mini|Pieter Bruegel der Ältere. Der Alchemist (1558) als Kupferstich von Philipp Galle. Im Hintergrund erkennt man, wie der Alchemist und Familie im Armenhaus empfangen werden. mini|Alchemielabor im Schloss Weikersheim. mini|Einige Elementsymbole:1 = Zinn, 2 = Blei, 3 = Gold, 4 = Schwefel, 5 = Quecksilber, 6 = Silber, 7 = Eisen
Als Alchemie oder Alchimie (auch Alchymie; griechisch-arabisch-mittellateinisch , neulateinisch , auch mittellateinisch Alchimia, frühneuhochdeutsch Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Band 1, S. 759–760.Jörg Barke: Die Sprache der Chymie: am Beispiel von vier Drucken aus der Zeit zwischen 1574–1761. (= Germanistische Linguistik. Band 111). Tübingen 1991, S. 174 und öfter.) bezeichnet man in der Geschichte der Chemie frühe Vorläufer der heutigen Wissenschaft. Der Begriff bezeichnet ab dem 1./2. Jahrhundert die Lehre von den Eigenschaften der Stoffe und ihrer Reaktionen.Herwig Buntz: Alchemie. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 30–31, hier: S. 30.
Die Alchemie ist ein alter Zweig der Naturphilosophie und hatte in der westlichen Welt zwischen 1550 und 1650 eine Blütezeit. Sie wurde im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts von der modernen Chemie und der Pharmakologie begrifflich abgetrenntJohann Hübner (Hrsg.): Curieuses und reales Natur-, Kiunst-, Berg-, Gewerck- und Handlungslexicon […] Leipzig 1712 und 1717 (jeweils Stichwort „Alchymia“). und im 19. JahrhundertHelmut Gebelein: Das Element Feuer in Haushalt und Familie. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Sigmaringen 1991, ISBN 978-3-7995-4156-5, S. 137–151, hier: S. 140. schließlich durch diese Fächer ersetzt.Herwig Buntz: Alchemisten im Dienst des Bischofs Peter Philipp von Dernbach (1672–1683). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 335–353, hier: S. 335–334. Ein Betreiber von Alchemie wird als Alchemist (auch Schwarzkünstler) bezeichnet, dessen Schüler bzw. ein in die Geheimlehren der Alchemie eingeweihter Anhänger der Alchemie häufig als Adept.
Oft wird angenommen, die „Herstellung“ von Gold (Goldsynthese) sei das einzige Ziel der Alchemisten und die Alchemie vor allem eine GoldmacherkunstAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 10 (zur Alchemie als „vermeintliche Goldmacherkunst“). gewesen. Das Spektrum der Alchemisten reicht aber von praktischen frühen Chemikern, Herstellern von SchießpulverWilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 65 („Willst du ein gutes Büchsen-Pulver machen […]. Und das ist die allerbeste Lehre, die man in der ganzen Alchimie finden kann.“) und 102. und Pharmazeuten, frühen Vorstellungen über den Aufbau der Materie, wozu auch die (durch den sogenannten Stein der Weisen zu erzielende) Umwandelbarkeit (Transmutation) von Metallen und anderen Elementen oder Mineralien bzw. SalzenUrsula Klein: Verbindung und Affinität. Die Grundlegung der neuzeitlichen Chemie an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Birkhäuser Verlag, Berlin 1994, S. 177 ff. gehörte, über stark mythisch gefärbte Spekulationen mit Ideen über eine gleichzeitige Wandlung des Adepten, die in neuerer Zeit zum Beispiel das Interesse des Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung fanden, bis zu den „Goldmachern“.
Etymologie und Herkunft mini|Hermes Trismegistos, Stich mini|Version der Tabula Smaragdina bei Johannes Petreius Die ältesten bekannten Aufzeichnungen über die Alchemie, insbesondere die Tabula Smaragdina, stammen aus dem alten Ägypten und dem hellenistischen Griechenland.Jack Lindsay: The origins of alchemy in Greco-Roman Egypt. London 1970. Da diese zunächst ausschließlich über die arabische Welt nach Europa gelangten, stammt das Wort Alchemie (über mittellateinisch alchemiaAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 10 (zur Vermutung, dass das mittellateinische Wort alchimia vom griechischen chemeia, der Lehre vom Feuchten, dem „Urgrund“ möglicherweise, abzuleiten sei). und , französisch-spanisch vermittelt und eingebürgert seit dem 14. JahrhundertHeinrich Schipperges: Historische Konzepte einer Theoretischen Pathologie. Handschriftenstudien zur Medizin des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Berlin / Heidelberg / New York / Tokio 1983 (= Veröffentlichungen aus der Forschungsstelle für Theoretische Pathologie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Ohne Bandzahl), S. 65.) vermutlich von arabisch oder ab, das wiederum wahrscheinlich seinen Ursprung im Griechischen hat: eventuell für „Metallverwandlung“, „Guss“, mittelgriechische Aussprache , auch Nach dem griechischen Wörterbuch von Liddell-Scott sind beide synonym, Eintrag in Liddle-Scott oder auch für „Flüssigkeit“. Die Bedeutung des Wortes ist nicht sicher geklärt und die möglichen Auslegungen sind vielfältig.Laut Kluge gehört „Chemie“ zu griechisch χύμα „Guss“, woraus griechisch-lateinisch chymia entstand und daraus deutsch „Chymie“. Das griechische Fremdwort war zu den Arabern gelangt und wurde zu al-kīmijā, woraus durch spanische Vermittlung französisch alchemie und deutsch alchamei, alchemie und alchimei entstanden. Die Form χημεία, woher „Chemie“ stammt, beruht auf der gleichen Aussprache von η und ī im späteren Griechisch. Siehe Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 117 (Chemie) und 257 f. (gießen, zur Wurzel *chy- in chéein „gießen“ und in cheũma, wofür später chýama „Guss“ stand, sowie in chylós „Saft“).Laut Hofmann gehört „Chemie“ zu griechisch χέω „gieße“ und χεῦμα „Guss, Fluss“, woraus später gleichbedeutend χύμα wurde, wovon sich in Bezug auf eine damit bezeichnete Metallmischung, deren Grundbestandteil Blei war, χυμείᾱ [χημείᾱ] ableitet. Siehe Johann Baptist Hofmann: Etymologisches Wörterbuch des Griechischen. R. Oldenbourg Verlag, München 1950, S. 416. Paracelsus und Georg Agricola verwendeten die Worte für Alchemie bzw. für den Alchemisten.
Nach älteren Annahmen sei Alchemie nicht als „Lehre des Gießens“, sondern als „Kunst der Ägypter“ zu übersetzen und wäre aus koptisch/altägyptisch „schwarz[e Erden]“ (vergleiche hierzu auch Kemet) herzuleiten.Syed Mahdihassan: Alchemy in the light of its names in Arabic, Sanskrit and Greek. In: Janus. Band 49, 1960, S. 79–100. Im 18. Jahrhundert publizierte Zedlers Universallexikon noch, dass Alchemie von arabisch al und chama stamme und daher als „durch das Feuer erforscht“ übersetzt werden könne.Helmut Gebelein: Das Element Feuer in Haushalt und Familie. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Sigmaringen 1991, ISBN 978-3-7995-4156-5, S. 137–151, hier: S. 139.
Die Tabula Smaragdina war das grundlegende Buch der (abendländischen) Alchemisten. Sie ist eine dem Hermes Trismegistos zugeschriebene, ursprünglich wohl griechische, später in lateinischer Fassung verbreitete Sammlung von wenigen, schwer verständlichen und auslegungsbedürftigen Sätzen, in denen die gesamte Weltweisheit enthalten sein soll. Der in der Alchemie verwendete Destillierapparat, eine Grundlage der abendländischen Alchemie, wird darin als Miniatur-Kosmos dargestellt, in dem Substanzen (bei der Rückfluss-Destillation) zunächst von der „Erde“ zum „Himmel“ (a terra ad coelum) aufsteigen. In alchemistischer Literatur wurde der Vorgang der Destillation und Sublimation etwa als Flug der Seele aus dem Körper und ihre Rückkehr in ihn, nicht selten auch als Uroboros, dargestellt, die sich verschlingende und sich selbst erneuernde Schlange (Symbol für Tod und Wiedergeburt als kreisförmiger Prozess).Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 29–31, 53, 129 und 161–165.
Aufgabengebiet und Errungenschaften Ein Ziel der Alchemisten war häufig die Transmutation von unedlen Metallen zu Gold und Silber. Dass dies möglich sei, war aber auch unter Gelehrten im Mittelalter keinesfalls allgemein anerkannt; große Wissenschaftler wie Avicenna, Ramon Lull und Arnaldus von Villanova lehnten dies ab. Das verhinderte allerdings nicht, dass ihnen eine große Zahl alchemistischer Schriften untergeschobenMichela Pereira: The alchemical corpus attributed to Raymond Lull. (= The Warburg Institute Surveys and Texts. 18). Warburg Institute, London 1989. wurden (z. B. Pseudo-Lull), was allgemein eine gängige Praxis der frühneuzeitlichen und mittelalterlichen alchemistischen Literatur war und deren Beurteilung schwierig macht. Ein weiteres Problem ist, dass nicht immer ganz genau klar ist, was in alchemistischen Texten mit den dort erwähnten, meist nicht in reiner Form vorliegenden Chemikalien, gemeint ist.
Der Stein der Weisen (lateinisch Lapis philosophorum) war dabei den Alchemisten eine besondere, die Umwandlung eines unedlen Metalles zu Gold oder Silber ermöglichende „Tinktur“. Er wird dabei nicht verbraucht, ähnlich einem Katalysator in der heutigen Chemie. Die sogenannten Alchemistentaler sind Münzen, die angeblich aus künstlichem, mit dem Stein der Weisen hergestellten Silber geprägt wurden.Helmut Kahnt: Das große Münzlexikon von A bis Z (2005), S. 19/20Carl Christoph Schmieder: Handwörterbuch der gesammten Münzkunde (1811), S. 16 Die Alchemie war aber nur teilweise von der Idee der künstlichen Herstellung von Gold und dem Stein der Weisen beherrscht, man suchte seit der Antike sowohl im Abendland als auch im OrientDietrich Brandenburg: Alchemie und Medizin. Zur Heilmittellehre der Antike und des islamischen Mittelalters. In: Medizinische Monatsschrift. Band 28, 1974, S. 531–535, und Band 29, 1975, S. 25–28. auch (ebenfalls häufig in Verbindung mit dem Stein der Weisen) ein Unsterblichkeit verleihendes MittelAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 177 und öfter. bzw. ein Universal-Allheilmittel (Panacea).Ernst Darmstaedter: Arznei und Alchemie. Paracelsus-Studien. Leipzig 1931. Ein gesuchtes Universallösungsmittel wurde Alkahest genannt.
Neben einer theoretischen Komponente gab es einen praktischen Teil, der den sorgfältigen Umgang mit den Destillations-, Extraktions- und Sublimationsapparaturen voraussetzte. Im arabischen Raum war Rhazes ein typischer Vertreter der ausschließlich praktischen Orientierung der Alchemie.