Samson (HWV 57) ist ein Oratorium in drei Akten von Georg Friedrich Händel mit einem Libretto, welches Newburgh Hamilton nach John Miltons Samson Agonistes (1671) bearbeitete. Die Uraufführung fand am 18. Februar 1743 im Covent Garden Theatre in London statt.
Entstehung Händel wollte eigentlich in der Saison 1741/42 nichts unternehmen. In der Saison davor war sein letzter Versuch gescheitert, mit Imeneo und Deidamia seine italienischen Opern fortzuführen. Den Anlass, doch etwas neues, nach Israel in Egypt ein weiteres Oratorium nach Bibelstellen zu komponieren, gab dann eine Einladung zu einer Konzertreihe in Dublin. Dieses neue Stück, der Messiah, sollte dort neben früher komponierten Oratorien und Oden in der am 2. Oktober 1741 neu zu eröffnenden Mr Neale’s Great Musick Hall in Fishamble Street gespielt werden. Noch vor seiner Abreise nach Dublin im November 1741, unmittelbar nach dem Abschluss der Partitur des Messiah, also nach dem 14. September, begann Händel mit der Komposition des Samson. Schon am 20. September beendete er den ersten Akt und notierte in seine Kompositionspartitur: „End of the first Act Sept. 29. 1741“. Den zweiten Akt stellte er am 11. Oktober fertig: „End of the second Act. ☉ [Sonntag] Octobr. 11. 1741“, das gesamte Oratorium am 29. Oktober: „Fine dell’Oratorio London, G. F. Handel. ♃ [Donnerstag] Octobr. 29. 1741.“ Kurz danach reiste er nach Irland, um dort im Dezember seine Subskriptionsreihe, die auch den neuen Messiah beinhaltete, zu starten. Nach zehnmonatigem Aufenthalt dort kehrte er Ende August 1742 nach London zurück und überarbeitete den Samson noch einmal gründlich. Dabei strich er die Notiz am Ende: „Fine dell’Oratorio“ wieder durch und ergänzte, nachdem er einige zusätzliche Stücke notiert hatte: „S[oli]. D[eo]. G[loria]. G. F. Handel. Octobr. 12. 1742.“ mini|Die Uraufführung fand im königlichen Theater von Covent Garden statt. mini|links|Der Tenor John Beard sang in den ersten zwölf Aufführungen 1743 bis 1745 die Titelpartie.
Die zu dieser Zeit äußerst populäre Schauspielerin und Sängerin des Theatre Royal Drury Lane, Kitty Clive, die mit Händel in der Folgezeit befreundet war, gestaltete in dieser ersten Aufführungsserie 1743 die Rolle der Dalila, was half, ihren Ruf als „hochkarätige“ Künstlerin zu festigen und durch die separate Bühne noch mehr Anhänger ihrer Kunst zu generieren. Händel, der ebenfalls von Clives Popularität profitierte, verstand es in seinen Kompositionen, sich stilistisch eng an die bereits etablierte Starpersönlichkeit der Sopranistin anzulehnen.Berta Joncus: Handel at Drury Lane: Ballad Opera and the Production of Kitty Clive. In: Journal of the Royal Musical Association. Volume 131, Teil 2, Oxford 2006, S. 179–226. Die Uraufführung des Samson fand am 18. Februar 1743 im Covent Garden Theatre statt. Das dabei als Zwischenaktmusik gespielte Orgelkonzert war wahrscheinlich das kurz zuvor abgeschlossene Konzert in A-Dur (HWV 307). Es sangen folgende Solisten:
Samson – John Beard (Tenor) Dalila – Catherine „Kitty“ Clive (Sopran) Manoa – William Savage (Bass) Micah – Susanna Maria Cibber (Alt) Harapha – Henry Theodore Reinhold (Bass) Israelitin – Christina Maria Avoglio (Sopran) Israelit, Philister – Thomas Lowe (Tenor) Philisterin – Miss Edwards (Sopran)
Aufführungsgeschichte Nach der Uraufführung wurde Samson in dieser Spielzeit noch acht Mal gegeben, am 2. März in Anwesenheit der königlichen Familie. Händel führte das Oratorium in seinem Leben insgesamt 31 Mal auf, wenn auch sein Adlatus Johann Christoph Schmidt der Jüngere ab 1752 wegen seiner zunehmenden Erblindung für ihn die Leitung am Abend übernahm. Damit gehört es zu Händel erfolgreichsten Werken. Schon wenige Wochen nach der Premiere ließ John Walsh die Arienpartitur des Samson drucken, was der Popularität des Werkes sehr zugutekam. Händel führte das Oratorium nun nahezu in jedem Jahr auf: 1744 (2 Vorstellungen), 1745 (2), 1749 (4), 1750 (2), 1752 (3), 1753 (3), 1754 (1), 1755 (2), 1758 (1) und 1759 (3 Vorstellungen). Bereits zu Händels Lebzeiten ist der Samson auch schon sehr gern andernorts aufgeführt worden, so in Oxford (1743, 1749, 1756, 1759), Dublin (1748, 1751–1753), Gloucester (1748), Salisbury (1751, 1752, 1759), Worcester (1752, 1753, 1755), Hereford (1753, 1756), Bath (1755, 1757, 1758), Bristol (1757), Edinburgh (1758) und London (1751, 1756, 1758, 1759). In der Folge ist hier der Samson nach Händels Tod bis 1786 im Rahmen der Londoner Fastenzeit-Konzerte fast jährlich gespielt worden. In Deutschland erklang das Oratorium erstmals 1776 in der London-Schenke in Hannover, in Moskau zuerst 1783.Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 188 ff.
Im 19. Jahrhundert wurde Samson bei vielen Chorfestivals im deutschsprachigen Raum aufgeführt. Den Weg dazu hatte 1778 eine anonyme Übertragung des Librettos ins Deutsche geebnet. Auch Ignaz Franz von Mosel hatte eine Übersetzung angefertigt, mit der das Oratorium im Oktober 1814 während des Wiener Kongresses ebenda und in der Folge auch 1820, 1829, 1840 und 1859 im Theater an der Wien gespielt wurde. Die weiteren Stationen waren Berlin (1819, unter Bernhard Anselm Weber, hier ebenso 1828 und 1829 (durch Carl Friedrich Zelter) und 1839, 1843 und 1845 (unter Carl Friedrich Rungenhagen), Düsseldorf (1820 und 1832, hier unter Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy), Breslau (1825, 1833, 1875, 1881), Stettin (1826), Königsberg (1827, 1835, 1839, 1845, 1861), Halle an der Saale (1828 unter Gaspare Spontini, weiterhin 1829 und schließlich am 1. Juli 1859 unter Robert Franz anlässlich der Einweihung des Händel-Denkmals auf dem Marktplatz), Kassel (1830), Köln (1832, 1841), Namiest (1837), Dresden und Lübeck (beide 1839), Aachen (1843), Leipzig (ebenfalls 1843), mit dem Thomanerchor unter Moritz Hauptmann), Prag (1845, 1852, 1859, 1867, 1893) und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in vielen weiteren Städten, selbst in kleinen, wie etwa Köslin (1861) oder Lyck in Ostpreußen (1863).
mini|Ankündigung der kalifornischen Erstaufführung des Samson am 3. März 1863 in Platt’s Music Hall in San Francisco. In den Niederlanden wurde das Oratorium zu Händels hundertstem Todestag 1859 in Arnheim und Rotterdam aufgeführt. Auch in den USA wurde es populär: hier erklang es erstmals 1845 in Boston, danach konnte man es auch in New York (1860), San Francisco (1863, 1874), Philadelphia (1880) und in Baltimore (1881) hören.
Auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Samson eines von Händel beliebtesten Werken, wobei das Stück aber auch während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch seinen heroischen Grundcharakter vor Interpretationsansätzen, die im Dienste der damals verbreiteten Ideologie standen, nicht gefeit war. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Oratorium im Vergleich zu anderen Werken Händels weniger oft gespielt. Verschiedentlich ist das Stück auch inszeniert auf die Bühne gebracht worden, erstmals im Oktober 1929 in Falmouth, 1932 in Cambridge, 1936 in der Bryanston School, 1949 in Aberdare und 1958 in der Covent Garden Opera in London. In Deutschland folgte 1963 eine szenische Aufführung des Oratoriums in der St. Jakobi-Kirche Göttingen anlässlich der dortigen Händel-Festspiele (musikalische Leitung: Günther Weißenborn).
Libretto
Das Libretto erstellte Newburgh Hamilton nach der Tragödie Samson Agonistes von John Milton aus dem Jahr 1671. Die Handlung darin beruht auf einer im Buch der Richter (Ri 16, 23-31) geschilderten Begebenheit. Weiterhin benutzte Hamilton für die Arien mehrere Zeilen, Wörter oder Ausdrücke, die er einigen von Miltons kleineren Werken entnahm: den Nachdichtungen und Paraphrasen der Psalmen, der Passion, sowie On Time, On the Morning of Christ’s Nativity, An Epitaph on the Marchioness of Winchester und At A Solemn Musick.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Oratorische Werke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 2. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, ISBN 85-214-5852-5, S. 214.
Handlung mini|Der eingekerkerte Samson, Annibale Carracci, etwa 1595 Samson, der Richter Israels, heiratete eine Philisterin namens Dalila, die herausfand, dass er seine übernatürliche Kraft daher bezog, dass er sich niemals die Haare schnitt. Sie schnitt ihm im Schlaf die Haare ab und verriet ihn an ihr Volk, die Philister, welche die Feinde der Israeliten sind. Sie nahmen Samson gefangen und stachen ihm die Augen aus. Das Geschehen spielt sich vor dem Gefängnis in Gaza ab. Da es ein Festtag zu Ehren des philistäischen Gottes Dagon war, durfte Samson seine Gefängniszelle verlassen, um Besucher zu empfangen, wenn auch in Ketten.
Erster Akt
Samson, blind und in Ketten gelegt, erholt sich von seiner Sklavenarbeit, weil die Philister zu Ehren ihres Gottes Dagon ein Fest feiern. Er grämt sich seines Schicksals.
Die Israeliten beobachten, wie der einst unbezwingbare Held nun ohne Hoffnung daliegt. Micah sieht, wie sich in seinem Los das des ganzen Volkes widerspiegelt. Samson macht sich Vorwürfe, weil er sich durch ein Weib hat verraten lassen. Besonders beklagt er den Verlust seines Augenlichts.
Samsons Vater Manoa sucht ihn auf und erschrickt über seine Veränderung. Samson sehnt sich nach dem Tod, doch der Chor der Israeliten tröstet ihn, dass er dann über Tod und Zeit triumphieren wird.
Zweiter Akt
Micah und die Israeliten rufen Gott an, die Plagen seines Knechts zu betrachten.
Dalila, die Samson verraten hat, erscheint, um Samsons Liebe wiederzugewinnen. Doch was sie auch tut, um ihn zu umgarnen, er weist sie ab.
Der Philister Harapha kommt herbei, um Samson zu bedauern. Der fordert ihn zum Zweikampf heraus, doch Harapha schmäht Samson und behauptet, dass es unter seiner Würde sei, mit einem Blinden zu kämpfen. Samson verspottet ihn als Prahlhans. Micah schlägt vor, die Macht Dagons an der des Gottes der Israeliten zu messen. Die Chöre beider Seiten preisen ihren jeweiligen Gott.
Dritter Akt
Harapha will Samson abholen, um ihn beim Fest der Philister zur Schau zu stellen. Samson lehnt zunächst ab, bei den religiösen Riten zugegen zu sein. Er geht dann aber mit einem Plan zum Fest und mahnt die Israeliten fernzubleiben.
Manoa kommt mit Plänen zu den Israeliten, wie Samson befreit werden könne. Von ferne hört man die Gesänge der Philister, die Dagon anrufen. Plötzlich hört man Lärm und Aufregung.
Ein israelitischer Bote kommt und berichtet, was geschehen ist: Samson hat das Festgebäude niedergerissen und dabei sich selbst und die versammelten Philister darunter begraben. Samsons Leichnam wird herbeigetragen, und die Israeliten stimmen einen Trauermarsch an. Zum Abschluss wird ihr Gott JHWH gepriesen.
Musik mini|400px|Beginn der Ouverture in Händels Direktionspartitur