Unter Neurose (wörtlich etwa „Nervenkrankheit“, aus „Faser, Sehne, Nerv“ und -ose für Krankheit) wird seit William Cullen (1776) eine nervlich bedingte, rein funktionelle Erkrankung verstanden (d. h. ohne Nachweis einer organischen Läsion). So sprach man z. B. von Herzneurosen. Seit der Zeit Sigmund Freuds wurde hierunter eine psychische Störung verstanden, die durch einen innerseelischen oder einen zwischenmenschlichen Konflikt verursacht wird. Neurosen wurden damals den Psychosen gegenübergestellt, wobei Psychosen als die schwereren seelischen Störungen galten.
Inzwischen wurde der Neurosebegriff zugunsten einer differenzierteren Aufteilung in verschiedene Störungsgruppen weitestgehend aufgegeben. Wesentliche Gründe dafür sind, dass man so den verschiedenen unter „Neurosen“ zusammengefassten Störungsbildern besser gerecht werden konnte und sich die mit dem Begriff verbundenen theoretischen Annahmen zur psychischen und körperlichen Verursachung in dieser Form nicht halten ließen.
Der Begriff der Neurose in der Gegenwart Der Begriff wird im aktuellen US-amerikanischen Diagnosesystem (dem DSM-5) weitgehend vermieden. Stattdessen wird im DSM von psychischen Störungen in rein beschreibendem Sinne gesprochen (Querschnittsbild = Ist-Zustand).Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0. Auch in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10), Kapitel V taucht der Begriff nicht mehr als nosologische Einheit auf, sondern die Neurosen finden sich, gemeinsam mit Belastungsstörungen und somatoformen Störungen, im Abschnitt F40-F48 unter der Überschrift Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen.H. Dilling, W. Mombour, M. H. Schmidt (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F) Klinisch-diagnostische Leitlinien. 9. Auflage. Huber-Verlag, Bern 2014, ISBN 978-3-456-85386-4, S. 190. Die frühere Klassifizierung ist aber über den Index auffindbar als Neurose: anankastische (F42), Charakter- (F60.9), depressive (F34.1), Herz- (F45.30), hypochondrische (F45.2), Magen- (F45.31), psychasthenische (F48.8), Renten- (F68.0), soziale (F 40.1), traumatische (F43.1) und Zwangsneurosen (F42).H. Dilling, W. Mombour, M. H. Schmidt (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F) Klinisch-diagnostische Leitlinien. 9. Auflage. Huber-Verlag, Bern 2014, ISBN 978-3-456-85386-4, S. 442. Ergänzend werden ebendort die nicht näher bezeichneten (F 48.9) und sonstigen neurotischen Störungen erwähnt.
Psychodynamisch orientierte Autoren sehen den Begriff z. B. in psychogenetischer Hinsicht (Längsschnitt = Gesichtspunkt der Entwicklung) jedoch weiterhin als notwendig an. So definieren Hoffmann und Hochapfel Neurosen als überwiegend umweltbedingte Erkrankungen, die eine Störung im psychischen, körperlichen oder im Bereich der Persönlichkeit bedingen.Annegret Eckhardt-Henn, Gereon Heuft, Gerd Hochapfel und Sven Olaf Hoffmann (Hrsg.): Neurotische Störungen und Psychosomatische Medizin: Mit einer Einführung in Psychodiagnostik und Psychotherapie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2004, ISBN 3-7945-2325-3.
In den kognitiv-behavioralen Ansätzen werden die Neurosen, wie andere psychische Störungen, auf fehlangepasste und erlernte Verhaltens- und Einstellungsmuster beschrieben, die auf der Grundlage von Vulnerabilität und Stress entstehen.Franz Petermann: Klinische Psychologie und Psychotherapie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (18. Aufl., S. ). Hogrefe Verlag, Bern 2019. Petermann, F. (2019). Klinische Psychologie und Psychotherapie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 3. März 2019.
Theorien und Systeme Traditioneller Neurosebegriff Nach der zum Teil heute nicht mehr vertretenen Sicht (siehe oben) ist die Neurose eine allgemeine psychische Verhaltensstörung längerer Dauer. Auch bestimmte Kriegstraumata (wie sie die sogenannten Kriegszitterer zeigten) wurden als Neurosen (Kriegsneurosen) aufgefasst.M. Raether: Neurosen-Heilungen nach der „Kaufmann-Methode“. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Band 57, 1917, S. 489–518.Matthias M. Weber: Erschütterte Nerven. Hermann Oppenheims Konzept der traumatischen Neurose. In: Psychotherapie. Band 15, 2010, S. 205–213. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie erst im Laufe der Entwicklung entstanden ist. Zur Bestätigung solcher Diagnosen müssen organische Störungen als Ursache des Fehlverhaltens ausgeschlossen werden. Seine ihm charakteristischen Verhaltensstörungen vermag der Neurotiker nicht zu kontrollieren, er ist sich seines Leidens jedoch bewusst und an sich fähig, dessen Ursachen zu ergründen. Gemäß Freuds Theorie führt dieses geistige Streben zu ersten therapeutischen Ergebnissen, vor allem in Anwendung der Traumanalyse. Der Psychotiker ist dazu tendenziell außerstande, da bei ihm auch der Realitätsbezug nicht mehr vorhanden ist. Die Übergänge zur Neurose sind jedoch fließend. So stellen zum Beispiel auch die Träume der Gesunden („normalen“ Neurotiker) nach Freud im weitesten Sinne „psychotische“ Vorgänge dar, infolge des im Schlaf momentan geschwächten Ich-Vermögens, die im Traum erlebte Realität von der den Träumer umgebenden Wirklichkeit zu unterscheiden.
Zu den Neurosen wurden Zwangsstörungen (z. B. „Waschzwang“), Hysterien, Hypochondrien, Phobien (z. B. Sozialphobie), Angststörungen, schizoide und paranoide Störungen gezählt. Als differentialdiagnostisches Kriterium zur Abgrenzung von den Psychosen galt unter anderem auch, dass die Neurotiker ihre Probleme als in ihnen selbst liegend zu erkennen vermögen, während die von einer Psychose Betroffenen im akuten Fall an dem Unvermögen leiden, ihre innere Situation (‚Stimmen hören‘ u. Ä.) von der sie umgebenden Realität zu differenzieren.
Es gibt verschiedene Ausprägungsgrade tendenziell „neurotischen“ Erlebens und Verhaltens, die nicht immer einer Behandlung bedürfen, sondern sich auch als „gesunde“ Formen der Angstbewältigung und Konfliktverarbeitung in einer jeweils typischen Form ausprägen können. Eine Darstellung der verschiedenen Typen jenseits einer Störung mit Krankheitswert findet sich bei Fritz Riemann.Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt, Basel/München 1986; 42. Auflage, 2017, ISBN 978-3-497-02422-3. Als subjektiv erleichternd wirkt sich die weite Verbreitung eines bestimmten Typs von Neurose in der jeweils betroffenen Kultur aus, der dadurch zur sozialen Norm wird. Dadurch wird das Gefühl sozialer Ausgrenzung beziehungsweise Minderwertigkeit (s. o.) abgeschwächt.
Neuere Klassifikationssysteme Durch die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-5 wurde der ausschließlich auf den Theorien der Psychoanalyse beruhende Begriff Neurose durch neutrale, atheoretische Bezeichnungen ersetzt. In der offiziellen Nomenklatur dieser Systeme kommt nur noch das Adjektiv neurotisch vor. Begründungen für das Vorhaben, den Begriff Neurose weitgehend zu meiden, sind
die unzulängliche Abgrenzbarkeit zur Psychose, da dies nach den Maßgaben der WHO und zur Differenzialdiagnostik wichtig ist; die nicht mögliche scharfe Abgrenzung zwischen neurotischem und gesundem Verhalten und die Theoriegebundenheit des Begriffs.
Der heutige Neurosebegriff stammt aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds und wurde seither auch innerhalb der Psychoanalyse kritisch diskutiert, einschließlich der mit ihr einhergehenden Unterscheidung zwischen neurotischem und gesundem Verhalten und Erleben, welche als relativ angesehen wird. Eine systematische Darstellung findet sich bei Stavros Mentzos unter Einbeziehung neuerer klinischer Perspektiven, der Diskussion klassifikatorischer Probleme sowie der klassischen und neuere Modelle. Anstelle der Bezeichnung Neurose tritt dabei der Begriff des Modus der Konfliktverarbeitung. Der unzulänglichen Abgrenzung zur Psychose begegnet diese Klassifizierung mit der Unterscheidung in strukturelle Mängel, worunter die Psychosen, Borderline-Störungen und Narzisstischen Störungen im engeren Sinne gefasst werdenStavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer, Frankfurt am Main, 1997. S. 142–152. ISBN 3-596-42239-6, und in reifere, nicht psychotische, narzisstische Modi. Zu den nicht psychotischen, aber dennoch narzisstischen Modi zählt er u. a. den depressiven und den hypochondrischen Modus.Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer, Frankfurt am Main, 1997. S. 182–194. ISBN 3-596-42239-6 Zu den demgegenüber reiferen Modi gehören der hysterische, zwangsneurotische, phobische und angstneurotische Modus.Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-596-42239-6, S. 153–181.
Theoriegeschichte Der schottische Arzt William Cullen verstand 1776 in Anlehnung an die damalige, durch Konzepte von Sensibilität, Irritabilität und „Nervenkraft“ geprägte Neurophysiologie unter dem Begriff Neurose alle psychischen Erkrankungen und nicht entzündlichen Störungen des Nervensystems. Das hat insofern noch eine aktuelle Bedeutung, da bis heute im medizinischen Ausbildungssystem das Fachgebiet Psychiatrie mit dem der Neurologie in besonderer Weise verbunden ist. Der Nervenarzt ist auch für die Psyche zuständig.
Der Begriff war zu Zeiten von Cullen wie auch heute umstritten und stellte das psychiatrische Versorgungssystem nach Auffassung namhafter zeitgenössischer Psychiater dort in Frage, wo er nicht genügend rezipiert wurde (Dörner 1975). Der Begriff Neurose war mit der Entstehung der Psychiatrie eng verbunden und stammte nicht nur von Sigmund Freud.Esther Fischer-Homberger: Charcot und die Ätiologie der Neurosen. Medizinhistorisches Institut der Universität Zürich, 1971 ischer-homberger.ch (PDF) Abgerufen am 3. März 2019.
Freud verhalf dem Begriff der Neurose zwar zu weitgehender Verbreitung, war für diese Entwicklung aber keineswegs alleine verantwortlich. Freud begann seine berufliche Karriere als Nervenarzt und war von den materialistischen Vorstellungen seiner Zeit nicht frei. Er arbeitete in einem physiologischen Labor, als man ihm Gelegenheit gab, in Paris die klinische Arbeitsweise von Jean-Martin Charcot kennenzulernen, der dort Suggestionsbehandlungen durchführte. Dies bewirkte einen Wandel in der Zielrichtung seiner bisherigen naturwissenschaftlichen Arbeiten. Freud dehnte seine Theorien ausgehend von der Sexualität z. T. bis auf die Kultur- und Gesellschaftskritik hin aus. Maßgeblich dafür waren seine systematischen individualpsychologischen Kenntnisse (Neurosenlehre), die er auf die Gesellschaft übertrug (Ideologiekritik), siehe z. B. sein Spätwerk „Das Unbehagen in der Kultur“.Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Band 14. Hrsg. von Anna Freud unter Mitarbeit von Marie Bonaparte. 1948, S. 421–516.