mini|Freilichtmuseum Slowinzisches Dorf in Kluki mini|Karte der kaschubischen Dialekte. Die im 20. Jahrhundert ausgestorbenen lebakaschubischen Dialekte (2 und 3) und Slowinzisch (1) sind schraffiert. mini|Karte kaschubischer Bevölkerungsanteile nach dem Lemberger Kaschubologen Stefan Ramułt 1899. Die evangelisch-lutherischen Sprecher im Nordwesten, in Hinterpommern wurden seit dem 19. Jahrhundert oft als „Slowinzen“ klassifiziert.
Die Slowinzen oder Slovinzen (slowinzisch Slɵvjĩnstvɵ; Sg. masc. Slɵvjĩnc, Sg. fem. SlɵvjĩncăEintrag im „Slowinzischen Wörterbuch“ von Friedrich Lorentz: Das ɵ ähnelt dem ö, siehe gerundeter halbgeschlossener Zentralvokal. Die Tilde zeigt bei Lorentz einen langen Vokal. Das ă ähnelt dem kurzen ä, siehe Schwalaut und das c entspricht wie in allen slawischen Sprachen in Lateinschrift dem deutschen z. Zum System der Slowinzisch-Lautschrift von Lorentz, vgl. „Slowinzische Grammatik“, S. 13–16 (scan 40–43).; kaschubisch Słowińcë; ) waren ein westslawisches Volk (Ethnie), das im Slowinzischen Küstenland in Hinterpommern lebte. Ihr Siedlungsgebiet befand sich etwa zwischen den Städten Stolp (Słupsk) und Leba (Łeba), heute zur polnischen Woiwodschaft Pommern gehörig. Entgegen früheren Vermutungen ist die Selbstbezeichnung wahrscheinlich nicht sehr alt, sondern eine Übernahme der Fremdbezeichnung Slawen; ältere, dominierende Selbstbezeichnung war Kaschuben.
Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im weiteren Sinne alle evangelischen Slawen/Kaschuben im Osten Hinterpommerns, die sich religiös-kulturell von den römisch-katholischen Kaschuben in Westpreußen, vorher Pommerellen unterschieden, als Slowinzen bezeichnet, seltener auch als Lebakaschuben. Im engeren, linguistisch genauer unterscheidenden Sinne wurden dagegen nur die vom Kaschubischen deutlich abweichenden Dialekte südlich des Garder Sees bis zum Südwestufer des Lebasees als Slowinzisch bezeichnet und deren Sprecher als Slowinzen, weil hier die Selbstbezeichnung auch häufiger war. Ob sie eine Gruppe besonderer Dialekte der kaschubischen Sprache oder eine eigene slowinzische Sprache bildeten, wird verschieden eingeordnet. Die ebenfalls evangelischen Sprecher der Dialekte weiter östlich in Hinterpommern, die eindeutig zu den kaschubischen Dialekten gehörten, wurden in dieser genaueren Einteilung als Lebakaschuben von den Slowinzen unterschieden.
Bereits seit dem 16./17. Jahrhundert wurden die slowinzischen und lebakaschubischen Dialekte schrittweise von der deutschen bzw. niederdeutschen Alltagssprache verdrängt, die Sprecher gingen also zum Deutschen über und wurden in die deutsche Bevölkerung assimiliert. Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie schon auf voneinander isolierte Rückzugsgebiete beschränkt, Slowinzisch in Dörfern der heutigen Gmina Smołdzino (Landgemeinde Schmolsin), Lebakaschubisch in mehreren kleinen, voneinander getrennten Restgebieten; in den Nachbardörfern sprachen nur noch ältere Menschen die Dialekte. 1913 beherrschten auch in diesen Dörfern nur noch ältere Menschen die Dialekte vollständig, mittlere Generationen nur unvollständig oder verstanden sie nur noch passiv und die jüngste Generation beherrschte nur noch Deutsch. Die letzten voll kompetenten Slowinzisch-Sprecher starben wahrscheinlich um den Zweiten Weltkrieg oder kurz danach in Kluki (Klucken), die letzten Lebakaschubisch-Sprecher schon eher, vor dem Ersten Weltkrieg oder kurz danach.
Ursprung des Namens und der Unterscheidung von den östlichen Kaschuben Sie selbst bezeichneten sich nach heutiger Mehrheitsmeinung wohl anfangs als Kaschuben. Die Namen Slowinzen und Lebakaschuben sind Xenonyme, die zwar aus der einheimischen slowinzischen/kaschubischen Sprache kommen, aber dort wohl erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von deutschen Pfarrern und Forschern eingeführt worden sind.J. Koblischke: Der Name „Slovinzen“. „Mitteilungen des Vereins für kaschubische Volkskunde“ 1908; O. Knoop: Etwas von den Kaschuben. „Unsere Heimat“ 1925; Z. Szultka: Studia nad rodowodem i językiem Kaszubów. 1992; M. Filip: Od Kaszubów do Niemców. Tożsamość Slowińców z perspektywy antropologii historii. 2012 So bezeichneten wahrscheinlich erst Karl Gottlob von Anton,K. G. von Anton: Erste Linien eines Versuches über der alten Slawen Ursprung, Sitten, Gebräuche, Meinungen und Kenntnisse. 1783, S. 22 Propst A.T. Kummer aus Groß Garde (1835)s. Z. Szultka: Studia nad rodowodem i językiem Kaszubów. 1992 und Propst Gottlieb Leberecht LorekG. L. Lorek: Zur Charakteristik der Kassuben am Leba-Strome. Treptow 1820/1821 die nicht deutschsprachigen Einheimischen Hinterpommerns als „Slawen“ oder als „Kassuben am Leba-Strome“, was diese wohl danach selten in der Form slovinci (in einigen Dörfern auch slověnci/slavinci ausgesprochen) oder kaszëbi nad Łebom teilweise übernahmen.
Alexander Fjodorowitsch Hilferding glaubte später wahrscheinlich irrtümlich, der Name „Slowinzen“ sei die ursprüngliche Selbstbezeichnung. Hilferding hat diesen Namen auch benutzt, um den kleineren evangelisch-lutherischen Teil von den östlicheren katholischen Kaschuben in Westpreußen (zuvor die polnische Region Pommerellen) zu unterscheiden,A. F. Hilferding: Die Überreste der Slaven auf der Südseite des baltischen Meeres. In: Zeitschrift für slavische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Band I, Heft 1, Bautzen 1862, S. 81–97 (Volltext), Band I, Heft 4, Bautzen 1864, S. 230–230 (Volltext) und Band II, Heft 2, Bautzen 1864, S. 81–111 (Volltext.) was sich danach teilweise durchsetzte. Viele deutsche Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts lehnten den Begriff Slowinzen für die westlichen evangelischen Kaschuben in Hinterpommern ab, wie auch Hilferdings Vermutung, der Name „Slowinzen“ sei gegenüber dem Namen „Kaschuben“ die ältere SelbstbezeichnungJ. Koblischke: Der Name „Slovinzen“. „Mitteilungen des Vereins für kaschubische Volkskunde“ 1908, S. 12–14O. Knoop: Etwas von den Kaschuben. „Unsere Heimat“ 1925; einzige Ausnahme war Friedrich Lorentz, der schon im 16./17. Jahrhundert Verwendungen des Namens „Slowinzen“ ausmachte.siehe F. Lorentz: Nochmals der Name „Slovinzen“. „Mitteilungen des Vereins für kaschubische Volkskunde“ 1908, S. 14–16 mit der energischen Gegenrede gegen den unmittelbar vorher emotional schreibenden Koblischke, in der er begründet, warum er den Namen im Westen für ursprünglich hält und damit die Benennung des westlichen Dialektes als „Slowinzisch“ durchsetzt.F. Lorentz: Gramatyka Pomorska. Poznań 1927, S. 10–11 (scan 14–15). Polnische Wissenschaftler haben diese Einstellung erst ab 1990 unterstützt.F. Kluge: Ein vielfach verändertes Kaschubenbild. Neuere polnische Forschungen zur Kaschubei und ihren Bewohnern. In: Zeitschrift für Ostforschung 43 (1994), S. 71–81 (der besprochenen Forschung von Szultka, der sich Kluge hier etwas zu unkritisch anschließt, wurde später auch von den Regionalhistorikern Treder und Filip widersprochen; s. a. M. Filip: Od Kaszubów do Niemców. Tożsamość Słowińców z perspektywy antropologii historii. 2012, der selbst allerdings eine Sonderidentität der Slowinzen nicht ablehnt) Heutzutage halten nur einzelne polnische Wissenschaftler den Namen Slowinzen für älter als aus dem 18. Jahrhundert.J. Treder: Komu może przeszkadzać etnonim Słowińcy? In: A. Czarnik (Hrsg.): Obrazy Ziemi Słupskiej. 2003 Der Streit um die ethnische Sonderstellung der Slowinzen gegenüber den Kaschuben wurde auch in der polnischen Wissenschaft nachsozialistischer Zeit geführt. Während der Regionalhistoriker Jerzy Treder die ethnische Sonderstellung bis zu seinem Tod vertrat, bestritt sie der Regionalhistoriker Zygmunt Szultka, besonders weil die Vorfahren der Kaschuben und Slowinzen schon in der slawischen Stammeszeit des 7.–9. Jahrhunderts einen gemeinsamen Stammesverband bildeten. Der Ethnologe Mariusz Filip aus Poznań kritisiert hinter diesem Ansatz ein zu objektivistisches Verständnis von Ethnien, die in Wahrheit historisch immer wieder sozial konstruiert werden und arbeitet mehrere Sondermerkmale heraus, die später zu eigenen Identitäten führen könnten: das auch von den übrigen Kaschuben abgeschottete Siedlungsgebiet, die evangelisch-lutherische Konfession und sprachliche Besonderheiten, die selbst ihre deutschen Nachbarn wahrnahmen, als sie speziell die Sprecher slowinzischer Dialekte volkstümlich als „Istker“ bezeichneten, nach dem nur von ihnen verwendeten Wort istka (=deutsch: „ist“, polnisch: jest, kaschubisch: je).M. Filip: A tribe after all?..., ausführlicher in M. Filip: Od Kaszubów do Niemców... S. 105–107.
Sprache
mini|Karte kaschubischer Dialekte nach Friedrich Lorentz (1903), der Slowinzisch damals noch, anders als in späteren Schriften, als niederkaschubischen Dialekt einordnete. Die drei nordwestlichen Dialekte in Hinterpommern waren zu der Zeit schon auf einzelne Dörfer und ältere Menschen fragmentiert, wobei die anderen beiden eher verdrängt wurden als der slowinzische Dialekt.
Besonders der deutsche Slawist Friedrich Lorentz räumte in seinen späten Schriften der Unterscheidung von Kaschuben und Slowinzen (neben den etablierten konfessionell-kulturellen Unterschieden) auch eine teilweise linguistische Berechtigung ein. Nach seinen gründlichen Feldforschungen hatten besonders die eigentlichen slowinzischen Dialekte am Lebasee (nicht die östlicheren Dialekte bis zur Grenze nach Westpreußen) neben den ober-, mittel- und niederkaschubischen Dialekten eine Sonderstellung am Übergang zum westlicheren Pomoranischen, schon mit einigen Gemeinsamkeiten mit dem Polabischen, westlich von Pommern, und einigen archaischen Merkmalen.Vgl. F. Lorentz: Gramatyka Pomorska. Poznań 1927, z. B. Faltkarte in der hinteren Umschlagseite (digitalisiertes Bild 78). Braun sind dort die slowinzischen, rot die niederkaschubischen, grün die mittelkaschubischen, violett die oberkaschubischen Varietäten. Die Karte zeigt nicht die Verbreitung im Erscheinungsjahr, sondern Mitte 19. Jh. Bereits vorher unterschieden einige Forscher nicht nur zwischen evangelischen Slowinzen in Pommern und katholischen Kaschuben in Westpreußen, sondern unterteilten sie nach Dialekten, z. B. Hilferding und der deutsche Forscher Franz Tetzner 1899, die die westlichen eigentlichen Slowinzen und die östlicheren Lebakaschuben beidseits der Leba unterschieden, letztere meist noch nach Dialekt in die „Kabatken“ westlich der Leba und die „Osseken“ östlich davonFranz Tetzner: Die Slowinzen und Lebakaschuben. Land und Leute, Haus und Hof, Sitten und Gebräuche, Sprache und Literatur in Hinterpommern. Berlin 1899. (dort durchgängig so unterschieden). Die „Kabatken“ erhielten ihren Namen von einer charakteristischen Tracht, die „Osseken“ von ihrem wichtigsten Ort Osieki Lęborskie. (vgl. nebenstehende Dialektkarte in polnischer Sprache nach Lorentz).
Aus linguistischer Sicht wurden am Ende also nur die Sprecher des westslowinzischen Dialektes (südlich des Garder Sees) und des ostslowinzischen Dialekts (vom Garder See bis zum Südwestufer des Lebasees) als „Slowinzen“ bezeichnet, die östlicheren protestantischen Sprecher, deren früher ausgestorbener kabatkischer und ossekischer Dialekt zu den niederkaschubischen Dialekten gehörten, wurden dagegen als „Lebakaschuben“ bezeichnet. mini|links|Titelseite der gedruckten Übersetzung des Kleinen Katechismus Luthers ins Pomerellen-Polnische von Michael Brüggemann 1653. Rechts ein Stich Luthers, links von Brüggemann. mini|Text der „Neuen Edition“ der Übersetzung des „Kleinen Katechismus“ von Gottfried Hartmann, 1758. Abgedruckt in den „Neuen Pommerschen Provinzialblättern“ (Stettin 1828) mit deutschen Anmerkungen an den Wörtern, die vom Hochpolnischen abweichen. Die meisten markierten Wörter sind „Preußisch Polnische“ (Pomerellen-Polnische) Besonderheiten, nur die Wörter mit 2) und 3) auf der linken Seite kommen aus dem Kaschubischen.