Systemische Organisationsberatung ist ein gedankliches Konzept zur Beratung „sozialer Systeme“, also zur Beratung von Unternehmen, Krankenhäusern, Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung, Schulen, Universitäten und vieler anderer Organisationsarten mehr, ein Konzept, das Mitte der 1980er-Jahre im deutschsprachigen Raum allmählich konkrete Formen angenommen hat.
Das aus der sozialphilosophischen Strömung des Konstruktivismus stammende Konzept wird vorwiegend von bestimmten Unternehmensberatern angewandt, die sich irgendwann im Laufe ihres Werdegangs konstruktivistische Denkweisen zu eigen gemacht haben.
Eine der historischen Wurzeln der systemischen Organisationsberatung ist die systemische Beratung in der Familientherapie und der Versuch, diese auf komplexere, größere, soziale Systeme zu übertragen. Die Systemtheorie wird als theoretisches Reflexionsrepertoire gedanklicher Reflexion während des Beratungsprozesses verstanden.
Begriffsbestimmungen, nähere begriffliche Eingrenzungen Die systemische Organisationsberatung ist ein Ansatz zur Beratung sozialer Systeme, welcher Mitte der 1980er-Jahre im mitteleuropäischen deutschsprachigen Raum ausgearbeitet wurde. Zwei Gruppen haben maßgeblich dazu beigetragen: der Kreis der Familientherapeuten um Helm Stierlin in Heidelberg und die Trainer und Organisationsberater in der ÖGGO in Wien. Vor dem Hintergrund des damaligen Verständnisses der Systemtheorie – das die Theorie komplexer Systeme mit den Axiomen des Konstruktivismus und dem Konzept lebender autopoietischer Systeme verband – trugen sie Konzepte und Methoden aus verschiedenen Disziplinen wie Kommunikationswissenschaft, Familientherapie, Physik, Biologie, Philosophie usw. zusammen. Daraus entstand einerseits ein Bündel von Interventionstechniken, andererseits eine grundsätzliche Modellierung von Familien und Organisationen als soziale Systeme und letztlich die Grundlagen einer Theorie der Beratung von Organisationen.
Entstehung des Konzepts Der Begriff der „Organisationsberatung“ ist in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre entstanden und bezeichnet „eine ganz bestimmte beraterische Herangehensweise in der Behandlung komplexer Problemstellungen von Organisationen jedweden Typs“ (Behörden/Verwaltungen inklusive Bildungseinrichtungen, ferner Kultureinrichtungen, des Weiteren gewinnorientierte Unternehmen, Nicht-Regierungs-Organisationen, Dienste der Sozialarbeit, Stiftungen, Vereine, politische Parteien, Lobbys etc.) …. Ihr Interventionsrepertoire orientiert sich nicht bloß an der möglichst effizienten Zurichtung der Organisation hin auf einen „ökonomischen Kalkül“. Es umfasst vielmehr alle organisationsbezogenen Beratungsanstrengungen, die das Selbstentwicklungspotenzial von Organisationen mit Blick auf ihre spezifischen Leistungsanforderungen erhöhen.
Kerngedanke des Konzepts Die systemische Organisationsberatung geht davon aus, dass sich komplexe Probleme nicht lösen lassen, wenn man die Aufmerksamkeit lediglich auf ein Element richtet. Soziotechnische Systeme benötigen nach der Theorie der systemischen Organisationsberatung nur Unterstützung bei der Lösung ihrer Probleme. Die Lösung muss von innen kommen. Die „Experten des Problems“ sind die Mitarbeiter, die das Problem haben. Der systemische Berater beschränkt sich auf Coaching, Anregung und hinführende Fragestellungen.
Wie ein Unternehmen, eine Abteilung oder eine Gruppe kann ein soziales System nur dann verstanden werden, wenn die dem System Zugehörigen die Regeln kennen, die das Verhalten der Personen in diesem System leiten.Eckhard König: Systemische Organisationsberatung – Grundlagen und Methoden. Weinheim 1998, S. ? Da Probleme grundsätzlich im Zusammenhang mit dem sozialen System zu lösen sind, ergeben sich für eine Lösung aus systemischer Sicht folgende Ansatzpunkte: Veränderung in Bezug auf die Personen Veränderung der subjektiven Deutungen Veränderung von Verhaltensregeln und der darauf basierenden gemeinsamen Deutungen Veränderung der Interaktionsstrukturen Veränderung der Systemumwelt Veränderung hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungsrichtung und/oder der Entwicklungsgeschwindigkeit
Eckard König und Gerda Volmer lieferten wichtige Grundlagen und Methoden, damit die sehr praxisferne Theorie von Ludwig von Bertalanffy, Niklas Luhmann u. a. für den Praxiseinsatz tauglich wurde.
Systemische Organisationsberatung als begriffliche Klammer für verfeinerte Beratungsansätze heute Der Begriff „Organisationsberatung“ fungiert heute als begriffliche Klammer für Beratungsansätze wie „die Tradition der Organisationsentwicklung und des Change Managements … die Gruppendynamik … die Prozessberatung … sowie unterschiedliche Weiterentwicklungen des Beratungsrepertoires aus der systemischen Familientherapie heraus“Rudolf Wimmer: Organisationsberatung als Intervention: Theoretische Grundannahmen und neue Herausforderungen. In: Peter Heintel et al. (Hrsg.): Praxis und theoretische Grundannahmen von Intervention: Dokumentation der Ringvorlesung Juni 2006. (= IKN Klagenfurter Beiträge zur Interventionsforschung []; Bd. 7). Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Institut für Interventionsforschung und Kulturelle Nachhaltigkeit, Alpen-Adria Universität, Klagenfurt 2013, S. 9–69, darin auf S. 11. (Sammelband, zitierten Aufsatz enthaltend, als PDF). Der Begriff „systemische Organisationsberatung“ bezeichnet ein spezifisches, systemtheoretisch hinterlegtes Grundverständnis von Beratung als Intervention in komplexe, lebende Systeme, angewandt auf Organisationen aller Art, mit dem Ziel, deren Selbstentwicklungspotenzial zu erhöhen.
Paradigmen der Systemtheorie Von 1946 bis 1953 sponserte die Kaufhauskette Macy eine Reihe wissenschaftlicher Konferenzen, die zum Ziel hatten, ausgehend von Ludwig von Bertalanffys „General System Theory“L. von Bertalanffy: General system theory: Foundations, development, applications. Braziller, New York 1968. die Grundlagen für eine „allgemeine Wissenschaft über die Funktionsweisen des menschlichen Geistes“ zu legen. Auf diesen Konferenzen wurden im gedanklichen Austausch die Grundlagen für eine „wissenschaftliche Querschnittsmaterie“ gelegt, die später „Systemtheorie“ genannt wurde. Fritz B. Simon weist darauf hinFritz B. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Carl-Auer-Compact, Heidelberg 2006., S. 17 ff., dass sich Forscher, Therapeuten und Berater zwar immer wieder auf „die“ Systemtheorie beziehen, die Anwendung letzterer tatsächlich jedoch stets als „Work-in-Progress“ zu verstehen ist. Zu verschiedenen Zeitpunkten haben unterschiedliche Disziplinen paradigmatisch Leitideen und -fragen dazu beigesteuert und der Theorie jeweils einen neuen Fokus gegeben. Viele dieser Paradigmen der Systemtheorie stellen die „Organisation“ als Erkenntnisobjekt in einen jeweils anderen Verständnisrahmen.
Die Systemtheorie autopoietischer Systeme und der Konstruktivismus bis in die 1990er Jahre hinein Heinz von Foerster prägte den Terminus „Kybernetik zweiter Ordnung“, um auszudrücken, dass die Beschreibung eines Systems auch die Beschreibung des Beobachters und seiner Beobachtungskriterien einschließen muss, wenn sie nützlich sein soll. Während der Beobachter erster Ordnung die Landschaft beobachtet, beobachtet der Beobachter zweiter Ordnung, wie der Beobachter erster Ordnung beobachtet und welche Brille dieser dabei trägt. Die Beschreibung einer Landschaft mit roten Flecken und grün-blauen Konturen verweist auf den Träger einer Infrarot-Brille. Einem Jäger wird diese nachts nützlicher sein als eine Sonnenbrille.
Heinz von Foerster schlug bereits Anfang der 1970er-Jahre vor, menschliche Kognition zu definieren als nie endende, rekursive Prozesse des Errechnens von Wirklichkeit.H. von Foerster, E. von Glasersfeld: Wie wir uns erfinden: Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus. Carl-Auer, Heidelberg 1999., S. 25 ff. Er war in engem Austausch mit den beiden Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela, die untersuchten, wie Erkenntnis bzw. Wirklichkeitskonstruktion mit neuronalen Prozessen zusammenhängen.Humberto Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann, [München] 1984, ISBN 3-442-11460-8. Ihre damals vergleichsweise einfachen neurophysiologischen Experimente sind heute von den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung bestätigt: Es gibt keine 1:1-Abbildung von Stimuli in den Feuerungsmustern von Hirnzellen. Das Gehirn reagiert unspezifisch auf externe Reize und auch nur mit einem vergleichsweise geringen Anteil seiner neuronalen Gesamtaktivität.
Ihre wissenschaftliche Arbeit führte Maturana und Varela von ihrer Kognitionstheorie zu einer generellen Theorie lebender Systeme. Lebende Systeme weisen ein universales, konstantes Organisationsprinzip auf: die „Autopoiese“. Es besteht in typischen selbstorganisierenden Prozessen, durch die lebende Systeme ihre eigenen Grenzen bestimmen und ihre Elemente und die diese verbindenden inneren Strukturen erzeugen – und zwar mittels ihrer bestehenden Elemente und Strukturen. Die Antwort auf die Frage, was zuerst da war, Henne oder Ei, wird so zum Artefakt des Beobachtungsfokus – ähnlich wie die quantenphysikalische Frage: Welle oder Teilchen? Strukturgebend und konstitutiv für lebende Systeme sind die selbstorganisierenden Prozesse, die unter anderem von der Henne zum Ei und vom Ei zur Henne führen. Autopoietische Systeme kennen keinen Unterschied zwischen Erzeuger und Erzeugnis, zwischen Sein und Tun.
Autopoietische Systeme sind operational geschlossen, das heißt, was immer darin geschieht – z. B. ein Genesungsprozess von einer Grippe –, bezieht sich rekursiv auf das, was gerade vorher passiert ist, bis in Selbstorganisation nach vielen rekursiven Immunreaktionen ein neuer Attraktor und ein neues Muster erreicht sind. Ob draußen die Sonne scheint, ein wichtiger Termin im Kalender steht, ist – wie andere Außenreize auch – für den Genesungsprozess bedeutungslos; es schließen keine internen Operationen daran an.
Die Menge der dem System zur Verfügung stehenden Operationen ist begrenzt, d. h. „geschlossen“. Man kann autopoietische Systeme nicht instruieren, andere Elemente hervorzubringen als diejenigen, aus denen sie bestehen, bzw. die strukturell angelegt sind. Nur das Leben eines Huhns kann das Leben eines Huhns hervorbringen.M. Berghaus: Luhmann leicht gemacht. 2. Auflage. Böhlau, Köln 2003, S. 57. Kein Huhn kann sich Hufe oder ein Euter wachsen lassen. Allerdings sind lebende Systeme strukturell mit ihren Umwelten gekoppelt; Umweltereignisse können im Rahmen dieser „strukturellen Koppelung“ ein System bei seinen Operationen „verstören“ (im Spanischen: perturbieren). Wenn die Temperatur abstürzt, die Heizung ausfällt, das Wasser Typhusbakterien enthält usw., verändert dies das Ergebnis, das durch die Genesungsoperationen bereits erzielt wurde. Die Heilungsoperationen setzen plötzlich wieder bei 42 Grad Fieber an, ein fast genesener Mensch erleidet einen Rückfall. Grundsätzlich kann eine solche Verstörung bzw. Beeinflussung des Systems durch die Umwelt jedoch nur stattfinden, wenn das System dies strukturell zulässt. Für einen Kaltblüter ist ein Temperaturabfall auf 5 Grad Celsius weitgehend bedeutungslos.