mini| Die Stuppacher Madonna, entstanden 1516, Künstler Matthias Grünewald Die Stuppacher Madonna ist ein Marienbild von Matthias Grünewald, entstanden um 1516. Es befindet sich in einem Anbau an der Pfarrkirche Mariä Krönung in Bad Mergentheim-Stuppach (Franken). Die Darstellung zählt neben dem Isenheimer Altar zu Grünewalds Hauptwerken.

Geschichte Entstehung Aufgrund eines 1515 geschlossenen Vertrages aus dem Nachlass von Grünewald und der Beschriftung auf dem Sockel des Rahmens in der Aschaffenburger Stiftskirche St. Peter und Alexander wird angenommen, dass der Aschaffenburger Stiftskanoniker Heinrich Reitzmann das Bild um 1514 beim Künstler in Auftrag gab. Es entstand also während der Arbeiten am Isenheimer Altar in seiner dortigen Werkstatt. Eine Handzeichnung von Grünewald „gekrönte Madonna mit geflügeltem Kind“, die als Studie zur Stuppacher Madonna bezeichnet wird, liegt im Kupferstichkabinett der Staatsgalerie Stuttgart.

Das Gemälde war als Andachtsbild für die neue Kapelle (heute Maria-Schnee-Kapelle) in der Stiftskirche zu Aschaffenburg bestimmt. Es sollte an der Wand hinter dem Altar angebracht werden. Die Kapelle wurde von Kaspar Schantz und seinem Bruder Georg erbaut. Bei ihrer Einweihung am 21. Oktober 1516 durch Erzbischof Albrecht von Brandenburg war das Bild mit größter Wahrscheinlichkeit bereits an seinem vorgesehenen Platz, da es 1517 als schon vollendet bezeichnet wurde. Das Andachtsbild war von einem – noch heute in der Aschaffenburger Kapelle vorhandenen – Kopffeld und wahrscheinlich, wie die meisten der zeitgenössischen Andachtsbilder, auch von einem ebensolchen Sockelfeld umrahmt. Eine dritte Blattmaske, die von dem entfernten Sockelfeld stammt, befindet sich noch im Stiftsschatz.

Es wurde auf Nadelholzbretter von ausgesuchter Qualität gemalt. Im unteren Teil sind diese mit einem sehr feinen Gewebe bezogen. Für die Farbpigmente setzte Grünewald verschiedene Tempera als Bindemittel ein, weshalb man diese Malerei als Mischtechnik bezeichnet.

Teil des Maria-Schnee-Altars mini|hochkant|„Schneewunder“, Tannenholz, (Augustinermuseum, Freiburg im Breisgau)

1517 bestellte Heinrich Reitzmann bei Grünewald ein weiteres Bild, das Schneewunder darstellend. Es sollte nach seiner testamentarischen Verfügung zu der bereits vollendeten Tafel gehängt werden. Da aber für das weitere Bild in dem kleinen Raum vermutlich kein geeigneter Platz zu finden war, kam es zu einer Umplanung: Das schon vorhandene Andachtsbild wurde als Mittelteil eines Triptychons angeordnet, das Schneewunderbild als einer der Flügel dazu. Die heutige „Stuppacher Madonna“ wurde dafür von ursprünglich ca. 195 × 161 cm auf 186 × 150 cm beschnitten.

So entstand zwischen 1517 und 1519 der „Maria-Schnee-Altar“. Das Bildnis vom Schneewunder musste Grünewald nun auf dem schmalen rechten Altarflügel unterbringen (heute im Augustinermuseum in Freiburg im Breisgau). Der verschollene linke Flügel zeigte vermutlich die drei Stifter von Altar und Kapelle vor unbekanntem Hintergrund. Wegen der geringen Raumhöhe wurde das Sockelfeld des ursprünglichen Andachtsbildes entfernt und durch einen niedrigen friesartigen Balken ersetzt. Die Rückseiten der Flügel mit der Epiphanie und die später dazugekommenen Standflügel wurden von einem unbekannten Künstler ausgeführt. Nach den erforderlichen Umbauten stand das Triptychon als Retabel auf dem Altartisch.

Die Stuppacher Madonna wurde bereits um 1531 aus dem Rahmen genommen. Das ist daraus zu schließen, dass der Altar ab diesem Jahr als „Dreikönigsaltar“ bezeichnet wurde und die zugeklappten Flügel das Mittelbild ersetzten. 1532 verschenkte es Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Mainz, an Walther von Cronberg, Hochmeister des Deutschen Ordens in Mergentheim.Breuer, S. 271.

Mergentheim und Stuppach 1809 wurde es in der Kapelle des ehemaligen Deutschordensschlosses in Mergentheim bei der Auflösung des Ordens entdeckt. 1812 kaufte Balthasar Blumhofer, Pfarrer in der Pfarrei Stuppach, das Bild für seine Kirche. Es wurde damals Rubens zugeschrieben. 1854 wurde die Kirche neugotisch umgestaltet. Der in den neuen Hochaltar integrierte Rahmen für das Bild erwies sich als zu klein. Es musste daher an allen Seiten beschnitten werden.

1881 wurde es bei einer Restaurierung als eine Schöpfung Matthias Grünewalds erkannt. Dies erfreute die Stuppacher nicht besonders, da der Name „Rubens“ einen besseren Klang hatte als der nur wenigen Fachleuten geläufige Name „Grünewald“.

Restaurierungen 1833–1931 Das Bild wurde, seit es in Stuppach ist, mehrfach restauriert, unter anderem 1926 bis 1931. Nach der Abnahme der Übermalungen wurde der in fünf Jahrhunderten entstandene desolate Zustand des Bildes offenbar: Es gab kaum mehr eine unbeschädigte oder unbearbeitete Partie. Der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger schrieb über den damaligen Zustand: Diesem Bild ist es widerfahren, daß ein Bauernmaler die schadhaften Partien auf seine Weise restaurierte. So hat der üble Pinsel dieses Tünchermeisters den ganzen Himmel überschmiert und den dort in der Gloriole Gottes schwebenden Engelreigen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auch das Gesicht der Madonna, wie Kopf und Körperchen des Jesusknaben wurden mit einer dicken Farbenkruste zugedeckt, wie schließlich auch die grobe Form des Regenbogens dem Pfuschwerk dieses Restaurators zugehört.Fraenger, S. 296.

Auf Anregung des Landesamtes für Denkmalpflege restaurierte ab 1926 Joseph von Tettenborn das Gemälde vier Jahre lang in der Werkstatt der Staatsgalerie Stuttgart und entfernte die jüngeren Übermalungen. Nach Abschluss der Arbeiten wurde das Bild ein Jahr lang in der Staatsgalerie ausgestellt. Die Restaurierung ist durch eine Fotodokumentation umfangreich belegt. Das Ersetzen einer Christusfigur in den Wolken (Christus als Weltenherrscher) durch einen Gottvater, der von einer Vielschar von Engeln umgeben ist und dem des Isenheimer Altars nachempfunden wurde, ist allerdings umstritten. Der Kunsthistoriker Ziermann verweist auf eine Vorstudie Grünewalds, die sich heute im Kupferstichkabinett der Staatsgalerie Stuttgart befindet. Sie zeigt einen Christus als Weltenherrscher, der in der linken Hand einen kreuzgekrönten Globus und in der rechten ein Zepter trägt. Das Kreuz an der Spitze des Zepters, das die gleiche Form wie das Kreuz an der Gartenpforte hat, weist auf ihn als himmlischen Bräutigam der Jungfrau. Von seinem Thron aus tragen zwei Engel eine Krone, um sie Maria als der Himmelskönigin zu überbringen.

Um das Gemälde nach seiner Rückkehr nach Stuppach besser vor klimatischen Schwankungen zu schützen, errichtete die Kirchengemeinde 1930/31 einen Anbau an der Südseite der Kirche, in dem das Bild seit dieser Zeit – unterbrochen von einer Auslagerung während des Zweiten WeltkriegsAm Ende des Krieges war das Bild im Salzbergwerk Bad Friedrichshall-Kochendorf ausgelagert (Breuer, S. 274). – präsentiert wird. Architekt des Anbaus war Hugo Schlösser.Breuer, S. 273.

Jüngere Vergangenheit mini|Aufstellung nach der jüngsten Restaurierung

In den 1980er Jahren wurde auf dem Tafelbild ohne denkmalpflegerische Beteiligung ein Überzug aufgebracht, der sich konservatorisch nachteilig auf die darunter liegenden Malschichten auswirkte, dem Gemälde einen unnatürlichen Glanz verlieh und Unebenheiten der Malschichten optisch verstärkte.Andreas Menard: „Stuppacher Madonna“ von Matthias Grünewald – Untersuchung und Restaurierung am Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 41, 2012, S. 175–176.

Seit 1997 schützt das Gemälde zusätzlich eine Glaswand, die den Raum, in dem das Gemälde aufgestellt ist, von dem Raum trennt, den Besucher betreten können.Breuer, S. 276.

Das Gemälde wird seit der letzten Restaurierung aus konservatorischen Gründen nur hinter einem Schutzglas gezeigtBreuer, S. 277. und möglichst nicht verliehen. Während der Restaurierung der Stuppacher Kapelle ließ die Kirchengemeinde das Bild 1998/99 in der Staatsgalerie Stuttgart und im Diözesanmuseum Rottenburg ausstellen. Vom 6. September 2011 bis zum 8. Januar 2012 wurde es in der Ausstellung „Himmlischer Glanz. Raffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna“ der Vatikanischen Museen und der Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Dresdner Zwinger gezeigt. Angesichts des Zustandes des Gemäldes (der Präsident des Restauratorenverbandes, Volker Schaible, sprach von einer „Ruine“) war diese Ausleihe umstritten.Hanno Rauterberg, Madonna, hilf!, in: Die Zeit Nr. 36 vom 1. September 2011. Nach der Ausleihe wurde es unmittelbar in die Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege nach Esslingen am Neckar gebracht. Hier wurde der Überzug aus den 1980er Jahren im Zuge einer umfangreichen konservatorischen Bestandsaufnahme und Restaurierung wieder entfernt.Andreas Menard: „Stuppacher Madonna“ von Matthias Grünewald – Untersuchung und Restaurierung am Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 41, 2012, S. 175–176. Die Zeit der Ausstellung in Dresden und der Restaurierung in Esslingen wurde in Stuppach für die klimatische Ertüchtigung des Anbaus genutzt, in dem das Bild anschließend wieder gezeigt wurde.

Bildbeschreibung Aufbau Das Gemälde ist durch eine Diagonale von links unten nach rechts oben in zwei Hälften geteilt. Die rechte Bildseite, auf der sich unter anderem die Kirche befindet, wirkt dunkler und schwerer. Sie scheint sich in größerer Nähe zum Betrachter zu befinden. Die linke Seite erscheint durch ihre Farbgebung heller und ätherischer. Eine zweite Sichtdiagonale, die weniger auffällig ist, verläuft von rechts unten nach links oben vom Mantelsaum über die Haare bis zu den Wolken. Optischer Mittelpunkt des Bildes ist Maria mit dem Kinde, die mit ihrem ausgebreiteten Mantel ein Dreieck bildet. Der Baum zu ihrer rechten Seite folgt in leichter Schwingung ihrer Körperkontur. Ihr Kopf befindet sich im Schnittpunkt der beiden Diagonalen. Exakt in der physischen Bildmitte befinden sich die Hände. Vor dem Hintergrund des Mantels bilden sie in diesem Bild den stärksten Hell-Dunkel-Kontrast.

Darstellung mini|hochkant|Detail des Isenheimer Altars Das detailgetreu gemalte Bild zeigt Maria, die auf einem Brunnenrand oder einer Bank sitzt. Sie trägt ihr langes, blondes Haar offen und keine Krone krönt ihr Haupt. Der Kopf ist dem Kind zugewandt, das auf ihrem Schoß steht und dem sie mit der linken Hand eine Feige reicht. Mit der rechten Hand hält sie das Jesuskind, wobei die Finger in unnatürlicher Haltung gespreizt sind. Mit ebenso unnatürlicher Fingergestik greift das Kind in Richtung Feige und weist gleichzeitig mit seinen Fingern auf den dargestellten Baum. Über dem Kopf Marias wölbt sich ein Regenbogen, darunter ein angedeuteter Heiligenschein. Am linken oberen Bildrand öffnet sich der Himmel; Gottvater und Engel sind erkennbar. Die Darstellung Marias hat Ähnlichkeit mit der im Isenheimer Altar, den Grünewald zuvor gemalt hatte.

Rechts von Maria steht ein Baum, dessen Krone durch den oberen Bildrand abgeschnitten ist. Er trägt gleichzeitig Laub, Blüten und Früchte. An der Wurzel des Baumes steht ein Gefäß mit Blumen. Eindeutig zu identifizieren sind Rosen und Madonnen-Lilien. Im Hintergrund des Baumes ist eine Kirche mit weit vorspringenden Strebebögen erkennbar, die vom rechten Bildrand teilweise abgeschnitten ist. Kunsthistoriker haben in der dargestellten Kirche Details des Straßburger Münsters wiedererkannt.

Links sieht man eine weiße Keramikschale, in der ein Rosenkranz liegt, und einen Krug. Darüber ist ein Feigenbaum erkennbar, der sich um ein Holzkreuz windet, und dahinter ein Garten mit einem geschlossenen Tor in Kreuzform, Bienenstöcke und darüber eine Landschaft mit einem Dorf – es soll sich um Seligenstadt handeln –, Gebirge sowie in der Ferne einem angedeuteten Meer.

Bildsymbolik