Tamerlano (HWV 18) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Die Urauffführung am 31. Oktober 1724 fand im King’s Theatre am Haymarket in London statt. Die Oper gilt heutzutage als Meisterwerk (Stand: Februar 2026).

Die Handlung greift die Legenden um den osmanischen Sultan Bayezid I. (1360–1403) auf, der 1402 bei der vernichtenden Schlacht bei Ankara in die Gefangenschaft des für seine Grausamkeit berüchtigten mongolischen Heerführers Tamerlan alias Timur Leng (1336–1405) geriet und dort wahrscheinlich Selbstmord beging.

Entstehung Tamerlano war die erste von zwei neuen Opern Händels für die sechste Spielzeit der Royal Academy of Music, der sogenannten ersten Opernakademie.

Die Entstehung der Oper ist vergleichsweise komplex: Händel begann zunächst die Komposition am 3. Juli 1724 und beendete sie nach knapp drei Wochen am 23. Juli, wie am Ende des Autographs zu lesen ist: „Fine dell Opera. comminciata li 3. di Luglio e finita li 23. anno 1724.“Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 128

Nachdem der bedeutende Tenor Francesco Borosini, der den Bajazet darstellen sollte, im September 1724 in London angekommen war, wurden jedoch zahlreiche, zum Teil einschneidende Änderungen sowohl am Libretto als auch an der Musik vorgenommenWinton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 534 f (auch Fußnote 22) (siehe unten: Libretto). Auch der Alt-Kastrat Andrea Pacini und die Altistin Anna Vincenza Dotti waren neu im Ensemble der Royal Academy.

In der Literatur wird manchmal angenommen, die Wahl von Tamerlano als Eröffnungsoper der Spielzeit sei kein Zufall, vielleicht sogar eine Art „politische Geste“, Händels gewesen, da in den November zwei wichtige Feiertage fielen: der als Geburtstag Williams III., und vor allem der 5. November, Jahrestag der Landung von William III. mit seiner Armee in der Bucht von Torbay (in Brixham) im Zuge der Glorreichen Revolution (1688) und zugleich „Guy Fawkes Day“, der Jahrestag des „Gunpowder Plot“, an dem Jakob I. und das englische Parlament im Jahr 1605 nur knapp einem Mordanschlag einer Gruppe katholischer Verschwörer entgangen waren. An diesen Tagen wurde traditionell Nicholas Rowes Schauspiel Tamerlane (1702) aufgeführt.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, S. 98 Winton Dean wies allerdings darauf hin, dass keine der Aufführungen von Händels Tamerlano mit den beiden Jahrestagen zusammenfiel.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 531

In der Uraufführung am 31. Oktober 1724 sangen: Tamerlano – Andrea Pacini (Alt-Kastrat) Bajazet – Francesco Borosini (Tenor) Asteria – Francesca Cuzzoni (Sopran) Andronico – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Alt-Kastrat) Irene – Anna Vincenza Dotti (Alt) Leone – Giuseppe Maria Boschi (Bass) mini|Der Tenor Francesco Borosini. Karikatur von Antonio Maria Zanetti

Laut Lady Bristol war die gesamte königliche Familie anwesend und „eine größere Menschenmenge als ich je gesehen habe, was mich zu Tode erschöpft hat…“; sie berichtete auch, dass „der neue Mann“ (wahrscheinlich BorosiniDean nahm sicher zu recht an, dass mit „the new man“ Borosini gemeint war; das Händel-Handbuch: Band 4 vermutet dahinter allerdings Andrea Pacini.) „extrem gefallen“ habe.„...the new man takes extremely (…) The Royal family were all there, and a greater crowd than ever I saw, which has tired me to death, ...“. Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 130Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 556

Der Newcastle Courant berichtete am 14. November über „die neue gefeierte Oper von Herrn Händel“, sie habe „...so großen Beifall des Adels und des gesamten Publikums“ erhalten, „dass die Royal Academy angeordnet hat, sie sechs Wochen lang hintereinander zu spielen“.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 556 (Fußnote 48) In Wirklichkeit kam es jedoch zunächst nur zu insgesamt neun Vorstellungen bis zum 28. November und zu drei weiteren Aufführungen gegen Ende der Spielzeit, Anfang Mai 1725.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 130 und 133 (1. Mai 1725)

Tamerlano ist die erste Oper, die im Briefwechsel von Händels Nachbarin und Freundin Mary Delany (später Mrs. Pendarves) erwähnt wurde, welche am 12. Dezember ihrer Schwester Ann Granville „a song out of Tamerlane, which is a favourite“ zusandte.

Wiederaufnahme Die Oper erlebte eine Wiederaufnahme am 13., 16. und 20. November 1731, wiederum mit Senesino als Andronico, sowie mit Anna Maria Strada als Asteria und Giovanni Battista Pinacci als Bajazet.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 193 Dabei wurden 250 Rezitativ-Zeilen und das Terzett Nr. 22 (!) gestrichen und wahrscheinlich drei Arien gekürzt. Für Antonio Montagnana als Leone komponierte Händel eine zusätzliche Arie.

Weitere Aufführungsgeschichte In der Hamburger Oper am Gänsemarkt gab es schon am 27. September 1725 eine Aufführung als Tamerlan, wie üblich mit neuen deutschen Rezitativen, die von Johann Philipp Praetorius gedichtet und von Georg Philipp Telemann vertont wurden, der die musikalische Leitung hatte. Von Praetorius und Telemann stammte auch ein Prolog anlässlich der Hochzeit Ludwigs XV. von Frankreich mit der polnischen Prinzessin Maria Leszczyńska, sowie mehrere Ballette und deutsche Chöre. Außerdem hatte Händels ehemaliger Schüler in Hamburg, Cyril Wyche, Sohn des dortigen englischen Gesandten Sir John Wyche, sieben neue Ersatz-Arien für Bajazet komponiert (anstelle der Originale). Die Stimmlagen der Männer wurden geändert: Die beiden Alt-Kastratenpartien Tamerlano und Andronico (sowie Leone) wurden von Bässen gesungen und die Tenorrolle des Bajazet in eine Alt-Partie für den Kastraten Campioli umgewandelt. Auch ein Intermezzo von Telemann ist im Hamburger Textbuch erwähnt, aber dass es sich dabei um Pimpinone handelte, wie Loewenberg behauptete, lässt sich nicht nachweisen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 557

Die erste moderne Wiederaufführung als Tamerlan, durchweg in deutscher Sprache (Textfassung: Anton Rudolf und Herman Roth), fand in Karlsruhe am 7. September 1924 unter der Leitung von Fritz Cortolezis statt. Die Kastraten-Partien wurden auch dabei von Bässen gesungen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 557 Danach wurde Tamerlano bis in die 1980er Jahre zehnmal inszeniert.

Die erste Inszenierung mit den originalen Stimmlagen war eine Studenten-Aufführung unter Leitung von Eric Cross in Birmingham im Jahr 1975.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 557–558 Von 1980 bis 2014 gab es in Europa und Nordamerika 58 Neuinszenierungen. Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis fand am 24. Juni 1976 im Convento di Santa Croce in Batignano unter Leitung der britischen Dirigentin und Barockopern-Forscherin Jane Glover statt, mit James Bowman in der Titelpartie.

Libretto Die Geschichte von Tamerlan und Bajazet war im Zeitalter des Barock ein beliebtes Sujet sowohl im Sprechtheater als auf der Opernbühne. Auf der Basis des französischen Theaterstücks Tamerlan ou La Mort de Bajazet (Paris 1675) von Jacques Pradon schufen zu Beginn des 18. Jahrhunderts sowohl Antonio Salvi als auch Agostino Piovene zwei Libretti, die mehrfach vertont wurden.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 531Kurt Markstrom: Tamerlano (libretto by Piovene), in: Grove music online, 1992/2002 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement) Händel könnte bereits im September 1706 Alessandro Scarlattis Vertonung von Salvis Il gran Tamerlano in Pratolino miterlebt haben, da er zu dieser Zeit Gast des Prinzen Ferdinando de’ Medici war.Jean-François Labie & John Eliot Gardiner: Handel. Tamerlano. Aus dem Englischen von Ingrid Trautmann. Boolet-Texte zur Einspielung: Erato 2292-45408-2, 1987, S. 30.Dean erwähnt die Scarlatti-Oper ohne auf Händels mögliche Anwesenheit einzugehen. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 531

mini|hochkant|Titelblatt des Librettos für Gasparinis Bajazet, Reggio, 1719

Vorlage für Händels eigenen Tamerlano war jedoch nicht Salvis, sondern Piovenes Textbuch, das zuerst von Francesco Gasparini vertont und 1711 in Venedig uraufgeführt worden war. Gasparini schuf 1719 mithilfe des Dichters Ippolito Zanella (oder Zanelli) aus Modena eine stark veränderte zweite Fassung, die unter dem Titel Il Bajazet in Reggio auf die Bühne gebracht wurde; für diese zweite Fassung hatten Zanella und Gasparini offenbar auf Wunsch des Tenors Francesco Borosini, der später auch bei Händel mitwirkte, unter anderem eine Sterbeszene für Bajazet im dritten Akt eingefügt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 532 und 534

Für die Form, in der Händel die Oper ursprünglich im Juli 1724 vertonte, verwendete Händels Bearbeiter Nicola Francesco Haym zunächst den Text Piovenes von 1711 als Vorlage. Dabei wurden vor allem einige Nebenfiguren (Tamur, Zaida) und Dialoge gestrichen, und nur 16 (!) Zeilen hinzugefügt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 535

Doch der einige Wochen später eintreffende Borosini hatte offenbar das Gasparini-Libretto von 1719 im Gepäck und brachte Händel und Haym dazu, auf dessen Grundlage zahlreiche Änderungen und Ergänzungen vorzunehmen: Nicht nur Bajazets Sterbeszene wurde übernommen, sondern neun Szenen auf der Basis des 1719er Librettos verändert.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 534–535Jean-François Labie & John Eliot Gardiner: Handel. Tamerlano. Aus dem Englischen von Ingrid Trautmann. Erato 2292-45408-2, 1987, S. 27.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 237 f.

Insgesamt übernahmen Händel und Haym die Texte zu 16 Gesangsnummern aus Piovenes Libretto von 1711, und drei („Forte e lieto“ (Nr. 3), „A dispetto“ (Nr. 28), und „Figlia mia“ (Nr. 39)) von 1719; sechs frühere Nummern wurden textlich ergänzt, überarbeitet oder neu geschrieben, und hinzu kamen fünf völlig neu erfundene Nummern, darunter das Duett „Vivo in te“ (Nr. 29) für das Liebespaar im dritten Akt. Die Partie des Andronico wurde für den primo uomo Senesino etwas vergrößert.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 536–537