mini|350px|Die acht Propheten im Museum Schnütgen (2015) Die Acht Propheten aus dem Kölner Rathaus, kurz Kölner Rathauspropheten, sind eine Gruppe von acht unterlebensgroßen Skulpturen aus Eichenholz aus dem 15. Jahrhundert. Sie waren über Jahrhunderte in verschiedenen Räumen des Kölner Rathauses aufgestellt, zuletzt im Hansasaal, wo sie historisch als symbolische „Ratgeber“ für die Ratsmitglieder dienten. Sie zählen zu den wenigen erhaltenen Werken profaner mittelalterlicher Kunst, und sie erinnern an die bürgerliche Neuordnung der Stadtverfassung im Jahr 1396. 1448 wurde ihr Aufstellungsort, die „Prophetenkammer“, erstmals schriftlich erwähnt, woraus auf eine Entstehung der Skulpturen vor dieser Erwähnung geschlossen wurde. Erstmalige dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass die Plastiken frühestens um 1440 entstanden sein können.

Die Originale sind seit 2012 als Leihgabe im Museum Schnütgen ausgestellt (Inv.-Nr. Loan 2012-001 a–h), während im Hansasaal eigens angefertigte 3D-Repliken in Originalgröße stehen.

Beschreibung Die Skulpturengruppe besteht aus acht rundplastischen, farbig gefassten Figuren aus Eichenholz mit einer Höhe von 113 bis 117 Zentimetern. Jede einzelne Figur wurde aus einem massiven Eichenstamm hergestellt, der rund 80 Zentimeter Durchmesser hatte.

Sieben der schlanken Figuren sind bärtig, eine bartlos; alle tragen bodenlange, üppig fließende Gewänder und weiche Mützen als Kopfbedeckung. Die Gewand- und Bewegungsformen sind dabei sehr abwechslungsreich gestaltet, bei einigen mit geöffnetem Umhang, andere haben kreisförmig ausladende oder parallele Faltenwürfe. Auch wenden sich die Propheten in ihrer Bewegung individuell in verschiedene Richtungen. Auch ohne Kenntnis der ursprünglichen Farbfassungen haben sie eine starke räumliche Präsenz und Dynamik.

Während der Kunsthistoriker Reiner Dieckhoff 1988 bei den Skulpturen, die für ihn einen „Anflug von Melancholie“ ausstrahlten, die Gemeinsamkeiten der Gruppe hervorhob und sie trotz gewisser individueller Züge eher als Typen denn als Individuen beschrieb, erkannte die Kunsthistorikerin Iris Metje 2018 zwar die Gemeinsamkeiten, sprach ihnen aber auch einen individuellen Charakter zu.

Jede der Figuren hält je ein Spruchband mit lateinischen Inschriften in den Händen. Die Farbfassungen des Skulpturen sind ebenso wie die der Spruchbänder mehrfach erneuert worden, dadurch haben heute zwei von ihnen denselben Text.

mini|hochkant|„Utilias publica private est semper preferenda“Die aktuellen Inschriften wurden zuletzt 2012 wie folgt publiziert:

Primum querite regnum dei et iustitiam eius (Zuerst suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit); Utilitas publica private semper est preferenda (Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen); Oportet operari consiliata velociter consiliare (Nimm langsam Rat, dann eil’ zur Tat); Utilias publica private est semper preferenda (Das gemeine Beste ist dem persönlichen immer vorzuziehen); Derogare cupientes vincit integritas rationis (Die Unversehrtheit der Vernunft überwindet diejenigen, die [das Gesetz] abzuschaffen wünschen); Equ[u]um est necis artifi cem arte perire sua (Es ist billig, dass ein Meister des Totschlags durch sein eigenes Handwerk umkomme); Fidum sit reipublice co[n]sistor[ium] sile[n]tique salubritate immun[it]um (Es soll keiner aus dem Rat schwatzen); Q(ui) p(ro) re publica perieru[n]t perpetuo vivere intelligunt(u)r (Wer für die Gemeinschaft stirbt, soll ewig leben).

Wer die Inschriften verfasst oder ausgewählt hat, ist nicht überliefert, jedoch sind sie eine Mischung von Zitaten aus Bibel, klassischer Literatur oder philosophischen Diskursen seit dem 13. Jahrhundert – daran sei dem Historiker Max Plassmann zufolge erkennbar, dass es sich um einen gebildeten Menschen gehandelt haben müsse, etwa aus dem Umfeld der Universität zu Köln.

Geschichte und politische Funktion Umfeld: Historisches Rathaus Die Geschichte der Propheten ist eng verbunden mit der Geschichte des Historischen Rathauses und dem damit verbundenen stadtbürgerlichen Selbstverständnis in Köln.

Das Rathaus befand sich in direkter Nachbarschaft zum Kölner Judenviertel, wo die seit der Spätantike hier lebende jüdischen Gemeinschaft ihr Zuhause hatte. Die Kölner antijüdischen Pogrome im Pestjahr 1349 und die endgültige „ewige“ Verbannung der jüdischen (Rest-)Gemeinde im Jahr 1424 waren Voraussetzungen für die Anlage eines Rathausplatzes, einer Ratskapelle und bauliche Erweiterungen des Rathauses auf den nun „freigewordenen“ Grundstücken. mini|Der Verbundbrief

Im Jahr 1396 hatte sich die in 22 so genannte Gaffeln organisierte Bürgerschaft mit dem Verbundbrief eine neue Stadtverfassung gegeben, die bis zur französischen Besatzung 1796 in Kraft bleiben sollte. Als Zeichen der neuen städtischen Hoheit erbaute man 1407 bis 1414 einen Rathausturm. In dessen ersten Stock wurde die Ratskammer als neuer Sitzungssaal eingerichtet. Turm und der Saalbau des alten Rathauses wurden nach 1424 durch einen neuen, zweigeschossigen Bau verbunden. Der schriftliche Bericht eines Gesandten Friedrichs III. über einen Besuch im Kölner Rathaus erwähnt am 30. Oktober 1448 erstmals die Prophetenkammer (camera prophetarum), die als Übergang zur Ratskammer (heute: Senatssaal) diente.

Propheten als politisches Idealbild bürgerlicher Herrschaft Städtische Rathäuser als Wahrzeichen der kommunalen Selbständigkeit gewannen in dieser Zeit zunehmend an Bedeutung. Bereits im 14. Jahrhundert führte man in mehreren Hansestädten religiöse Bildprogramme ein, bei denen biblische Motive zur Rechtfertigung politischer Macht herangezogen wurden. alt=Im Innenraum des Museums links an der Wand 5 gerahmte Gemäldefragmente, rechts Fenster mit halbtransparenter Markise, das den Blick auf das Rathaus erlaubt|mini|Die fünf Fragmente des Propheten-Wandgemäldes (2. Hälfte 14. Jh.) im Wallraf-Richartz-Museum. Durch das Fenster im Hintergrund das Kölner Rathaus, Blickrichtung Nordwand Hansasaal Während die im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts entstandene Figurengruppe der Neun Helden im Langen Saal in ihrer Ikonografie einen Rückgriff auf Ritter und Könige zur Legitimierung der städtischen Patrizierherrschaft bildeten, deuteten die alttestamentarischen Propheten mit ihren Spruchbändern auf die neuen ethischen Grundsätze der bürgerlichen Stadt. Ihre Autorität zog man nun auch in weltlicher Hinsicht als Vorbilder für ein „verpflichtendes politisches Idealbild der Zeit“ heran, etwa Gerechtigkeit, Gleichheit im Recht und Eintracht. Die wohl früheste Darstellung von Propheten in dieser Funktion fand sich seit den 1360er Jahren als Wandmalerei im Hansasaal des Kölner Rathauses. Fünf davon erhaltene Fragmente werden inzwischen im Wallraf-Richartz-Museum aufbewahrt. Beim Umzug des Rats vom Langen Saal (seit dem 18. Jh.: Hansasaal) in die neue Ratskammer im Turm konnten diese Wandmalereien naturgemäß nicht mit „umgezogen“ werden. Sie dürften durch einen Wanddurchbruch an der Nordseite des Saals auch stark beschädigt worden sein, so dass lange Zeit angenommen wurde, dass die Beauftragung der neuen Figurengruppe in diese Zeit fiel. mini|Grundriss des Rathauses mit Hansasaal und Prophetenkammer (hier: Prophetensaal), Zeichnung 1938 Die Propheten dienten jedoch nicht nur dem Schmuck und der repräsentativen Ausgestaltung des Rathauses, sondern auch der „virtuellen Herstellung von Öffentlichkeit“. Während die 23 Ausfertigungen des Verbundbriefes, der „als Garant für Ruhe, Frieden und Sicherheit“ dienen sollte und somit auch eine große Symbolkraft hatte, als schriftliches – und durchaus fragiles – Dokument kaum öffentlich wahrgenommen wurde, mahnten die Propheten die Herrschenden im Rathaus plastisch an ihre Pflichten.

Die Ratsherren mussten die „Prophetenkammer“ auf dem Weg zum Ratssaal durchqueren und passierten dabei die Figuren der Propheten. In einer Arbeit von 2013 untersuchte Plassmann weitere mögliche Funktionen der Prophetenkammer; dabei vermutete er, dass nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis diesen Raum betreten durfte, denen auch durch die beeindruckende Größe der Figuren das Gefühl vermittelt werden sollte, dass die Ratsherren dem Gemeinwohl verpflichtet seien. Noch im 17. Jahrhundert war die Prophetenkammer etwa mit einer Doppeltür versehen, die von einem Türsteher bewacht wurde, so dass zufällig Vorbeikommende keinen Blick in die Kammer und auf die Propheten werfen konnten. Dass die Prophetenkammer als besonders geschützter Raum galt, wird aus den Berichten zu Unruhen 1481/82 deutlich: Am Rosenmontag 1482 drangen einige Männer in die Prophetenkammer ein und setzten dort Ratsherren und -bedienstete fest. Die Anführer wurden später mit dem Tode bestraft, andere Protestierende mit lebenslanger Verbannung, die unter anderem explizit wegen des Eindringens in die propheten kamer begründet wurde.

300 Jahre bis zum Bedeutungsverlust mini|Die Prophetenkammer befand sich im ersten Stock des Verbindungsbaus zwischen dem eigentlichen Rathausgebäude und dem Turm.Wie die Figuren in der Prophetenkammer aufgestellt waren, ist nicht bekannt, doch wird vermutet, dass sie zunächst in zwei Vierergruppen, architektonisch eingerahmt, den Eingang zur Ratskammer flankierten. Um 1600 standen sie – belegt durch ein zeitgenössisches Manuskript – frei auf Holzpfeilern an der Treppe zur Ratskammer.

Eduard Trier vollzog 1952 in seiner Dissertation die Standorte der acht Holzfiguren nach: Bis in das 18. Jahrhundert hinein verblieben die Propheten an der Treppe zur Ratskammer, dann begannen ihre „Irrfahrten“. In den 1720er Jahren wurde die Ratskammer völlig neu gestaltet und barock ausgestattet. Die Propheten, anscheinend inzwischen als „altertümlich“ angesehen, wurden in den eher noch mittelalterlichen Hansasaal versetzt, der deshalb in der Folge oftmals fälschlicherweise Prophetenkammer genannt worden sei. Dort könnten sie zwischen den Fenstern auf Konsolen gestanden haben. Ihre Funktion als Ratgeber und Mahner der Ratsherren dürfte zu diesem Zeitpunkt verloren gegangen sein.

Historisierende Umbauten und Bedeutungswandel der Propheten Im Rahmen des umfassenden Umbaus der Rathausgebäude durch Julius Carl Raschdorff in den 1860er Jahren, die unter historisierenden Vorzeichen stand, wurde das Verbindungsgebäude mit der Prophetenkammer „von der Grundmauer auf“ neu aufgebaut. Raumaufteilung und Geschosshöhen wurden verändert, und die Treppe zum Ratssaal sowie der Durchgang zum alten Hansasaal fielen weg. Die Propheten erhielten eine grundlegend veränderte Fassung und Vergoldung, die sie dem mittelalterlichen Original, wie man es sich vorstellte, näher bringen sollte. Sie kehrten nun auch in die Prophetenkammer zurück, wo sie zunächst auf Gipskonsolen angebracht wurden.

Der bereits wenige Jahrzehnte später, zum Ende des 19. Jahrhunderts von Stadtbaumeister Friedrich Carl Heimann vorgenommene, neugotische Umbau des Rathauses leitete einen weiteren Bedeutungswandel der Propheten ein: Einige Raschdorff-Maßnahmen wurden zurückgenommen und die Geschosse wieder so angepasst, dass der Durchgang zum Hansasaal und die Treppe zum Ratssaal wieder hergestellt werden konnten. Der Raum erhielt eine hölzerne Ausstattung mit Wandvertäfelungen, die Propheten – die während der Baumaßnahmen vorübergehend ins Treppenhaus ausgelagert worden waren – wurden abermals bunter und erhielten neue, von Richard Moest eigens geschnitzte Konsolen aus Holz. Die neue Wertschätzung des mittelalterlichen Hansasaals veränderte auch die Rolle der Propheten: Anstelle der alten Gemeinwohl-Symbolik belegten die Jahrhunderte alten Ausstattungsstücke nun die spätmittelalterliche Blütezeit der freien Reichsstadt Köln.

20./21. Jahrhundert: Umzüge, Auslagerung, Musealisierung