Giustino oder Justin (HWV 37) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 16. Februar 1737 im Theatre Royal, Covent Garden, London
Entstehung Die byzantinische Oper Giustino entstand für die Saison 1736/37, die letzte Spielzeit von Händels drittem Opernunternehmen, in der auch Arminio und Berenice uraufgeführt wurden.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 397–398. Händel stand bereits seit 1733 unter großem Druck wegen der Konkurrenz mit der sogenannten Opera of the Nobility (Adeloper).Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655), aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 134 f.
Er begann mit der Komposition des Giustino am 14. August 1736 und hatte den Entwurf am 7. September fertig. Doch vor dem „Ausfüllen“ der Partitur, was bei ihm bedeutete, die fertig skizzierten „Rand“-Stimmen (also Diskant und Bass) um die Mittelstimmen zu ergänzen, legte er diese aus der Hand und wandte sich aus nicht bekannten Gründen erst einmal dem Arminio zu. Erst als er dessen Partitur fertig gestellt hatte, nahm er den Giustino wieder zur Hand und beendete diesen am 20. Oktober. Seine Notizen im Autograph lauten: „Agost 14 | 1736“ (am Beginn) – „Fine del Atto 1 Agost 29. 1736.“ – „Fine dell Atto 2. Sept 3. 1736.“ – „Fine dell' Opera G.F. Handel. London 7. Septembr 1736; u. von den 15. Oct. biß den | 20. 1736. ausgefüllet.“
Händel begann die neue Spielzeit mit Wiederaufnahmen früherer Werke wie Atalanta und Alcina vor Weihnachten.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 163. Nachdem er Mitte Dezember mit der Komposition von Berenice begonnen hatte, brachte er dann im Januar zuerst den Arminio heraus.
Uraufführung Am 16. Februar 1737 folgte die Premiere des Giustino im Covent Garden Theatre, mit den folgenden Sängern: Giustino – Domenico Annibali (Altkastrat) Anastasio – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat) Arianna – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Leocasta – Francesca Bertolli (Alt) Amanzio – Maria Caterina Negri (Alt) Vitaliano – John Beard (Tenor) Polidarte – Henry Theodore Reinhold (Bass) La Fortuna – William Savage (Knabensopran)
Wie Giustino vom zeitgenössischen Publikum aufgenommen wurde, ist nicht überliefert, lediglich der Earl of Shaftesbury notierte 1760, dass Händel in dieser Spielzeit keinen Erfolg hatte. Die Oper erlebte immerhin neun Vorstellungen, wurde aber nach dem 8. Juni 1737 vom Spielplan abgesetzt.
Händel hatte aber nicht alle Vorstellungen geleitet: Mitte April, mitten in der Aufführungsserie, erlitt er als Folge der ständigen Anspannungen einen schweren körperlichen und geistigen Zusammenbruch. In der Presse hieß es, „…er sei gelähmt und könne seine rechte Hand nicht mehr bewegen…“ (London Evening Post, 14. Mai).Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 167. Es ist nicht klar, ob er das von ihm zusammengestellte und bearbeitete Pasticcio Didone abbandonata mit Musik von Leonardo Vinci, Johann Adolf Hasse, Geminiano Giacomelli und Antonio Vivaldi, das am 13. April 1737 uraufgeführt wurde, noch selber leiten konnte.Strohm meint mit Berufung auf Deutsch (in Fußnote), Händel habe es nicht geleitet, siehe aber hier die folgende Fußnote. Reinhard Strohm: Didone abbandonata (HWV A 12), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 425 (und Fußnote 9, S. 426)Viele Musikwissenschaftler, Otto Erich Deutsch folgend (Händel: A Documentary Biography, London 1955, Nachdruck New York, 1974, S. 431), legen den Beginn von Händels Krankheit auf den 13. April 1737. Deutschs Aussage ist aber offenbar eine Fehlinterpretation von Friedrich Chrysander (G F. Händel, Zweiter Band, Leipzig, 1860, S. 401), und kann nicht begründet werden. Siehe auch: John H. Roberts: Handel and Vinci’s ‘Didone abbandonata’: Revisions and Borrowings. Music & Letters, Vol.&n68, Nr.&n2, Oxford University Press (1987), S. 141.
Zu diesem Zeitpunkt war völlig unklar, ob dieser Schicksalsschlag seine Tätigkeit als Komponist und Dirigent nicht für immer beenden würde. Allerdings meldete die Daily Post bereits am 30. April:
Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Hoffnung erfüllte und Händel schon Anfang Mai wieder die Aufführungen leitete.
Weitere Aufführungsgeschichte
Giustino wurde lediglich in Braunschweig im August 1741 unter dem Titel Justinus noch einmal in einer deutschen Textfassung von Christian Ernst Simonetti und einer musikalischen Bearbeitung sowie unter der Leitung von Georg Caspar Schürmann aufgeführt. Während die Arien in der italienischen Originalfassung gesungen wurden, komponierte Schürmann für diese Aufführungen die Rezitative und Chöre auf den deutschen Text von Simonetti neu.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. in: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 449 f.
Die erstmalige Wiederaufführung der Oper in der Neuzeit fand in einer gekürzten Fassung im Jahre 1963 für Schülerinnen im „Our Lady’s Convent“ in Abingdon (Großbritannien) statt, dieselbe Produktion, dann vollständiger, am 21. April 1967 im Unicorn Theatre Club Abingdon in einer englischen Textfassung von Alan Kitching. Die musikalische Leitung hatte Frances Kitching. Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man in San Francisco (Herbst Theatre) am 27. Juni 1999 mit dem Philharmonia Baroque Orchestra unter der Leitung von Nicholas McGegan.
Libretto mini|Vorrede zum Textbuch in englischer Sprache, Thomas Wood, 1737 Der Stoff für den Operntext basiert auf einer Dichtung von Nicolò Beregan. Diese erzählt frei von historischen Persönlichkeiten des byzantinischen Reiches: Kaiser Anastasios I. und seinem Nachfolger Justin I. Giovanni Legrenzi vertonte Beregans Libretto für die erste Aufführung seines Giustino in Venedig im Jahre 1683. Giustino geriet dann zu einem der beliebtesten Opernsujets seiner Zeit und gab den Anstoß für zahlreiche weitere Kompositionen und Bearbeitungen. Bis 1697 wurde die Oper Legrenzis an acht weiteren Orten Italiens gespielt. Weitere Bearbeitungen oder Neukompositionen entstanden durch Alessandro Scarlatti (Neapel, 1684), Luigi Mancia (Rom, 1695), Johann Christian Schieferdecker (Leipzig, 1700 und Hamburg, 1706) sowie Domenico Scarlatti (Neapel, 1703). 1711 erschien in Bologna eine von Pietro Pariati bearbeitete Fassung in fünf Akten mit Musik von Tomaso Albinoni. Antonio Vivaldi ließ den Text für seine eigene Giustino-Vertonung in Rom 1724 wieder auf drei Akte umschreiben. Das von Händel benutzte Libretto wurde von einem unbekannten Bearbeiter (oder von ihm selbst?) auf der Basis dieses Vivaldischen Textes erstellt. In seiner Version verzichtete Händel zwar auf den Diener Brillo, und, was dramaturgisch schwerer wiegt, auch auf Andronico; den Untieren, Geister- und Göttererscheinungen widmete er aber, der gängigen Opernästhetik zum Trotz, die das Übersinnliche aus den Libretti verbannt hatte, hingebungsvolle Aufmerksamkeit.Duncan Chisholm: Justin und das Rad Fortunas. In: "Handel. Giustino", aus dem Englischen von Ingeborg Neumann, harmonia mundi france 907130-32, Los Angeles 1995, S. 23.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 248. Mit Rücksicht auf den Londoner Publikumsgeschmack strich Händel die 1175 Rezitativzeilen auf etwas mehr als 350 zusammen: dadurch gingen einige dramatische Zusammenhänge verloren.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 365.
Handlung mini|Tremissis des Justin I.
Erster Akt Im prächtigen Thronsaal des byzantinischen Palastes krönt Arianna den von ihr geliebten Anastasio mit dem kaiserlichen Lorbeerkranz, während ihr Hofstaat einen Jubelchor anstimmt. General Amanzio wirft Anastasio vor, sich nur zu vergnügen, während das Reich durch Vitaliano bedroht sei. Da erscheint Vitalianos Gesandter Polidarte mit seinem Gefolge und bietet Frieden an, unter der Bedingung, dass Arianna Vitaliano heirate. Anastasio und Arianna sind empört und lehnen ab.
In einer Landschaft mit Obstbäumen pflügt Giustino das Feld und sehnt sich nach einem ruhmreichen Leben als Krieger. Als er einschläft, erscheint ihm im Traum die Göttin Fortuna, umgeben von Genien, und bestärkt ihn darin, seiner wahren Bestimmung zu folgen, in den Krieg zu ziehen und „seine Hütte gegen einen Palast zu tauschen“. Giustino erwacht und ist entschlossen, der Vision zu folgen. Da erscheint Leocasta, von einem Bären verfolgt. Giustino rettet sie, indem er den Bären tötet. Die dankbare Leocasta erkennt in ihm trotz seiner einfachen Kleidung eine edle Seele und fühlt sich zu ihm hingezogen. Sie teilt ihm mit, dass sie die Schwester des Kaisers sei und schlägt ihm vor, mit ihr an den kaiserlichen Hof zu kommen.
Arianna möchte ihrem Gemahl in den Feldzug folgen und fordert Amanzio auf, sie zu begleiten. Dieser strebt heimlich nach dem Thron und ist entschlossen, sein Ziel auch durch Betrug zu erreichen.
Anastasio macht Giustino zu seinem Ritter und fordert ihn auf, die inzwischen in Gefangenschaft geratene Arianna zu retten. Giustino ist bereit für den Kaiser in den Tod zu gehen.
Vitaliano macht sich bereit, mit seinen Mannen Byzanz („Konstantinopel“) anzugreifen, als Polidarte erscheint und die gefangene Arianna hereinbringen lässt. Vitaliano ist hingerissen, doch sie lehnt seine Avancen heftig ab. Der wütende Vitaliano befiehlt, sie zur Strafe einem gefährlichen Seeungeheuer auszuliefern. Arianna ist bereit zu sterben und bedauert nur, dass sie sich nicht von ihrem Mann verabschieden kann.
Zweiter Akt Ein offenes Waldstück mit Blick auf das stürmische Meer. Nach einem Schiffbruch suchen Anastasio und Giustino Zuflucht in einer Hütte. Polidarte kommt mit Wachen und lässt Arianna (auf Befehl Vitalianos) an einen Felsen binden. Von Weitem sieht man ein schreckliches Monster aus dem Meer näher kommen. Die entsetzte Arianna bittet den Himmel um Hilfe. Giustino hört ihre Rufe und deren Echos, kommt der ihm noch unbekannten Frau zu Hilfe und tötet das Monster im Kampf. Als er erfährt, dass er soeben die Kaiserin Arianna gerettet hat, ist er besonders erfreut. Anastasio erscheint und ist überrascht, seine Frau zu sehen. Glücklich singen sie ein Liebesduett, und Anastasio umarmt voller Dankbarkeit Giustino. Amanzio erscheint in einem Boot auf der Suche nach Anastasios Schiffen und alle verlassen zusammen den „schrecklichen Ort“ zu den Klängen eines Matrosenchors. Kaum sind sie fort, da kommt Vitaliano mit Soldaten. Mittlerweile bereut er seine mörderische Tat gegen Arianna, doch als er das Monster tot vorfindet, macht er sich Hoffnungen, dass sie überlebt hat.
In einem Garten besingt Leocasta ihre heimliche Liebe zu Giustino und vergleicht sie mit einem Schiff auf stürmischer See.
Giustino führt den von ihm besiegten und gefangenen Vitaliano in Ketten vor Anastasio, der ihn umarmt und seine Verdienste um das griechische Imperium rühmt. Der anwesende Amanzio vergeht vor Neid über die Erfolge des „gemeinen Bauern“, während Giustino darum bittet, auch noch die letzten Feinde Anastasios bekämpfen zu dürfen und sich bereits auf seinen zukünftigen Ruhm freut.
Auf Giustinos Vorschlag und Anastasios Befehl wird Vitaliano vor Arianna geführt. Der Besiegte erklärt ihr nochmals seine Liebe, doch sie reagiert zornig und lässt ihn in einen Turm wegführen, während sie seine Liebe mit einem Fluss vergleicht, der im „Meer ihrer Verachtung“ untergeht.
Dritter Akt