mini|Roggenähre mit Mutterkorn mini|Durch Mutterkorn verunreinigter Roggen mini| mini|Abbildungen aus Mémoire sur l’ergot des glumacés von L.-R. Tulasne, 1853L.-R. Tulasne: Mémoire sur l’ergot des glumacés. In: Annales des sciences naturelles (Partie Botanique). Band 20, 1853, S. 5–56 (Digitalisat) mini|Botanische Illustration der Mutterkorn-Ähre
Das Mutterkorn () ist eine längliche, kornähnliche und bis zu vier bis sechs Zentimeter lange Dauerform (Sklerotium) des Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea), einer Schlauchpilz-Art, die aus den Ähren von Getreide herauswachsen kann. Für Mensch und Tier stellt der Befall der Blüten von Nahrungs- und Futtergetreide mit Mutterkorn ein Problem dar, denn die in diesem Pilz enthaltenen über 80 Alkaloide und Farbstoffe weisen eine hohe Giftigkeit auf. In geringer Dosierung kann Mutterkorn auch als Heilmittel wirken.B. Franck: Struktur und Biosynthese der Mutterkorn-Farbstoffe. In: Angewandte Chemie. Band 81, 1969, Nr. 8, S. 269–278, doi:10.1002/ange.19690810802. Besonders häufig betroffenes Nahrungsgetreide ist Roggen, aber auch die als Viehfutter genutzten Getreide Triticale, Weizen, Gerste, Hafer und Dinkel. Über 400 Gräser insgesamt sind befallgefährdet; auch das an der Nordseeküste vorkommende Salz-Schlickgras (Spartina anglica).Giftiges Mutterkorn breitet sich an der Nordsee aus. Meldung bei Scinexx.de/Leibniz Universität Hannover, 22. Mai 2013.
In der Vergangenheit traten auf Mutterkorn zurückgehende Massenvergiftungen – Antoniusfeuer genannt – oft als Begleiterscheinungen von Hungersnöten auf, wenn große Teile der ärmeren Bevölkerung zum Verzehr von ungereinigtem, vom Felde aufgelesenen Getreide gezwungen waren. Auch sonst waren die Armen des Mittelalters und der frühen Neuzeit eher von solchen Vergiftungen durch das Mutterkorn betroffen, da sie meist das billigere, aus kaum gereinigtem Korn hergestellte Brot verzehrten. Der Pilz breitete sich damals vielfach erst in den feuchten Kornspeichern aus, die einen idealen Nährboden für das Mutterkorn darstellten. Daneben besaß das Mutterkorn in der deutschen Volksmedizin ab dem Mittelalter lange eine Bedeutung als wehentreibendes und blutstillendes Mittel.Theodor von Husemann: Handbuch der gesammten Arzneimittellehre. Mit besonderer Rücksichtnahme auf die zweite Auflage der Deutschen Pharmakopoe für Aerzte und Studirende. Berlin 1883, S. 1196 und Georg Schön: Pilze. Lebewesen zwischen Pflanze und Tier. München 2005, S. 67.
Der Chemiker Albert Hofmann stellte 1938 während seiner Forschungsarbeiten zum Mutterkorn mit der Zielsetzung, ein Kreislaufstimulans zu entwickeln, erstmals LSD her.
Inhaltsstoffe Der Mutterkornpilz produziert giftige Alkaloide, die Mutterkornalkaloide. Sie sind durch eine Ergolin-Struktur gekennzeichnet. Zu den Mutterkornalkaloiden gehören beispielsweise Ergotamin, Ergometrin und α-Ergokryptin. Der Alkaloidgehalt beträgt 2 Gramm pro Kilogramm Mutterkorn.K. Roth: Chemische Köstlichkeiten. 1. Auflage, Wiley-VCH, Weinheim 2010, S. 92. Zudem konnten aus Mutterkorn rote Anthrachinonfarbstoffe wie Endocrocin oder Clavorubin isoliert werden, wobei 5 Gramm Anthrachinonfarbstoffe in einem Kilogramm Mutterkorn vorhanden sind. Aus diesen werden schließlich biosynthetisch gelbe Xanthonstoffderivate (Ergochrome) gebildet. Der Zusammenhang zwischen der Farbstoff- und Alkaloidsynthese wurde durch den Chemiker Burchard Franck erforscht.Franck, B. & Reschke, T.: Clavoxanthin und Clavorubin, zwei neue Mutterkorn-Farbstoffe, Angewandte Chemie 1959, 71(12), 407, doi:10.1002/ange.19590711207.
Wirkungen
Ein Zusammenhang zwischen Ergotismus und Mutterkorn wurde erstmals um 1630 formuliert.Erich Mühle, Klaus Breuel: Ein Gräserparasit als Gift- und Heipflanze. 2., erweiterte Auflage. A. Ziemsen, Wittenberg 1977, S. 5 und 9.Irmtraut Sahmland: Ergotismus. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 367 f., hier: S. 368. Zu den toxischen Effekten von Mutterkornalkaloiden zählen Darmkrämpfe, Halluzinationen sowie das Absterben von Fingern und Zehen aufgrund von Durchblutungsstörungen, die das Krankheitsbild Ergotismus (auch Antoniusfeuer oder Mutterkornbrand) prägen. 5 bis 10 Gramm frisches Mutterkorn können bei einem Erwachsenen zu Atemlähmungen und Kreislaufversagen führen und tödlich sein. Die Inhaltsstoffe (insbesondere Ergometrin) regen die Wehen an. Aus diesem Grund wurde der Pilz auch für SchwangerschaftsabbrücheDie Pille in Japan, Abbruchversuche mit Mutterkorn aus ‚Der Arzt für Alle‘ von E. Hofmann (1925), Hulka-Clip für die Sterilisation der Frau, Newsletter 2005/03 des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, abgerufen am 7. Juni 2015. verwendet, für die er aber wegen seiner geringen therapeutischen Breite nicht geeignet ist. Alkaloide des Mutterkorns können auch medizinisch eingesetzt werden, beispielsweise zum Blutstillen nach der Geburt, gegen orthostatische Hypotonie (niedriger Blutdruck und Schwindel nach dem Aufstehen), Migräne und Morbus Parkinson. Aus dem Pilz kann Lysergsäure gewonnen werden, aus der das Psychedelikum LSD hergestellt werden kann. Nach Hofmann und Wasson (The Road to Eleusis, 1978) war allerdings schon um 2000 v. Chr. bekannt, dass nur die natürlich vorhandenen psychoaktiven Lysergsäurealkaloide wasserlöslich waren, und damit wurden berauschende Getränke gebraut, die die unerwünschten Effekte der anderen Alkaloide umgehen.
Die Wirkungsweisen der Mutterkorn-Alkaloide im Stoffwechsel von Mensch und Tier sind hochkomplex. Die Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung unterteilt die Kontaminationen (bei Getreide in Gewichts-%, bei Mehl in µg Gesamtalkaloide/kg) in folgende Sicherheitsniveaus:Mutterkorn im Roggen?, Infothek der Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung (GMF), abgerufen am 3. Oktober 2008.
No-toxic-effect-level Für den Menschen werden bis zu 0,1 mg/kg Körpergewicht als zuträgliche tägliche Maximaldosis genannt. Das entspricht (bei 25 bis 75 kg Körpergewicht): 0,5 bis 1,5 % Mutterkorn im Getreide beziehungsweise 10 bis 30 mg Gesamtalkaloid/kg Mehl. Demgegenüber betrachtet das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits Gesamtmutterkornalkaloidmengen von deutlich unter 10 mg/kg Mehl als geeignet, Gesundheitsschäden zu verursachen.Mutterkornalkaloide in Roggenmehl (PDF; 180 kB), Stellungnahme des BfR vom 22. Januar 2004, abgerufen am 7. November 2011. No-problem-level 0,1 % beziehungsweise 2 mg/kg. Dieser Wert wird in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend übereinstimmend angegeben und ist so auch als Grenzwert in der Futtermittel-Verordnung festgelegt. No-intervention-level Orientierungs- beziehungsweise Eingriffswert, aber nicht Höchstwert. In der EU-Verordnung für den Ankauf von Interventionsgetreide wird als Qualitätskriterium ein Wert von maximal 0,05 % beziehungsweise 1 mg/kg genannt.
Aktuelle Grenzwerte in Getreide Die EU-Verordnung 2021/1399 legte verschärfte Grenzwerte für Mutterkornbesatz in Brotgetreide und Ergotalkaloide in Getreidemehl fest. Diese sollten 2024 in Kraft treten, wurden aber verschoben und werden nun teilweise ab dem 1. Juli 2025, teilweise ab dem 1. Juli 2028 gültig. Roggen: 0,5 g / kg (0,05 %) Mutterkorn; ab dem 1. Juli 2025 0,2 g / kg (0,02 %) Weizen, Dinkel, andere Getreide: 0,2 g / kg (0,02 %) Roggenmehl: 500 µg / kg Ergotalkaloide; ab dem 1. Juli 2028 250 µg / kg Mahlerzeugnisse aus Weizen, Dinkel, Gerste und Hafer: 100 µg / kg Ergotalkaloide; ab dem 1. Juli 2028 50 µg / kg Mahlerzeugnisse aus Weizen, Dinkel, Gerste und Hafer bei Vollkorn oder hohem Aschegehalt über 900 mg / 100 g: 150 µg / kg Ergotalkaloide
Für Futtergetreide gilt die Richtlinie 2002/32/EG, demzufolge sind bis zu 1 g / kg (0,1 %) Mutterkorn erlaubt.
Vorbeugung In der Landwirtschaft kann einem Mutterkornbefall vorgebeugt werden durch: Windoffene Flächen für Roggenanbau fördern den Pollenflug Anbaupausen von zwei bis drei Jahren zwischen anfälligen Kulturen Pflügen vor der Aussaat Anbau von Sorten mit geringer Mutterkornanfälligkeit Anbau von Sorten mit einer besonders hohen Pollenausschüttung Aussaatstärke erhöhen und Reihenabstände verringern Mutterkornfreies Saatgut nutzen standort- und witterungsangepasster Einsatz von Wachstumsregler und ausgewogene N-Düngung Mähen der Feldränder vor der Gräserblüte
Befall Bei nicht rechtzeitig geerntetem Roggen überwintert der mit den Getreidekörnern zu Boden gefallene Pilz, treibt im folgenden Frühjahr neue Pilzköpfe, deren Sporen durch Wind verbreitet werden und dann wieder Roggenblüten befallen.Daniel Carlo Pangerl: Antoniusfeuer. Die rätselhafte Plage. 2019, S. 53. Mutterkornbefall tritt vor allem dann auf, wenn während der Blüte des Roggens nicht genügend Pollen vorhanden sind. Feuchte Witterung in der Blütezeit führt dazu, dass der Pollen zur Befruchtung des Getreides dieses schlecht erreichen kann. Infolgedessen können Mutterkornsporen die noch offenen Roggen-Blüten besetzen. In ansteigender Reihenfolge sind jedoch Standort, Pflanzenbau und Sortenwahl einflussreicher für den Mutterkornbefall. Zuerst erkennbar ist der Befall anhand einer Honigtaubildung an den Blüten. Diese kleinen gelblichen klebrigen Tropfen werden häufig vom Landwirt übersehen. Danach entwickelt sich das eigentliche hellbraune bis schwarzviolette Mutterkorn. Beim Roggen ist es dunkelviolett, länglich und kann bis zu 6 Zentimeter lang werden. Im Inneren sind die Mutterkörner anfangs knorpelig und verhärten sich im Laufe der Zeit immer stärker.
Weizen, Dinkel oder Gerste werden als Selbstbefruchter deutlich seltener von Mutterkorn befallen. Am ehesten ist dies noch bei Hybridsorten der Fall. Durch besonders trockenes Wetter kann die Getreideblüte ebenso unterdrückt werden, dies hat in den letzten Jahren bei Trockenheit gelegentlich auch zu Mutterkorn bei Weizen geführt.
Beseitigung Da der Verzehr von ungereinigtem, rohem Getreide die größten Risiken birgt, wird empfohlen, nur gereinigtes Getreide zu verzehren. Durch die Reinigung werden die Sklerotien (Dauerorgane des Pilzes, Mutterkörner) aus dem Erntegut entfernt. Zum Risiko am Beispiel von Roggenmehl hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Jahr 2004 eine Analyse veröffentlicht.
Mutterkorn kann in der Mühle nach Form, Größe und spezifischem Gewicht z. B. durch Siebe, Aspiration, Trieure und Tischausleser entfernt werden. Seit Anfang der 2000er Jahre ist die Entfernung durch Farbsortierer technisch möglich und stellt die zuverlässigste Sortiermethode dar, besonders wenn das Mutterkorn nicht größer als die Getreidekörner oder in Bruchstücken vorhanden ist. Sie ist jedoch mit hohen Investitionskosten für die Farbauslesegeräte verbunden. Daher besitzen in der Regel nur große Mühlen eine solche Ausstattung. Zusammen mit dem Mutterkorn wird im Reinigungsabgang auch gutes Korn ausgeschieden, bei Farbsortierern befindet sich im Abgang etwa gleich viel Mutterkorn wie gutes Getreide, bei Tischauslesern etwas mehr gutes Korn als Mutterkorn.
Wortherkunft Das Wort „Mutterkorn“ ist seit dem 18. Jahrhundert bezeugt und ist eine Lehnübersetzung von lateinisch secālis māter. Die Bezeichnung bezieht sich auf die medizinische Wirkung beim Gebärvorgang.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 643.
Ältere Worterklärungen suchten die Wortherkunft in der Mythologie und postulierten einen Zusammenhang mit volkstümlichen Bezeichnungen wie „Kornmutter“ und „Roggenmutter“ für Winde, die Kornfelder zum Wogen bringen. Diese Winde sollten bewirken, dass dort „Mutterkorn“ wächst. Siehe dazu auch unter den Stichwörtern Korndämon und Mutterkorn im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.Rudolf Kobert: Zur Geschichte des Mutterkorns. In: Historische Studien aus dem Pharmakologischen Institute der Kaiserlichen Universität Dorpat. Band 1, Halle 1889, S. 6. (Digitalisat)