mini|Die vier Schauspielerinnen (Seiyū) des japanischen Manga- bzw. Medien-Franchises Milky Holmes 2010 vor den Abbey Road Studios in London. Sie ahmen die Szene auf dem Beatles-Plattencover zu Abbey Road nach, die seit den 1970ern eine Art Mem bzw. Stereotyp der Popkultur ist. mini|Im Oktober 2011 nahmen Teilnehmerinnen der Veranstaltung Paris Manga 12 Bezug auf die Aktion der vier Japanerinnen und spielten das Mem auf einem Zebrastreifen in Paris nach. Dabei trugen die Cosplayerinnen Kopien der Milky-Holmes-Kostüme.

Das Mem (Neutrum; Plural: Meme, von , zu ) ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet dem Urheber der Memtheorie Richard Dawkins zufolge ein im Gehirn gespeichertes, ins Bewusstsein rufbares Informationsmuster, zum Beispiel einen Gedanken, aber nicht bloße Wahrnehmungen oder Gefühle (als Wahrnehmen bzw. Fühlen). Es kann durch Kommunikation weitergegeben und über den Prozess der Imitationsiehe hierzu Sozialkognitive Lerntheorie internalisiert werden, damit vervielfältigt und so soziokulturell auf ähnliche Weise perpetuiert werden, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann. Analog sind bei der Weitergabe Veränderungen möglich – etwa durch Missverständnis oder unterschiedliche Auffassungen –, wobei (äußere) Umwelteinflüsse die weitere Verbreitung verstärken oder unterdrücken können. Nach Ansicht des Wissenschaftlers Mihály Csíkszentmihályi wird ein Mem kreiert, „wenn das menschliche Nervensystem auf eine Erfahrung reagiert“.Mihaly Csikszentmihalyi: Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, S. 164.

Die Memtheorie wird in verschiedenen Fachwissenschaften (insb. Psychologie, Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften), soweit sie Beachtung findet, einer zum Teil harschen Kritik unterzogen. Einerseits seien die Begriffe (Replikator, Einheit der Selektion usw.) zu unscharf definiert, um überhaupt empirisch bestätigt oder widerlegt werden zu können, andererseits ignoriere die Memtheorie schlicht die Ergebnisse der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung.Mario Bunge, Martin Mahner: Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Stuttgart (Hirzel), 2004, S. 126. Zur Umstrittenheit der Memtheorie trage darüber hinaus bei, dass der Erkenntnisgewinn der Theorie unklar sei.Manuela Lenzen: Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften, Campus Verlag, 2003, ISBN 3-593-40050-2, S. 118.

Seit der Jahrtausendwende wird der Begriff auch – oftmals in seiner englischen Schreibweise Meme – für Internetphänomene verwendet, die sich in sozialen Medien „viral“ verbreiten.

Etymologie und Begrifflichkeit Mem Das Wort Mem ist ein Kunstwort. Es ist etymologisch dem englischen Wort gene (Gen) nachempfunden und hat mehrere weitere Bezüge: zum griechischen μιμεῖσθαι mimeisthai (nachahmen) und μῖμος mimos (Mime, Schauspieler) zum französischen même (gleich) zum lateinischen memor (eingedenk, sich erinnernd) zum englischen mime (mimen) und memory (Erinnerung, Gedächtnis)

Heinz von Förster führte die Bezeichnung „Mem“ 1948 in seiner Schrift „Das Gedächtnis. Eine quantenphysikalische Untersuchung“ ein. Er fasste darin das „Mem“ als den „Träger der Erinnerungsmerkmale“ auf. In Analogie zu der von Delbrück, Schrödinger u. a. entwickelten Auffassung, das „Gen“ als Träger der Erbmerkmale, als Quantenzustand eines Großmoleküls zu deuten, sah er im „Mem“ einen zu verschiedenen Quantenzuständen fähigen Mikrokomplex.

Die englische Bezeichnung meme wurde 1976 vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins vorgestellt; er nannte als Beispiele dazu: „Ideen, Überzeugungen, Verhaltensmuster“. Mit diesem kulturellen Pendant zum biologischen Gen () veranschaulichte er das Prinzip der natürlichen Selektion, deren Grundeinheit Replikatoren von Informationen sind.Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren. In: Das egoistische Gen. (Original: The Selfish Gene. Oxford University Press, 1976). Jubiläumsausgabe 2007, S. 316–334. ISBN 3-499-19609-3. Die Bezeichnung Mem beschrieb er als selbst gewähltes Kunstwort, das sich auf den griechischen Terminus μίμημα, mimema („etwas Nachgemachtes“), beruft.

Memetik Als Memetik wird das daraus abgeleitete Prinzip der Informationsweitergabe bezeichnet.Susan Blackmore: Die Macht der Meme. Heidelberg, Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2000, ISBN 3-8274-1601-9.Was ist Memetik?, Einführung der Uni Münster Das Mem findet seinen Niederschlag in der Memvorlage (im Gehirn oder einem anderen Speichermedium) und der Memausführung (zum Beispiel Kommunikation: Eine Partitur (Memotyp) wird verwendet, um Musik reproduzierbar zu machen. Die tatsächlich im Konzertsaal erklingende Musik ist entsprechend der sogenannte Phänotyp). Für die Begriffe Memvorlage und Memausführung werden in Analogie zu dem Begriffspaar Genotyp und Phänotyp aus der Genetik häufig auch die Bezeichnungen Memotyp und Phämotyp verwendet.

Memplex Die Vernetzung von einander bedingenden Memen wurde von Dawkins zunächst als „koadaptiver Mem-Komplex“ (coadapted meme complex) bezeichnet, was später zum Kunstwort Memplex zusammengezogen wurde.H.C. Speel: Memetics: On a conceptual farmework for cultural evolution. Symposium „Einstein meets Magritte“. Brüssel, Free University, 1995H.C. Speel: 15th International Congress on Cybernetics - Namur (Belgien) 1998

Theoriegeschichte DawkinsRichard Dawkins: Das egoistische Gen. Spektrum, Akad. Verl., Heidelberg / Berlin / Oxford 1994, ISBN 3-86025-213-5, (Originaltitel: „The Selfish Gene.“ 1976, Übersetzt von Karin de Sousa Ferreira) griff nach eigenem Bekunden auf die 1975 geäußerten Thesen des US-amerikanischen Anthropologen F. Ted Cloak Jr. (* 1931)FT Cloak Jr: Is a cultural ethology possible? Human ecology 3 (3), 161–182 über die Existenz von Corpuscles of Culture, von Kulturkörperchen auf neuronaler Ebene, als Grundlage der kulturellen Evolution zurück. Dawkins unterscheidet nicht, ob eine Information sich auf einem DNS-Abschnitt befindet, als Gedanke im Gehirn abgespeichert, als Satz in einem Buch abgedruckt oder als gesprochenes Wort von Mensch zu Mensch unterwegs ist. Informationen vermehren sich nach Dawkins, egal, ob als Gen durch die Zellteilung und die damit einhergehende Replikation des DNS-Strangs oder mittels Kommunikation beim Mem. Die Übertragung des Mems durch Kommunikation ist dabei nicht als Kopie („Blaupause“) eines Gedankens von Gehirn zu Gehirn zu verstehen, sondern – indem der wesentliche Kern der Botschaft erfasst und weitergegeben wird – eher wie ein „Backrezept“ zur Reproduktion desselben Gedankens.Richard Dawkins: Meme, die neuen Replikatoren. In: Das egoistische Gen. Jubiläumsausgabe 2007, S. 326. ISBN 3-499-19609-3. Beschreibungsmodelle von Gedanken-Memen unterliegen damit sehr ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die der Evolution in der Biologie. Dawkins spricht in diesem Zusammenhang vom „universellen Darwinismus“.Richard Dawkins: Vorwort. In: Susan Blackmore: Die Macht der Meme. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2000. S. 20–21.

Meme als Replikator der kulturellen Evolution weisen eine begrenzte Analogie zu anderen Replikatoren auf. Neben den Genen werden von Dawkins auch Viren, Computerviren oder Prionen genannt. Im Analogieschluss werden Prozesse der kulturellen Replikation – wie in der Evolutionstheorie – ebenfalls mit Variation und Selektion erklärt. Entsprechend führe die unvollkommene Replikation zu unterschiedlichem Reproduktionserfolg verschiedener Replikatoren. Wie auch bei anderen Replikatoren kommt es zur Bildung von kollektiv-autokatalytischen Verbänden von Memen.Stuart Kauffman: Der Öltropfen im Wasser. München 1996, S. 463.

Der Philosoph Daniel Dennett unterstützte das Konzept der Memetik in seinem Werk Darwin’s Dangerous Idea: Evolution and the Meanings of Life.Daniel C. Dennett: Darwin’s Dangerous Idea: Evolution and the Meanings of Life. New York (Simon & Schuster), 1995 (dt. Darwins gefährliches Erbe.) Als unabhängige, aber geistig verwandte Theorie kann die 1970 von Otto Koenig formulierte Kulturethologie bezeichnet werden. Auch sie beschäftigt sich mit der Evolution von Kultur, zieht dafür jedoch nicht das Konstrukt des Mems heran, sondern arbeitet rein deskriptiv.

Von 1997 bis 2005 gab es ein regelmäßig erscheinendes Journal of Memetics.Website des Journal of Memetics, altWebsite des Journal of Memetics, neu Seit 2009 gibt es die alle drei Monate erscheinende Zeitschrift Memetic Computing.Website des Memetic Computing

Eine weitere Ausdifferenzierung des Meme-Konzepts erfolgte auf Grundlage der Arbeiten von Clare W. GravesGraves, Clare W. (1966): Deterioration of Work Standards. Harvard Business Review, September/October 1966, Vol. 44, No. 5, S. 117–126.Graves, Clare W. (1970): Levels of Existence: An Open System Theory of Values. Journal of Humanistic Psychology, Fall 1970, Vol. 10, No. 2, S. 131–155.Graves, Clare W. (1974): Human Nature Prepares for a Momentous Leap. The Futurist, April 1974, S. 72–87, Edited with embedded comments by Edward Cornish, World Future Society, auf clarewgraves.com , dessen Ansatz von seinen Schülern Don Beck und Chris Cowan unter der späteren Bezeichnung „Spiral Dynamics“ weiterentwickelt wurde. Dabei wurde das Meme-Konzept insbesondere auf die Entwicklung und Ausprägung von Wertesystemen bezogen. Der Begriff bezeichnet die Verbindung von Ideen, Überzeugungen, Werten, Normen, Symbolen, Deutungsmustern und Einstellungen, die in ihrer Gesamtheit zur Herausbildung vergleichsweise kohärenter Wertesysteme beitragen können und sich unter anderem in bestimmten Verhaltensweisen widerspiegeln. Solche Strukturen können Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen und Gruppen beeinflussen. Werte-Meme werden dabei als komplexe informationelle Strukturen verstanden, die sich in individuellen und kollektiven kognitiven Repräsentationen widerspiegeln können.

Mihály CsíkszentmihályiMihály Csíkszentmihályi: Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. (= Band 6067, Herder spektrum, ), Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2010, ISBN 978-3-451-06067-0, S. 84 (Erstausgabe 2006).Mihaly Csíkszentmihályi: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile im Tun aufgehen. (Originaltitel: „Beyond Boredom and Anxiety. The Experience of Play in Work and Games.“ 1975). 8. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-95338-8.Mihaly Csíkszentmihályi: Flow. Das Geheimnis des Glücks. 4. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-95783-9. knüpfte an Richard Dawkins’ Konzept des Mems an und übertrug es stärker auf die Entwicklung von Kultur und Kreativität. Er verstand Meme als kulturelle Einheiten, etwa Ideen, Theorien, Sprachen, Lieder, Rezepte oder Werte, und betonte insbesondere die Rolle kreativer Menschen bei deren Veränderung und Weiterentwicklung. Werden solche Veränderungen von anderen als sinnvoll oder besser bewertet, können sie sich innerhalb eines kulturellen Bereichs durchsetzen und weiterverbreiten. Damit rückte Csíkszentmihályi neben der Weitergabe von Memen insbesondere Kreativität, soziale Anerkennung und das kulturelle Umfeld in den Mittelpunkt. Sein Flow-Konzept bildet dabei keinen Bestandteil der „Spiral Dynamics“, weist jedoch insofern eine konzeptionelle Nähe auf, als beide Ansätze Prozesse menschlicher Entwicklung und den Umgang mit zunehmender Komplexität thematisieren.

Anwendung Naturwissenschaften Durch die Mem-Hypothese lassen sich Teilaspekte der Evolution der Vogeldialekte erklären. So ist nach den Überlegungen des Symbiosismus Sprache analog zu einem ‚biologischen Organismus‘, genauer als ein mutualistischer Symbiont zu verstehen, dessen Träger das menschliche Gehirn ist. Sprache vermittelt Meme, die kleinsten replizierbaren Elemente extra-genetischer Information, und ist daher von großer Bedeutung in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.