mini|alt=|Armbrust mit Stahlbogen (Deutschland, 16. Jh.) mini|Jagdarmbrust der Marke TenPoint Die Armbrust ist eine als Abschussvorrichtung für Bolzen, Pfeile oder Kugeln konzipierte Fernwaffe mit einem auf einer Mittelsäule montierten Bogen, dessen Sehne durch eine Rückhaltevorrichtung in gespannter Position gehalten und über einen Abzugsmechanismus ausgelöst werden kann.

Etymologie Das Wort „Armbrust“ geht auf („Bogenschleuder“, deutsch auch „Arcuballiste“) zurück, im Französischen . Im 17. Jahrhundert war noch das Wort „Balester“ verbreitet. Bei der Eindeutschung wurden die Wörter „Arm“ und (neuhochdeutsch „Ausrüstung“ bzw. „Bewaffnung“) kombiniert (Verballhornung), woraus sich durch Verschleifung „Armbrust“ (regional auch „Armborst, Armst, Arbrost“) entwickelte, so dass durch die irrtümliche Herleitung von dem Körperteil Brust eine typische Volksetymologie entstehen konnte. Der Plural lautet „Armbrüste“, seltener „Armbruste“. Der Hersteller einer Armbrust war der Armbruster.

Technik mini|links|Der Gastraphetes, eine altgriechische Armbrust mini|Repetierarmbrust aus dem Löffelholz-Codex von 1505 mini|Skizze einer Riesen-Armbrust (Leonardo da Vinci) mini|Spitze eines Armbrustbolzens aus dem 14. Jh.

Die Armbrust ist im Prinzip ein horizontal auf einer Mittelsäule montierter Bogen, der es dem Schützen durch eine Rückhaltevorrichtung für die Sehne ermöglicht, die Waffe ohne Anstrengung gespannt zu halten und dadurch lange und genau zu zielen. Durch geeignete Konstruktion (stärkere Bögen) kann die Armbrust erheblich mehr Energie speichern und auf ein Projektil übertragen, als es einem Bogenschützen durch bloße Armkraft möglich ist. Deshalb können keine langen, elastischen Holzpfeile verschossen werden, die unter den auftretenden Beschleunigungskräften zerbrechen würden, sondern kurze, steife Bolzen oder – seltener – Keramik- oder Steinkugeln zu Jagd- und Sportzwecken (mit einem kleinen Korb als Projektilaufnahme). Heute kommen bei Armbrüsten mit hoher Beschleunigung vorwiegend Pfeile aus modernen Werkstoffen wie Aluminium oder Carbon mit bis zu 55 cm (22 Zoll) Länge zum Einsatz.

Die Armbrust durchlief drei wesentliche Entwicklungsstufen:

1. Die Armbrust mit hölzernem Bogen (bevorzugt Eibenholz wegen dessen Elastizität) stellt die Urform dar. Sie wurde meist beidhändig gespannt, wobei das „Mündungsende“ der Waffe mit den Füßen des Armbrustschützen weggedrückt wurde. Spannhilfsmittel brauchten wegen der begrenzten Zugkraft nicht eingesetzt zu werden.

Stärkere Armbrüste wurden mit dem Spanngürtelhaken gespannt, einem eisernen Haken, der vorn an einem Leibgurt hing. Zum Spannen des Bogens kniete sich der Schütze hin, um die Armbrustsehne in den Spannhaken zu legen, setzte dann seinen Fuß in einen am vorderen Ende der Armbrust angebundenen Steigbügel (Stegreif) und spannte die Armbrust beim Aufstehen oder er hakte den Spanngürtel im Stehen ein, setzte einen Fuß in den Bügel und trat die Armbrust zum Boden hinunter.

mini|Zwei mittelalterliche Armbrüste mit Stahl- und Hornbogen

2. Die leistungsfähigere Form der Armbrust war mit einem Kompositbogen ausgestattet. Der Bogen war bei dieser Variante aus Schichten von Horn und Tiersehnen verleimt und bog sich ohne Bogensehne nach vorn (sog. Reflex). Diese Art von Bogen kam in Europa wahrscheinlich zu Ende des 12. Jahrhunderts durch Übernahme der Komposittechnik aus Byzanz oder Arabien in Gebrauch. Diese Art von Armbrust bedurfte wegen ihrer hohen Zugkraft meist einer Spannhilfe in Form von Flaschenzügen (ab spätem 14. Jahrhundert), Hebelkonstruktionen wie Geißfuß und Wippe (ab 15. Jahrhundert), Winden (ab späten 12. Jahrhundert) oder Schrauben (ab 13. Jahrhundert). Der Kompositbogen war sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit. So soll es vorgekommen sein, dass sich derartige Konstruktionen in der Schlacht bei einsetzendem Regen auflösten. Eine Armbrust mit Kompositbogen ist im rechten Bild unten zu sehen (mit aufgesetzter Zahnradwinde), die Zeichnung rechts daneben ist ein Querschnitt durch einen solchen Bogen. Sie zeigt den Aufbau aus verzahnten Hornstäben/Platten und Sehnenbelag.

3. Die historisch leistungsfähigsten Formen der Armbrust, wie die Arbalest mit stählernem Bogen, kamen im 15. Jahrhundert auf. Sie war im Gegensatz zur Kompositbogenkonstruktion nicht mehr witterungsanfällig; zum Spannen mussten ebenfalls die o. a. Hilfen angewendet werden. Eine Armbrust mit Stahlbogen ist im rechten Bild oben zu sehen, rechts daneben eine Zahnrad-Spannwinde mit Kurbel.

Neben den tragbaren Armbrüsten für die Feldschlacht gab es auch größere, stationäre Geräte mit höherer Leistung, die auf Schiffen und zur Verteidigung von Burgen und Städten eingesetzt wurden wie die sogenannte Turmarmbrust oder Flaschenzugarmbrust, ähnlich der römischen Balliste, bei der allerdings die Torsionsspannung von verdrehten Faserbündeln genutzt wurde. Sie war zum Horizontalschuss bestimmt und hatte die typische Armbrustform. Man baute Turmarmbruste mit einer Länge von bis zu zehn Metern. Sie sind systematisch verwandt mit historischen Katapulten sowie neuzeitlichen Harpunensystemen und Geschützen (Lafetten, Panzer).

Eine schwere Armbrust arbeitet oftmals mit einer Winde oder Kurbel zum Aufziehen. Die englische Winde ist eine Art Flaschenzug, der auf der Säule der Armbrust angebracht ist. Die Sehne wird in die doppelten Spannhaken am oberen Radgehäuse eingelegt und durch beidhändiges Drehen der beiden auf einer Welle sitzenden Kurbeln über Seile gespannt. Die sogenannte deutsche Winde arbeitet mit einer Zahnstange anstelle von Seilen. Diese technische Neuerung tauchte im 14. Jahrhundert auf. Das Spannen erfordert wegen des Flaschenzugmechanismus etwa 40 Sekunden. Weil der Spannvorgang viel Zeit kostet, wurden solche Armbrüste vor allem zur Jagd oder für den Kampf aus festen Stellungen heraus, nicht jedoch in der offenen Feldschlacht verwendet. Die Armbrust mit Winde entwickelt einen nicht zu unterschätzenden Rückstoß. Die schwere Armbrust hat mit ihrer Abschusskraft von ca. 4 bis 8 Kilonewton eine enorme Durchschlagskraft, mit der auf einer Kampfentfernung von 50 bis 200 Metern ein Harnisch oder Helm mühelos durchschlagen werden kann.

Geschichte mini|Zwei Brandpfeile (Bolzen) mit erhaltener Brandmischung aus dem 15. Jahrhundert. mini|Armbrustherstellung (Pogner) um 1568mini|Modell eines ladenden Armbrustschützen hinter einer Pavese (Schutzwand) mini|Pistolenarmbrust, frühes 19. Jahrh. Hersteller: Frédéric Siber, Morges, Waadtländisches Militärmuseum Morges.

Antike Im antiken Griechenland ist seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. eine Urform der Armbrust bezeugt, der Gastraphetes. In Xanten am Niederrhein fanden Archäologen in einer Kiesgrube metallene Reste einer römischen Torsionsarmbrust aus der Zeit um Christi Geburt. Reste ähnlicher Waffen wurden bereits in Spanien und im Irak entdeckt. Ein militärischer Einsatz der Armbrust durch römische Soldaten ist daher wahrscheinlich. Die Römer nannten diese Waffen Ballistae. Römische Armbrüste mit Hornbogen sind auf den Reliefs von Solignac und Saint Marcel bei Le Puy zu sehen. Die Darstellung der letztgenannten wird auf das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert. Beide Waffen haben einen kurzen Schaft. Die Sehne wurde (nach dem Relief von Solignac zu urteilen) im gespannten Zustand durch die sogenannte Nuss gehalten.Baatz, Dietwulf (1994), „Die römische Jagdarmbrust“, in: Bauten und Katapulte des römischen Heeres, Stuttgart: Franz Steiner-Verlag, ISBN 3-515-06566-0, S. 284–293.Dictionnaire des antiquités grècques et romaines:

Frühe Formen von Armbrüsten finden sich auch in China, z. B. bei den Keramikfiguren des ersten Kaisers Qin Shihuangdi († 210 v. Chr.): Wehrbauern wurden bei drohender Invasion von Reitervölkern aus dem Nordwesten damit ausgerüstet, damit sie von der „10.000 Li“ (= „unendlich“) langen Großen Chinesischen Mauer den Ansturm der Reiterhorden abwehrten.

Mittelalter Wahrscheinlich blieb die Armbrust seit der Spätantike bis in das 9./10. Jahrhundert als Jagdwaffe in Gebrauch. Wahrscheinlich war es der Bau von Stadtmauern und Burgen und die damit veränderte Kriegführung, welche die Armbrust im 10./11. Jahrhundert zunächst wohl in Westeuropa auch als Kriegswaffe relevant werden ließ. Im Schutz der Palisaden und Mauern konnte man ihren größten Vorteil, das kraftlose Lauern, ideal ausnutzen. Bis ins 13. Jahrhundert breitete sie sich nach Osteuropa aus. Technische Veränderungen lassen sich erstmals um 1200 nachweisen: Wohl im Rahmen des dritten Kreuzzuges wurden Spezialisten für Hornkompositbögen nach Europa gebracht. Diese neue Bogentechnik ermöglichte gegenüber dem herkömmlichen Holzbogen mehr Energie und kürzere Bögen. Noch im 13. Jahrhundert wurden daher zahlreiche mechanische Spannhilfen etabliert.

In Europa wurde die Verwendung von Bögen und Armbrüsten in Kämpfen zwischen Christen durch das Zweite Lateranische Konzil 1139 verboten,Alberigo, Giuseppe: Conciliorum oecumenicorum decreta. Canon IXXX, Bologna, 1973³, S. 195–203. da sie wegen ihrer Reichweite und ihrer Durchschlagskraft gegen Rüstungen als unritterlich galten. Der Einsatz gegen Heiden, insbesondere gegen arabisch-islamische Gegner, blieb jedoch erlaubt. Diese moralische Ächtung war jedoch in der Kriegspraxis nicht durchsetzbar. Richard Löwenherz, ein bekannter Förderer der Armbrust, kam 1199 durch einen Armbrustbolzen zu Tode.

Die Kadenz war im Vergleich zu den im 13./14. Jahrhundert erfolgreicheren Langbögen aus England wesentlich langsamer (1 bis 2 pro Minute gegenüber max. 10 bis 12 beim Langbogen). Sie war daher weniger zur offenen Feldschlacht geeignet, sondern mehr als Scharfschützenwaffe für statische Belagerungskämpfe. Weiterhin war die Ausbildung des Schützen an der Armbrust einfacher und stellte weniger physische Ansprüche als die des Bogenschützen, so dass sie aufgrund aller Faktoren zur Hauptwaffe der Städter wurde. Aus dieser Tradition entstanden die Schützengilden (siehe auch Schützenbruderschaft) und regelmäßige Schützenwettbewerbe als Training und Leistungsprüfung für wehrhafte oder wehrpflichtige Bürger.

Frühe Neuzeit mini|Armbrust des Ungarischen Königs Matthias Corvinus im Metropolitan Museum of Art Im späten 15. Jahrhundert wurde mit der Arkebuse (Hakenbüchse) eine tragbare Feuerwaffe konzipiert, die sowohl den Bogen als auch die Armbrust als Kriegswaffe bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts in großen Teilen Europas verdrängte (Gelegentlich wurde die Armbrust auch als „Arkebuse“ bezeichnetWilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 140 und 165 f.). Der Codex Atlanticus von Leonardo da Vinci, datiert zwischen 1478 und 1518, enthält noch Entwürfe einer gigantischen Armbrust. Als Jagdwaffe blieb sie weiterhin in Gebrauch. Sowohl die frühen Armbrüste als auch die jagdlichen Armbrüste, die ab dem 16. Jahrhundert parallel zu den Feuerwaffen mit Lunten-, Rad- und später Steinschloss Verwendung fanden, wiesen die typischen Wangenschäfte auf, die lediglich an die rechte Wange des Schützen gehalten wurden. Parallel zu den zeitgleich gefertigten Radschlossbüchsen nahm der Schaft, bei den Armbrüsten „Säule“ genannt, einen immer stärker ausgeprägten dreieckigen Querschnitt an, weil die Schaftwange immer körpergerechter ausgebildet wurde.