mini|Gaius Julius Caesar mini|Kleopatra VII. Giulio Cesare in Egitto oder kurz Giulio Cesare (englisch: Julius Caesar; deutsch: Julius Cäsar; HWV 17) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die am 20. Februar 1724 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt wurde. Es ist die berühmteste und am häufigsten aufgeführte Oper des Komponisten.Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen, in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429 ff.Angela Romagnoli: Giulio Cesare in Egitto (HWV 17), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 132

Im Mittelpunkt der Handlung steht die legendäre Liebesbeziehung des römischen Staatsmannes Gaius Iulius Caesar (Giulio Cesare) zu der ägyptischen Pharaonin Kleopatra VII. (Cleopatra) sowie Thronstreitigkeiten und kriegerische Auseinandersetzungen mit deren Bruder Ptolemaios XIII. (Tolomeo).

Entstehung Giulio Cesare war Händels Beitrag für die fünfte Spielzeit der Royal Academy of Music. Diese war am 27. November 1723 mit Giovanni Bononcinis neuer Oper Farnace eröffnet worden; dem folgten Wiederaufnahmen von Händels Ottone, sowie im Januar 1724 Attilio Ariostis Oper Vespasiano, die offenbar einen regelrechten Publikumsstreit ausgelöst hatte.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 119–120

Wann Händel mit der Komposition des Giulio Cesare begann, ist nicht bekannt, das Autograph ist nur mit „anno 1723“ datiert.Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 106. In der Literatur aufgestellte Vermutungen, Händel habe bereits im (Früh-)Sommer 1723 mit der Arbeit begonnen,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 500 sind also nicht dokumentarisch belegbar. Das Autograph verrät allerdings, dass Händel im Laufe der Komposition seine Vorstellungen über die Rollenbesetzung änderte, und auch sonst zusammen mit seinem Librettisten Nicola Haym bis zur Uraufführung zahlreiche Änderungen vornahm. Laut Winton Dean lassen sich sechs Stufen des Kompositionsprozesses erkennen,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 508–516Angela Romagnoli: Giulio Cesare in Egitto (HWV 17), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 132–133 und von manchen Stücken gibt es mehrere Versionen, die am Ende verworfen wurden.Winton Dean: Haendel: Giulio Cesare. Aus dem Englischen von Liesel B. Sayre. Booklettext zur CD-Einspielung: harmonia mundi, Arles 1991, S. 27

Die Besetzung der Uraufführung am 20. Februar 1724 bestand – abgesehen von den zwei kleinen Nebenrollen Nireno und Curio – aus denselben sechs Sängern, die schon zuvor in Ottone und Flavio gesungen hatten:Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iv, Garland, New York 1989, S. vii-viii Giulio Cesare – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Cleopatra – Francesca Cuzzoni (Sopran) Cornelia – Anastasia Robinson (Alt) Sesto – Margherita Durastanti (Sopran) Tolomeo – Gaetano Berenstadt (Altkastrat) Achilla – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Nireno – Giuseppe Bigonzi (Altkastrat) Curio – John Lagarde (Bass)

Die Oper war ein unmittelbarer Erfolg und kam in dieser Spielzeit auf vierzehn Aufführungen bis zum 11. April.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 120Dean/Knapp sprechen von dreizehn Aufführungen, nennen aber in Fußnote 42 eine (weitere?) Aufführung am 27. Februar, von der nicht sicher ist, ob sie stattfand. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 501 (und Fußnote 42)

Der Kammerherr des Prince of Wales, Friedrich Ernst von Fabrice, schrieb:

Nach Ende der Saison musste sich Händel von einigen Sängerinnen trennen: Für Anastasia Robinson, die ab 1714 in seinen Opern mitgewirkt hatte, war die Cornelia in Giulio Cesare eine der letzten Rollen, die sie auf der Bühne verkörperte, da sie (heimlich) einen Adligen geheiratet hatte und sich von der Bühne zurückzog. Auch Händels alte Freundin Margherita Durastanti, die er noch aus Italien kannte und seit 1722 in London war, verabschiedete sich und verließ England, ebenso wie der Kastrat Gaetano Berenstadt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 128 (siehe 13. Juni 1724)

Wiederaufnahmen Händel brachte Giulio Cesare in den folgenden Jahren noch dreimal auf die Bühne: 1725 (zehn Vorstellungen), 1730 (elf) und 1732 (vier). Dabei wurden zum Teil drastische Änderungen vorgenommen, nicht nur, aber auch wegen der wechselnden Sängerbesetzungen. 1725 wurde unter anderem die Rolle des Curio gestrichen und Sesto nicht von einem Sopran, sondern von dem Tenor Francesco Borosini gesungen, für den Händel die Arie „L’angue offeso“ (Nr. 25) änderte und drei andere Arien durch neue ersetzte; außerdem musste ausgerechnet das Duett mit Cornelia („Son nata a lagrimar“, Nr. 16) gestrichen werden (!), weil eine Oktavtransposition von Sestos Part nach unten „die Balance (der Stimmen) ruinieren“ würde.„Needless to say the octave transposition of Sesto’s part ruins the balance“. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 496 Für eine Sopranistin namens Benedetta Sorosina wurde die Figur des Nireno in einigen Vorstellungen in eine „Nerina“, Kammerfrau Cleopatras, „verwandelt“, die auch zwei neue Arien bekam.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 501–503

Auch in den Wiederaufnahme von 1730 und 1732 wurde Sesto von einem Tenor gesungen (Annibale Pio Fabri bzw. Giovanni Battista Pinacci) und es gab weitere Änderungen, unter anderem wurden 1732 mehrere Arien gestrichen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1704–1726. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 503–505 Insgesamt kam Giulio Cesare über die Jahre auf 39 Aufführungen unter Händels Leitung, was nur durch die 53 Aufführungen des Rinaldo übertroffen wurde.

Weitere Aufführungsgeschichte 18. Jahrhundert Auch auf dem Kontinent war die Oper ein Erfolg. Als Erstes waren Auszüge aus Giulio Cesare erstaunlicherweise in Paris zu hören, wo man im Allgemeinen der italienischen Oper und insbesondere dem Kastratengesang eher skeptisch gegenüberstand. Ursprünglich war bereits für Juli 1723 eine Tournee von Händels Sängern geplant, und es war sogar von szenischen Aufführungen (von Ottone) in der Pariser Oper die Rede. Das Gastspiel wurde jedoch um ein Jahr verschoben und fand schließlich im Sommer 1724 in Form konzertanter Aufführungen im Hause des Finanziers und Kunstpatrons Pierre Crozat statt, mit Arien aus Ottone und Giulio Cesare; Rezitative wurden dabei fast ganz gestrichen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 437–438 und 501.

Im August 1725 hatte das Stück in Braunschweig unter Georg Caspar Schürmann Premiere als Giulio Cesare e Cleopatra und lief hier in unbekannter Aufführungszahl, auch 1727 und im August 1733. Am Ende des ersten und zweiten Aktes wurden Ballette eingefügt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 505.

mini|Feuerwerk zum Epilog von Julius Cæsar am 9. Juni 1727 in der Hamburger Oper. In der Hamburger Oper am Gänsemarkt wurde die Oper erstmals am 21. November 1725 unter dem Titel Julius Cæsar Jn Ægypten gespielt und war bis 1737 insgesamt vierzigmal zu hören; zwei Vorstellungen wurden abgesagt, im Dezember 1726 (weil nur drei Leute kamen) und im August 1735 (weil kein Publikum kam). Wie in solchen Fällen üblich, wurden die Arien italienisch gesungen, aber die Rezitative ins Deutsche übersetzt, von Thomas Lediard, der auch die Bühnenbilder entwarf; Johann Georg Linike vertonte die neuen Rezitative und steuerte zusätzliche Musik bei, darunter insgesamt sechs Ballette und ein Chor von Konkubinen und Eunuchen. Bei mindestens einer der Aufführungen wurde Georg Philipp Telemanns Intermezzo Pimpinone zwischen den Akten gespielt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 505–506. Im Mai–Juni 1727 gab es anlässlich des Geburtstags des englischen Königs Georg Ludwig fünf Sonder-Vorstellungen, die vom englischen Gesandten in Hamburg, Sir John Wyche, initiiert worden waren. Dabei gab es zusätzlich Illuminationen und Feuerwerk, und Lediard hatte einen Prolog und einen Epilog geschrieben, die er The Joy and Happiness of the British Nation (Freude und Glück der britischen Nation) nannte und der von Telemann vertont wurde.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 506–507.

20. & 21. Jahrhundert mini|links|hochkant|Eleanor Reynolds als Cornelia in Oskar Hagens Inszenierung, Göttingen 1922

Die erste Aufführung in der Neuzeit besorgte Oskar Hagen, der das Werk am 5. Juli 1922 für die Händel-Festspiele in Göttingen vorbereitete und leitete. Er hatte eine deutsche Textfassung geschrieben und in die Form der Oper erheblich eingegriffen. Außerdem ließ er die Kastratenpartien des Cesare und des Tolomeo sowie die Hosenrolle des Sesto von tiefen Männerstimmen singen (Julius Caesar war der Bariton Wilhelm Guttmann). Seine Fassung wurde jedoch, nicht nur in Deutschland, äußerst populär und lief in den nächsten fünf Jahren in 38 Städten, darunter auch in Kopenhagen, Zürich, Basel, Bern und Wien, mit mehr als 220 Vorstellungen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 507.

Die Oper wurde im 20. Jahrhundert „dank“ eines weitverbreiteten Klavierauszugs der Hagen-Version (in der Edition Peters) noch lange mit veränderten Stimmlagen, also mit tiefen Männerstimmen, gesungen.Angela Romagnoli: Giulio Cesare in Egitto (HWV 17), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 138 Eine erste Aufführung mit allen originalen Stimmlagen fand 1977 am Barber Institute der Universität Birmingham statt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 508.

Die erste Aufführung in historischer Aufführungspraxis brachte das Theater an der Wien während der Wiener Festwochen am 19. Mai 1985 mit dem Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt auf die Bühne.

Ihre große Popularität in modernen Zeiten dürfte die Oper nicht nur Händels Musik, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil auch den beiden schillernden antiken Hauptfiguren Caesar und Kleopatra und ihrer, nicht zuletzt durch diverse Hollywood-Filme weltberühmten, Liebesgeschichte verdanken.Winton Dean: Haendel: Giulio Cesare. Aus dem Englischen von Liesel B. Sayre. Booklettext zur CD-Einspielung: harmonia mundi, Arles 1991, S. 27.

Libretto