Als Schleudertrauma, Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule oder HWS-Distorsion (engl. whiplash injury) werden Krankheitssymptome (Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel, Sprachstörungen, Gangunsicherheit und viele weitere) bezeichnet, die im Allgemeinen innerhalb von 0 bis 72 Stunden nach einer Beschleunigung und Überstreckung des Kopfes auftreten. Unfallursache ist meistens ein Autounfall, typischerweise ein Heckaufprall, ohne direkte Schädigung von Schädel, Gehirn, Rückenmark und Halswirbelsäule. Es ist die häufigste Komplikation nach Autounfällen und eine gefürchtete Ursache chronischer Störungen. Bis heute ist der Grund für die Chronifizierung der geklagten Beschwerden, die bei einigen Verunfallten auftritt, unbekannt, aber heftig umstritten.S. Carette: Whiplash Injury and Chronic Neck Pain. In: New Engl J Med 1994,30:1083–1084Jansen et al.: Whiplash injuries: diagnosis and early management. The Swedish Society of Medicine and the Whiplash Commission Medical Task Force. In: Eur Spine J. 2008;17 Suppl 3:S 355–417 Ein Report der Cochrane Collaboration definiert das Schleudertrauma als Akzelerations-Dezelerationsmechanismus mit Energieübertragung auf die Nackenregion als Folge von Heck- oder Seitenaufprall-Verkehrsunfällen, aber auch als Folge von Tauchunfällen.AP Verhagen, GGGM Scholten-Peeters, S van Wijngaarden, R de Bie, SMA Bierma-Zeinstra: Conservative treatments for whiplash. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 2. Art. No.: CD003338. doi:10.1002/14651858.CD003338.pub3, PMID 17443525
Klassifikation
Der Begriff whiplash (Peitschenschlag) wurde erstmals 1928 vom US-amerikanischen Orthopäden Harold Crowe eingeführt, um ein klinisches Bild nach indirektem Trauma der Halswirbelsäule im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen zu beschreiben.HE Crowe: Injuries to the cervical spine. Meeting of the Western Orthopedic Association, San Francisco 1928 Eine sehr gebräuchliche Einteilung der Schweregrade ist die sogenannte Quebec-Klassifikation:WO Spitzer et al.: Scientific monograph of the Quebec Task Force on Whiplash-Associated Disorders cohort study: redefining „whiplash“ and its management. In: Spine, 20, 1995, S. 1S-73S 0 – keine Beschwerden, keine Symptome 1 – Nackenbeschwerden, Steifheit des Nackens 2 – Beschwerden und Muskelverspannung, Bewegungseinschränkung, Muskelhartspann 3 – Beschwerden und neurologische Befunde 4 – Fraktur(en) oder Dislokation(en) (Ausrenkung der kleinen Zwischenwirbelgelenke)
Allerdings erscheint der Vorschlag der schon oben zitierten schwedischen Arbeitsgruppe aus dem Jahre 2008, wonach die Stufen 0 und 4 überflüssig sind, insbesondere deshalb sinnvoll, weil es sich beim „Schleudertrauma“ per definitionem um eine indirekte Schädigung handelt. Eine Fraktur ist insoweit anderweitig zu klassifizieren. Der Verzicht auf die Stufe „0“ bedeutet ohnehin keinen Informationsverlust.
Es ist unstrittig, dass die Beschwerden nach einem Schleudertrauma meist innerhalb von Tagen bis Wochen ohne Therapie abklingen. In gut 10 % der Fälle entwickelt sich allerdings eine chronische Schleudertrauma-Krankheit. Manche Autoren geben sogar 13–67 % an.Rodriguez AA et al.: Whiplash: pathophysiology, diagnosis, treatment and prognosis. In: Muscle Nerve, 2004, 29, S. 768–781L Barnsley et al.: Whiplash injury. In: Pain, 1994, 58, S. 283–230LJ Carroll et al.: Bone and Joint Decade 2000–2010 Task Force on Neck Pain and its Associated Disorders. Course and prognostic factors for neck pain in whiplash-associated disorders (WAD). In: Spine, 2008, 33 Suppl, S. S83–92 Als chronisch wird die Störung dann bezeichnet, wenn Symptome länger als 6 Monate nach dem Unfall vorhanden sind. Seit dreißig Jahren nimmt die Häufigkeit der Schleudertrauma-Krankheit zu.M Harth: Stopping Late Whiplash: Which Way to Utopia? In: The Journal of Rheumatology, 2008, 35, S. 2303–2305 Allerdings bleibt die genaue Ätiologie (Ursache) dieser Krankheit bis heute unbekannt. Um diese chronische „Schleudertrauma-Krankheit“ (WAD, whiplash associated disorder) hat sich eine enorme Kontroverse gebildet (siehe Abschnitt unten.) Falls bei dem Unfall ein oder mehrere Facettengelenke der Halswirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen wurden, kann ein Facettensyndrom entstehen.
Ätiologie (Ursachen)
Das Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule wird durch Energietransfer im Rahmen eines Akzeleration-Dezeleration-Mechanismus hervorgerufen. Dabei kommt es durch die ruckartige und unerwartete Beschleunigung zu einer Beugung und Überstreckung der Halswirbelsäule, welche zu einer Zerrung der dortigen Bänder und Muskeln führt.apotheken.de: Schleudertrauma (Abschnitt: Die Erkrankung – Ursachen und Risikofaktoren) Häufigste Ursache hierfür sind Auto-Auffahrunfälle. Jedoch kommen auch ein SeitenaufprallBA Leidel: Trauma der Halswirbelsäule. In: Der Orthopäde, 2008, 37, S. 414–423 sowie verkehrsunabhängige Ereignisse, wie der Sprung in flache Gewässer, Verletzungen beim Kampfsport oder generell Schläge gegen den Kopf, in Betracht.
Symptome
Hauptsymptome beim einfachen Schleudertrauma sind die Auswirkungen der Muskelverspannungen der Hals- und Nackenmuskulatur, welche zu Kopf- und Nackenschmerzen führen. Häufig halten die Beschwerden länger an und können chronifizieren. Folgende Symptome werden oft angegeben: Schwindel (Vertigo) Benommenheit und quantitativ höhergradige Aufmerksamkeitsstörungen (Vigilanz) Brennende oder stechende Schmerzen im Hinterkopf Hör- und Sehstörungen, Einschränkungen des Gesichtsfeldes Desorientierung Rasche Erschöpfbarkeit und Schwächegefühl (Fatigue) Schlafstörungen Schmerzen und/oder Missempfindungen in Gesicht und Armen Gangunsicherheiten Muskelfunktionsstörungen Spasmen
Verlauf Die Beschwerden nach einem akuten Schleudertrauma heilen in der Regel folgenlos aus. In Quebec erholten sich von 1551 Verunfallten 87 % innerhalb von 6 Monaten und 97 % innerhalb eines Jahres. Dieser Versicherungsstudie wird jedoch vorgeworfen, dass sie Ausheilung mit Einstellung der Versicherungsleistungen gleichsetzte. Andere Quellen stellten fest, dass 14–42 % der Verunfallten sich nicht erholen, die Störungen chronisch werden (WAD – whiplash associated disorder, deutsch: Schleudertrauma assoziierte Störung) und 10 % kontinuierlich über Schmerzen berichten.L Barnsley et al.: Lack of effect of intraarticular corticosteroids for chronic pain in the cervical zygapophyseal joints. In: New Engl J Med, 1994, 330, S. 1047–1050. In einer Studie an 586 Schleudertrauma-Patienten blieben 7 % auf Dauer arbeitsunfähig.C Gozzard et al.: Factors effecting imployment after whiplash injury. In: J Bone Joint Surg Br, 2001, 83, S. 506–509 In einer zweiten, fortgeführten Quebec-Studie von Bergholm et al. wird festgestellt, dass auch 7 Jahre nach dem Unfall Schleudertrauma-Geschädigte noch wesentlich mehr gesundheitliche Beeinträchtigungen beklagten als eine gesunde Vergleichsgruppe.
Prognostische Faktoren: Die schlüssigsten Prädiktoren für schlechte Ausheilungsergebnisse sind Nackenschmerz in der Akutphase und Einschränkungen der Nackenbeweglichkeit. Faktoren aus der Unfallrekonstruktion haben begrenzte Aussagekraft, wenn es um die Frage der Ausheilungs-Chancen geht. Der Gesundheitszustand vor dem Unfall, evtl. Osteoarthrose (Verschleiß) und eine genetische Steilstellung der HWS bedingen eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit. Psychologische Faktoren wie Schmerztoleranz, Katastrophieren, Angst-Vermeidungs-Verhalten spielen eine Rolle, aber auch Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).Michele Sterling: Does Knowledge of Predictors of Recovery and Nonrecovery Assist Outcomes After Whiplash Injury? (257-262)
Patienten nach HWS-Distorsion wurden nach 1 Woche, nach 1 Monat, nach 3 Monaten, nach 6 Monaten und nach 12 Monaten untersucht (Körperliche Untersuchung in der Klinik, keine Fragebögen, Uniklinik Aarhus/Dänemark). Als größte Risikofaktoren für den Übergang von Akutverletzung zu Langzeitbeschwerden gelten: Einschränkungen der Nackenbeweglichkeit und akute Nacken- bzw. Kopfschmerzen, aber auch Symptome von prä- und posttraumatischem Stress. Auch Schwindelanfälle, Tinnitus, Hyperakusis, Schlafprobleme u. a. m. spielten eine gewisse Rolle.
Mittlere Bewegungseinschränkung: 5–6 von 10 Punkten Genick- und Kopfschmerzen: 6–7 von 10 Punkten Zahlreiche, nichtschmerzhafte Beschwerden wie Tinnitus, Schwindelanfälle: 5–6 von 10 Punkten
In Untergruppe 1 hatten sich die meisten Patienten (ca. 98 %) nach einem Jahr erholt. Darüber hinaus kann eine Nichtgesundung auch von genetischen Faktoren abhängen. Die Danish Whiplash Study Group „Risk Assessment Score“ empfiehlt eine frühzeitige Abklärung von Risikofaktoren a) Bewegungseinschränkungen der HWS b) Kopf- und Nackenschmerzen c) weitere Beschwerden wie Schwindel, Tinnitus, Schlaflosigkeit, Übelkeit etc. Diese Abklärung kann die Behandlung optimieren.Helge Kasch, Erisela Qerama, Alice Kongsted et al.: The Risk Assessment Score in Acute Whiplash Injury Predicts Outcome and Reflects Biopsychosocial Factors. (263-267)
Australische Studien haben sich mit Ausheilungsverläufen nach HWS-Distorsion beschäftigt. Nach 3 Monaten hatten noch ca. 75 % gesundheitliche Beschwerden, nach 6 Monaten noch etwa 60 %. Diese 60 % blieben bis 12 Monate nach dem Unfall fast konstant. (Schaubilder: 269) Die medizinischen Untersuchungen wurden in der Universitätsklinik von Sydney durchgeführt, es waren keine Fragebogenaktionen zum Beispiel wie in der Litauen-Studie. Hauptaugenmerk wurde auf Kriterien gelegt, mit welcher Präzision solche Langzeituntersuchungen durchgeführt werden sollen. Differenziert nach dem Chronifizierungsrisiko (leicht, mittel, schwer) ergibt sich folgendes Bild: Aussage: Es gibt alle Konstellationen bei Langzeitfolgen, es verbietet sich – genau wie bei der sogenannten Harmlosigkeitsgrenze eine pauschalierende Betrachtung: nach 3 Monaten noch Beschwerden bei ca. 60 % bei Patienten mit niedrigem Chronifizierungsrisiko, 80 % bei Patienten mit mittlerem Chronifizierungsrisiko und 95 % für Patienten mit hohem Chronifizierungsrisiko. Nach 6 Monaten noch Beschwerden bei ca. 50 % bei niedrigem, 60 % bei mittlerem und 90 % bei hohem Chronifizierungsrisiko. Nach 12 Monaten noch Beschwerden bei 40 % mit niedrigem, 60 % bei mittlerem und 70 % bei hohem Chronifizierungsrisiko.Steven J. Kamper, Mark J. Hancock, Christoper G. Maher: Optimal Designs for Prediction Studies of Whiplash. (268-274)
Genderspezifische Studien zeigen eindeutig, dass ein erheblicher und geschlechterspezifischer Unterschied hinsichtlich der Verletzungsrisikos vorliegt.Carlsson, A., (2010). Initial Studies of Dynamic Responses of Female and Male Volunteers in Rear Impact Tests. Viele Studien zeigen, dass weibliche Unfallopfer im Vergleich zu männlichen Unfallopfern, ein bis zu dreifach erhöhtes Verletzungsrisiko aufweisen.Kihlberg JK (1969) Flexion-Torsion Neck Injury in Rear Impacts, Proc. 13th AAAM, S. 1–16Thomas C, Faverjon G, Hartemann F, Tarriere C, Patel A, Got C (1982) Protection against Rear-End Accidents, Proc. IRCOBI Conf., Cologne (Germany), S. 17–29Dolinis J. (1997) Risk Factors for Whiplash in Drivers: A Cohort Study of Rear-End Traffic Crashes, Injury, Vol. 28, No. 3, S. 173–179Temming J, Zobel R (1998) Frequency and Risk of Cervical Spine Distortion Injuries in Passenger Car Accidents: Significance of Human Factors Data, Proc. IRCOBI Conf., Bron (France), S. 219–233Krafft M, Kullgren A, Lie A, Tingvall C (2003) The Risk of Whiplash Injury in the Rear Seat Compared to the Front Seat in Rear Impacts, Traffic Inj. Prev., Vol. 4, No. 2, S. 136–140Storvik SG, Stemper BD, Yoganandan N, Pintar FA (2009) Population-Based Estimates of Whiplash Injury Using NASS CDS Data, Biomed Sci Instrum., No. 45, S. 244–249Carlsson, A., (2010). Initial Studies of Dynamic Responses of Female and Male Volunteers in Rear Impact Tests.
Therapie