Israel in Egypt (HWV 54) ist ein Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel mit einem Libretto, welches vermutlich von Charles Jennens stammt. Die Uraufführung fand am 4. April 1739 im King’s Theatre am Haymarket in London statt.

Entstehung

Die Komposition von Israel in Egypt fällt in eine Zeit der Neuorientierung Händels. Bis 1733 war er mit seiner Royal Academy of Music der einzige Anbieter italienischer Opern in London gewesen. Aber seit die Operngesellschaft „Opera of the Nobility“ („Adelsoper“) Händel seit 1734 Konkurrenz machte, ihm sein Theater abspenstig gemacht und seine besten Sänger abgeworben hatte, war sein Opernunternehmen sowohl künstlerisch als auch geschäftlich in schwerem Fahrwasser unterwegs. Dennoch schrieb er in den folgenden Jahren einige herausragende neue Opern, entwickelte aber gleichzeitig die von ihm mit Esther (1732) „erfundene“ Gattung des englischsprachigen Oratoriums weiterDonald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 8 ff. und ließ noch 1733 zwei weitere geistliche Dramen mit englischem Text folgen, die in der gleichen Form, konzertant auf der Opernbühne, aufgeführt wurden: Deborah und Athalia, beide ebenso wie sein Erstling mit biblischen Stoffen aus dem Alten Testament.

Trotz seiner Hartnäckigkeit, an seinem geliebten Genre, der Opera seria, festzuhalten, führte Händel seine Experimente mit dem Oratorium in den schwierigen Jahren parallel weiter fort, indem er Esther 1733, 1735, 1736 und 1737, Deborah 1734, 1735 und Athalia 1735 erneut auf die Bühne brachte, nicht ohne jedes Mal Änderungen an den Stücken vorzunehmen, um einerseits auf die geänderte Sängerbesetzung zu reagieren, aber andererseits weiter zu erproben, wie das Oratorium sich weiterentwickeln ließe. 1737 führte er gar ein Werk unter dem Namen Mr. Handel’s Oratorio bzw. An Oratorio auf, welches eine Zusammenstellung aus Sätzen aller drei Oratorien und seiner Anthems und italienischen Kantaten war.

Als Händel die Saison 1738/39 wegen fehlender Nachfrage des Opern-Abonnements absagen musste, war endgültig der Zeitpunkt gekommen, über Alternativen nachzudenken. Und so begann er Mitte Juli 1738 mit Saul, seinem vierten Oratorium in englischer Sprache. Entgegen seiner sonstigen Praxis schrieb Händel das Werk aber nicht in einem Schwung von Anfang bis Ende nieder, sondern legte die Partitur zwischendurch zur Seite, um es doch noch mal mit einer Oper zu probieren: Imeneo. Als er den Saul am 27. September dann doch fertig hatte, vergingen nur vier Tage, bis er mit Israel in Egypt begann. Er fing nicht von vorne an, sondern die untypische unstete Arbeitsweise setzte sich fort und er begann zunächst mit dem letzten Teil, den er Moses Song nannte, mit dem Lied am Schilfmeer als Textvorlage. Am Anfang notierte er in die Partitur: „Moses Song. Exodus chap. 15 angefangen Octr 1. 1738“ und am Schluss: „Fine. Octobr 11. 1738“. Nach zehn Tagen Arbeit war Händel mit diesem Teil also fertig. Aus seinem Autograph geht nicht hervor, ob er diesen Akt vielleicht als Teil eines größeren Oratoriums plante, andererseits wäre er als eigenständiges Werk zu kurz. Hans Joachim Marx vermutet, dass Händel zuerst Moses Song komponiert hatte, ohne das Konzept eines dreiteiligen Oratoriums zu haben, da aus seinen Eintragungen nicht hervorgeht, dass es sich um einen dritten Teil handeln solle. Das würde auch den Beginn dieser Arbeit mit Moses Song erklären. Danach komponierte Händel den zweiten, Exodus überschriebenen Akt. Seine Eintragungen lauten: „Act ye 2d / 15 Octobr 1738“ und am Schluss des Teiles: „Fine della Parte 2da d'Exodus / Octobr 20. 1738“ sowie das Datum „Octobr 28“, welches sich nicht ganz leicht erklärt: Es könnte die Fertigstellung von Exodus nach dem „Ausfüllen“ der PartiturHändel bezeichnete mit diesem Begriff das Komponieren der Mittelstimmen, nachdem Diskant und Bass fertig waren. meinen. Eine zusätzliche Datumsnotiz am Ende von Moses Song meint wohl, dass auch dieser Teil nun „ausgefüllt“ war und/oder die Einbeziehung des ehemaligen Funeral Anthems (erster Teil) abgeschlossen wurde: „den 1. Novembr völlig geendiget“. Zunächst musste Händel aber den Saul proben und herausbringen. Dafür besorgte er sich die tiefsten in London damals verfügbaren Kessel-Pauken aus dem Tower. Diese Pauken sollen schon 1709 unter dem Herzog von Marlborough in der Schlacht bei Malplaquet zum Einsatz gekommen sein.Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 198 ff. Sie sollten nun auch noch für Israel in Egypt Verwendung finden: Die Uraufführung fand am 4. April 1739 im King’s Theatre am Londoner Haymarket statt. Zwischen den Akten wurde wohl unter anderem das Orgelkonzert F-Dur (HWV 295) gespielt, welches Händel zwei Tage vorher fertiggestellt hatte und das heute unter dem Namen The Cuckoo and the Nightingale bekannt ist.

Die Solisten der Uraufführung waren:

Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Master„Master“ war eine respektvolle Bezeichnung für junge Männer, die noch nicht erwachsen waren. Turner Robinson (Knabensopran) William Savage (Altus) John Beard (Tenor) Henry Theodore Reinhold (Bass) Gustavus Waltz (Bass)

Aufführungsgeschichte Die Uraufführung von Israel in Egypt war kein großer Erfolg, was wohl einerseits am biblischen Text, der nach Meinung insbesondere des Bischofs von London, Edmund Gibson, auf dem Theater nichts zu suchen hatte, andererseits am relativen Mangel an Sologesängen lag. Händel wollte trotzdem eine Wiederholung des Oratoriums versuchen, fügte dazu ein paar Arien für die Francesina aus Esther und Athalia ein und strich einige Chöre. Die zweite Vorstellung fand dann am 11. April „mit den beiden neuesten Orgelkonzerten“The London Daily Post, 7. April 1739 statt. Zwei Tage später wirbt ein anonymer Leser in einem Beitrag für eine weitere Vorstellung:

Tatsächlich wurde das Stück am 17. April in Anwesenheit des Prinzen und der Prinzessin von Wales mit den Änderungen der zweiten Vorstellung ein drittes Mal gespielt.Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 98 ff.

Schon im Mai 1739 führte die „Academy of Ancient Music“ des Johann Christoph Pepusch Israel in Egypt in einer zweiteiligen Fassung ohne Händels Beteiligung in der Crown & Anchor Tavern (Strand) auf. Die beiden Teile waren „Moses Song“ und das Funeral Anthem für Königin Caroline.Bernd Baselt: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 310.

In der folgenden Saison spielte Händel das Stück nur einmal am 1. April 1740 im Lincoln's Inn Fields Theatre. Danach setzte er es erst wieder 1756 auf den Spielplan seiner Abo-Reihe. Er veränderte aber den ersten Teil komplett, indem er das Funeral Anthem strich und durch einen Gott lobenden Teil aus Sätzen seines Occasional Oratorio, Solomon und Esther ersetzte. Von dieser Fassung gab es insgesamt vier Aufführungen im Covent Garden Theatre, zwei in 1756 und je eine in 1757 und 1758. Etwa 1743 wurde es in Oxford und 1744/45 in Dublin gespielt.

Bis zu Händels Tod 1759 erlebte das Oratorium also insgesamt elf Aufführungen, davon acht unter Händels Leitung. Bei den letzten beiden Aufführungen in London mag ihm sein Adlatus Johann Christoph Schmidt der Jüngere assistiert haben, denn Händel war schon vollständig erblindet. Es bleibt festzuhalten, dass Händel das Werk immer in dreiteiliger Form aufführte, also niemals nur aus den Teilen „Exodus“ und „Moses Song“ bestehend, wie man es heutzutage oft hört. Jedoch setzte sich die zweiteilige Fassung recht früh nach seinem Ableben durch. Das betraf die meisten der Londoner Aufführungen in den Jahren 1765–1767, 1769, 1771, 1777, 1786 und 1791. Auch der frühe Druck von William Randall (1771) übernahm diese gekürzte Version. Die letztgenannte Aufführung hat Joseph Haydn unter Thomas Linley und Samuel Arnold im Drury Lane Theatre erlebt, die ihn tief beeindruckt haben soll.

Im 19. Jahrhundert ist Israel in Egypt wohl zuerst am 8. Dezember 1831 in einer gekürzten und ins Deutsche übersetzten Fassung in der Sing-Akademie zu Berlin gespielt worden.

Felix Mendelssohn Bartholdy brachte das Werk als großer Verehrer Händels und der „alten Musik“ 1833 zweimal in Düsseldorf zur Aufführung, zuerst am 26. Mai beim Niederrheinischen Musikfest. Zuvor hatte er bei einer Konzertreise nach London die Gelegenheit genutzt, im Buckingham-Palast Händels Autographe einzusehen. Dabei hatte er zu seiner großen Freude auch die Partitur von Israel in Egypt entdeckt. Die Ergebnisse dieses Quellenstudiums fanden Eingang in seine Aufführungen des Oratoriums, welches er insgesamt fünfmal dirigierte. Die Düsseldorfer Aufführungen hatten eine Version zur Grundlage, die der Situation des Konzertsaals geschuldet war. Die fehlende Orgel wurde durch zusätzliche Bläserstimmen ersetzt, die damals als zweiteilige Werkstruktur bekannte Partitur wurde durch Einschübe aus anderen Werken Händels oder diesem Oratorium zugeschriebene Rezitative ergänzt. Mendelssohns „Trompeten-Ouvertüre“ op. 101 wurde dem Werk vorangestellt. Weitere Konzerte mit diesem deutschen Israel in Ägypten unter Mendelssohns Leitung konnte man 1836 und 1854 in der Paulinerkirche in Leipzig mit über 200 Chorsängern und 1844 in Berlin hören. Eine weitere Bearbeitung des Stückes besorgte Ignaz Franz von Mosel in Wien. Diese Fassung war im März 1836 im Redoutensaal der Hofburg zu erleben. Ferner erklangen deutschsprachige Bearbeitungen des Werkes 1842 und 1850 wieder in Düsseldorf (zuletzt unter der Leitung Robert Schumanns), Königsberg (1844, 1853), Breslau (1849), Aachen (1854), Rotterdam (1854, unter Franz Liszt), Prag (1855) und Halle an der Saale (1859).Klaus-Peter Koch: Aufführungen von oratorischen Werken Georg Friedrich Händels zwischen 1685 und 1945 im östlichen Europa, In: Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa, Heft 14, ISBN 978-3-926196-68-2, Gudrun Schröder Verlag, Leipzig 2013, S. 112 ff.

mini|Händel-Festival 1859 im Kristallpalast mit über 3000 Mitwirkendenvon John Brandard, London 1859 Im England des 19. Jahrhunderts war das Oratorium sehr beliebt. Bei der Aufführung in der Town Hall von Birmingham im Jahre 1840 spielte Felix Mendelssohn Bartholdy in der Pause zwischen den beiden Teilen Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, und 1859 hörte Clara Schumann das Oratoriums in der Exeter Hall in London. Jenseits des Atlantiks wurde Israel in Egypt mehrfach aufgeführt, so 1842 und 1882 in New York City, 1851 und 1859 in Boston, 1877 in Chicago und 1881 in St. Louis. Bei den großen Händel-Festspielen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im gigantischen Londoner Crystal Palace unter Leitung des Dirigenten August Manns stattfanden, wurde gewöhnlich Händels Messias am ersten und Israel in Ägypten am letzten Tag gespielt. Die Aufführung des letzteren am 24. Juni 1859 im Kristallpalast anlässlich des 100. Todestages Händels geriet zu einem ebenso gigantischen Event, nahmen doch 2765 Sängern und 460 Instrumentalisten an dieser Aufführung teil. Seitdem gehört das Stück zum ständigen Repertoire der Chorfeste in England und Deutschland und in der Folge sind weitere Aufführungen für Prag (1860, 1883), Köln (1865), Königsberg (1868), Danzig (1869), Posen (1880), St. Petersburg (1883), Ratibor (1884, 1897), Wien (1870), München (1880), Moskau (1886) und Basel (1887) dokumentiert.

Auch 1888, am 29. Juni, wurde am Schluss des Händel-Festivals im Crystal Palace in London Israel in Egypt aufgeführt. Hierbei nahm Edisons Agent in London, Colonel George E. Gouraud, einige Ausschnitte mit Edisons neuem verbessertem Wachswalzen-Phonographen auf. Davon existieren heute noch drei bespielte Wachswalzen, bei denen es sich um die erste erhaltene Musikaufnahme in Großbritannien überhaupt handelt.