mini|Landhaus Oppenheim, Ansicht der Gartenfassade vor 1928. Sitz des Wannsee-Instituts Das Wannsee-Institut war ein geheimes Ostforschungs-Institut des SD mit der Aufgabe, eine gezielte nachrichtendienstliche Länderforschung in Richtung der östlichen Länder mit dem Schwerpunkt Sowjetunion aufzubauen. Das Wannsee-Institut war eine getarnte Dienststelle des Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) mit Sitz im Landhaus Oppenheim in Berlin, Am Großen Wannsee 43–45. Aus Tarnungsgründen erhielt das neue Russland-Institut des SD den Namen „Institut für Altertumsforschung“, im allgemeinen Sprachgebrauch nannte man es aber nur „Wannsee-Institut“.Michael Fahlbusch, Ingo Haar, Handbuch der völkischen Wissenschaften (DeGruyter/Oldenbourg, 2017) S. 1688. mini|Schloss Plankenwarth Das Wannsee-Institut unterstand anfänglich dem Amt II des SD, kam im November 1940 zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA), Amtsgruppe VI C des Auslands-SD und wurde im September 1943 der neuen Amtsgruppe VI G (Wissenschaftlich-methodischer Forschungsdienst) des Auslands-SD unterstellt. Wegen der zunehmenden Bombardierungen wurde das Institut zu dieser Zeit nach Schloss Plankenwarth bei Graz verlegt.

Heute würde man das Wannsee-Institut als „Think-Tank“ bezeichnen. Die Berichte des Instituts waren in der Sache zwar wissenschaftlich präzise, in der Tendenz dienten sie aber bewusst durch die gezielte Auswahl konformer SD-Wissenschaftler den politischen Absichten der NS-Expansionspolitik. Als Geheiminstitut des SD erhielt es Aufträge zu Studien und Einzelgutachten, die Rückschlüsse auf die Absichten der NS-Führung erlaubten. Die geheimen Studien umfassten alle bedeutenden Fragen eines künftigen deutschen Lebensraums im Osten: Bevölkerung, Rasse, Landwirtschaft, Bodenschätze, Industrialisierung, Bildungsstand der Bevölkerung usw. Gideon Botsch: „Geheime Ostforschung“ im SD. Zur Entstehungsgeschichte und Tätigkeit des „Wannsee-Instituts“ 1935–1945. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 48, 2000, S. 511f.

Gründung Hitlers geheime Pläne zur Eroberung und Kolonialisierung Osteuropas bedurften wissenschaftlicher Grundlagenforschung durch die Geheimdienste. Die politische Erforschung der Zielregionen Polen, Baltikum, Ukraine und Kaukasus war Aufgabe des politischen Geheimdienstes der SS, des SD. Der SD benötigte nationalsozialistisch orientierte Ostwissenschaftler für geheime Aufträge. Das Wannsee-Institut sollte dabei wesentlich zur Meinungsbildung der NS-Eliten über den Ostraum beitragen. NSDAP-Chef Martin Bormann erwähnte 1939 gegenüber Alfred Rosenberg, dass die Gründung des Wannsee-Instituts „die Gewährleistung einer nationalsozialistisch zuverlässigen wissenschaftlichen Berichterstattung über die Sowjetunion“ zum Ziel habe. Seine „Berichte sollten in erster Linie zur persönlichen Unterrichtung der Reichs- und Gauleiter dienen.“

Mit Erhard Kroeger, der als Führer der Volksdeutschen in Lettland mehrere Monate inhaftiert gewesen war, besprach SD-Chef Reinhard Heydrich im Sommer 1936 in Berlin unter anderem die Errichtung einer geheimen Forschungsstelle. Kroeger erinnerte sich nach dem Krieg an das Gespräch: „Er [Heydrich] hatte mir vorgeschlagen, bereits damals, also mehrere Jahre vor Kriegsausbruch, eine geheime Stelle zu schaffen, die unter einem nichtssagenden Titel sich ausschließlich damit befassen sollte, wirtschaftliche, personelle, politische Strömungen und Persönlichkeiten in Lettland und in Estland zu erfassen, zu charakterisieren und Karteien und Unterlagen für einen möglichen Eingriff in Lettland oder in Estland vorzubereiten.“Unveröffentlichtes Manuskript von Erhard Kroeger, Russlandfeldzug, Memoiren, Saarbrücken, S. 7. Als Ergebnis folgte die Gründung der Nordost-Abteilung bzw. Baltischen Abteilung im Wannsee-Institut, die als erste Abteilung dort Anfang 1937 realisiert wurde.

Zu den Aufgaben dieses neuen Instituts gehörten:

Politikberatung durch Erstellung wissenschaftlicher Berichte über ein steuerndes Kuratorium an höchste Stellen im Reich, um die Ziele Hitlers und Himmlers mit Hilfe des SD zu unterstützen. Sammlung von politisch und wirtschaftlich relevanten Informationen für den SD durch wissenschaftliches Fachpersonal und umfängliche Bibliotheken. Gleichschaltung der Ostforschung im Sinne des NS-Staates und des SD durch Abdrängen unerwünschter Ostforscher und Selektion junger Akademiker. Nachwuchsgewinnung von NS-Wissenschaftlern für den SD. Dazu sollte das geheime Institut des SD an das offizielle Russland-Institut der Universität Berlin gekoppelt werden.

Michael Achmeteli und die Bibliothek des Osteuropainstituts Breslau Für die Leitung des geheimen SD-Ostforschungsinstituts wie auch des offiziellen Russland-Instituts der Auslandshochschule in Berlin hatte der SD den aus Georgien stammenden Michael Achmeteli ausgewählt, der einen Lehrstuhl in Berlin erhalten sollte. Achmeteli war am Breslauer Osteuropa-Institut tätig und hatte schon seit 1934 für die SS einzelne Studien gefertigt.Martin Burkert, Ostwissenschaften, S. 460. Beim SD begann mit tatkräftiger Hilfe von Achmeteli ein Plan zu reifen, sich einen exklusiven Zugang zu den Bibliotheken des Osteuropa-Instituts für die Russland-Forschungen zu sichern. 1936 wandte sich Achmeteli mit Vorschlägen über einen Vertreter der SS in Breslau an den SD in Berlin.Ausarbeitung Gerhard von Mende über das Wannsee-Institut, zitiert bei Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, verfasst von Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring, S. 370–371. Der Vertreter der SS in Breslau war höchstwahrscheinlich Fritz Arlt aus der schlesischen Gauleitung, denn er war ab 1. August 1936 als Parteibeauftragter für das Universitätswesen in Breslau zuständig und stand seit Sommer 1936 mit dem SD in Kontakt.Zur Parteilaufbahn von Fritz Arlt siehe CIA, Electronic Reading Room, FOIA, Arlt, Fritz, 0003, Blatt 3 sowie Fritz Arlt, Polen-, Ukrainer, Judenpolitik, S. 72, 143-144. Zu den SD-Kontakten von Arlt in Breslau siehe Götz Aly, Die restlose Erfassung, S. 90, FN 39.

Im November 1936 liefen Vorgespräche zwischen dem SD und dem Reichserziehungsministerium (REM), um Achmeteli nach Berlin zu berufen, um dort ein Universitätsinstitut im Auftrag des SD zu eröffnen.Martin Burkert, Ostwissenschaften, S. 213. Mit dem seit 1936 geplanten Wechsel von Achmeteli in ein SD-eigenes Forschungsinstitut erweckte die Bibliothek des Osteuropainstituts in Breslau Begehrlichkeiten beim SD, denn Achmeteli wollte offensichtlich seinen Zugriff auf die Bibliothek behalten. Bücher waren das Elixier, aus dem Achmeteli seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gewann und für Studien war eine gründliche empirische Basis erforderlich. Die Bibliothek des Osteuropainstitutes in Breslau schien dem SD unverzichtbar zu sein. Parallel dazu erfolgte bereits Ende 1936 durch den SD die Einrichtung eines Russland-Lektorats in Leipzig, dass auch die weitere Versorgung des künftigen Russland-Instituts des SD mit aktueller Literatur aus der Sowjetunion sicherstellen sollte. Dies erfolgte durch die Firma Koehler & Volckmar in Leipzig. Über diese Firma wurden sämtliche Publikationen aus der Sowjetunion bezogen. Dafür war der Buchhändler Erich Carlsohn im Auftrag des SD bei Koehler & Volckmar eingesetzt. Ursprünglich war das Lektorat zur Kontrolle und Zensur kommunistischer Literatur und ihrer Bezieher tätig. Dann wurde das Lektorat stärker mit der Beschaffung von Literatur für das Wannsee-Institut beauftragt.BStU, HA IX/11, FV 2/72, SA Bd. 1, Blatt 188-189.

Im Januar 1937 entwickelten sich die Dinge sehr schnell. Am 18. Januar 1937 überwies das REM den Lehrauftrag von Achmeteli von Breslau nach Berlin. Zehn Tage später erfolgte am 28. Januar 1937 seine Ernennung zum Honorarprofessor an der Universität Berlin. Am selben Tag erschienen SD-Leute mit LKWs in Breslau und beschlagnahmten die gesamte Russland-Bibliothek des Osteuropa-Instituts. Anschließend erließ der SD ein Publikations- und Sprechverbot für die Zeugen beim Abtransport der Bibliothek aus Breslau, so dass die deutsche Öffentlichkeit nichts von der Aktion erfuhr. Als Forschungsbasis für das neue geheime Russland-Forschungsinstitut wurden die vom SD beschlagnahmten gut 30.000 Bücher des Osteuropa-Instituts nach Berlin verbracht.Martin Burkert, Ostwissenschaften, S. 214–215. Diese Bibliothek kam in das Landhaus Oppenheim in Berlin, Am Großen Wannsee 43/45. Hier wurde das geheime Wannsee-Institut des SD eingerichtet. Das Gebäude am Wannsee hatte die SS von den Kindern der Familie von Franz Oppenheim beschlagnahmt, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nach London geflüchtet waren.

Der Breslauer Universitäts-Beauftragte Fritz Arlt spielte auch nach der Zerschlagung des Breslauer Osteuropa-Instituts eine wichtige Rolle. Der hastige Aufbau des Wannsee-Instituts und der Bücherraub von Breslau hatten zu erheblichen Verstimmungen zwischen Abwehr-Chef Wilhelm Canaris und Heinrich Himmler geführt. Canaris hatte gerade erst im Dezember 1936 mit Heydrichs Vertreter Werner Best die Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen Abwehr und Gestapo/SD ausgehandelt. Außerdem war Canaris gerade dabei, seine Abteilung Abwehr II für den Sabotage- und Zersetzungskrieg aufzubauen. Er wurde von der SD-Aktion brüskiert, denn er hatte vor, einen Pool von Ostwissenschaftlern für die Abwehr II zu gewinnen. Breslau und dessen Osteuropa-Institut sollten einen Schwerpunkt bilden. Arlt setzte sich 1937 dafür ein, dass seine Breslauer Freischarkameraden Hans Dehmel und Hans Raupach aus dem Boberhaus-Kreis der Abwehr zusammen mit dem neuen Leiter des Osteuropainstituts in Breslau, Hans Koch weiter Ostforschung für die Abwehrstelle Breslau und die Abwehr II betreiben konnten. Man kann Arlt in dieser Funktion durchaus als eine Art politischen Geheimdienstkoordinator im Sinne der Absprachen zwischen Canaris und Heydrich vom Dezember 1936 sehen.

Das Institut und der Inlands-SD

Das Wannsee-Institut war in der Anfangszeit seines Bestehens bis Oktober 1937 an die Abteilung II 121 (Marxismus) des SD-Hauptamtes unter Obersturmführer Martin Paul Wolf nur angegliedert. Eine dauerhafte Beziehung bestand in dieser frühen Phase ab 1937 außerdem zur Abteilung II 211 (Lebensgebiet Wissenschaft) unter Obersturmführer Justus Beyer. In der weiteren Hierarchie des SD-Hauptamtes unterstand Wolfs Abteilung der Hauptabteilung II/12 Politische Gegner (Leitung Helmut Knochen). Darüber stand die Zentralabteilung II/1 „Gegnererforschung“ des Inlands-SD unter Leitung von Franz-Alfred Six, der daneben 1938 auch die Zentralabteilung II/2 „Lebensgebietsmäßige Auswertung“ leitete. Nachdem Reinhard Heydrich am 1. Juli 1937 mit einem Funktionserlass die Zusammenarbeit zwischen SD und Gestapo neu regelte, kam die Bearbeitung des Marxismus vom SD zur Gestapo. Die Abteilung II/121 von Wolf hatte sich nun thematisch mit den „Linksbewegungen“ zu befassen.Gideon Botsch, Geheime Ostforschung im SD (Zeitung für Geschichtswissenschaft, Metropol-Verlag, 48. Jahrgang, 2000) S. 512ff und derselbe in Der SD in Berlin-Wannsee 1937–1945, (Villenkolonien in Wannsee, Edition Hentrich, 2000) S.73-74 sowie Michael Wildt, Generation des Unbedingten – Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (Hamburger Edition, 2002), S. 407–408. Zum Ausgleich für die Abgabe des Marxismus erhielt Wolf ab 15. Oktober 1937 die volle Verantwortung für das Wannsee-Institut.Tätigkeitsbericht SD-HA II/121 v. 11.7.1938, BStU HA IX/11 FV 2/72, SA Bd. 9, Blatt 66. Außerdem wurde Wolf auch Geschäftsführer des Wannsee-Instituts. Die Angehörigen der SS, die grundsätzlich im Dienst Uniform trugen, arbeiteten in Zivil, um die Tarnung des Institutes zu wahren.Geheimnisvolle Orte: Am Wannsee. Ein Film von Karin Reiss; Copyright: RBB, ab min 15:21. Quelle ADDX-Archiv: Videos & Fernsehmitschnitte (http://www.addx.de/textarchiv/archiv-index-zl.php), Dok. Nr. V046.