Athalia (HWV 52) ist ein Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel mit einem Libretto von Samuel Humphreys. Die Uraufführung fand am 10. Juli 1733 anlässlich der Verleihung akademischer Grade der Universität im Sheldonian Theatre in Oxford statt. mini|Das Sheldonian Theatre in Oxford, Ort der Uraufführung.

Entstehung

Anders als Händels übrige Oratorien entstand Athalia für zwei Aufführungen in Oxford, zu einer Zeit, als Händel noch vorwiegend Opern komponierte. So hatte er Anfang des Jahres 1733 den Orlando herausgebracht und Floridante wiederaufgenommen. In der Fastenzeit dirigierte Händel Aufführungen seines im März uraufgeführten Oratoriums Deborah und der neuen Esther vom Vorjahr, dies zuletzt am 17. April. Vier weitere Vorstellungen vom Orlando folgten ab dem 21. April. Die Vorstellungsreihe endete am 5. Mai.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 252.

In diesem Frühjahr erhielt Händel vom Vizekanzler der Universität Oxford, William Holmes, eine Einladung, um an der von Holmes wiederbelebten Zeremonie des „Publick Act“, einer Feierstunde der Universität zur Verleihung akademischer Grade, teilzunehmen und diese musikalisch zu gestalten. Außerdem gab es die Gelegenheit, an mehreren Abenden vor und nach der Zeremonie Konzerte zu spielen. Dafür sah Händel neben den schon in London bekannten Oratorien Esther und Deborah auch ein neues Oratorium vor, wiederum mit einem Sujet aus dem Alten Testament. Wie schon bei den beiden früheren Oratorien, schrieb ihm der Dichter Samuel Humphreys, welcher zu der Zeit Sekretär von Händels zweiter Opernakademie war, das Textbuch. Händel muss nach dem Ende der Londoner Oratorien-Aufführungen und zwischen den letzten Vorstellungen des Orlando mit der Arbeit an Athalia begonnen haben. In seiner Kompositionspartitur notiert er dann das Datum der Fertigstellung: „Fine dell‘ Oratorio S[oli]. D[eo]. G[loria]. G. F. Handel London June ye 7. 1733.“Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 65 ff.

Wie dann in mehreren Londoner Tageszeitungen im Juni zu lesen war, wollte man Händel bei der Festveranstaltung in Oxford auch die Ehrendoktorwürde verleihen:

Händel lehnte die ihm angetragene Auszeichnung, für die auch eine Gebühr zu zahlen war, jedoch aus unbekannten Gründen ab. Es ist möglich, dass er seitens der Universität Widerstände verspürte, denn dass Holmes ihn mehrmals außerhalb der Universitätszeremonie im Sheldonian Theatre mit größeren Werken auftreten ließ und dafür 5 Schilling Eintritt verlangte, stieß einigen Traditionalisten an der Universität sauer auf:

Und ein nicht näher bekannter Dozent der Universität von Oxford notierte:

Die Festveranstaltung fand dann tatsächlich am 9. Juli statt, es wurden aber so viele Reden gehalten, dass die ebenfalls angesetzte Uraufführung der Athalia um einen Tag verschoben werden musste und folglich die Aufführungen derselben erst am 10. und 11. Juli gegeben werden konnten.

mini|Liste der handelnden Personen im Librettoheft.Druck von John Watts, London 1756 mini|Die einzige dem Händelschen Ensemble treu gebliebene Sängerin war Anna Maria Strada. Alle anderen seiner Sänger-Stars waren zum Konkurrenzunternehmen, der Opera of the Nobility abgewandert.

Die Uraufführungsbesetzung bestand aus folgenden Sängerinnen und Sängern: Athalia – Mrs. Wright (Sopran) Joad – Walter Powell (Altus) Josabeth – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Joas – Master„Master“ war eine respektvolle Bezeichnung für junge Männer, die noch nicht erwachsen waren. Goodwill (Knabensopran) Mathan – Gaetano Filippo „Philip“ Rochetti (Tenor) Abner – Gustavus Waltz (Bass)

Trotz des Gegenwindes von einigen Leuten an der Universität war das Gastspiel in Oxford für Händel in jeder Hinsicht, auch finanziell, ein voller Erfolg. Nach den herben Verlusten der vorigen Produktionen, konnten die Defizite vermutlich so ausgeglichen werden.

Aufführungsgeschichte

Athalia wurde dann wieder fünfmal im Jahre 1735, beginnend mit dem 1. April im Covent Garden Theatre und damit erstmals in London aufgeführt. Zuvor hatte Händel große Teile des Oratoriums in zwei anderen Stücken verwendet, die im vorangegangenen Jahr anlässlich der Hochzeit von Prinzessin Anne mit dem Prinzen Wilhelm von Oranien am 13. und 14. März erklangen: in seiner Serenata Il Parnasso in Festa (HWV 73) und dem Wedding-Anthem This is the day which the Lord hath made (HWV 262). Deshalb verschob er die Londoner Präsentation seiner Athalia auf 1735.

Weitere Aufführungen fanden in Worcester (1743), Dublin (1744–45, 1751) und 1755 wieder in Oxford statt. Zum letzten Mal in Händels Leben (er war schon erblindet) erklang das Stück dreimal im März 1756 im Covent Garden Theatre.

In Oxford wurde die Tradition dieses Stückes im Sheldonian Theatre, der Stätte der glanzvollen Erstaufführung, fortgesetzt und es erklang hier 1760, 1762, 1769 und 1775. Zweimal wurde es während des Three Choirs Festivals in Worcester (1763, 1764) und 1787 einmal an Händels Geburtstag (23. Februar) im Rahmen der „Concerts of Ancient Music“ in den Tottenham Street Rooms im Londoner Norden gespielt.

Gottfried van Swieten legte eine eigene Bearbeitung der Athalia vor, die 1794 in Wien erklang. Die deutsche Erstaufführung war das Konzert am 14. November 1822 in Berlin. Neben der Singakademie spielte die Königliche Kapelle unter der Leitung von Carl Friedrich Zelter. Eine Wiederaufnahme im Jahr 1835 leitete dann sein Schüler Eduard Grell. Die Wiener Tonkünstler-Societät brachte das Oratorium 1837 in einer Bearbeitung Ignaz Franz von Mosels heraus. In all diesen Aufführungen im deutschsprachigen Raum wurde der Text in einer deutschen Übersetzung gesungen.

Zwar blieb die Wirkung der Veröffentlichung der Partitur im Rahmen der Händel-Gesamtausgabe durch Friedrich Chrysander im Jahr 1859 nicht ohne Wirkung, denn das Oratorium wurde gelegentlich gespielt (Münster 1861, Rotterdam 1863, Berlin 1870 und 1872, Wien 1884 und in England in Falmouth, 1935), doch konnte sich das Stück nicht nachhaltig in den Konzertprogrammen festsetzen. Die höchstwahrscheinlich erste szenische Produktion sah man im Girton College, einem Frauen-College der Universität in Cambridge am 5. und 6. März 1954. Sie fand in der Old Hall unter der Leitung von Ann Eminton statt. In Kontinentaleuropa wurde Athalia am 21. Juni 1968 während der Göttinger Händel-Festspiele unter Günther Weißenborn erstmals wieder aufgeführt.

Libretto

Samuel Humphreys ließ sich für sein Libretto von der Tragödie Athalie inspirieren, die Jean Racine 1691 gedichtet hatte und die im selben Jahr mit der Bühnenmusik von Jean-Baptiste Moreau im Mädchenpensionat in Saint-Cyr uraufgeführt wurde. Diese wiederum basiert auf einer in den Büchern der Könige (2 Kön 11, 1.20) und der Chronik (2 Chr 22,10 und 23,21) geschilderten Geschichte des Alten Testaments. Humphreys Text fußt auf dem Original Racines, nicht auf der seit 1728 in London verfügbaren englischen Übersetzung des französischen Librettos. Für Händel insbesondere scheint dieser Stoff deshalb so von Interesse gewesen zu sein, da er den Weg der Behandlung des Chores als Handlungsträger, den er in Esther und Deborah schon so erfolgreich begonnen hatte, nahtlos fortführen konnte. Wie in seinen früheren Arbeiten für Händel legte Humphreys sein Hauptaugenmerk wiederum darauf, nicht nur trocken Ereignisse der Geschichte zu schildern, sondern in die Charaktere und inneren Konflikte der handelnden Personen hineinzuleuchten.

Handlung

Erster Teil

Die Juden bereiten ihr Erntefest vor. Der Hohepriester Joad klagt darüber, wie Königin Athalia tyrannisch über das Land herrscht und den Götzen Baal anbetet.

Athalia wacht erschrocken auf und erzählt Mathan von ihren Träumen. Der Geist ihrer Mutter sei auf sie zugeschwebt und habe sie vor Judas Gott gewarnt. Als sie die Mutter habe umarmen wollen, habe diese sich entzogen und sei von wilden Tieren zerfleischt worden. Dann habe sie einen Knaben im Priestergewand gesehen, der sie zwar sanft angelächelt, ihr dann aber einen Dolch in die Brust gestoßen habe. Mathan versucht sie aufzumuntern, es sei nur ein Traum gewesen. Da Athalia aber weiterhin bedrückt ist, will Mathan von den Tempelpriestern die Identität des Jungen erfahren und ihn töten.

Joad und seine Gattin Josabeth haben ihren Neffen, den Königssohn Joas aufgezogen, der aber von seiner wahren Abstammung nichts weiß. Abner warnt sie vor der Absicht der Königin. Josabeth ist besorgt, doch der Hohepriester vertraut darauf, dass Gott den Jungen schützen werde.

Zweiter Teil

Die Juden feiern das Erntefest. Abner möchte das Land von der Unterdrückung befreit sehen. Joad eröffnet ihm, dass es einen legitimen Thronfolger gibt – nämlich den von ihm aufgezogenen Jungen. Daraufhin erklärt Abner, dass er diesen mit dem Schwert schützen werde.

Athalia erscheint und fragt, ob der Junge Josabeths Kind sei. Josabeth verneint, und Joas gibt sich als Waisenkind Eliakim aus. Athalia will ihn in ihren Palast holen, aber er lehnt ab, weil er keinen Götzendienst leisten will. Athalia entbrennt in Rachegedanken. Josabeth ist wieder verzweifelt und wird von Joas ermutigt.

Joad und Josabeth drücken ihr Vertrauen auf einen guten Ausgang aus.

Dritter Teil mini|Die Vertreibung der Athalia aus dem Tempel, Antoine Coypel, Paris 1696 In einer göttlichen Erleuchtung prophezeit Joad, dass die frevlerische Herrschaft ein Ende haben und Athalia sterben wird. Er fragt Joas, wessen Herrschaft er sich zum Vorbild nehmen würde, wenn er die Wahl hätte. Joas antwortet „Davids.“, woraufhin der Hohepriester und seine Gattin bekanntgeben, dass Joas ein Königssohn und der neue Herrscher sei.

Mathan kommt auf Josabeth zu, wird aber als Heuchler abgewiesen. Athalia erscheint und verlangt die Auslieferung des Kindes, aber Joad führt ihn ihr als neuen König vor. Abner verweigert ihr den Gehorsam, und Mathan erkennt, dass Judas Gott gesiegt hat. Athalia schwört Rache.

Als Abschluss lobpreisen und danken die Juden Gott für seine Güte. mini|Mathans Arie Nr. 11 Gentle airs für den Violoncellisten Caporale, 1735 in London sang sie John Beard.Druck von John Walsh, London 1735

Musik

Wie in der Londoner Presse zu lesen („The Norwich Gazette“, 14. Juli 1733) wirkten bei der Uraufführung in Oxford siebzig Sänger und Instrumentalisten mit: das größte Ensemble, was jemals in Oxford aufgetreten war. Dementsprechend knüpft die üppige Instrumentalbesetzung nicht nur in diesem Punkt an die Vorgänger-Oratorien Esther (HWV 50b) und Deborah (HWV 51) an. Ergänzend zur textlichen Vorarbeit Humphreys, trägt nun auch Händel durch die Nutzung der daraus resultierenden Möglichkeiten der Instrumentation und dem Wechsel der Klangfarben dazu bei, die handelnden Personen und deren Gefühle möglichst eindringlich zu charakterisieren.

Das Eintreffen des italienischen Violoncellisten Francisco Caporale, von dem Charles Burney schreiben wird, dass man ihm mit besonderer Vorliebe wegen seines vollen, süßen und wohlklingenden Tones zugehört habe, veranlasste Händel erstmals wieder seit 26 Jahren, für ein obligates Solo-Violoncello zu schreiben.Was Händel von nun an die nächsten dreizehn Jahre, bis zu Caporales Tod 1746 immer wieder machen wird. In der Arie Nr. 11 Gentle airs, melodious strains! hat das Violoncello die Aufgabe, den verführerischen Wesenszug des Mathan, einem vom jüdischen zum Baals-Glauben übergelaufenen Priester, zu zeichnen. Einer Solo-Violine fällt in der Arie Nr. 12 Softest sounds no more can ease me zu, Athalias pessimistische Stimmung auszudrücken. Und wie schon in Deborah nimmt Händel hier für die Chöre, welche in der Art der Anthems der anglikanischen Liturgie gesetzt sind, die volle Orchesterbesetzung einschließlich der Blechbläser und Pauken.