der ersten Traktoren mit Dieselmotor. Ab Beginn der 1930er Jahre setzte sich in Europa, maßgeblich mit dem Erfolg der Deutz-Traktoren der Modellreihen MTH (ab 1924), sowie FM 315 (ab 1933) und FM 414 „Bauernschlepper“ (ab 1936),Albert Mößmer: Deutz-Bauernschlepper, GeraMond Verlag, München 2014, ISBN 978-3-86245-618-5.Alexander Oertle, Jürgen Hummel: Typenkompaß Deutz Traktoren 1927–1981, ISBN 3-613-02385-7. auch zunehmend der Dieselmotor als Antriebsquelle durch,Karl Andresen: Deutsche Traktoren: Daten, Fakten, Geschichte. Delphin Verlag, 2018, ISBN 978-3-96128-268-5.Albert Mößmer: Typenatlas Deutz Traktoren: Nachschlagewerk zu allen Modellen und Typen der Marke Deutz vom Stahlschlepper zu Landmaschinen und Traktoren: Technik, Geschichte, Porträts. Geramond Verlag, München 2011, ISBN 3-86245-628-5. während in Amerika noch längere Zeit verbreitet auch Ottomotoren zum Einsatz kamen.Armin Bauer: Schlepper. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2004, ISBN 3-440-09664-5, S. 57 f.
In den 1950er-Jahren – Schlepperboom in Deutschland
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es den 1950er Jahren in Deutschland zu einem Schlepperboom, bei dem eine immense Nachfrage nach Traktoren vorherrschte, worauf viele Firmen begannen Traktoren herzustellen. Als der Markt gesättigt war, verschwanden viele Hersteller wieder von der Bildfläche.
Ab 1960 – Der Dreipunkt-Kraftheber und die Zapfwelle steigern Vielseitigkeit und Effektivität
Wegweisend in der Traktorenentwicklung waren auch die Erfindungen des hydraulischen Dreipunkt-Krafthebers durch Harry Ferguson und der Zapfwelle, die sich ab ca. 1960 am Markt durchsetzten. Somit war der Traktor fortan keine reine Zugmaschine mehr, sondern konnte auch verschiedenste Anbaugeräte aufnehmen und antreiben.
1970 – Sicherheit rückt stärker in den Fokus Nachdem durch den Schlepperboom die Mechanisierung der Landwirtschaft sehr weit vorangeschritten war und Traktoren in großer Stückzahl auf deutschen Bauernhöfen eingesetzt wurden, häuften sich auch Unfälle. Somit rückte auch die Sicherheit von Traktoren stärker in den Fokus der zuständigen Behörden und Organisationen. Seit Jahresbeginn 1970 müssen gemäß Unfallverhütungsvorschrift alle in den Verkehr kommenden Traktoren mit einer Umsturzschutzvorrichtung (Überrollbügel) ausgestattet sein. Bestandsfahrzeuge mussten bis zum Jahresbeginn 1977 nachgerüstet werden. Aus der Unfallstatistik geht hervor, dass diese Maßnahme die Zahl der Toten und Verletzten in diesem Zusammenhang deutlich reduzieren konnte. PDF Seite 140
Konstruktion
Bauformen Traktoren werden in sehr unterschiedlichen Bauformen hergestellt. Die Mehrheit der Traktoren wird nach dem Konzept Standardschlepper gebaut.
Standardschlepper Schon zu Zeiten der Dampftraktoren folgten die meisten Traktoren dem gleichen Konzept: Vier Räder Hinten eine angetriebene Achse mit großen Rädern zur Zugkraftübertragung Vor der Hinterachse befinden sich das Getriebe und der Motor Vorn eine gelenkte Vorderachse mit kleineren Rädern Der Fahrer befindet sich über der Hinterachse Diese Bauform setzte sich bis heute durch. Entsprechende Fahrzeuge werden als Standardschlepper bezeichnet.